103.
F«li>ller
1888
Freitag, den 4. Mai.
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O Zur Charakteristik der Kartell- preffe.*)
Das wüste Treiben des größten Theils der Aartellbrüderpreffe gelegentlich der verfloffenen Kan^erkrifi» und der Battenberg-Affaire hat die Loyalität und die so viel gepriesene monarchische und kaisertreue Gefinnung dieser „nationalen" Helden in dem eigenthümlichsten Lichte gezeigt. Bei der ersten Gelegenheit, nach dem Hinscheiden Kaiser Wilhelms die seinem Nachfolger gelobte gleiche Hingebung und Ehrfurcht durch die That zu beweisen, sind diese Politiker der Selbstsucht und de» Eigennutzes gestolpert, sie haben die Probe nicht bestanden, da» selbstgefällig prunkende Gold ihrer monarchischen Treue hat sich al» eitel Fälsch» ung erwiesen. E» widersteht uns, aus jenen unseligen Tagen, deren sich jeder echte deutsche Patriot nur mit Scham und Entrüstung erinnert, abermals Beispiele für die unerhörte Mißhandlung des Ansehens der Krone hier auszuführen. Die deßfallsigen Thatsachen find jetzt allbekannt und lafien fich nicht mehr aus der Welt leugnen. Niemals feit Gründung des deutschen Reiches find in der öffentlichen Preffe so viele versteckte Maje» stätsbeleidigungen, niemals so viele offene und versteckte Beleidigungen, ja sogar direkte Beschimpfungen der höchsten Personen de» kaiserlichen Hose» vorgekommen, wie in der Zeit, die man allgemein al» die Periode der „Kanzlerkrifis" bezeichnet hat. Einige der allerkraffesten Fälle werden strafrechtlich verfolgt, die große Masse aber bleibt, gutem Vernehmen nach auf unmittelbaren Wunsch der kaiserlichen Familie, auf sich beruhen. Hier wird bei der nächsten paffenden Gelegenheit da» Volk selbst sein Urtheil sprechen müssen, auch über jene Verächter de» kaiserlichen Ansehens, die geschickt und klug genug waren, ihre Gedanken in strafrechtlich unfaßbare Worte zu kleiden, die aber im Grunde genommen die eigentlichen Anstifter des ganzen unverantworlichen Skandals gewesen find. Unsere» Erachten» hat die unabhängige Preffe, soweit fie nicht der freifinnigen Richtung angehört, die ganze hochwichtige Angelegenheit nicht überall mit dem wünschenSwerthen Nachdruck behandelt; e» war fast, als ob man hier und dort befürchtet
*) Nachdruck nicht gestatt««.
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(6. Fortsetzung.)
Er fing auch sogleich damit an, indem er den Ratrosenanzug mit eleganter Kleidung vertauschte; freilich legte er bei seiner Auswahl einen wenig seinen Geschmack an den Tag und begünstigte das Bunte und Schreiende. @r nahm fich auch in seinen Manieren und Ausdrücken zusammen, verfiel aber nur allzuoft wieder in die feit so vielen Jahren gewohnt gewesene Art des Fühlen» und Denken«, welche fich dann auch dm paffenden Ausdruck suchte.
Schmittchen hatte viel von Sonnenberg'« Umgang und Beispiel für den Neffen gehofft und diesen dem Architekten angelegevtlichst empfohlen, der seinerseits den herzlichstm Antheil an der Freude seines ölten Freundes genommen hatte und Äigar aufmunternd entgegengekommm war. Es hatte fich indeß keinerlei Verkehr zwischen ihnen entwickeln wollen; die beiden jungm Männer stießen einander ab; anfänglich gab Sonnenberg stch um Schmittchms willen noch Mühe, ein leid- stches Einvernehmen mit dem Neffen herzustellen, Wb verzichtete er aber auch darauf ; Beide gingen sich au» dem Wege, und wo fie eine Begegnung
hätte, durch eine allzuscharfe Opposttion gegen jene» gemeingefährliche Treiben größeren Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu werden, al» die Blätter, welche sich offene Insulten gegen die Kaiserin Viftoria und indirekt auch gegen den Kaiser selbst Herausnahmen. Der Tumult scheint nun vorüber zu sein, und die Skandalmacher ergeben fich jetzt der angenehmen Beschäftigung, der Erfolge, welche fie angeblich errungen haben, fich zu rühmen und mit umgekehrtm Spieß diejenigen zu insultiren, welche wochmlang für die Wahrung des kaiser» lichen Ansehen» und der monarchischen Autorität eingetretcn find.
