JK 96.
1888
Donnerstag, den 26. April.
Miet
13eil»ng.
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«B Das Strecken nach der Decke.
Zu den beständigen Klagen de« heute lebenden Geschlechte« gehört die über die unbefriedigenden Ergebnisse unserer wirthschastlichen Entwickelung. Dieselbe wird so allgemein erhoben, daß höchsten« die Frage offen gelassen werden kann, ob sie sich auch au« den objektiven Verhältnissen heraus rechtfertigen läßt, oder mit anderen Worten: ist der letzte Grund unsere« wirthschastlichen Unbehagen« in den Personen oder in den Dingen enthalten? Bei einer Umfrage von Person zu Person dürfte nun aber kaum ein ersprießlicher, unsere Erkenntniß de« ursprünglichen Zusammenhänge« fördernder Einblick gewonnen werden, natürlich weil Jedermann, ob alt oder jung, männlichen oder weiblichen Geschlechte«, bestreitet, daß Selbstverschuldung Ursache der ungünstigen Lage ist.
Nichtsdestoweniger legt gerade die Allgemeinheit des empfundenen wirthschastlichen Mißbehagen« chie Vermuthung nahe, daß e« sich hierbei in weit höherem Maße, al« man sich selbst und Anderen eiugestehen will, um einen Fehler in unserer Ab- wägung der wirthschastlichen Ansprüche, die wir gegenüber unseren wirthschastlichen Verbindlichkeiten zu erheben befugt find, handle, wie um eine that- sächliche Unzulänglichkeit der fast jedem Volke be» schiedenen wirthschastlichen Decke. Leider ist zu konstatiren, daß zahllose Menschen nicht mehr den realen Zu stand al« da« ausschlaggebende Moment annehmen, dem fie ihre Lebenshaltung in weiser Beschränkung anpaffen sollten, sondern daß ihnen ihre subjektiven Bedürfnisse und Wünsche der Maßstab find, den sie an ihr private- Budget legen. Und da nun diese Be- dürstuffe und Wünsche in der Regel nicht» weniger al« bescheiden und den jeweiligen Verhältniffen und Zetten angenuflen find, so folgt nur zu sicher
gitrblittttijtt litt.
Erzählung von E. H.
(Schluß.)
„Ich aufet’ e« wohl, der Schmerz wird sie tobten," rief Rohlfsen in Verzweiflung au«. „O, daß ich ihn an jenem Unglück«tage nicht zurtick- hielt und selbst ihr wehrte, sein trotziges Herz zu erweichen. Ich tüdtete ihn und löste nun auch fie." Er hatte den Arm um die Schustern seines Kinde« gelegt. „Babette," bat er, „sieh Deinen Vater an."
Plötzlich erhob sich da« Mädchen, mtt glühenden, thränenleeren Augen blickte sie auf den alten Mann. .Vater," sagte sie, „verhehle mir Nicht« — hat rr Hand an sich gelegt?"
„Nein," entgegnete Rohlfsen tonlo«, „nein — em Schiff sollte ihn nach London führen, und da« Schiff. .
»Und das Schiff?"
»Ist vor der Themse mit Allen, die an Bord waren, verloren gegangen."
Da« Mädchen stieß dte«mal keinen Schrei au«, sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und sank langsam in ihren Stuhl zurück. In e itern Thrä- NeNstrom entlud sich die gequälte Seele. „Todt
darau« eine Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben, welche sich als Minus fühlbar macht und nun den permanenten Quell von Klagen und Stoßseufzern über die wirthschastlichen Unbilden der Gegenwart hervorbringt.
