JW 102.
Donnerstag, den 3. Mai.
1888
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Ulrich von Hutten.
Gedenkblatt zu seinem 400jährigen Geburtstag.
(Schluß.)
Hutten gehörte mit Leib und Seele der humanistischen Richtung an; aber was er an derselben verehrte, war weniger die Rückkehr zu der heitern Formenschönhett -der Antike: er suchte in ihr den alten heidnischen Geist. In diesen widerchristlichen, heidnischen Geist hatte er sich allmählich so hineingelebt, daß er Christus mit den heidnischen Göttern auf eine Stufe stellte und in einem Athem mit diesen nannte; in einer Elegie vom Jahre 1510 klagt er den Göttern, insbeson» bete dem leidenkundigen Christus, sein Unglück, und fordert sie zur Rache (!) auf gegen einen seiner Feinde:
Alles, was bitter und feindlich ihm ist, das möge ihn treffen. Ihn mag plagen mein Fieber und meine schrecklichen Wunden, Keines der Leiden, die zahlreich mich treffen, verschone den
Schlechten.
Daß die Seele nach dem Tode fortdauere, meint Hutten in einem Trostgedicht von 1515, müssen wir zwar als Christen glauben, aber wenn sie auch zu Grunde ginge, wäre btt Tod noch kein Nebel, da er mit der Empfindung auch den Leiden ein Ende mache. Mehr kann man wirklich von einem unserer modernen Heiden nicht verlangen.
Aus Italien, wo er dem Papstthum bitterste Feindschaft geschworen, kehrte Hutten im Jahre 1514 nach Deutschland zurück und suchte seinGlück beim Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg, welcher nach dem herrschenden schmählichen Mißbrauch der Zeit in Folge seiner hohen Geburt schon mit 27 Jahren Erzbischof von Magdeburg und Administrator des BiSthums Halberstadt geworden war und mit seiner Wahl zum Erzbischof von Mainz Primas der deutschen Kirche wurde. Albrecht war ein prachtliebender Herr, hielt viel von den Humanisten, und suchte im Kleinen die Medicier zu kopiren. In ihm glaubte Hutten eine mächtige Stütze zu finden, und so besang er ihn kräftig in einem PanegyrikuS als
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(5. Fortsetzung.)
Es war überhaupt Schmittchen's Sache nicht, sich lange Zeit mL Dingen zu plagen, die zu ändern nun einmal nicht in feiner Macht stand. Er war eine harmlose, biedere Natur, offen und ehrlich, dem es trotzdem in seinem früheren Berufe nicht an der nöihigen Umsicht und Schlauheit gefehlt hatte, der es aber jetzt sich bequem machte und selbst seinen früher so unruhigen, unternehmungslustigen Geist allmählich einschlummern ließ. Er hatte es ja jetzt nicht mehr nölhig, die Augen überall ängstlich offen zu halten. Alle seine Wünsche waren Wirklichkeit geworden, selbst sein letzter, heißester der ihm jahrelang nicht aus dem Sinn gekommen und um deffetwillcn er so viel in Bewegung gefitzt, war endlich, nachdem er bereit« alle Hoffnung aufgegeben, zu seiner fteudigsten Ueberraschung in Erfüllung gegangen.
Vor zwanzig Jahren war seine Schwester, die sich an einen deutschen Kaufmann in Manchester verheirathet gehabt hatte, mit ihrem einzigen Sohne nach Südamerika gesegelt, um sich mit ihrem, ihr ein paar Jahre früher dahin voraus- begangenen Manne wieder zu vereinigen. Da»
„Zierde des Zeitalters, Schmuck der Frömmigkeit, Schutzwehr des Friedens und Vertheidiger der Wissenschaften", Alles unbeschadet seines glühenden Hasses gegen die „Tyrannen". „Diese Gattung Menschen, rieth er, müsse man benutzen und als Auguste und Mäcene loben"; überhaupt „in aller Weise und mit allen Mitteln Netze nach ihrer Gunst aurstellen, sich an sie hängen und nach dem Vorbilde der Turisten und Theologen in ihre Dienste treten." Dann nahm die edle Seele von dem Tyrannen ein Geschenk Albrechts von 200 Goldgulden an und machte auf Albrechts Kosten Reisen nach Italien, angeblich, um die Rechte zu studieren, in Wahrheit aber, um seinem Hasse „gegen das heuchlerische verworfene Geschlecht der Theologisten und Mönche" neue Nahrung zuzuführen.
