M 95.
Mittwoch, den 25. April.
1888
Fistier
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* Zur Frage der Gründung einer freien katholischen Universität in
Deutschland.
(Rede, gehalten von Bischof Haffner, an die General- Versammlung der Görres-Gesellschaft zu Mainz am
4. Oktober 1887.)
Freiheit ist die Lebensbedingung wahrer Wissenschaft. Die wissenschaftliche Forschung bedarf, um zu gedeihen, einer zweifachen Freiheit, der innern und der äußern, und die eine wie die andere ist ihr gleich unentbehrlich. Die innere Freiheit, das ist der unbefangene, vorur- theilrlose, redliche Sinn für die Wahrheit. Gott hat unferm Geist die Liebe zur Wahrheit eingc- pflanzt. Die Wahrheit ist die Sonne, deren Licht unser inneres Auge sucht, deren Strahlen unser geistiger Blick begehrt. Wie aber das körperliche Auge mannigfach getrübt werden kann, sei es durch innere Verwirrung, sei es durch äußere Täuschung, sei es durch falsches Licht, welches es umfluthet, so ist es auch mit dem geistigen Auge des Men- scheu. Persönliche Leidenschaften, Hochmuth und Eitelkeit, Sympathie und Antipathie verwirren den Blick des Forschers. Vorurtheile aller Art trüben die Klarheit der Untersuchung. Die Tendenzen der Zeit reißen den Geist fort, um ihn zu zerstreuen oder in einseitiger Richtung gefangen zu nehmen. Es ist darum die Erforschung der Wahrheit durch die Energie bedingt, mit welcher wir gegen diese Störung der innern Freiheit des Blickes kämpfen. Sorgfältig muß jeder Gelehrte über sich selbst wachen und muthig muß er jederzeit sich selbst überwinden, wo immer sein Blick von der Wahr- heit abgelenkt zu werden Gefahr läuft. Die Freiheit des Geistes ist fein heiligstes Gut. Von Gei- stesfreiheit hat keine Zeit mehr gesprochen als die unsere. In allen Gebieten der W ssenschast rühmt man sich der Unbefangenheit, Vorurtheilslosigkeit. In Wahrheit aber ist die herrschende W.ssenschaft unserer Zeit so befangen, so vorurthellsvoll, so gebunden, wie kaum eine andere. Voraussetzungslos nennt sich 'die moderne Philosophie, während sie von Kant bis zu Schopenhauer und Hartmann in einer Sklavenkette sich fortbewegt, in welcher jeder nachfolgende Denker an die fixen Ideen feines Vorgängers gefesselt erscheint. Vorurtheilrlos nennt sich die moderne Geschichtsforschung, während sie im Dienste religiöser und politischer Tendenzen die
üinhlittttigtr Klee.
Erzählung von E. H.
(18. Fortsetzung.)
Das starke Fieber, an welches der Arzt nicht hatte glauben wollen, trat dennoch ein, und "ährend zweier Tage war der Zustand des alten Herrn ein nicht unbedenklicher. Aber am dritten Tage nach mehreren Stunden uohlthätigrn Schlafes erhob sich Herr Rohlssen einigermaßen gekräftigt von seinem Lager und, gestützt auf den Arm seiner Tochter, vermochte er, wenn auch schwankenden Schüttes, das Wohnzimmer zu erreichen. Hier waren die Vorhänge niedergelassen, ein be- Mlichc» sanftes Dämmerlicht erhellte da« kühle ^imach; mit weichen K ssen war da« Sopha be- Ai, und gewürzter goldgelber Wein in einem ^rystallglase erfüllte die Luft mit feinem Aroma, wr Rohlssen sah sich in dem Zimmer um, al« Z?6e er dasselbe nie vorher betreten; ein schwerer j€ufäer rang sich au« seiner Brust empor, und gLn.e Thränenperle erglänzte an seiner grauen
*ni per.
