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Montag, den 30. April.
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Deutsches Reich.
Berlin, 28. April.
* Der Kaiser fühlt sich heute durch wenig unterbrochenen Schlaf gestärkt. Die Körperkräfte nehmen in Folge des Fieberabfalles, welcher übrigens ohne nennenswerihe Verwendung fieberwidri« ger Mittel erfolgt, auch für den hohen Patienten wahrnehmbar zu. Der Appetit zeigt ein erfreuliches Ansteigen. Der Zustand langsam fortschrei« tender Besserung gestattet die vorsichtige Wiederaufnahme geistiger Beschäftigung, lieber die Abnahme des Fiebers werden noch folgende Einzelheiten mit- getheilt: Das Fieber, das gestern Abend 38,9 Grad betrug, ist in der Nacht nicht weiter gestiegen, die Temperatur fank vielmehr gegen Morgen unter die Norm und betrug um 4 Uhr Morgens 37,3 Grad. Heute Vormittag um 9 Uhr, als die Aerzte zur Konsultation zusammentraten, zeigte die Temperatur 37,6 Grad. d. h. ein Zehntelgrad weniger als gestern Vormittag. Das Fieber war in den Morgenstunden nahezu geschwunden. Bedenken erregt nur noch die des Abends eintretende regelmäßige Steigerung des Fiebers auf 39 Grad, doch hoffen die Aerzte, daß auch die abendliche Steigerung allmählich Nachlassen wird. Zur Schonung der'noch immer sehr angegriffenen Kräfte haben die Aerzte dringend empfohlen, vaß der Kaiser noch einige Zeit vollkommene Bettruhe innehalte. Nur Mittags, wenn das Befinden eS gestattet, darf der hohe Patient auf eine Stunde das Bett mit dem Sopha vertauschen, doch wird gewünscht, daß der Kaiser fich hierbei nicht aufrichte ober im Zimmer umhergehe, sondern erläßt fich aus dem Bett nach dem Sopha und wieder zurücktragen. Durch das hohe Fieder der vergangenen Woche und die lange Bettruhe ist der Kaiser sehr abgemagert, in- dessen hoffen die Aerzte, daß, Dank der fich bewährenden Ernährungsweise, die Kräfte sich wieder heben und auch der Körper wieder zunehmen wird. — Wie die .Post' meldet, werde der Kaiser ver- muthlich in nächster Zeit nach Lüiesbaden übersiedeln. Die zunehmende Besserung in dem Zustande des Kaisers lassen tie Aerzte hoffen, daß die Uebersiedelung bereits Anfangs Mai, etwa am 5., stattfinden kann.
* Der Kaiser hatte gestern Nachmittag eine etwa einstündige Konferenz mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck. — Der Großherzog und die
Der Neffe.
Kriminalroman von F. A.
(2. Fortsetzung.)
„Meine Hebe Ada", sagte er mit etwas unsicherer Stimme, „es ist mir noch eine besondere Ueberraschung zu Theil geworden, mein Vater und Schwester find ganz unvermuthet angelangt."
„Wo? Wo find sie?" rief Ada lebhaft und ließ die Augen forschend im Saale Herumschweifen. Im nächsten Augenblicke ging mit ihren Zügen eine merkwürdige Veränderung vor. Die Wange, welche sich in der Erregung gerölhet hatte, ward bleich, der Mund preßte fich fast zusammen, zwischen den schöngezeichneten Augenbrauen bildete fich eine Falte, die Nasenflügel zuckten. Sie hatte den alten Bauer und dessen Tochter erblickt, welche Georg herbeigeholt hatte.
Der junge Mann bemerkte er nur zu wohl, mit welchem Widerstreben seine Braut ihre kleine feingeformte Hand in die harte schwielige Hand seines Vaters legte, und ein tiefer Seufzer hob feine Brust. Etwas herzlicher war die Begrüßung .wischen Ada und Bertha, die Erstere umarmte !as hocherröthende Mädchen leicht und drückte ".iten Kuß auf ihre Stirn. Inzwischen trat der
Großherzogin von Baden werden, soweit vorläufig bestimmt ist, am Montag Abend Berlin rote Der verlassen, um nach Karlsruhe zurückzukehren.
