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Dienstag, den 1. Mai.

1888

Die,Fuldaer Zeitung erscheint rSgiich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Bisrtsljiihrlicher Lbonnementiprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Stern« und Blumen^ in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Deutsches Reich.

Berlin, 30. April.

* lieber das Befinden des Kaisers sind gestern und heute folgende Bulletins ausgegeben worden: Se. Majestät der Kaiser und König sind heute (Sonntag) Morgen fieberfrei, nachdem schon Sonnabend Abend das Fieber merklich gesunken war. Schlaf und Allgemeinbefinden waren ziem­lich befriedigend. Morell Mackenzie. Wagner. Krause. T. Mark Hooell. Leyden. Senator. Das heutige Bulletin lautet: Se. Majestät der Kaiser und König hatten eine ruhige Nacht und sind nahezu fieberfrei. Das Allgemeinbefinden ist unverändert. Mackenzie. Wagner. Krause. Hooell. Leyden. Bardeleben. Im Laufe des gestrigen Tages war, wie andererseits berichtet wird, das Allgemeinbefinden leidlich. Der Kaiser nahm Vor­träge entgegen, empfing einige Besuche und be­schäftigte sich mit leichter Lektüre. Die Temperatur war heute wie gestern Abend wenig unter der nor­malen. Husten und Auswurf haben beträchtlich nachgelasien. In verflosiener Nacht konnte derKai- ser 6 Stunden ununterbrochen schlafen. Im All­gemeinen macht, wie der .Nationalzeitung' berich­tet wird, die Hebung der Körperkräfte nur sehr langsame Fortschritte. Der Kaiser fühlt sich noch immer matt und angegriffen, was bei dem nun schon 14 Tage dauernden Fieber und der langen Bettruhe natürlich ist. Die Ernährung erfolgt fort­gesetzt mit sorgfältiger Auswahl und in reichlich genügenden Mengen, indessen klagt der Kaiser, daß er die Speisen ohne Appetit genieße und bei der Nahrungsaufnahme keinen Geschmack habe. Gestern und vorgestern hat der Kaiser das Bett nicht oer- taff en und wird auf dringenden Wunsch der Aerzte vorläufig auch noch nicht aufstehen, um die mit einem Wechsel des Lagers immer verbundenen kör­perlichen Anstrengungen zu vermeiden. Heute Mit­tag war der Kaiser außerhalb des Bettes und er­

schien am Fenster eines nach dem Park hinaus gehenden Zimmers. Die Übersiedelung des hohen Kranken dürfte, sobald die Witterung und das Be­finden es gestatten, nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam, nicht nach Wiesbaden, erfolgen. — Wie in ärztlichen Kreisen verlautet, hat Professor Dr. v. Bergmann gebeten, von der Theilnahme an der Behandlung des Kaisers enthoben zu werden. An seine Stelle ist, wie auch aus dem obigen Bulletin schon ersichtlich, der geheime Ober-Medizinatrath und Generalarzt Professor Dr. Bardeleben getreten.

* Gut unterrichtete Personen wollen wissen, bei der Konferenz des Reichskanzlers mit der Königin Viktoria habe die endgiltige Regelung der braun­schweigischen Thronfolge eine bedeutende Rolle gespielt. So melden die ,Post' und die .Allgem. Zeitung'. Wahrscheinlich sind vermögensrechtliche Fragen gemeint.

* Die für den 24. Mai geplant gewesene Hoch­zeit des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene ist auf unbestimmte Zeit rerschoben werden.

* Das Abgeordnetenhaus nahm heute die Vorlage betreffend die Regulirung der Weichsel und Nogat unter Ablehnung der Anträge auf Koupirung der Nogat an, zugleich aber eine vom Abg. Stengel eingebrachte Resolution, mittelst welcher die Regierung ausgefordert wurde, auf Grund der während des diesjährigen Hochwassers gemachten Erfahrungen von Neuem Ermittelungen darüber anzustellen, ob durch die Schließung und Kanalisirung bezw. durch eine entsprechende Regu­lirung der Nogat mit Aussicht auf Erfolg und mit möglichster Berücksichtigung aller damit zu­sammenhängenden Jntercffen der Wiederkehr von Ueberschwemmungs gefahren für die durch die Hoch- rooffer der Weichsel und Nogat bedrohten Gebiete vorgebeugt werden kann und darüber dem Land­tage thunlichst in seiner nächsten Session eine Vor­lage zu machen. Schließlich wurde die Verlegung des rheinischen Güterbahnhofs zu Aachen nach der Regierungsvorlage bewilligt. Morgen: dritte Be- rathung der Weickselvorlage, Kreis- und Provinz- Ordnung für Schleswig-Holstein.

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberathung des Antrags betr. das Verbot der Anwendung von Surrogaten bei der Bier bereitung wird morgen folgenden Antrag

beratijen: In Erwägung, daß nach Mittheilung des Herrn Regierungskornrniffars eine reichsgesetz­liche Regelung der Herstellung und des Vertriebes des Bieres in Vorbereitung ist, die königl. Staats­regierung aufzufordern: Im Bunvesrathe dahin zu wirken, daß eine baldige reichsgesetzliche Rege­lung dieser Frage herbergeführt werde.

