1888
Sonnabend, den 5. Mal
M 104
Leitung
fnlbeet
Erstes Blatt
Deutsches Reich
Kongregation erläutert ist, hat sich sogar der protestantische Führer der Iren, Parnell, anfangs mißbilligend verhalten, und sich auch später an demselben nicht betheiligt.
Den nationalen Interessen des armen geplagten, edoch stets treu katholischen Volkes kann nur >amit gedient sein, wenn bei der berechtigten Agitation für die ihnen gewaltsam vorenthaltenen Rechte alle nach dem Sittengesetz unerlaubten Mittel durchaus fern gehalten werden; und wenn vielleicht auch im ersten Augenblick das eine oder andere Mitglied der Nationalliga bei dem seinem Volke eigenen überaus feurigen Temperamente ein mißbilligendes Wort verlauten lasten sollte, so dürfen wir mit Grund annehmen, sagt das ,Schw. Bl.', daß die Mehrheit das päpstliche Dekret doch mit tiefer Achtung entgegcnnehmen und den Belehrungen der Bischöfe und Priester ein offenes Ohr leihen wird. Wenn dem zuweitgehenden Treiben einzelner politischer Führer der feste Damm des kindlichen Gehorsams der katholischen Iren entgegengesetzt wird, kann die mit moralisch erlaubten Mitteln betriebene Agitation für eine ver- fassungrmäßige Selbstständigkeit der irischen Nation nur gefördert werden und muß, unterstützt durch die unausgesetzten Bemühungen des h. Vaters bei der englischen Regierung über kurz oder lang zum Ziele führen.
Mber das „Boykotten"*) und de« „Feldzugsplan" der Irländer, ist, wie bereits mitgetheilt wurde, eine von der zuständigen Kardinals-Kongregation mit Genehmi- gung de« b. Vaters gefällte Entscheidung bekannt geworden, deren Wortlaut bis jetzt in der Ueber- setzung eines liberalen Blatte« vorliegt und folgendermaßen lautet:
Der apostolische Stuhl hat dem Volke Irlands (welche» er stets mit besonderem Wohlwollen betrachtete) bei mehreren Gelegenheiten, w:nn die Umstände es erheischten, passende Ermahnungen und Rathschläge ertheilt, wie es seine Rechte verteidigen könne ohne Nachtheil für die Gerechtigkeit oder den öffentlichen Frieden. Unser h. Vater Leo XIII. fürchtete, daß die Art von Kriegs- führung, welche unter dem irischen Volke in den Streitigkeiten zwischen Grundbesitzern und Pächtern eingesührt worden ist und gemeinhin der „Feldzug splan" genannt wird, sowie jene Art des au« denselben Streitigkeiten entstand nen sozialen Jnterdict«, de« „Boycotten»", den wahren Begriff von Gerechtigkeit und christlicher Liebe verdrehen könnten. Er befahl deßhalb der obersten Kongregation der Inquisition, die Angelegenheit ernster und sorgfältiger Prüfung zu unterziehen. In Folge besten wurde den Kardinälen dieser Kongregation die folgende Frage unterbreitet: „Ist e« in den Streitigkeiten zwischen Grundbesitzern und Pächtern in Irland statthaft, sich der Mittel, die al» der Feldzugsplan und das Boycotten bekannt sind, zu bedienen?" Rach langer und reiflicher Ueberlegung verneinten Ihre Eminenzen einstimmig diese Frage, und die Entscheidung wurde vom h. Vater am Mit:- woch, den 18. d. bestätigt. Die Gerechtigkeit dieser Entscheidung wird Jedermann leicht einleuchten, der mit Hilfe seines Verstandes erwägt, daß ein durch gemeinschaftliche Uebereinstim- mung vereinbarter Pachtzins nicht ohne
*) Das Wort boycottiren (boycotting) leitet seinen Ursprung von dem englischen Kapitän Boycott her, welcher die Güter des Grafen Erne in der irischen Grafschaft Mayo verwaltete und wegen seiner Strenge gegen die Pächter auf Befehl der irischen Landliga 1880 an jeglicher Ernte gehindert wurde; der Ausdruck ist auf die den Pächtern auch jetzt vielfach dort zu Theil werdende ähnliche Behandlung zur Anwendung gelangt.
