101
Mtttwoch, den 2. Mai.
188t
Die , gutta er Zeitung «rjcheml rSgltch, Sonn- und Feiertage aulgenommen. Vierteljährlicher «bonnementlpreig ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Bf mit der belletristischen Wochenfeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.
Inserate: Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen erstsprechender Rabatt.
Ulrich von Hutten,
Gedenkblatt zu seinem 400jährigen Geburtstag.
(Nach der.Germania'.)
Am 21. April 1488 wurde Ulrich v. Hutten auf der Burg Steckelberg bei Schlüchtern geboren. Am 21. April d. I. waren demnach 400 Jahre seit dem Geburtstag dieses Unglücklichen vergangen, den die .National-Zeitung' „zu den stolzesten Erscheinungen des deutschen Ritterthurns" zählt. Nach einer anderen Seite hin ergänzt die ,Frks. Ztg.' den Ausspruch der,Nat.-Ztg.', indem Ke sagt: „Die Journalistik der Neuzeit in ihrem edelsten Kern, die unbestochene Zeitkritik im Dienste der Wahrheit hat in Hutten ihren ersten gewaltigen Bannerträger und Koryphäen zu verehren." Hutten ist nach der ,Frks. Zig.' „der erste große Tagesschrtststeller Deutschlands im höchsten Sinne des Wortes." Hören wir ferner aus dem protestantischen Lager zw:i Stimmen. „Die Geschichtsforschung und Literatur", sagt die .Kreuzzeitung', „hat stch gerade mit Ulrich von Hutten im weitesten Umfange beschäftigt, die Meinungen über seine Erfolge im öffentlichen Leben, über seine Stellung zu Luther sind bis in die jüngsten Tage hinein noch getheilte." Dem „disioluten Leben" der Humanisten, fährt die .Kreuzztg.' fort, stand Hutten nicht fern. „Was hot er da nicht alles bestehen muffen: Pest und Schiffbruch; Verjagung eines Lehrers, dem er dann folgt; Beraubung durch die, welche ihn eben unterstützt, eine abscheuliche Krankheit, die er sich im zwanzigsten Jahre zugezogen; die Mißachtung, in welche Mangel und ein schlechter Aufzug besonder» in der Fremde zu bringen pflegen; seine Familie that nicht, als ob er ihr angehöre; sein Vater betrachtete ihn mit einer gewiffer Ironie. Freilich an der erlittenen Unbill seines Lebens trug Hutten zumeist selbst die Schuld. Es fehlte ihm an jeder inneren Sammlung. Geduld, Ausdauer, eben so sehr an Kennt- niß der Weltverhältniffe, Seelengröße und damit immer verbundener Bescheidenheit und Selbstbescheidung. Er kam über die fahrenden Ritter und Schüler nicht hinaus, zeigte sich auch in seinen späteren Schritten wie in den Abenteuern seines Lebens als den theoretischen Vertheidiger und praktischen Anhänger des Raubritterwesens, ja er war nicht frei von grellem Vagabondenthum. — Diese Züge treten
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(4. Fortsetzung.) n.
Der Schiffsrheder Christian Schmittchen hatte sich nach einem reichbewegten, thätigen Leben und nachdem er ein außerordentlich großes Vermögen erworben, von seinen Geschäften zurückziehen können, um in aller Ruhe und Behaglichkeit seine Tage zu beschließen. @in Zufall hatte ihm ein großes Besitzthum in die Hände gespielt, das seinen Wünschen vollkommen entsprach. E« lag nur eine kleine Strecke von einer Eisenbahnstation entfernt, also ganz direkt mit Hamburg verbunden, an der Elbe, deren vielfachen Arme sich hier zu einem fast meilenbreiten, mächtigen, majestätischen Spiegel vereinigen, um ihrem Ziele, dem Meere, zuzufließen.