In Mainz hatte Hutten Bekanntschaft mit E r a s - mus gemacht, auf den er große Stücke hielt: er wollte ihm so innig anhängen, wie Alcibiades dem Sokrates angehangen habe. Nach dem Muster des „Lobes der Narrheit" von Erasmus, eines Spottgedichtes auf die kirchliche Philosophie, die Mönchsorden, das Papstthum, verfaßte Hutten zusammen mit Crotua Rubianus die berüchtigten „Epistolae obacurorum virorum“, Briefe unberühmter Männer, wie es richtig heißen muß. Diese Briefe sollen als Gegenstück zu dem im Jahre 1514 veröffentlichten „Clarorum virorum epistolae misaae ad Reuchlinum“ („Briefe berühmter Männer an Reuchlin") gelten. Die Bezeichnung „Briefe der Dunkelmänner", im Sinne von Obskuranten oder Finsterlingen, ist demnach falsch, und unsere modernen Bildungsphilister müßten sich folgerichtig das schöne Schlagwort abgewöhnen. Der wahre Zweck dieser Briefe, welche sich fast alle auf den Reuch« lin'schen Streit mit der Kölner theologischen Fakultät beziehen, besteht nicht in der Verhöhnung der Gegner Reuchlin'S, sondern in der Anfeindung der kirchlichen Autorität; das Ziel war schon in diesen Briefen das Papstthum. lieber den in den Briefen angeschlagenen Ton hat selbst Erasmus sich mißbilligend geäußert, obwohl er mit Recht als der geistige Vater des Pamphlets bezeichnet wurde. Ihrem wesentlichen Inhalte nach sind die Briefe nur das in'S Rohe und Persönliche übertragene „Lob der Narrheit". Neben schmählichem Mißbrauch mit der heiligen Schrift finden sich die
Schiff war unterwegs gescheitert; Schmrttchen erfuhr von seinen Verwandten nie etwas Sicheres und Bestimmtes.
Sein Schwager hatte sich nach den ©einigen auf die Suche begeben und ihm geschrieben, er habe in Erfahrung gebracht, von der Schiffsmannschaft sei damals ein Knabe gerettet worden. Seitdem hatte auch der Schwager keine Nachricht mehr von sich gegeben, und es kam die Kunde, daß er am gelben Fieber gestorben sei.
Schmittchen hatte dann zu verschiedenen Zeiten den Versuch gemacht, zu erfahren, ob sein N-ffe wirklich noch am Leben sei, und nachdem er sich etzt zur Ruhe gesetzt, seine Nachforschungen noch einmal im großartigsten Maßstabe ausgenommen und in allen Zeitungen Belohnungen ausgeschrieben ür Denjenigen, der ihm über seinen Verwandten mr irgend eine Auskunft geben könne. Und da» Inerwartete war geschehen — der verschollene Neffe war ihm selbst in» Haus geschneit.
