93. Montag, den 23. April. 188$
Die ,Hulda« Bettung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bomiemrntspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,vterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.
Inserate: Die einspaltig« Zeile oder deren Baum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Erklärung.
Wie die Unterzeichneten zuverlässig erfahren, sind bezüglich der in hiesiger Kirche am 22. März d. I. abgehaltenen Trauerfeier für S-. Majestät den verstorbenen Kaiser Wilhelm I. an dem Kgl. Landrathsamt zu Fulda folgende Beschwerden gegen unseren hochwürdigen Herrn Pfarrer Gies protokollarisch niedergelegt worden: nämlich der Hochw. Herr Pfarrer habe:
1) diese Feier in Straßenkleidern gehalten,
2) die Meßdiener von der Theilnahme an der Feier abgewiesen,
3) die Trauerrede Nachmittags um 4 Uhr von der Kommunionbank aus gehalten,
4) während der Rede die Mitglieder des hiesigen Krie- gerverins fixirt und
5) am Schluffe seiner Rede gesagt, die Anwesenden sollten sich bei dem Singen des Liedes Nr. 216 unseres Diözesan -Gesangbuches etwas Anderes denken, als im Liede enthalten sei.
Demgegenüber erklären wir:
1) Unser hochw. Herr Pfarrer hat in seiner priesterlichen Kleidung, in schwarzem Talar und Cingulum, die Trauerfeier gehalten. Die für den katholischen Gottesdienst bestimmten und geweihten Gewänder waren und mußten nach kirchlichen Vorschriften ausgeschlossen bleiben.
2) Meßdicner fielen von selbst weg, da solche bei Trauerreden überflüssig sind.
3) Gerade die feierlichsten Ansprachen werden in der Regel von der Communionbank aus gehalten, wie z. B. am weiße» Sonntag bei der Erstkommunion der Kinder und bei anderen feierlichen Gelegenhe.ten. Daß die Trauerfeier Nachmittags um 4 Uhr stattfand, entsprach ganz der hohen Anordnung unseres Hochwürdigsten Herrn Bischofs. Hochderselbe hatte bestimmt, daß eine vom gewöhnlichen Gottesdienste unabhängige Feier stattfinden sollte.
4) Bei seinen Reden pflegt Herr Pfarrer stets seine Augen auf die Zuhörer zu richten und genügt in der Reget ein fester Blick um die Ruhestörer zur Ordnung zu verweisen.
5) Die Behauptung, Herr Pfarrer habe gesagt, bei Ab- singung des Liedes Nr. 216 sollten sich die Gläubigen etwas Anderes denken als die Worte besagten, ist eine positive Unwahrheit.
Schließlich fügen wir noch die Bemerkung bei, daß die Trauerfeier höchst würdig war und genau nach den Vorschriften unseres Hochwürdigsten Herrn Bischofs. Von unserm Herrn Pfarrer ist es ja allgemein bekannt, daß er ebenso maßvoll ist, wie er mannhaft und entschieden an den kirchlichen Grundsätzen festhält. So entsprach es auch ganz dem Geiste der katholischen Kirche, wenn derselbe am Schluffe der Feier die Anwesenden aufforderte, für die glückliche Regierung unseres gegenwärtigen Königs und Kaisers Friedrich fromme Gebete zum Himmel zu senden und sofort damit den Anfang machte, indem er mit den Gläubigen gemeinsam für Höchstdeffen Wohl betete.
Dietershausen, den 22. April 1888.
K. I. Reinhardt. Adolph Reus. Karl Auth. Leonard Plapper:. Joseph Hühner. Balthasar Maierhof.
I. Weber. Joseph Maierhof. Valentin Weber.
Deutsche- Reich.
Berlin, 22. April
• lieber das Befinden de» Kaisers wird vom 22. ds. gemeldet: Der Kaiser hatte eine ruhigere Nacht, das Fieber ist wieder 'ermäßigt, das All- gemeinb finden besser. — Auf Grund der heutigen Morgenkonsultation erfährt man, daß der Kaiser von Mitternacht an längere Zeit geschlafen hat. Das Fieber ist gegen Morgen noch weiter zurückgegangen. Das Allgemeinbefinden ist gleichfalls besser, Alhemnoth besteht nicht mehr, die Ernährung ist gut. Die Nachricht eines hiesigen Blattes, daß Professor Bergmann die Unterzeichnung eines der Bulletins abgelehnt habe, ist falsch. — Die .Nordd. Allg. Ztg.' meldet in einem Extrablatt: Die Nacht war bei dem Kaiser zwar häufig durch Husten und Auswurf unterbrochen, indessen war doch zeitweilig ruhiger Schlaf, der dann auch gleichzeitig mit einem geringeren Fieber etwas stärkend auf den Zustand und die Stimmung des Patienten gewirkt hat. Wesentlich erhaltend wirkt die trotz geringen Appetits nicht unterbrochene ziemlich reichhaltige Aufnahme von Nahrung, deren hauptsächlichsten Bestandtheil Milch bildet, die auch gerne genommen wird.