Der frühere Besitzer hatte leichtsinnig gewirth- schaftet, es war zum Zwangsverkauf gekommen, und da Schmittchen eine Hypothek darauf stehen hatte, war ihm nicht« übrig geblieben, als das Besitzthum im Bietungstermin zu erstehen, abgesehen davon, daß ihm deffen Lage schon lange gefallen und er sich bereite mit dem Gedanken ge- ragen hatte, sich hier einmal anzukaufen.
klar aus den L-bensschilderungen Huttens hervor: bis zur Hefe hat er das Elend des fahrenden Schülerthums auskosten müflen; er selbst schreibt das Siechthum seines Körpers später ausdrücklich den Leiden und der Ueberanstrengung jener Jahre zu." So urthetlt die,Kreuzzeitung' in ihrem Festartikel über Hutten. Sie sucht allerdings dieses enorme Defizit des Helden zu drapiren, indem sie Hutten als nationalen Heros reklamirt. Das kann uns heuzutaqe — leider — nicht mehr imponiren, denn das Wort „national" wird jetzt so häufig dann gebraucht, wenn man den Mangel an Gründen verdecken muß. Wir können der .Kreuzztg.' obendrein mit einer guten Antwort des Schriftstellers Han» Herrig im .Deutschen Tageblatt' dienen. Herr Herrig blickt „voll Verehrung" zu seinem „tapferen Berufsgenoffen" Hutten auf. will aber seiner doch nur „in Besonnenheit" und Nüchternheit gedenken. Und so sagt dann Hans Herrig: „Wir sind der Ansicht, daß sich zwischen Heine und Hutten mancherlei Vergleichungspunkte ergeben würden. Heine war gerade so weit Revolutionär, wie Hutten Reformator und gerade so weit Dichter, wie Hutten gläubiger Christ. Beide belogen weder durchaus sich selbst, noch wollten sie die anderen belügen, aber Reformation und Revolution, Dichterthum und Christen- thum war doch für beide nicht nur ein Gebot ihrer Natur, sondern auch eine Sache der Laune und Leidenschaft." Wer mit Heine so auf gleiche Stufe gstellt wird, muß auch bei unseren „Nationalen" um allen Kredit kommen.
Das ist denn auch der Fall, Hutten ist eine durchaus künstliche Größe, die man dazu aufbauschte, weil er gegen die katholische Kirche sich empört hat und in der Empörung sich vorgedrängt hat. Und da treffen sich denn die Freigeister wie die positiven Christen des Protestantismus, sie beide feiern Hutten, obwohl er als Mensch wie al» Christ, Schriftsteller und Staatsbürger nur sehr negative Leistungen aufzuweisen hat, die feiten» der objektiven Kritik mit aller Schärfe abgelehnt werden müflen.
Das Material hierm ist in der Geschichte de» deutschen Volke» von Johannes Janssen mit aller nur wünschenswerthen Reichhaltigkeit und Präzision gegeben, und wir können nicht umhin, den Hymnen, die in den letzten Tagen über Ulrich
Die Gebäude befanden sich, als Schmittchen das Gut übernahm, freilich in einem schrecklichen Zustande, aber da gab e» ja gerade für den noch immer unternehmungslustigen Mann zu schaffen und zu thun, und kaum war er von Hamburg nach seinem jetzigen Wohnort gezogen, so ließ er einen tüchtigen Architekten kommen, um ein ganz neues Schloß in gothischem Stile aufzubauen. Bis zu dessen Fertigstellung mußte er sich begnügen, im alten Herrschaftshause Wohnung zu nehmen, freilich waren auch hier erst eine Menge Bauten noth- wendig geworden, um für ihn, seine Nichte, den Architekten und etwa einsprechende Gäste nur ein einigermaßen behagliches Unterkommen zu schaffen.
Schmittchen war mit der Wahl seines Architekten außerordentlich zufrieden. Der junge Sonnenberg zeigte stch auf seinem Gebiete sehr fähig und umsichtig und das neue Gebäude fand mit jedem Tage mehr den Beifall seines Besitzers, je mehr es sich seiner Vollendung näherte; der junge Mann war auch zugleich ein angenehmer Gesellschafter, dessen frischer Humor und glückliche Laune das besondere Wohlgefallen des alten Rheder« erregte, der stch an den Verkehr mit seinem Architekten so gewöhnt hatte, daß er gar nicht an die Zeit denken mochte, wo derselbe seine Thätigkeit hier beendet haben und dann seinen Abschied nehmen würde,
von Hutten angestimmt wurden, den geschicht, licheu Thatbestand entgegenzusetzen.
