92. Sonnabend, den 21. April. 1888
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Erstes Blatt.
2 Auf das Schloß zu Charlotten- burg
find in besorgter Spannung die theilnahmivollen Blicke aller Deutschen gerichtet. Der Kaiser kämpft wieder gegen einen gefährlichen Anfall seiner heimtückischen Krankheit. Da« Wort „kämpfen" ist hier recht am Platze. In immer wechselnden Formen, auf immer neuen Wegen schickt die Krankheit ihre Angriffrkolonnen vor. War e« früher eine die Athmung behindernde Schwellung, dann eine um sich greifende Entzündung in dem Kehlkopf, so ist e« j tzt eine Entzündung der unterhalb de« Luftröhrenschnittes liegenden Bronchien, der Verzweigungen der Lufti öhre, welche dem Leben de« Kaisers Gefahr drohen. Zur Abwehr müssen zunächst die physischen körperlichen Kräfte aufgeboten werden, deren der Kaiser Gott sei Dank sich noch in sehr hohem Maße et freut. Dank dieser Wwerstandskraft des Körper«, der außerhalb der erkrankten Partie sich in dem er- frenlichsten Gesundheitszustände befindet, ist ja auch die neueste Entzündung bi» zu dieser Stunde in zwar langsamer, aber stetiger Abnahme begriffen.
Die körperliche Widerstandskraft aber thut ee nicht allein. Viel höher zu schätzen und mehr zu bewundern ist die seelische Kraft und Aus- dauer de« Angegriffenen, die Festigkeit uns Ruhe, mit welcher her Kaiser nicht blo» Tage und Wochen lang, sondern jetzt schon ein ganze« Jahr lang dem Tode Auge in Auge gegenübersteht sich vollbewußt der großen Gefahr, in welcher sein Led-m fortwährend schwebt, und doch nicht in Verzagtheit, ja nicht einmal in Ungeduld oder nervöse Erregung verfallend, ohne jeden Schwindelanfall fort und fort am Rande de« tödtiichen Ab- grunoes stehend, und dabei mit der Besonnenheit und der Ruhe eine« Gesunden die Pflichten seine« Lebens voll und ganz erfüllend. Es ist etwas Heldenhafte» in dieser unerschütterlichen Brthätigung der so hart angefochtenen Lebenskraft.
Wenn man den Vergleich ziehen will mit andern Leuten, welche lange Zeit in einer lebensgefährlichen Krankheit schweben, so darf man nicht über- sehen, daß dem Kaiser jene Erleichterung seines Zustandes fehlt, welche die Natur den meisten Schwerkranken gewährt. Er befindet stch nicht in jener beruhigenden Erschöpfung, welche bei den bettlägerigen Kranken in der Regel das Bewußt-
Vierblättniger litt.
Erzählung von E. H.
(15. Fortsetzung.) X.
Lange bange Tage halte Babette durchlebt; das Roth ihrer Wangen war einer wochsaitigcn Blässe gewichcn, trübe blickte ihr vom vielen SB inen ge- röthetes Auge. Sie sprach wenig, keine taute Klage drang über ihre Lippen, aber ihr Herz :itt Folterqualen. Sie war durchdrungen vom Glauben an die Unschuld thre» Verlobten, aber böse Zweifel erfüllten sie, ob seine Liebe zu ihr je aufrichtig gewesen. Kann einem wabrboft lieb gewesen sein, was man so leichtfertig aufgibi? — In den ersten Tage» nach jenem unheilvollen Austritt hatte sie gehofft, ja sie war ü erzeugt gewesen, Leo werde zurückkehren und mit einem einzigen Wort alle Zweifel lösen. Und die Wolken würben sich zerstreuen, und bet Sonnenschein wäre wieder da. So schön hatte sie sich die Versöhnung nach kurzem inhaltlosen Zwist gedacht; im Geiste schon halte sie da« Wiederseytn sich auSgemalt und ihm immer und immer wieder gesagt, wie lieb sie ihn habe,
sein ihrer Lage herabstimml und den Lebenstrieb in wohlthuender Weise herab cimpft; er erfreut sich auch nicht der beruhigenden Illusionen, welche die Schwindsüchtigen und ähnliche innerlich Erkranke zu haben pflegen, turen Hoffnungsseligkeit und Selbsttäuschung ja meistens eine ganz erstaunliche, aber für sie sehr wohlthuende Höbe erreichen. Der Kaiser steht, wie man zu sagen pflegt, „bei gesundem Leibe" der Todesgefahr gegenüber; seiner Krankheit Gefahren sind so durchsichtiger Art, seine sinnliche Wahrnehmung«- und seine geistige Ur- theilskraft sind so frei von jeder ablenkenden Be einfluffung, daß er in jedem Augenblicke stch voll und ganz seiner Lage bewußt ist, so klar und zweifellos, wie der Soldat, der im Felde einige Dutzend Gewehre auf feine Brust angelegt sieht. In einer solchen Lage Stunde auf Stunde, Tag auf Tag, Woche auf Woche. Monat auf Monat zu verharren, ohne mit den Wimpern zu zucken, ohne die Ruhe der Nerven, das seelische Gleichgewicht, die Arb.ilslust und die Arbeitskraft zu verlieren — das ist etwa« Große« für- wahr !