* Die .Köln. Ztg.' muß auf Grund des Preß- gefetzes ein Schreiben veröffentlichen, das auf ihre systematische Hetze gegen die englischen Aerzte des Kaiser» ein Helle» Schlaglicht wirft. Das Schreiben lautet:
Charlottenburg (Schloß), 20. April 1888. S-Hr geehrter Herr Redakteur! Die .Kölnische Zeitung' vom 15. April d. Js. enthält eine mich und meine ärztlichen Funktionen betreffende Darstellung. Auf Grund des Preßgesetzes J 11 ersuche ich Sie, folgendes gefälligst zu berichtigen: Es ist nicht wahr, daß Seine Majestät der Kaiser in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag von schwerer Athemnoth befallen worden ist. Diese falsche Angabe beruht auf der Verwechselung von nur beschleunigter mit einer behinderten Athmung. Hierdurch erklärt sich auch die Thatsache, daß ich die Aengstlichkeit des Wärters — und zwar mit Recht — als unbegründet zurückgewiesen habe. Es ist richtig, daß die bisher verwandte rechtwinkliche Kanüle anfing, unpassend zu werden. Aber es ist absolut erfunden, daß dur ch meine Versuche, die Lage der Kanüle wieder in Ordnung zu bringen, die Umgebung der Wunde vielfach verletzt worden ist. Dies geht schon aus dem Umstande hervor, daß während und nach diesen meinen Versuchen kein Tropfen Blut aus der Röhre oder dem Wundkanale floß. Erst nachdem Profeffor v. Bergmann seine vergeblichen Versuche, die
SittMelktiitt Klee.
Erzählung von E. H.
(16. Fortsetzung.)
«Herr Roofen . . . . ? wiederholte Rohlfsen tonlos.
„Er hat, wie ich höre, eine Stellung an einem Londoner Hause genommen, und so wie ich chn zu kennen glaube, wird der nie hierher zurückkehren."
Der Kaufmann sah seinen Buchhalter ernst an. „Nie!" bestätigte Rohlfsen mechanisch.
„Und so denke ich mir, wird e» für Sie und Ihren, namentlich für Ihre Tochter ein be- luedigender Gedanke sein, ihn nicht mehr hier zu ^ssen. Die fatale Affäre ist in wünscheniwerther «nse beendigt, und Sie befehlen die weiteren ^schicke Ihrer Tochter der Vorsehung."
* »Nach London — also für uns verloren!" Rohlfsen vor sich hin, und seine Stimme aus der Tiefe eint» Giabes zu kommen, '"»in, nein," fuhr er dann hastig fort, als wolle ' sich dann rasch von einem furchtbar quälenden Gedanken befreien, „ich hatte wohl Recht, er hat rüe geliebt; wem fo der Trotz das Herz v.r- fci b*« H feiner echten Liebe fähig. Mein armes
Er fuhr mit der Hand über die Augen.
„Lieber Herr Rohlfsen", tröstete Herr Beikeseld gütig, „nehmen Sie Sich'» nicht allzu sehr zu Herzen. Lassen Sie den jungen Mann fahren, er war Ihrer treuen Neigung, und der Liebe Ihrer Tochter nicht würdig. Sie gehören ja nicht zu den Naturen, denen die Hülle mehr ist, als der Kern — und die Angesichts einer gefälligen Außenseite an dem verdorbenen Innern noch mit krankhafter Zähigkeit festhalten."
Der Buchhalter wiegte den Kopf leise hin und her. „Nein, nein, Herr Berkefeld", sagte er; „es war ein tüchtiger Kern in dem jungen Mann, nicht böse war sein Herz, und nicht unedel sein Sinn. Der Mensch kann in widrige Verhältnisse gerathen, ohne e» zu wollen, uno die Jugend besitzt nicht immer die Charakterstärke des gc- reiften, vielgeprüften Mannes. Nun er für uns dahin ist, will ich milde beurtheilen, was er vielleicht Unwürdiges begangen; — Ernes aber steht fest: meine Tochter hat er nicht geliebt — und damit — ist alle» au»."