* Bei Gelegenheit des Leichenbegängnisses Kaiser Wilhelms wurden, nachdem der Kondukt die Straße Unter den Linden passirt hatte, die Trauerdekorationen vom Publikum geplündert. Jeder wollte ein Andenken mit nach Hause nehmen. Man begnügte fich nicht mit den Reisern der Guirlanden, sondern riß auch Stücke aus dem schwarzen Tuch, mit dem die Flaggenstangen rc. umhüllt waren. Verschiedene Personen wurden dabei angehalten und ihre Namen behusS strafrechtlicher Verfolgung festgestellt. Von einer solchen hat indeß nunmehr der Magistrat von Berlin Abstand zu nehmen beschlossen in der Erwägung, daß die Leute sich der Strafbarkeit ihrer Handlungsweise nicht bewußt waren.
* Das Abgeordnetenhaus wird voraussichtlich bis Ende dieser Woche alles ihm noch vorliegende Material aufgearbeitet haben, sodaß alsdann eine Vertagung bis zum 14. Mai stattfinden kann. Am 14. Mai wird voraussichtlich nur eine einzige Sitzung behufs Annahme des Volksschul- lastengesetzes und der darin enthaltenen Verfassungsänderungen in zweiter Abstimmung stattfinden. Wenn alsdann das Herrenhaus das Volksschullasten- gesetz und die Verfassungsänderungen in zwei Abstimmungen mit einem Zwischenraum von 21 Tagen gut geheißen haben wird, so kann der Schluß der Landtagssesston etwa gegen Mitte Juni statt finden.
* Carl Schurz, der ehemalige amerikanische Minister de- Innern, ist heute in Berlin eingetroffen.
* Der deutsche Verein gegen b^n Mißbrauch geistiger Getränke tritt am 13. und 14. (September in Gotha zusammen. Auf der Tagesordnung stehen: 1) Verhältniß des Schnapses zur Volksernährung, 2) Antheil der höheren Stände an dem Mißbrauche geistiger Getränke und dessen Bekämpfung, 3) die richtige Art der Unternehmung von Volks-Kaffeehäusern.
Ausland.
* Die Parlamente zu Wien und Pest haben gleichzeitig die Wehrgesetz-Novelle angenommen. Dieselbe betrifft die ausnahmsweise Beiziehung von Reservemännern und Ersatzreservisten zur activen Dienstleistung im Frieden.
alte Bauer zu Herrn Widmann und erklärte diesem in seiner derben Weise, doch nicht unschicklich, er sei gekommen, um persönlich die 300 000 Mark Heirathsgut für feinen Sohn zu bringen, von deren Vorhandensein er seine Einwilligung zur Verlobung des jungen Paares abhängig gemacht habe. „Es ist ein großer Posten Geld," fügte er hinzu, „der Junge hat schon viel gekostet und ich habe außer ihm noch zwei Kinder, aber Sie haben Recht; ich sehe jetzt wie's Ihre Tochter gewohnt ist, da darf man nicht mit der leeren Hand an- fangen."
„Ihr Sohn hat mich schon vor einer Woche davon in Kenntniß gesetzt, daß Sie ihm das Geld bewilligt hätten, Herr Sonnenberg, ich hätte sonst die Einladungen zur Verlobung nicht ergehen lassen; er sagte aber nichts davon, daß wir das Vergnügen haben würden, Sie hier zu sehen," antwortete Widmann mit einer Miene, welche wenig von diesem Vergnügen ausdrückte.