Auch in den Tagen, al« die Bronchitis und da« Fieber den Kaiser befielen, al» die Aerzte ihn wiederholt auf Anzeichen der sicher tödtlichen Lungenentzündung untersuchten, setzte der Monarch die Erledigung der SiaatSgeschäfte fort, nahm Vorträge entgegen, gab Unterschriften und zeigte sich gelegentlich den ängstlich harrenden Volks- mass n, welche da» Charlottenburger Schloß umlagerten.
Nun muß man noch in Erwägung ziehen, daß der Kaiser nicht blo« die Anfälle und Gefahren der Krankheit körperlich und geistig zu überwinden hat, sondern auch den Aufregungen Stand halten muß, welche die sog. „Krisis" mit all" ihren traurigen Zuthaten für den Träger der Krone und da» Haupt der kaiserlichen Familie mit sich bringen mußte. Der wilde Lärm, mit dem die Bismarck - Anbeter während der letzten Wochen die Welt erfüllt haben, mußte natürlich auch in das kaiserliche Krankenzimmer dringen. Es konnte Kaiser Friedrich nickt verborgen bleiben, daß die delikatesten Angelegen heilen seiner Gemahlin und fe.ner Tochter öffentlich von einer rohen Menge rücksichtslos behandelt wurden, daß seine Ehre und die Ehre der Kaiserin in den Staub zu zerren gesucht rourhe; daß gegen die Würde und Machtstellung des Monarchen ein hinterlistiger, an Hochverrat streifender Feldzug
was sie in den Tagen der Trennung gelitten und wie sie nie an feine Schuld geglaubt.
Aber Tag um Tag war vergangen. Wochen dahinge flössen, und er war nicht zurückgekehrt. Jene Zweifel fingen an, sich ,um sicheren Erkennen aus- gesialten zu wollen, und trübet und dunkler breiteten sich die Schatten be« Grame« über ihre Seele.