Die Erhebung de» jungen Grafen Herbert von Bismarck zum Range des Staatsministers ist eines der Hauptthemata, welche jetzt in der Kartellpreffe, vorzugsweise in der nationalliberalen, mit großem Behagen abgewandelt werden, und man erdreistet sich, diese Auszeichnung gewissermaßen als einen „Denkzettel" für die „Opposition" zu behandeln, welche bet der Kanzlerkrisis so nachdrücklich gegen jede Beeinträchtigung des Ansehens der Krone protestirt hat. Al» die ersten Alarm-Artikel zur Battenberg-Frage in der .Köln. Ztg.' erschienen und in der ,Nordd. Allg. 3tg? getreulich nachgedruckt wurden, war man vielfach der Meinung, daß der Sohn de» Reichskanzler», der jetzige Staatsminister Herbert Bismarck, jenen diploma- t fchen Auslegern nicht ganz fern stehe. Die schmähliche Hetze gegen das kaiserliche Haus, welche fich allmählig in minder vorsichtig auftretenden Kartellblättern aus jenen ursprünglichen Indiskretionen entwickelte, mußte natürlich jeden Gedanken an die direkte oder auch nur indirekte Mitwirkung des Reichskanzlers oder seines Sohne» bei dieser Preßkampagne zurückdrängen. Diese Eventualllät erschien geradezu absurd, al« später bestimmt versichert wurde, daß die sogen. „Kanzlerkrifi«" mitsammt der Battenberg-Affaire im Wesentlichen bereit« e r- le digt war, al« jener Allarmschuß in der .Köln. Zig.' ertönte. Ueber die eigentlichen Urheber dieses Skandals wird man wohl erst aus späteren „Memoiren" etwas Zuverläsfiges erfahren; das „offiziöse" Handlangervolk pflegt sich nach gethaner Arbeit in seine Schlupfwinkel zurückzuziehen, um stch vielleicht schon Tag» nachher ganz entgegengesetzten Zwecken dienstbar zu zeigen. Deßhalb gehört auch diese Sorte von Publizistik zwar zu der nicht vermeiden konnten, da fielen zuweilen bittere, anzügliche Worte von Edga?s Seite, währenb Sonnenberg ein frostige« Schweigen und eine abweisende Haltung bewahrte.
Nicht viel glücklicher war Schmittchen mit seinen Hoffnungen auf den Einfluß gewesen, den Meta auf den Ntffen ausüben solle.
Das junge Mädchen war durch die Ankunft des Vetter» beinahe noch ftoher überrascht worden als der Onkel, und ihm mit einer so vollen, überströmenden Herzlichkeit entgegengekommen, daß ein schärferer Beobachter als Schmittchen dadurch vielleicht auf den Gedanken gekommen wäre, der gewaltsam zurückgedrängte Strom eines heißen, innigen Gefühle» suche hier einen Ausfluß in der Zärtlichkeit für einen nahen Verwandten. Der gute Rheder war weit entfernt von einer so feinen Bemerkung. Er sah in Meta's Benehmen gegen Edgar und in der Bewunderung und leidmschaftlichen Zuneigung, welcher dieser vom ersten Tage an für seine liebe Koufine an den Tag legte, nichts als Bausteine, um ein neues Lustschloß aufzuführen, das er aber für ein recht solides, klug erdachtes Bauwerk hielt. Nun war er ganz zufrieden, daß fein Plan, aus Sonnenberg und Meta ein Paar zu machen, fich nicht verwirklicht hatte.
Wenige Tage nach Edgar'» Ankunft, in der
bestbezahlten, aber gleichzeitig auch zu der ver- achtetsten.
