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M 98.

Sonnabend, den 28. April.

1888

- 1 50 *

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Deutsches Reich.

Berlin, 27. April

- » Das Befinden des Kaisers hat sich gestern im Vormittags so weit gebessert, daß

er auf etwa eine Stunde dos Bett verlasfin konnte. Nachmittags empfing der Kaiser verschiedene Be­suche, auch den Abschiedsbesuch der Königin von England. In Folge dessen fühlte sich der Kaiser sehr erregt. Das Fieber stieg wieder und erreichte um 7 Uhr Abends beinahe 39 Grad. Die Gon* sultationen der Aerzte finden j-tzt des Abends schon um 7 Uhr statt. Der .Reichsanzeiger' ver­öffentlicht heute folgendes Bulletin: Cvarlotten* bürg, 27. April 1888, Vormittags 9 Uhr. Se. Majestät der Kaiser fühlt sich nach gutem Schlaf recht gestärkt. Das Fieber ist in den Morgen­stunden fast verschwunden. Abend» steigt es noch mäßig an. Das Allgemeinbefinden macht langsam Fortschritte. Morell Mackenzie. Wegner. Krause. T. Mark Hovell. Leyden. Senator.

* Die Königin von England ist gestern Abend mit der Piinzessin Beatrice und dem Prinzen Heinrich von Battenberg von Charlotten* bürg abgereist. Die Kaiserin, der Kronprinz und die Kronprinzessin, sowie die übrigen anwesenden Mitglieder der Königshauses gaben ihr das Ge* leit zum Bahnhof, wo der Abschied ein überaus herzlicher war. Die Königin Viktoria hat sich Wiederholt sehr befriedigt über ihren Berliner Aufenthalt ausgesprochen.

* Der Kaiser beabsichtigte, den Reichskanzler Fürsten Bismarck zum Herzog und besten Söhne zu Prinzen zu ernennen. Bismarck bat aber, mit Rücksicht auf seine materielle Verhältmste auf diese Ehre verzichten zu dürfen. Der Kaiser hat die Gründe Bismarcks gebilligt.

* Das Abgeordetenhaus war laut Bericht der ,Germ.' heute nicht beschlußfähig, und es mußte deshalb die S'tzunq abgebrochen werden. Zunächst

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

(1. Fortsetzung.)

Sie schaute mit munteren klugen Augen halb neugierig, halb schüchtern um sich und redete leise und begütigend auf den alten Bauern ein, der in einer sehr unwirrschen Laune zu sein schien.

„Ich habe Dir'» ja gesagt, wie e» un« hier gehen wird," brummte er, „sieh' nur, wie un« die hochnäsige Gesellschaft anstarrt, al« ob wir Wun- derthiere wären."

„Es weiß ja Niemand, daß wir die nächsten Verwandten des Bräutigam« sind," begütigte das junge Mädchen. t

„Der unverschämte Bediente, dem ich sagte, daß ich sein Vater sei, wollt'« ja nicht einmal glauben Und ließ uns bei einem Haare wie die Bettelleute draußen stehen," schalt der Alle immer noch sehr übellaunig. , „

„Warte nur, bi« Georg kommt," tröstete die Tochter und führte den Vater in eine Ecke des Saale«, wo ste sich niederließen. „Der Diener sagte ja, er müff- jeden Augenblick hier fein."