Nun beginnt da» Zetern und Wettern über schlechte Löhne und schlechte Zeiten, nun raisonnirt der Mann in der Kneipe bei Bier und Schnaps über den Arbeitgeber, und die Frauen zerbrechen sich bald Mund und Zunge mit Schmähreden über da« neugeschoffene Kleid der Ehefrau de« Arbeits- Herrn. Einsichtige Beurtheiler verhehlen sich allerdings nicht, daß in Wahrheit uns der Schuh an einer ganz andern Stelle drückt, sie sehen eben ein, daß die Mehrzahl bet Seute über ihren Stand hinausstrebt und hinauslebt — leider bergab.
Die Bedürfnisse des Volke» find feit etwa 25 Jahren in ganz unverhältmßmäßig rascherem Tempo gestiegen, al» die Mittel zu ihrer Befriedigung. Wo vor nicht zu langer Zeit Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit herrschte, da macht sich heute ein Trieb breit, nach Außen hin zu prunken und zu prahlen, und nur zu oft gilt e» beinahe für schimpflich und erbärmlich, sich irgend etwa« zu versagen, aus dem eingestandenen Grunde, daß man den Kostenpunkt scheut.
Reiz- und Genußmittel der verschiedensten Art find zu Mitteln de« Maffenkonsum» geworden, bei deren Verbrauch e« heute kaum noch Jemand in den Sinn kommt, daß sie vor 30 oder 40 oder noch mehr Jahren, wo der Kampf um da« Dasein immer noch harmlosere Formen hatte, unserm Vorfahren al« hochgradige Luxusgegenstände erschienen. In Kleidung und Wäsche, in Schmucksachen und Genußmitteln, besonder« aber in Vergnügungen machen heute namentlich aber auch die minder begüterten BevölkerungSschichten einen Aufwand, der vom Standpunkte einer gefunden Wirtschaftsführung ohne Frage al« ganz bedenklich und verwerflich charaktenstrt werden muß. Ob Sonntag« da« letzte Markstück vertanzt ober in treueren Getränken vetthan wird, ob Montag» früh kein Geld mehr vorhanden ist zum Einkäufen von Semmel und Mich, ob die Kinder mit einem Stück trockenen Brode» und vielleicht einer Taffe fragwürdigen Kaffee'» im Magen zur Schule müsien, da» ist Alle« gleich, wenn man stch nur amusirt hat. Mit den Worten: „Gestern Abend war e« aber schön,"
— tobt," sagte sie leise mit erstickter Stimme. „So schön, so gut, so ebel, und tobt — verloren für immer I"
Tiefe Stille herrschte im Zimmer, die nur durch da» leise, gleichmäßige Dcken der altmodischen Wanduhr unterbrochen wurde.
Da — hastige, schwere Schritte auf dem Korridor. Babette schrickt aus und blickt nach der Thür. Ihr Gesicht ist gespenstisch bleich, chre ge- rötheten Augen wett geöffnet, ihre fahlen Lippen zucken wie im Fieber.
Die Thür fliegt auf und in ihrem Rahmen steht die schlanke Gestalt Leo'», weit breitet er die Arme au«, während sein Auge leuchtend auf der Verlobten weilt, die ihn wie entgeistert anstarrt. Einen Augenblick lang verharrt fie so, dann bi äugt sich ein Schrei über chre Lippen, gellend wie der erste. Aber da» ist kein Schrei be» Entsetzen», ee ist bet Aufschrei einer von namenloser Qual befreiten Seele, ein Schrei jener jähen Freude, die zu tödten vermag wie der Blitz ....
Sie will dem Manne ihrer Schmerzen entgegen- stürzen — die Kniee versagen chr den Dienst — aber schon hat er fie in seinen Armen aufgefangen. Ihre Augen schließen sich im überwältigenden Entzücken und ohnmächtig ruht sie in seinen Armen. — 1
werden alle Sorgen um da» Weitere über Bord geworfen, da» Stadt- ober Dorfoberhaupt mag dann sehen, wo e« die Steuergroschen herbekommt, und Bäcker, Fleischer und Kaufleute, Schuhmacher und Schneider Geld für chre Maaren. Die armen bleichwangigen Kinder aber leiden am meisten unter solcher Mißwirthschast und, wa» da« Schlimmste ist, sie lernen, wie man solche treiben muß.