Ulrich von Hutten war Sprößling eines verarmten fränkischen RitttergeschlechtS. Er wurde im Jahre 1488 auf dem Schloße Steckelberg geboren und in seinem elften Jahre von den Eltern der Klosterschule zu Fulda zur Erziehung übergeben. Nach dem Willen des Vaters sollte er sich dem geistlichen Stande widmen. Aber er entwich, auf Veranlassung des Status Rubianus im Jahre 1504 oder 1505 heimlich, unbekümmert um die ©einigen aus Fulda und trieb sich von dieser Zeit an als Student und fahrender Literat, ost in kläglichstem Aufzuge und äußerster Dürstigkeit, lange Jahre an den Universitäten im Norden und Süden Deutschlands, auch in Italien umher. Durch liederlichen Lebenswandel zog er sich feit dem Jahre 1508 die „französische Krankheit" (Lustseuche) zu, wurde mit schmerzhaften Geschwüren und Verhärtungen behaftet und oft in einen so grüß- licheu Zustanv versetzt, daß ihm einmal ein Freund geradezu den Rath ertheilte, sich das Leben zu nehmen, wie selbst die Lobsinger Hutten's berichten. Dem Wesen Hutten's fehlte alle Zucht, jeder innere Halt; sogar seine Freunde hatten Furcht vor der Reizbarkeit und dem wilden Feuer, das in dem kleinen, schmächtigen, unscheinbaren Manne loderte: „schon das leiseste Wort", schrieb Mutian, „konnte ihn erbittern." Seine glänzende Begabung, seine humanistische Bildung erfüllte ihn mit einem solch krankhaften Selbstgefühl, daß er sich als Träger einer neuen Zeitbewegung ansah und all sein Thun und Treiben stets unter dem Gestchtspunkte weltgeschichtlicher Bedeutung auffaßte. Seine ganze Bedeutung aber bestand im Zerstören. Was dem schrankenlosen, nebel- haften Freiheitsphantom, welches er sich gebildet hatte, entgegenstand, suchte er aus allen Kräften als Despotie und Geistesdruck zu vernichten; in der Behandlung der Widersacher schienen ihm alle Mittel, Entstellung des ThatbestandeS, gemeine Lüge und Verleumdung erlaubt. Irgend eine großartige Idee hat ihn nie bewegt. (Schluß f.)
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Mai.
• Das heutige Bulletin über das Befinden de«
ja er hatte sich im Stillen ein Plänchen zurecht gemacht, ihn für immer an sich zu fesseln.
Schmittchen, der unverheirathet geblieben war, hatte feine Nichte Meta schon als Kind in fein Haus genommen, da deren Vater, sein Bruder, welcher Arzt in Hamburg gewesen, früh gestorben war. Der Rheder liebte das junge Mädchen zärtlich; es wollte ihn bedünken, daß die Nichte dem hübschen Sonnenberg, mit dem sie viele Monate hindurch fast täglich die Mahlzeiten getheilt und gemeinschaftlich die Feierstunden verlebt hatte, nicht eben gram wäre. Der Gedanke war Hm gekommen, aus den beiden jungen Leuten ein Paar zu machen, er mußte jedoch dir Wahrheit des französischen Sprichwortes „L’homme propose, Dieu dispose“ in diesem Falle erfahren.
Nicht weit von Hellburg lag das stattliche Landhaus de» eh maligen Großhändlers Widmann, Buchenberg, noch häufiger aber die „Schmalzburg" genannt, weil das sehr bedeutende Vermögen des Besitzers zum größten Theile durch den Import von amerikanischem Schweineschmalz erworben sein sollte.
Widmann hatte in schon vorgerückten Jahren sich mit einer jungen Frau verheirathet; die von chm innig geliebte Frau war nach einjähriger Ehe bei der Geburt einer kleinen Tochter gestorben und ihr Gatte hatte ihren Verlust nicht zu