Wie der junge Mensch erzählte, war er bei >em Schiffbruch gerettet und von dem Matrosen, >er ihn mit Gefahr des eigenen Lebens an die , lüste gebracht, einem reichen brasilianischen Pflanzer ibergeben worden, der an dem damals achtjährigen »übschen Knaben ein Wohlgefallen gefunden hatte, daß er ihn unter allen Umständen zu behalten
gemeinsten Vergleiche: Christus der Herr wird mit Cadmus verglichen: Wie dieser seine Schwester Europa suchte, so sucht auch er seine Schwester, die Menschenseele. Der heilige Rock zu Trier wird als ein schäbiges altes Kleid bezeichnet; die heiligen drei Könige zu Köln sollen drei westfälische Bauern sein. Die persönlichen Angriffe und Verleumdungen find geradezu ekelhaft. Obwohl Hutten von Theologie und christlicher Wissenschaft nichts verstand, weiler in seiner Begeisterung für das alte H eidenthum nichts davon verstehen wollte, pries er doch in den Briefen die „wahre Theologie" des Erasmus, welche berufen fein soll, „die Kirche zu reformiren und die Jrrthümer zu beseitigen, die sich in dieselbe eingeschlichen". Eine Entgegnung, welche bet in den Briefen mit angegriffene Pfefferkorn dem Erzbischof Albrecht von Mainz einsandte, wurde von diesem ungelesen bei Seite geworfen, Hutten konnte sein Treiben am erzbischöflichen Hofe ungestört fortsetzen. Die am Hofe des Erzbischofs lebenden Poeten, Freigeister und Religionsspötter hielten ihre Zusammenkünfte in der „Krone" wo sie um Ablaßzettel würfelten, wie es in den „Briefen" heißt, gottlose Reden führten, und Mönche und Magister verhöhnten, welche ihr Unstern in dasselbe Gasthaus geführt hatte. Der schlimmste in der ganzen Gesellschaft war nach seiner eigenen Schilderung Hutten. Besonders auf die Mönche hatte er's abgesehen; er drohte jedem von ihnen, der in seine Hände siele, Nase und Ohren abzuschneiden, und damit wollte er nicht nur leere Drohungen ausgestoßen haben, fonbertt es entsprach ganz seiner wilden Natur, Fehde und Straßenraub zu vertheidigen. Erasmus erzählt als etwas allgemein Bekanntes, daß Hutten thatfächlich einmal zwei Predigermönchen die Ohren abschnitt. Im „Triumphe Reuch- lins", einer Dichtung voll Haß und Rachegefühl, ruft er den Henker herbei, um die Gegner Reuch- lins, besonders Pf-fferkorn, zu verstümmeln, ihnen die Zunge auszureißen, Nase und Ohren abzuschneiden, das Gebiß einzuschlagen und ihnen alle Qualen zu bereiten. Daneben war es längst Huttens Losung geworden, daß für die „heilige Sache der Freiheit" mit Gewalt eingeschritten werden müsse. Welcher Art diese Freiheit sein soll, kann nach dem Gesagten nicht mehr zweifelhaft fein. Hutten war eben, ins Moderne über»
beschloß, ihm seinen Namen beilegte und sich die größte Mühe gab, sein frühere» Leben gänzlich au» dem Gedächtniß des Findlings zu verwischen. Das war ihm denn auch so gut gelungen, daß Edgar nach ein paar Jahren, die er in Wohlleben und Ueppigkeit verbracht, jede Erinnerung an Heimath und Ellern verloren hatte.
Und nun trat ein furchtbarer Umschlag für ihn ein. Sein Beschützer starb plötzlich, ohne die geringste Vorsorge für den Pflegesohn getroffen zu haben, und die Erden, entfernte Verwandte des Verstorbenen, denen der Findling immer ein Dorn int Auge gewesen war, machten mit ihm wenig Umstände uno ftüfjen ihn aus dem Hause.
Als einzige» Erdtheil gaben sie ihm eine Kapsel mit, welche die Mutter dem Kinde wahrscheinltch vorahnend um den Hals gehängt gehabt, und worin sie den Trauschein seiner Eltern und sein Taufzeugniß verborgen hatte. Sogar nahm die Papiere und bewahrte sie auf, obgleich er ihnen wenig Werth beilegte, nannte er sich doch nicht einmal nach dem ihm nach dem Taufzeugniß zu- kommenden Namen, Sogar Wanderer, sondern nach dem Namen seines Pflegevaters, Wamelli.
Er wurde Schiffsjunge, dann Matrose, führte sechszehn Jahre lang ein wechselvolles, abenteuerliches Leben, bis ihm eines Tages in Liverpool,