Wir fürchten nicht, in unserer diesbezüglichen Darlegung einem oielfeitigen Widerspruch zu begegnen, denn die Praxis des täglichen Verkehrs bringt Beispiele in Hülle und Fülle, an denen Jeder, der sich vorurtheilsfrei über gewisse Krebsschäden de» Volksthumes infortniren will, die Probe auf die Richtigkeit de» eben Gesagten sammt seinen Konsequenzen vornehmen kann. Man komme un» nur aver nicht mit dem wirthschastlichen Phrasenwust, in welchem namenttich die professionellen Volk»aufwiegler groß sind, wenn fie von den gesteigerten Kulturfortschritten, von dem gesteigerten Niveau der Lebenshaltung al» den größten wirth- fchaftlichen Segnungen schwatzen, und Jeden, der die Nothwendigkeit de« Sparen« — wieder em große« Thema — de« Beschränken« auf da» Erreichbare, be« Strecken« nach ber Decke betont, al» einen Ignoranten in wirthschastlichen Dingen, wenn nicht al« etwa» Schlimmere», hinstellen.
Die Quintessenz von Allem ist: Wir leiden an der Unlust der Manschen, ihrer materiellen Begehrlichkeit Zaum und Zügel anzulegen, e» muß eben gepraßt, geprahlt und geschlemmt werden. Die Korrektur, die von ihnen selbst ans- gehen müßte, erwarten fie von irgend einem mysteriösen Faktor, ost sogar von staatSwegen, und lassen ihren Blick dadurch von dem nüchternen Realismus der Thatsache ablenken. Da» ist eine für die künftige Entwickelung unserer wirthschastlichen ^Bewegung mindesten» ungesunde, wenn überhaupt nicht vollständig verwerfliche Di»pofitton be» Volksgeiste», welcher durch Aufdeckung be» wahren Sachverhalte» nach Kräften entgegengearbeitet werben muß. —
Nun, an dem Entgegenarbeiten hat e» noch nicht gefehlt; so lange aber da» Volk nicht selbst mit Hanb anlegt zur Verbesserung seiner wirthschast- lichen Sage nach biefer Richtung, so lange al» e» nicht lernt, sich nach der Decke zu strecken, so lange wird e»auch nicht besser werden, trotz aller Worte, Lehren und Beispiele.
Leo ist nach einer in ber allerunbehaglichsten Stimmung im Gefängniß der Hauptwache verbrachten Nacht vor den Polizeichef geführt und von diesem nach Erlegung ber Üblichen Arrestgebühren sofort entlassen worben. Der übereifrige Schutzmann und ber famose Kommissar haben Beide einen ernsten Verweis erhalten, und unser Freund hätte wohl da« ganze Intermezzo endlich wie einen lustigen Scherz aufgefaßt, roäri ihm nicht nach ein paar Tagen die Nachricht van dem Untergange der „Lorelei" im Bureau be» Schiffsmakler», welcher die Bark expebirt hatte, geworden.
Er war durch den Uebereifer be» Schutzmannes, ber ihn verhaftet, unb den de« Kommissar», welcher ihn nicht hatte freigeben wollen, vor einem sähen Tode bewahrt morsen. Erne Fluth von Gedanken durchströmte fein Hirn. Er dachte an den Kapitän, der nun bleich unb tobt auf dem Meeresgrund der Themse ruhte und mit ihm die braven Seeleute unb ber Kaufmann aus Schwerin, der seinen Sohn in der Riesenstadt der Nebelinsel hatte besuchen wollen, und die junge Dame aus Lübeck, die Gouvernante der Töchter eines britischen Pairs.
Er zog seine Brieftasche hervor unb betrachtete andächtig die unscheinbare Kleepflanze mit den vier Blättern. War diese nicht die Ursache seiner Ber-