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1888

Freitag, den 27. April.

1 Zeitimz.

Fuldaer

Die Fuldaer Z-,u>ng' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage av.«genomw.tr1. Vierteljährlicher «bonnememsprers ohne Änngerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf.» mtt der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf.» auswärts 1 R. 75 Pf.

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2 Die rein menschliche Theilnahme.

Als Kaiser Wilhelm auf dem Sterbebette lag, bemerkten wir über die Theilnahme de» Volke», daß dieselbe von allen politischen Erwägungen und Spekulationen frei sei, daß die Herzen der Leute voll rein menschlichem Mitgefühl seien für die Leiden und Gefahren, welche über die kaiser­liche Familie gekommen. In der That, wer hat damals etwas von einem Unterschiede bemerkt in der Haltung der Mitglieder der verschiedenen po­litischen Parteien? Ob Jemand sonst regierungs­freundlich oder oppofitionell war, ob er sich sonst mehr al» Unterthan oder als Staatsbürger fühlte, — in dieser Zeit der Heimsuchung hieß es: viele Herzen, aber nur Ein Schlag; viele Seelen, aber nur Ein Gefühl. Alle waren einig in der Er­füllung de» zweiten Hauptgebots gegenüber dem sterbenden Greise und seinen schwergeprüften An­gehörigen, und nicht blo» in Deutschlands Gren­zen, sondern auch im Auslande bei Allen, welche edlen Sinnes sind, trat die Politik hinter der Nächstenliebe zurück.

An diese erhebende Einmütigkeit vom März wurden wir wieder durch die Veilchenspende erinnert, welche am vorigen Sonntag aus der Mitte der Volksansammlung vor dem Charlotten­burger Schloß dem kranken Kaiser Friedrich dar­gebracht wurde. Da« menschliche Mitgefühl durch­brach da alle Schranken der Etikette. Man hatte kein kunstvolle» B ilchen-Arrangement beim Blu­menhändler bestellt, wie e» stch für eine Spende von so hoher Adresse doch gebührt hätte, man hatte nicht erst angefragt, ja nicht einmal eine vorherige Anmeldung an die zuständige Stelle gelangen lasten; nein, man folgte dem Impulse de» Augenblicks, man raffte zusammen, was ein Veilchen-Haustier gerade in seinem Korbe hatte, anderthalb Hundert der höchst bescheidenen „Groschen-Bouquets", man ließ sie in dem elenden Korb, weil man keinen anderen hatte, und brachte sie so in da» Schloß, und in derselben urwüchsigen Verfastung gelangte die Spende de» Volke» an da» Krankenbett de» Kaiser». Und der kranke Kaiser streckt seine Hände au» und drückte in einem geflüsterten „Oh, oh!" seine Freude au». Seine Freude über die herz­liche Gabe de» Volkes; ein kunstgerechter Strauß, den ein Hofmann für einige Tausende aus Erfurt bezogen hätie, würde ihn nicht so angemuthet

Der Neffe.

Kriminalroman von F. A.

Nachdruck verboten.

Es war ein klarer sonniger Herbsttag, einer jener köstlichen Tage, wie der scheidende September sie so gerne noch zu bringen pflegt, als stch schon am Morgen sämmtliche Fensterläden in dem unweit Hamburg belegenen Landhause dei Rentiers Wid­mann öffneten.

Der von dem Gitter durch den Vorgarten zur Hausthür führende Weg wurde mit einem Teppich belegt, der Gärtner harkte die Beete und entfernte sorgfältig jede« von den Bäumen herabgewehte welke Blatt; im Hause selbst liefen Diener und Dienerinnen mit lersen Schritten treppauf, trepp­ab; in gedämpftem Tone ertheilte die Wirth- schasterin ihre Befehle und wehrte, daß kein Laut von der tm Hause herrschenden ungewöhnlichen Aufregung bi» zu den Zimmern de» Herrn dringe.

Mit dem Glockenschlage elf wurde e« vor dem sonst still und träumerisch wie ein verzaubelte« Schloß daliegenden Hause lebendig. Equipage aus Eqmpage rollte vor, der ältere und jüngere Herren in tadellosem schwarzen Gesellschaftsanzuge mit glänzend gebürsteten Cylinderhüten entstiegen. Sie

haben, als diese bescheidene Veilchensammlung. Ec mußte ja an jedem Sträußchen den wohlthuenden Duft einer reinen, uneigennützigen Liebe erkennen, welche von keiner Berechnung und keines politischen Gedankens Bläffe angekränkelt war.