niebtt lnit müder Bewegung im Sopha kt Tochter strich ihm da« Haar au« der Stirn, • u9te sich zu ihm nieder und preßte einen Kuß
Thatsachen fälscht und Dichtungen und Konstruktionen als Bilder der Wirklichkeit vorführt. Unbefangen nennt sich die sogenannte exakte Natur- forschung, welche, von sinnlosen Hypothesen berückt, den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, und unter dem Vorwand, nur Thatsachen festzustellen, die evidentesten Thatsachen verleugnet. Der peinliche Kontrast, welcher diese sich selbst betrügende Wissenschaft uns darbietet, mag uns wohl zu der Ueberzeugung führen, daß die wahre Freiheit der Wissenschaft nicht auf dem Wege zu finden sei, welchen sie wandelt. Nicht individuelle Willkür, nicht vornehm skeptische Gleichgültigkeit macht unfern Blick frei. Frei macht uns allein die Wahrheit, wie Christus der Herr es gesagt hat. Veritas liberabit vos. Das innere Auge des Menschen muß durch eine höhere Hülfe auf die Wahrheit hingeordnet werden. Es muß in einem höheren Lichte Schutz finden gegen die verwirrende Macht der falschen Lichter; es muß geläutert und gestählt werden durch eine höhere Kraft, welche, es innerlich durchdringend, frei macht und klar. Die Quelle dieser wahren Geistesfreiheit ist der Glaube, den uns Golt gecffenbart hat und welchen die von Christus gestiftete Kirche uns bewahrt. Die Welt erkennt sie nicht an. Sie huldigt im Gegentheil dem Wahne, der Gehorsam des Glaubens sei unerträglich mit der wahren Freiheit der Forschung. Bruch mit dem Glauben, Lossagung von der Autorität ist ihr die Bedingung freier Wissenschaft. So wandelt sie denn, trunken von Freiheilslust und Mssenschaftsdünkel, gerade in den höchsten Gebieten der Forschung schwach und erbärmlich auf den Wegen der Verworrenheit, und, des Strebens nach Wahrheit sich rühmend, ist sie in der That nur ein Spielball der Vorurtheile der Zeit. Stets suchend und strebend, kommt sie nimmer an das Ziel. Wir, m. H., haben die Quelle wahrer Geistesfreiheit gefunden und uns bei ihr niedergelassen. Uns leitet die Autorität des Glaubens, welche die großen Grundwahrheiten unverrückbar feststellt, in deren Licht die Fragen der Wissenschaft mit voller Geistesfreiheit sich lösen lassen. Wir erforschen Himmel und Erde, Natur und Geist, Welt und Gott, geleitet von dem Gehorsam gegen das erhabene Wort der ewigen Weisheit, die uns das Licht der Vernunft wie das Licht der Offenbarung verliehen hat. Wir gehorchen in
auf seine welken Lippen. Ec sah sie an, als wisse er nicht, was mit ihm vorgehe. Erst als sie ihm den kühlen Trunk gereicht, der ihn erfrischen und beleben sollte, und er einen langen Zug aus dem Krystallglase gethan, erhellte sich sein Auge, in die müden Züge seines Antlitzes kam ein bewegtes Leben und die fahlen Wangen rötheten sich ein wenig.
„Ich schlief wohl lange?" fragte er mit matter Stimme und die schmale, magere Hand gegen die Stirn legend, als suche et in seinen Erinnerungen, fuhr er fort:
„Du warst dem jungen Roofen sehr zugethan, Babette?"
Sie sah mit einer Art ängstlicher Befremdung den Vater an.
„Du weißt es, Vater," antwortete sie.
„Ja, ich weiß es — und deshalb wirst Du mich jetzt hassen müssen."
Der alte Herr ließ den Kopf auf die Brust finken.
„Dich Haffen? Und warum, mein guter Vater? Warum sollte ich Dich Haffen müssen, Dich, der Du mir unzählige Beweise Deiner Liebe und Güte gegeben, dem ich Alle» verdanke, was ich bin und habe."