„Ha, ha, davon wußte er auch selbst nichts," lachte der Bauer; aber wie konnte er vor einer Woche sagen, ich wollte ihm das Geld geben? Ohne Bertha'» Quälen —"
„Verzeihen Sie," unterbrach ihn Widmann, dem es sehr peinlich war, zu sehen, wie sämmt-
* Der Züricher „Sozialdemokrat" rott'" weder nach Belgien noch nach Italien verlegt. Der neue Leiter desselben, Conzett, erklärt, da» Blatt solle vorläufig weiter in der Schweiz erscheinen, schweizerische Schriftsteller seien als Mitarbeiter gewonnen worden.
* In Kopenhagen wird im Mai eine große nordische Kunst- und Industrieausstellung eröffnet.
* Paris, 28. April. Das Propaganda- Diner, das Herr Boulanger gestern Abend gab, hat einige Ruhestörungen hervorgerufen. Daß dieselben in mäßigen Grenzen blieben, dafür hatte die Polizei gesorgt. Es kamen etwa 40 Verhaftungen vor. Die verhafteten Personen wurden indeß später wieder freigelassen. Eine Interpellation in der Kammer ist wegen dieser Verhaftungen in Aussicht gestellt. Deroulede soll in der Katzbalgerei nvt der Polizei Hemd und Kleider zerrissen worden fein, auch die Deputirten Sustni und Herisse beschweren sich darüber verhauen worden zu fein. Der Ministerrath hat beschlossen, die sofortige Discuffion der Interpellation über die Verhaftung boulanglstischer SDeputirter zu verlangen.
* Den Russen wird ordentlich auf die Finger gesehen. Die geringste Truppenbewegung auf russischem Gebiet wird in der mchtrusfischen Presse ausgerufen unb bie russische offiziöse Presse hat reblich zu thun, Rußlanb von bem Verbucht kriegerischer Absichten weiß zu waschen. Der ,Norb' in Brüssel, der von der russischen Regierung unterhalten wird, bementirt neuerdings wieder alle Nachrichten über russische Truppen-Verschiebun- gen unb erklärt, Rußlanb wünsche ben Frieden und werde denselben wahren. Gleichzeitig legt das Blatt Verwahrung dagegen ein, daß die Unruhen in Rumänien von Rußlanb angestiftet seien. In Rußlanb selbst glaubt man indessen boch daran, daß die Agenten des russischen Vertreters in Rumänien Hitrowo an den Bauernrevolten bie Schuld tragen.
* Die Königin Sictoria von England ist in Windsor eingetroffen.
Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 30. April.
• Wie wir von gut informirter Seite vernehmen, liche Anwesende einen Kreis um ihn, das Brautpaar und die seltsamen Verwandten des Bräutigams gebildet hatten und dem Auftritt mit neugierigen unb ergötzten Blicken zuschauten. „Ich habe meine Frennbe unb Verwandte eingeladen, um zwölf Uhr am heutigen Tage der Verlobung meiner Tochter beizuwohnen, und darf nicht länger warten lassen. Ich hoffe, die Herren find versammelt."
„Herr Schmittchen fehlt noch," sagte Aba halblaut, nachdem sie mit einem schnellen Blicke bie Anwesenden überflogen hatte, und schaute fragend zu dem jungen Sonnenberg auf. Dieser, dessen Aussehen ohnehin eine eigenthümliche Verstörung zeigte, schien durch die einfache Frage ganz außer Fassung gebracht zu werden. Er fuhr sich mit dem Taschentuchs über die feuchtkalte Stirn und brachte nur mit Anstrengung den Bescheid hervor: „Herr Schmittchen fühlte sich gestern nicht ganz wohl, ich glaube, wir dürfen nicht auf ihn warten."
„Sollte das Einweihungsfest ins Wasser fallen?" flüsterten einige junge Herren, die zunächst standen und Sonnenberg'« Erklärung gehört hatten. Schnell verstummten sie aber, denn nun geschah Dasjenige, worauf man schon lange mit Spannung gewartet hatte: Widmann, der Sonderling, der fich seit acht-