Die Frau, welche die Veilchenspende in das Schloß brachte, wurde auf Wunsch des Kaiser» alsbald von der Kaiserin empfangen, welche den Dank für da» Zeichen der Siebe aussprach. Die hocherfreute Frau berichtet ausführlich über ihre Unterhaltung mit der Kaiserin. Das Charakteri­stische daran ist, daß die Etiquette ganz in die Brüche ging, daß man Seine Majestät einfach als „ihn" bezeichnete, daß die Kaiserin und die Fcau au» dem Volke zusammen weinten, zusammen plau­derten und stch gegenseitig die Hände drückten und schüttelten, al» wenn sich zwei gleichgestellte Frauen in Leid und Theilnahme treffen und ihr Herz aus- schütten.

Wie entsetzlich häßlich würde e» klingen, wenn man angesichts diese» rührenden Vorgänge» die Frage stellen wollte: Gehörten die Spender der Veilchen den Kartellparteien oder der Opposition an? Und doch giebt e» Leute, welche selbst in das Krankenzimmer de» Kaiser» den politischen Zank und die Parteigehässtgkeiten der schlimmsten Art hineintragen wollen, welche zu eigennützigen Zwecken und mit unlauteren Metteln gew>ff rmaßen vor dem Bette de» kaiserlichen Dulder» die Batten­berghetze, die Hetze gegen die Vertrauensärzte de» Kranken, dir Hetze gegen seine Gemahlin und deren Mutter in Szene setzen. E» fehlt solchen Leuten nicht blo» da« Geweffen und der Anstand, nein es fehlt ihnen überhaupt dar elementarste mensch­lich e G efühl, jede Spur von Theilnahme für em Familie, deren Haupt mit einer lebensgefährlichen Krankheit ringt. Drese Leute, welche ohne Scheu und Scham au« den Schicksalsschlägen, die den Kaiser und seine Gemahlin betroffen, ihren politischen Vortheil und die Befriedigung ihrer rohen Triebe heraus zuschlagen suchen, gleichenden „Hyänen de» Schlachtfeldes", welche zwischen den Verwundeten und Todten plündernd umhergehen, ohne bei dem Gewimmer der Seinen» den und bei der Berührung der kalten Glieder der Todten eine menschliche Regung zu spüren.

Gott sei Dank, diese traurige Gesellschaft ist zwar sehr laut, aber sie ist nicht zahlreich. Die Masi: de» Volke« ist frei von solchen schändlichen

gehörten sämmtlich der Elite der Hamburger Kaufmannswelt an und waren in einem näheren oder ferneren Grade mit Herrn Widmann ver­wandt oder verschwägert. Em Diener nahm die Gäste mit vielen Bücklingen in Empfang und öffnete ihnen die Flügelthüren zu einem großen Salon im Erdgeschoffe, wo sie sich bald in ein­zelnen Gruppen zusammenfanden, um das seltsame Ereiqnch, da« sie hierhergefuhrt halte, zu be­sprechen.

„Widmann ist nicht hier, um un« zu empfan­gen," sagte ein älterer Herr, indem er forschenb seine Blicke durch den reich mit Blumen dekorirten Saal nach den recht» und link« geöffneten N ben- zimmern schweifen ließ.

„Haben Sie da» von dem Sonderling ander» erwartet?" erwiderte der Angeredete, „ich finde e» schon im hohen Grade wunderlich, daß er un» eingeladen hat."

„B.i einer Gelegenheit wie die heutige," mischte stch ein jüngerer Herr in» Gespräch, konnte er doch die Familie nicht übergehen; er hat sich ohnehin auf da« Aeußerste beschränkt und da» ewig Weib­liche ganz au«qeschloffen, wo e» doch der Ver­lobung seiner Tochter gilt."