„Wird auch keine große Freude haben, un« zu

genehmigte das Haus in drittter Lesung den An­trag Kropatschcck-Schenckendoiff auf Gleichstellung der Lehrer an den öffentlichen nichtstaatlichen höheren Lehranstalten mit den Lehrern an staat­lichen Anstalten. Abg. Jmwalle recapitulirte kurz die Gründe, welche das Centrum zu der ablehnenden Haltung diesem Gesttzentwurfe gegenüber bestimmen. Die Gleichstellung halte es zwar für erstrebens- werth, nicht aber auf dem vorgeschlagenen Wege eines zwangsweisen Eingriffs in die Autonomie der Communen. Außerdem schaffe man damit ein bedenkliche« Präcedenz betreff« ähnlicher Forder­ungen anderer communaler Beamten, und endlich dürfe man Communalbeamten keine staatlichen Zuschüsse gewähren, so lange nicht die berechtigten Forderungen der unmittelbaren Staatsbeamten befriedigt seien. Indem das Centrum bei diesen Gründen für seine ablehnende Haltung in seltener Uebereinstimmung mit dem von den Vertretern der Regierung eingenommenen Standpunkte sich befindet, bleibt die Ausficht für das Zustande­kommen des Gesetze« eine sehr geringe. Dieser Auf* faffung gaben auch in Verth-idigung deffelben die Abgg. v. Schenckendorff, Dr. Ncklorp und Dr. Kropatscheck Ausdruck, indem sie von der An­nahme ihres Antrages auch nicht mehr als eine erneute Anregung für die Staatsregierung sich versprachen. Den Rest der Tagesordnung bildete, eine große Anzahl von Petitionen, die jedoch nur zum geringsten Theile allgemeines Jntereffe beanfvruchen. Auch im Hause zeigte sich im Laufe der Verhandlungen so geringes Jntereffe für diese Verhandlung-gegenstände, daß gelegent­lich einer Abstimmung über eine Petition auf Wildschaden-Ersatz, die einen Hammelsprung noth- wmdig machte, die Beschlußunfähigkeit des Haufis sich herausstellte, indem nur 206 Mitglieder an­wesend waren bezw. an der Abstimmung Theil nahmen. Nächste Sitzung Montag; Weichselregu- lirung, Verlegung des rheinischen Gülerbahnhofes in Aachen und Kreisordnung für Schleswig- Holstein.

* Centrum und Deutschfreisinnige haben im Abgeordnetenhause einen Antrag eingebracht, der sich gegen die sogenannte Wahlgeometrie (Abgrenzung der Urwahlbezirke im parteipolitischen Inter ff-) richtet.

* Offiziös wird angekündigt, daß der Entwurf der Alters- u. Inv aliditätsv ersicherung veröffentlicht werden soll, sobald berf Ibe im

s Heu, wäre ihm gew.ß lieber gewesen, wenn ich ihm da» Geld durch die Post geschickt hätte, und er uns nicht seiner vornehmen Braut und deren V rwandschaft vorzuführen brauchte."

„Du thust ihm unrecht, Vaier."

„Es wird stch ja bald zeigen, wer Recht hat. Möchte übrigens nur wissen, wie er'S gemacht hat, nun doch Verlobung hatten zu können. Wo mag er da« Geld aufgetrieben haben?"

„Der Vater feiner Braut wird ihm die Bedin­gung erlaff n haben, flüsterte da« junge Mädchen.

Der Vater zuckte verächtlich die Schultern. War­ten wrr'S ab; ich wünschte aber, die Geschichte ginge h>er erst vor sich, die Menschen sehen Einen ja an wie die Kuh das neue Thor."

Da» junge Müschen schaute um sich und schlug kann betreff n die Augen nieder, denn sie gewahrte die Block' einiger jungen Herren in unverschämter SB ile auf fick gerichtet und erkannte unschwer, daß ste und ihr Vater ihnen als Stichbialt für ihre W tz' dienten P ötzlich athmete sie wie erlöst auf. @iu junger Mann von 28 vis 30 Jahren, groß uns schlank mit angenehmen Zügen, dunkelblondem kurzge schnitte neu Haar, einem Vollbart von gleicher Farbe und hellgrauen Falkenaugen, war eingetreten.

BundeSrathe die erste Lesung passirt hat. Die zweite Lesung wird dann erst nach den Sommer­ferien des BundeSraths stattfinden.