Er grüßte feinen Prinzipal, der nicht den Muth hatte, ihm jetzt noch ein Wort des Trostes zu sagen, und verließ still da» Komtoir. Traurig und wchmülhig sah ihm Herr Berkefeld nach.
neue Kanüle einzuführen — die Einführung gelang erst dem Dr. Bramann — angestellt hatte, ergoß sich während mehrerer Stunden eine reichliche Menge reinen Blutes. Dadurch wird auch die Angabe wiederlegt, daß ich Ge- webstheile in die Lunge hinuntergestoßen habe, oder daß eine solche Verletzung in irgend einer Weise durch meine Versuche veranlaßt worden ist. Hochachtungsvoll T. Mark Hovell.
* Dem Kronprinzen soll die Stellvertretung des Kaisers in erweitertem Umfange übertragen fein.
* Dem Magistrat von Berlin ist durch den Minister des königlichen Hanfes die Mitthälung gemacht worden, daß der verstorbene Kaiser W i I- Helm durch ein seinem Testamente hinzugefügtes Codizill vom 19. Juli 1882 der Stadt Berlin die Summe von 100 000 Mk. zu Armen-Unter- stützungen ober auch zur Verwendung für eine besondere Stiftung ausges tzt habe. Der Maistrat hat beschlossen, zur Annahme dieser Schenkung die kaiserliche Genehmigung nachzusuchen.
* Da» offiziöse Wölfische Bureau meldet au» Florenz, daß die Abreise der Königin von England nach den den Eisenbahnbehörden zugegangenen Weisungen auf Sonntag Abend 9 Uhr festgesetzt ist; ihre Ankunft in Berlin ist am Dienstag Vormittag zu erwarten.
* Zu der berliner Dombau-Frage wird berichtet, daß seitens des Kultusministeriums dem Kaiser bereits ein umfassender Bericht über den Stand der Angelegenheit und eine Reihe von Vorschlägen eingereicht norden ist, auf welche die kaiserliche Entscheidung erwartet wird. Die Vorschläge gehen dem Vernehmen nach davon aus, daß es sich nicht um einen Umbau der jetzigen Domkirche, sondern um einen N-ubau handeln würde, während die Frage aufgeworfen wird, ob dieser Neubau mit einer Fürstengruft verbunden und dem zufolge eine entsprechende Gliederung, vielleicht auch noch in Verbindung mit Gebäuden für andere kirchliche Zwecke, zu erfahren hätte.
* Das Abgeordnetenhaus genehmigte heute zunächst in dritter Lesung den Gesetzentwurf betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln zur Beseitigung der durch die Hochwasser im Früh- jahr 1888 herbeigeführten Ueberschwemmun- gen, und zwar in der Schlußabstimmung einstimmig. Die Diskussion über diesen Gegenstand erstreckte sich auf die Fragen, wie in Zukunft
Langsam, gesenkten Hauptes, als sei er todt- müde, ging Herr Rohlfsen seinen Weg. Aber nach und nach wurde seine Haltung fester, sein Gang rascher. An einer Straßenecke blieb er überlegend stehen, bann bog er entschlossen in eine kleine Seitengasse ein, und stand nach wenigen Minuten vor dem Hause des Tischler» Bruhn».
Drinnen in der Behausung de» Tischler» saßen n diesem Augenblick drei Personen in einem un= cheinbarem Gemache — nicht in' jenem mit den ponceaurothen Tapeten und den Oeldruckbildern — beim Mittagessen zusammen: der Tischler Bruhn», seine Frau und seine Tochter.
Die beiden Erstgenannten kennen wir. Die Tochter ist eine kleine, schwächliche, ein wenig verwachsene Person, mit unschönen, aber sanften Zügen. Da» G-sicht ist blaß, die Lippen dünn und von ast gelblicher Färbung; um die stark zurücktretende Stirn liegt fest das rothblonde Haar. Schön aber ist ihr Auge, groß und mild, in feuchtem Blau erglänzend, und von träumerischer Tiefe. Ein Kleid von blaugeblümtem Jakonett umschließt die mageren Glieder des Mädchen», da» etwa fünfundzwanzig Jahre a't sein kann. Die Familie ist über dem Essen in eifriger Unterhaltung, die nicht allzu friedlicher Natur zu sein scheint, und unter-