„Und welcher Verlobung l Die Damrn find

Verirrungen, welche man nur als Unmenschlichkeit bezeichnen kann. Deren Empfindungen zeichnet richtig und schön die ,Vosfische Zeitung' in folgenden Worten:

„Die Gefühle, denen wir Ausdruck zu geben wün­schen, sind zur Zeit nicht die Gefühle, welche den Staats­bürger an den Herrscher und seine Familie feffeln; wenn die Vorsehung gnädig mit uns verfährt, wird der Augen­blick kommen, wo auch diese Empfindungen zu ihrem Recht gelangen. Nein, was wir auszudrücken wünschen, sind die Gefühle, die der Mensch dem Menschen gegenüber hegt, der theilnehmende und mitfühlende Mensch gegenüber dem Menschen, der ein unverschuldetes Leiden mit Hoheit erträgt. Das Geschick, welches über unsere kaiserliche Familie verhängt ist, ist ein solches, daß es gestattet ist, den Rang und die Herrscherstellung zu vergessen und un« ferm Mitgefühl einen Ausdruck zu geben, als handle es sich um unseres Gleichen. Wahrhaftig, wenn man gewisse Preßstimmen liest, sollte man glauben, es sei anerkannter demokratischer Grundsatz, kalt und fühllos zu bleiben, wenn über die Hochgestellten Heimsuchungen ergehen, welche die Vorsehung Über Hoch und Gering ausstreut! Die Stimmung der Berliner Bevölkerung (und der im Lande erst recht!) ist eine andere. Man denkt in diesem Augen­blick nicht an die politischen Kämpfe; man hält jeden Wunsch zurück, den man für die zukünftige Entwicklung des Vaterlandes hegen möchte. Man empfindet die leb­haftesten Sympathien mit dem Kaiser und der Kaiserin. Man fordert von dem Kaiser nicht, daß er uns diesen oder jenen politischen Wunsch erfülle, sondern man for­dert von ihm nur, daß er sich schone, um uns sein Leben zu erhalten. Man erblickt in der Kaiserin den guten Genius, der seit einem Menschenalter Über das Wohl des Kaisers wacht. Man weiß es, daß sie jeder Pflicht, die ihr als Gattin und Mutter obliegt, mit der höchsten Ge­wissenhaftigkeit nachkommt und man bewundert sie um dieser Gewissenhafti gleit willen. Wer sich die Mühe geben will, in die Kreise unseres Bürgerthums hineinzuschreiten, wird die Ueberzeugung gewinnen, daß diese Stimmung hier vorherrscht, und daß es nur gewissen Zirkeln, die sich selbst als exclusive bezeichnen, Vorbehalten ist, in der Kaiserin die Trägerin einer Politik zu sehen, die man hämisch als eine englische bezeichnet.

Wa» den btzteren Punkt angeht, so haben sich „nationale" Korrespondenten sogar nicht gescheut, Volksdemonstrationen gegen die Königin von Eng­land in Aussicht zu stellen. Die Königin von England ist nun in Charlottenburg und Berlin gewesen und auf das Herzlichste vom Volke be­grüßt worden. Das Volk in seinem gesunden Sinn läßt sich von den Hetzern gar nicht irre machen. E» fühlt mit Sicherheit, daß es sich bei diesem Besuch gar nicht um Politik handelt, son­dern einfach um die Theilnahme einer Mutter in der schweren Heimsuchung, welche ihren Schwieger­sohn und ihre Tochter betroffen.

wüth nd, daß ihnen die Gelegenheit entzogen ist, dem Schauspiel beizuwohnen."

„Widmann muß wirklich wahnsinnig sein, daß er dergleichen zugeben kann."

„Em Mensch, von dem Niemand etwas weiß, als daß er dem alten Narren, dem Schmittchen, fein neues gothisches Schloß gebaut hat."

„Ein Fremder I Es ist unerhört! Ada wäre eine Partie für einen Sohn upferer ersten Familien gewesen."

„Ich muß Ihnen sagen," flüsterte der erste Sprecher, ich bm in der Absicht hergekommeu, Widmann zu beobachten, und finde ich, daß er unzurechnungsfähig ist, so schreibe ich Namen« der Frmili-; ich bin dazu mrpflchtet, denn meine F au ist s ine Halbschwest r.

E.n beifällige« Gemurmel folgte dieser Er­klärung.

„Ich habe mich bereit« mit unserem Geheim­rath, der glücklicherweise auch eingeladen ist, in» Einvernehmen gefitzt," fuhr der Konsul fort. „Da kommt er!"

Mit diesen Worten ging er einem soeben ein» tretenden behäbig aussehenden Herrn entgegen, nahm ihn unter den Arm, führte ihn bei Seite und sprach leise und angelegentlich mit ihm.