„Und der Dir da« Theuerste nahm, was Du
den Fragen der Wissenschaften wie in den Fragen des Lebens dem erhabenen Lehrer, den Gott uns gegeben hat, und in diesem Gehorsam fühlen wir uns am meisten frei. Wenn die Görres-Gesellschaft die innere Freiheit der Wissenschaft sich zu sichern weiß, so muß sie aber nicht minder auch die äußere Freiheit zu erringen streben. An und für sich ist die Wissenschaft einer äußern Fessel nicht unterworfen. Als innerstes Werk des Geistes ist sie von keiner irdischen Macht erreichbar. Die Gedanken, sagt man, sind zollfrei, und die Ideen stehen vor keinen Schlagbäumen still. Indirekt aber übt die äußere Gewalt einen mächtigen E nfluß auf die Wissenschaft. Sie hemmt die Freiheit der Forschung, indem sie die Lern- und Lehr-Freiheit beschränkt; indem sie durch Einrichtung und Leitung von Schulen falsche Richtungen begünstigt; indem sie die Verbreitung wahrer Ergebnisse der Wissenschaft hindert! Was hat nicht die politische Macht, namentlich in unserem Jahrhundert gethan, um die Wissenschaft sich dienstbar zu machen! Wissenschaft, so sagt man, ist Macht. In unseren Tagen könnte man wohl nicht unzutreffend sagen: „Macht ist Wissenschaft." Seitdem das widersinnige Dogma in unsere Gesetzgebung eingedrungen ist, dem zufolge die Schule eine Veranstaltung des Staates fein soll, ist die wahre Freiheit der Wissenschaft aufs schwerste bedroht. Das Monopol, welches die politische Gewalt in allen Stufen des Unterrichtes für sich in Anspruch nimmt, unterwirft die freie Forschung einem widernatürlichen Zwang. Die Verstaatlichung der Schule, welche von den Revolutionären des vorigen Jahrhunderts begonnen, von dem Liberalismus und Absolutismus des gegenwärtigen durchgesührt wird, ist das Grab der Freiheit und der Wahrheit. Doch lassen wir uns nicht bange machen. Eines großen, langen, schweren Kampfes wird es bedürfen, um die Freiheit der Wissenschaft, welche der Ruhm der christlichen Jahrhunderte und die Zierde katholischer Völker war, zurückzuerrobem; in diesem Kampfe aber muffen wir unverdrossen und unerschütterlich aur- harren. Auch die Görres-Gesellschaft darf nicht aufhören, gegen die Fesseln zu streiten, welche ein falsches politisches System der katholischen und eben darum freien Wissenschaft anlegt. Vor einem Vierteljahrhundert ist auf einer Ge- neralverfamlung der Katholiken der
besaßest, und dafür das Elend in Dein junges Herz trägt."
„Ich verstehe Dich nicht," versetzte aufs Höchste besorgt Babette, „mein Vater, Du bist noch nicht ganz genesen — soll ich die Tante rufen."
„Nein," sagte der alte Herr bestimmt, „ich habe mit Dir allein zu reden. Höre, was ich Dir zu sagen habe und sei stark, meine Tochter, mein gutes, liebes Kind — habe Mitleid mit Deinem alten Vater und sei stark."
„Du erschreckst mich!"
Er nahm ihre Hand in die seine, die feucht und kalt war. Dann sah er sie lange mit Rührung an und sagte im Tone unsäglicher seelischer Be- drängniß:
„Ach, Tochter, all Dein Glück ist zerstört — zerstört durch den, der Deine Hand in der seinen hält. Ich war am Sonntag bei dem Tischler, der mir jenen nichtswürdigen Brief schrieb — ich war bereits zu mehreren Malen da, ohne seine Tochter zu treffen, die ich doch treffen mußte, um der Wahrhe it auf den Grund zu kommen. Am Sonntag fand ich sie: ein kleines, unscheinbares, wenn ich nicht irre, verwachsenes Mädchen — aber ein gutes, ein edelmüthiges Mädchen. Sie gestand mir, daß sie den jungen Roofen geliebt, aber auf Gegenliebe vergeblich gehofft. Roofen hat ihre Nei-