Inzwischen setzt ein Theil der nationalliberalen Preffe auf eigene Faust da» von den Offiziösen bereit» wieder quttttrte Geschäft fort, wie u. A. ein von fast allen Blättern dieser Partei nachgedruckter Schmähartikel der .Neuen Züricher Ztg.' gegen die Kaiserin Vcktoria beweist. Hierbei sucht diese Preffe in ihrer sprüchwörtlichen Schwindelmanier die Sache nun so darzustellen, al» ob die gesammte „Oppofitions-Preffe" vor einigen Wochen einen Sturm gegen Bismarck versucht hätte, den die „Nationalen" abzuschlagen gezwungen gewesen wären. In diesem Abwehrkampfe wird natürlich der Auszeichnung Herbert Bismarck's die Bedeutung einer Siegestrophäe beigelegt. Daß diese Darstellung die Thatsachen einfach auf den Kopf stellt, bedarf keine» Beweises. Das Thema vom Bis- marck'fchen „Hausmeierthum" kam erst auf'» Tapet, als der ganze „nationale" Chorus gegen das kaiserliche Haus austrat, um dem Bismmck'fchen Willen gegenüber den Wünschen de« Kaisers und der Kaiserin Nachdruck zu verleihen. Und selbst damals wurde insbesondere von den Organen der Een- trumspreffe fast Tag für Tag betont, daß man keineswegs gegen Bismarck kämpfe, sondern gegen diejenigen seiner Freunde, welche ihm eine Rolle aufdrängen wollten, die mit seiner oft betonten Gesinnung gegenüber seinem kaiserlichen Herrn gar nicht im Einklang stehe. Es ist demnach nur nationalliberales Zeitungsgeschwätz, wenn jetzt behauptet wird, der Kaiser habe in der von der „Oppofitions- Preffe" angeregten Kanzlerfrage für den Kanzler und gegen die Opposttion entschieden. Wenn es fich hier überhaupt um ein „für" oder „gegen" handelte, so würde schon der einfachste Menschenverstand begreifen können, gegen wen die Entscheidung ausgefallen .fei. Daß nationalliberale Blätter jetzt auch schon die Zeit für paffend halten, um ganz offen für eine erbliche Fortpflanzung der Kanzlerwürde im Hause Bismarck einzutreten, ist nur ein weiteres charakteristisches Symptom der Lage. Jndeffen könnten die Zukunftspolittker stch hierin gewalttg verrechnen. De» einen maßgebenden Faktors, des zukünftigen Kaiser», glauben fie jetzt schon sicher zu sein, immerhin eine mehr al« gewöhnliche Anmaßung und Vordringlichkeit. Der andere Faktor, das deutsche Volk, die deutschen
ersten Freude seiner Herzens, hatte Schmtttchen ein Testament gemacht, in welchem er Meta und Edgar zu gleichen Theilen zu seinen Erben etnsetzte. In seiner offenen Weise theilte er die getroffenen Verfügungen den beiden dadurch Bedachten mtt, und ließ fich dabei recht deutlich merken, er hoffe, es werde zwischen ihnen garnicht zur TheÜung kommen, sondern die zwei einzigen Kinder seiner geliebten Heimgegangenen Geschwister würden stch vereinigen. Zu seiner unangenehmen Ueberraschung mußte er gewahren, daß er durch seinen wohlgemeinten Wink seine Wünsche weit ehei: verettelt als gefördert hatte. Edgar legte von diesem Augenblicke an einen Eifer und eine Beflissenheit für seine Koufine an den Tag, wodurch diese zurückgeschreckt ward. Sie hatte an ein rein geschwisterliches Verhältniß zwischen sich und dem Vetter gedacht und sah sich nun einer Leidenschaft gegenüber, die fie beängstigte, einer Bewerbung, die fie abstieß. Je mehr Edgar es fich angelegen fein ließ, ihr zu gefallen, umsomehr zog fie stch von ihm zurück, ja noch mehr, selbst das verwandtschaftliche Gefühl, das fie für ihn gehegt hatte, schwand aus ihrem Herzen und machte dem Argwohn Platz.
Eine hingeworfene Aeußerung Sonnenberg'» hatte zuerst den Zweifel in ihr wachgerufen, ob Edgar