* Die Verhandlungen Rußlands mit dem Vatikan, meint die,Kreuzzeitung', haben offen­bar einen hochpolitischen Hintergrund; „beim als sicher kann man heute schon bezeichnen, baß ein kirchenpolitischer Frieden nicht baS Resultat biefer Verhanblungen fein wirb." Das Blatt gewinnt den Eindruck, „als ob Rußlanb auf eine allgemeine Welt-Komplikation rechne ober eine solche voraus­sehe, unb dieser Eindruck gewinnt nicht durch die Thatsache an Unwahrscheinlichkeit, daß der fran­zösische Gesandte beim Vatikan ein eifriger Förde­rer der russich-vatikanischen Negoziationen gewesen ist bezw. wahrscheinlich noch ist". Nach Aufzäh­lung verschiedener Vermuthungen, was Rußland mit den Verhandlungen eigentlich bezwecke, heißt es am Schluß: „Wir sind geneigt, das anzuneh­men, was uns von vertrauenswerther Seite be­richtet wird: es handelt sich gar nicht um ernst­hafte, kirchenpolitische Verhandlungen, es handelt sich nur um Gewinnung der Polen für den Fall oitiPÄ föriPrtPÄ **

* Posen, 27. April. Abermals sind au» Westpreußen unb Posen mehrere polnische Lehrer nach bem Westen bet preußischen Monarchie ver­setzt worben. Der Lehrer Jxdrzyewski au» Löbau würbe nach einem Dorfe im Regierungsbezirk Wiesbaben verfitzt.

* Donauwörth, 26. April. Um dem heil. Vater eine besondere Freude zu machen, erließ der weltbekannte Onkel Ludwig in Donauwörth in seinem kleinen Weltbiättchen, dem „Schutzengel", einen Aufruf an die Kinder, sie möchten dem hl. Vater eigene Gratulationsbriefe schreiben, mit dem Versprechen, am Jubiläumstage einen Rosenkranz zu beten, lieber 50,000 Kinder aus Deutschland, Oesterreich, der Schweiz, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Rußland, Holland, Belgien, Italien, Nord* und Südamerika sind dem Ruse gefolgt unb haben bem Leiter des Cassianeums ihre schön geschriebenen und verzierten Briese an den hl. Vater zugeschickt. Diese wurden sodann in 13 dicke Bände gebunden und am 23. März dem Papste in Privat-Audienz von einem Mitgliede des Cassianeums überreicht. Se. Heiligkeit war hocherfreut und gerührt über diesen originellen und schönen Beweis kindlicher Pietät, segnete die große Schaar der jugendlichen Gratulanten, den Onkel

„Da kommt Georg!" rief sie unb wollte bem Bruder entgegeneilen, aber der Vater hielt sie am Arme fest. ~

„Hier bleibst Du!" herrschte er sie an. „Wir haben um seinetwillen den weiten Weg gemacht; fitzt kann er zu uns kommen."

Der junge Mann, der die ihn neugierig mustern­den Anwesenden hastig unb mit einem zerstreuten abweseuben Blicke grüßte, schritt hastig tquer durch den Saal, eilte auf den alten Sanbmann und dessen Tochter zu unb streckte ihnen betbe Hände entgegen.

„Vater! Bertha! Ihr hier! Welche lieber» raschung!" ries er mit bebender Stimme.

„Hä ! Hä!" lachte der Alte, „das hast Du Dir wohl nicht träumen taffen, mußt Dich bei der da­für bebantn." Er wu« auf feine Tochter.

„Meine liebe kleine Schwester," tagte der junge Mann, ihr zärtlich bie Wange streichelnd, „wie gut von Dir."

„So, freut'« Dich wirklich, baß wir angekommen sind?" fragte der alte Bauer lauernd.

„Welche Frage, Vater!" wehrte der Sohn mit Lebhaftigkeit; ein ganz scharf.« Ohr, unb feine Schwester besaß ein solches, hörte aber doch her-