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(7. Fortsetzung.)
„Du willst fort!" fragte Meta, und ihrer unbewußt, mußte sie in ihrem Tone ein Aufathmen kundgegeben haben, das Edgar verdroß. Er lachte kurz auf und erwiderte: „Nicht für immer, die Freude kann ich Dir leider nicht machen, wenn Dir's auch so am liebsten wäre."
„Wie darfst Du so etwas sagen!" fuhr sie auf.
„Ich weiß, was ich weiß," begann Edgar, aber der Onkel unterbrach ihn.
„Zankt nicht, Kinder," gebot er, „Ihr wißt, ich kann das nicht leiden. Reife mit Gott, mein Sohn," fügte er gütig hinzu, „bis zum 2. Oktober gebe ich Dir Urlaub, dann bist Du aber bestimmt wieder hier, beim Eiweihungsfeste meines Schlostes darfst Du mir nicht fehlen."
Edgar machte ein verdrostenes Gesicht.
„Edgar!" rief Meta erschrocken, „Du kannst nicht daran denken, dem Feste aus dem Wege gehen zu wollen!" Sie kannte den Groll des Vetters gegen Sonnenberg wie die Abneigung, die er gegen den ganzen Bau hatte, den er eitel Geldverschwen-
Berlin, 4. Mai.
• Das Befinden des Kaisers war am gestrigen Tage ein relativ günstiges zu nennen. Im Verlaufe des Tages war der hohe Patient nahezu fieberfrei, fühlte sich aber matt und angegriffen und unterließ daher aufAnrathen der Aerzte jeden Versuch körperlicher Bewegung. In den Abendstunden nahm die Temperatur wieder etwas zu und stieg auf 38,3 Grad. Husten und Auswurf schwanken zuweilen in Bezug auf Häufigkeit und Intensität, indessen ist die Athmung ungehindert. Als besonders günstiges Symptom dürfte es aufgefaßt werden, daß die Entzündung im Wundkanal, welche dieser Tage auftrat, völlig geschwunden ist. Das heute Morgen ausgegebene Bulletin lautet: Se. Maj. der Kaiser und König sind heute Morgen fieberfrei und waren zeitweise außer Bett. Die Kräfte nehmen täglich zu. Die Bulletin» werden bis Weiteres nicht mehr täglich ausgegeben.
Das junge Mädchen erinnerte sich nachmals mit tiefem Schmerze dieser Worte.
„Komm jetzt mit mir in mein Zimmer," wandte sich der gute Mann wieder an Edgar, „ich will Dir Reisegeld geben. Es ist zwar jetzt ziemlich Ebbe in meiner Kaffe, aber so viel wird wohl doch noch darin sein."
,Der Bau kostet gewiß ein heidenmäßiges Geld, Onkel?" fragte Edgar.
„Laß Dich'» nicht kümmern, es bleibt für Euch Beide doch noch genug," versetzte der alte Herr belustigt, „die meisten Zahlungen füodenBau und die innere Einrichtung werden übrigens am nächsten Sonnabend geleistet. Ich habe meinem Ban- quier bereits gesagt, er solle am Freitag so em fünfhunderttausend Mark für mich bereit halten. Gegen Abend hole ich mir das Geld ab, bestelle die Leute auf den nächsten Tag her und zahle. Ich mag keine Anweisungen geben, sondern will die Freude haben, ihnen die Scheine selbst auf den Tisch zu legen."