* Der Kr. Pozn. enthält einen langem „N a ch der Audienz beim h. Vater" überschriebenen Artikel, worin ausgesührt wird, daß die Polen mit dem Resultat der Audienz zufrieden sein können. Der h. Vater habe die volle Berechtig­ung der einzelnen Nationalitäten anerkannt, an ihrer nationalen Eigenthümlichkeit, an den alther­gebrachten Sitten und Gebräuchen festzuhalten, womit alle böswilligen Erfindungen, der bl. Vater beabsichtige, die polnischen Katholiken an Rußland preiszugeben, hinfällig würden. Die Pilgerfahrt nach Rom, wenn auch nur aus Galizien und der Bukowina ausgehend, fei als ein Akt der polnischen Nationalität als solcher zu betrachten, und trage deshalb eine höhere Bedeutung, als man bisher vielfach angenommen habe. Zum Schluß ermahnt der Kur. Pozn. das polnische Volk, in Zukunft nicht so leicht Gerüchten, die durch nichts verbürgt sind, Glauben zu schenken.

* In Erfurt ist General-Lieutenant z. D., Frhr. v. d. Becke, gestorben. Geboren am 6. August 1817 zu Hgus Cotten in Westfalen, machte er 1853—54 den russisch-türkischen Feldzug mit, wurde 1855 türkischer Oberst-Lieutenant und wohnte in dieser Eigenschaft dem Feldzuge in der Krim im Stabe Omer Pascha's bei, u. a. an der Belagerung von Sebastopol theilnehmend. Am 7. Juli 1855 als Premier-Lieutenant in der preußischen Artillerie angestellt, machte er 1864 den Feldzug gegen Dänemark, 1866 jenen gegen Oesterreich und 1870 den Krieg gegen Frankreich mit. Arn 18. Januar 1872 wurde er General­major, und im Oktober desselben Jahres erhielt er das Commando der 10. Artillerie-Brigade. Später zum General-Lieutenant befördert, war er zuletzt Inspekteur der 3. Feld-Artillerie-Jnspektion und wurde 1881 zur Disposition gestellt, worauf er in Erfurt seinen Wohnsitz nahm.

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(3. Fortsetzung.)

Der Notar ergriff eine auf dem Tische liegende Feder, machte die gewünschte Abänderung in dem Kontrakte und wollte weiter lesen, er sollte aber nicht mehr zu Worte kommen. Geräuschlos hatte sich die Thür geöffnet, ein Herr in guter bürger­licher Kleidung, die aber doch von den gewählten Anzügen der versammelten Herren bedeutend ab­stach, war eingetreten, hatte den Vorgängen schon eine kurze Zeit beigewohnt und bahnte sich nun einen Weg bis an den Tisch. Den Arm des Notars leise berührend sagte er:

„Erlauben Sie einen Augenblick, mein Herr, ich glaube, eine weitere Verlesung dieses Schrift­stückes wird durch das, was ich mitzutheilen habe, überflüssig gemacht."

„Mein Herr, was berechtigt Sie, hier einzu­dringen?" fragte Herr Widmann unwillig.

„Meine Amtspflicht; ich bitte wegen der Störung um Verzeihung," sagte der Herr, der vielen der Anwesenden nicht unbekannt war, „ich bin der Untersuchungsrichter Schwendler."

„In der verwichenen Nacht ist nicht weit von hier ein feiger, schändlicher Mord begangen wor­den."

„Ein Mord!" tönte es voll Entsetzen von ver­schiedenen Seiten, „an wem?"

„Ein Raubmord," fügte der Untersuchungs­richter hinzu, „und der Mörder befindet stch in_ diesem Hause, ich habe einen Verhaftungsbefehl gegen ihn."

Ein namenloser Schrecken lähmte in diesem Augenblick jede Zunge, Einer musterte den Andern, um von seinem Gesichte das Schuldbewußtsein ab­zulesen, und inmitten des allgemeinen tiefen Schweigens schritt der Beamte auf den Architekten zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

„Georg Sonnenberg, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes."

Ein lauter, markerschütternder Schrei ertönte gleichzeitig von zwei weiblichen Lippen, aber wie verschieden klang er doch!

Mit allen Zeichen des Abscheues wich Ada von ihrem Verlobten zurück, Bertha dagegen klam­merte sich an den Bruder, als wolle sie ihn mit ihrem Leibe gegen die ihm drohende Gefahr decken.

Georg Sonnenthal gewahrte dieses verschiedene Benehmen seiner Braut und seiner Schwester sehr wohl, er schien aber für den Augenblick von der Wucht des auf ihn niedergefallenen Schlages der­gestalt zerschmettert, daß er keine Empfindung für Nebenumstände hatte. Sein heute schon ungewöhn­

lich bleiches Gesicht hatte sich mit einer Leichen­farbe überzogen; die Augen traten ihm weit aus dem Kopfe heraus, große Tropfen kalten Schweißes perlten auf feiner Stirne, die Zähne schlugen klappernd aneinander.

„Es ist nicht möglich, Sie können mich nicht für Herrn Schmittchens Mörder halten!" stammelte er mühsam.

„Schmittchen! Großer Gott, Herr Schmittchen ist ermordet l" rief Ada. „Wann? Wußte hier Niemand darum?"

„Niemand als Herr Georg Sonnenberg," nahm der Beamte wieder das Wort, „der durch fein eigenes Geständniß, für das ich sämmtliche An­wesende zu Zeugen nehme, die gegen ihn vorliegenden, ohnehin sehr starken Verdachtsgründe bestätigt hat."

„Sie befinden sich in einem furchtbaren Jrrthum," flehte Georg mit aufgehobenen Händen, „ich war heute Morgen frühzeitig in Hamburg —"

„Das wiffen wir," unterbrach ihn der Beamte, „Sie fetzten dort 300000 Mark Kassenscheine in tonfolibirte Anleihe um."

„Ich leugne das nicht, aber —"

„Die Scheine sind dieselben, welche Herr Schmitt­chen vor etlichen Tagen von feinem San guter erhalten hat, der Letztere hat sie erkannt."

„Bertha, Bettha, merkst Du nun, wo er das