Der alte Herr Rohlfsen sah mit Bekümmerniß auf seine Tochter; fein leise«, vom Weh getragenes Wort, fein sanfter Kuß, bet lange noch auf ihrer reinen Stirn nact fieberte, bebrüteten ihr, was der Vater um sie litt. Aber sie grollte dem Vater, und weder sein Wort noch fein Kuß vermochten in ihr da« Gefühl abzuschwächen, als trage er eigentlich einen Haupttheil bet Schuld, daß Leo ttotzig ihren Besitz aufgegebrn. Edel und hochherzig, blinde« Vertrauen forbetnb, wo er selbst blind vertraute, so war bamal» Leo der schmählichen Anklage entgegengetreten. Zu gleicher hoheitsooller Hingabe hatte sich bet Vater nicht verst. Herr tön- neu, er hatte ihr sogar gewehrt, durch hinreißende Bitten ben Bräutigam zu vermögen, für seine Un- schuld mit überzeugendem Worte einzutreten. Er wat in Trotz gegangen und trotzig hatte ihn der
unternommen wurde. Der Kranke mußte diesem Treiben niederträchtiger Feindseligkeit gegen ihn und seine Famllie mit geduldiger Selbstbeherrschung zusehen, denn er durfte bei seinem Gesundheitszustände ben Kampf gegen diese weitverzweigte Gegnerschaft nicht mit der Energie aufnehmen, zu welcher ihn da» tapfere Herz trieb, er mußte schweigend und duldend e» abwarten, ob Gott ihm noch so viel Festigkeit der Gesundheit schenkt, daß er allen verkappten und offenen Feinden der Krone zeigen kann, wer in seinem Reiche zu regieren hat und wer nicht. Verhehlen wir uns die freudige Thatiache nicht: Von opposittonellen oder revolutionären Parteien ist den Fürsten schon oft übel mitgespielt worden; aber ein solches Vorgehen von Kreisen, welche sich regierungsfreundlich nennen, gegenüber einem schwerkranken Monarchen ohne durchschlagenve äußere Veranlassung böswillig vom Zaune gebrochen — das fv= bet in der Geschichte gesitteter Völker wohl kein Seitenstück. Schämen wir uns, daß wir Landsleute dieser Hetzer find! —
Was für sonderbare „Fragen" werden j-tzt nicht dem Urtheil der politischen Kannegießer und Vereinsbrüder unterstellt? Ob Prinz Alexander von Battenberg (und die Tochter unseres Kaiser» sich gegenseitig lieben und ob sie stch Höben dürfen, ob der Battenberger au» Liebe ober au« Spekulation heirathen will, wie viel von der prinzlichen Würde seine» Vaters und wie viel von dem bloß gräflichen Blute s.rner Mutter an ihm hasten geblieben ist, rote roeit sich die Schwiegermutter seines Bruders für diese Heirath interesfiren darf und wie roeit sie sich thattächlich interessirt — oll" Dieses und ähnliche zarte Dinge sollen nach Aufforderung der Kartellpreise von den vielen Bier- und Weinbankpolitikern erörtert und wo möglich entschieden werden. Es sah eines Tages gerade lo aus, als ob ein Plebiscit (Volksabstimmung) über die in Frage stehende HerrathSang. legenhett entscheiden soll». Sonderbare» Land, in welchem der Ehekonien« für königliche Prinzessinnen von Konvent'.keln der Kartellmehrheit und obendrein noch vom Nachbarsouverän, dem Selbstbeherrscher aller Reußen und aller ehroergrssenen Preußen, ein- geholt werden soll!
Neuerding» werden dem Plebisc t der sogen, öffentlichen Meinung oie sckw'.errgkeri medizinischen Fragen vorgelegt. Oo Mackenzie und Hovell tüchtige Aerzte sind, ob Letzterer Nacht« schnell genug au» dem Bette gesprungen ist, ob die Kanü-
Vater gehen lassen. Hätte nickt be» Vater« überlegene Erfahrung seine reifere Welt- und Menschen- kenntniß ihn verhindern müssen, den jungen Mann also gehen zu lassen? Hätte er nicht nach einem Mittel forschen müssen, Leo'« Unschuld zu ergründen, ohne Diesen selbst tödtlich zu verletzen?
Und die Tante? Ja die Tante war die Erste gewesen, welche an Leo's Schuld geglaubt. Warum auch nicht? I Die Tante war eine Act von Männerfeindin, sie hatte in ihrer Jugend selbst sehr trübe Erfahrungen gemacht; zweimal war sie verlobt gewesen und beide Male war die Verlobung rückgängig gemacht worden, weil sie nachträglich ihre Erkorenen al« ihrer Liebe und Achtung nicht würdig gefunden hatte. Und der Pessimismus der Tante hatte den Vater — bei hem ne viel galt — angeftfdt, und Leo hatte ein Verräther an Treue und Glauben werden müffm, weil e« der Tante so gesiel. Es war also ncibroenbig, die Tante auch so aufzufaflen.
Und doch that Babette ibiem Vater wie ihrer Tante bitter Unreckt.
Eine» Abends, nachdem Babiite bereit« zur Rahe gegongte, und Herr Rohlss.n rock «in, Ps tfe rau-