Er stand auf und ging nach seinem Zimmer, Edgar verabschiedete sich von seiner Kousine und war nun wieder in seiner plumpen Weise so ehrlich und herzlich, daß sie sich Vorwürfe machte,
Verletzung eines Vertrages durch den bloßen | Willen des Pächters ermäßigt werden kann, insbesondere, wenn Gerichtshöfe vorhanden sind für die Begleichung solcher Streitfragen und für die Herabsetzung ungerechter Pachtzinse innerhalb der Grenzen der Billigkeit nach Jnbetrachtnahme der Ursachen, die den Werth des Bodens verringern. Ebenso wenig kann c» als statthaft erachtet werden, daß Pächtern Pachtzinse erpreßt und in die Hände unbekannter Personen zum Nachtheil der Grundbesitzer gelegt werden. Endlich ist e» gegen die Gerechtigkeit und christliche Liebe, durch ein soziale» Interdikt diejenigen zu verfolgen, welche die Pachtzinse, die sie vereinbarten, zu zahlen gewillt find, oder Jene, welche in der Ausübung ihres Rechte» leerstehende Gehöfte miethen. E» wird demnach die Pflicht Euer Hochwürden sein, die Geistlichkeit und die Laien vorsichtig, aber wirkungsvoll zu mahnen, die Grenzen der christlichen Liebe und Gerechtigkeit in dem Bestreben, ein Hellmittel für ihre traurige Lage ausfindig zu machen, nicht zu überschreiten.
Rom, 20. April 1888.
Gezeichnet R. Kardinal Monaco.
Bekanntlich wurden die durch den Herzog von Norfolk seitens des englischen Kabinett an den Papst gestellten Ansprüche zurück gewiesen, weil Leo XIII. über die bedrängte Lage des irischen Duldervolkes und über die berechtigten Forderungen desselben durch die irischen Bischöfe, wie auch durch den noch in Irland weilenden päpstlichen Abgesandten vollständig unter- richtet ist und den Wünschen de» konservativen Kabinett gegen die nationale Partei in Irland ohne Weitere» Stellung zu nehmen, mcht nachkommen kann. ,
Soll das irische Volk aber seine Rechte auch weiter vertheidigen und darf e» hierbei auf die Unterstützung de» hl. Vater» rechnen, so müssen auch die Mittel in diesem Kampf stet» der Gerechtigkeit und dem christlichen Sitten- gesetz entsprechen. Von diesem Gesichtspunkte aus hat der Papst die Kampfeömittel einer Be- urtheilung unterziehen lassen, welche in Irland vielfach zur Anwendung gelangen und zwar find e« verschiedene irische Bischöfe gewesen, die den h. Stuhl ersucht haben, sich gegen das „Boycotting" auszusprechen. In Bezug auf den sogen. „Feldzugsplan" wie er in dem Dekrete der obersten düng nannte, und fürchtete, der.wilde, leidenschaftliche Mensch könne dem Onkel die Freude verderben und fortbleiben.
„Sei ohne Sorge," antwortete er hohnvoll, „ich werde doch bei dem Einzuge im Schlosse nicht fehlen, wo ich so eine Art von Kronprinz vorstellen soll." r
Meta schüttelte mißbilligend den Kopf, Schmitt- chen rief aber mit gutmütbigem Lachen: „Kronprinz, das ist ein ganz fluL-r Vergleich; der schöne Bau macht mir doppelt Freude durch den Gedanken, ihn auch für Dich errichtet zu haben."
„Ich glaube nicht, daß ich zum Schloßherrn tauge," entgegnete Edgar, „es käme frellich auf die Schloßfrau an."
Den Blick, den er dabei auf Meta warf, tneb dieser die heiße Röthe des Unwillens in die Wangen und sie sagte schnell: „Ich hoffe, Du sollst noch viele Jahre nicht in die Lage kommen, den Schloßherrn spielen zu müssen, wir wollen noch lange mit einander darin Hausen, lieber Onkel.
„Das wollen wir, das hoffe ich!" antwortete Schmittchen, ihr die Wangen streichelnd, , rch habe noch gar keine Lust, Bekanntschaft mit dem Unterirdischen zu machen."