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1888
Freitag, den 20. April.
Zeikuz
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. April.
* Die Sorge um das Leben des Kaiser« beherrscht alle Gemüther. Dar Fieber war heute geringer wie in den letzten Tagen, lieber den Ernst der Situation darf man sich keiner Täuschung hingeben. Er ist noch nicht klar — wahrscheinlich auch den behandelnden Aerzten noch nicht — worin das Wesen der jetzigen Erkrankung und der Fiebererscheinungen besteht. Die Bronchitis allein in dem gewöhnlichen Sinne reicht zur Erklärung nicht aus. Es ist Thatsache, daß eine Lungenentzündung oder Infiltration in den Lungen nicht vorhanden sind. Wenn zwei Kliniker von der Autorität wie Leyden und Senator die Lungen noch für frei erklären, so kann man annehmen, daß sie es auch sind. Die.Nat.-Ztg.' setzt zwar auseinander, daß nach erfolgter Tracheotomie weder eine eiterige Jnsiltration der Lungen, noch das Uebergreifen des Krebsprozesies in dieselben durch die physikalischen Untersuchungsmethoden nachweisbar wären. Das ist aber nicht zutreffend, wenigstens nicht so unumschränkt ; dagegen spricht auch die ziemlich freie Athmung. Mehr Wahrscheinlichkeit hat, daß der jetzige Zustand auf einer beginnenden Pyämie (Blutvergiftung) beruhe. Die Aerzte rechnen mit dieser Möglichkeit und zwar, wie es scheint, schon seit zwei Tagen. Direkte pyämische Erscheinungen sind aber noch nicht vorhanden und doch find die Symptome einer Pyämie so markant, daß sie, wenn sie vorhanden wären, sehr bald konstatirt werden müßten. Die in einzelnen Blättern mit dem Anschein medizinischer Informationen austretenden Schilderungen von Knotenbildungen auf der Brust, von Oedemen der Gelenke u. dgl. beruhen auf Mißoerständniffen und Unkenntniß. Der augenblickliche Zustand ist eben noch nicht klar, er kann es aber jeden Augenblick werden, und die Hoffnung auf eine günstige Wendung ist leider nicht groß. Der Kaiser hat Appetit und nimmt kräftige Nahrungsmittel in ziemlich großen Quantitäten ein. Die Mittheilungen, die in den späteren Abendstunden erfolgen, sind meistens etwas pessimistischer, weil jedes Fieber gegen Abend zunimmt und die Krankheit dadurch schlimmer erscheint. Der Kaiser wird jetzt vorläufig im Bett bleiben. Auf Wunsch des Kaisers und der Kaiserin nimmt Prof. Leyden jetzt fortlaufend an der
VurdtMerigll Klee.
Erzählung von E. H.
(14. Fortsetzung.)
Leo wandte sich dem Seitenpfade und der Stelle zu, wo vorhin der Schutzmann gestanden.
„Nur hierdurch," kommandirte der Letztere, auf die Büsche deutend, welche, in kurzen Entfernungen von einander gepflanzt, die große Straße von den Anlagen schieden.
„Ich dachte, das dürfe man nicht," warf Leo mit spöttischem Anfluge ein. „Ich meine, eben weil ich diesen Weg eingeschlagen, werde ich verhaftet."
„Sie werden verhaftet wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt," versetzte der Diener der Gerechtigkeit. „Nur vorwärts!" Und er schob den jungen Mann vor sich her.
„Berühren Sie mich nicht noch einmal mit Ihrer schweißfeuchten Hand," wendete sich Leo ärgerlich gegen seinen Begleiter. „Sehen Sie Acht, daß ich einen Ueberzieher von hochgrauer Farbe trage."
„Da» ist uns einerlei," entgegnete der Schutz- Aunrr. „Wenn Sie sich noch einmal widersetzen, behandle ich Sie noch ander»."
Behandlung Theil. Die Mitglieder der kaiserlichen Familie fanden sich zu kurzen Besuchen im Charlottenburger Schlöffe ein, die beabsichtigten Vorträge der Minister und des Civil- und Militär- Kabinets fielen heute aus.
* lieber bie Ersetzung des bisherigen Nacht- Krankenwärters des Kaisers durch einen anoeren Berufsgenoffen werden in Blättern Darstellungen verbreitet, die unverblümt al« Grund dieser Maßregel den Umstand bezeichnen, daß jener Wärter in der Nacht zum Donnerstag Dr. Hovell aus dem Schlafe geweckt, oder daß er in dem Verdachte steht, die Angaben für den bekannten Bericht in der .Köln. Ztg.' geliefert zu haben. Dazu bemerkt die ,Voss. Ztg.': „Schon gestern Abend haben wir den wirklichen Grund für die Entlastung des Wärters (Namens Beermann) an- gedeutet. Dieselbe ist wegen Ueberschreitens der Befugniffe erfolgt, und diese Ueberschreitung hat darin bestanden, daß Beermann Fragen an den hohen Patienten stellte, die unnöthig und geeignet waren, denselben in bedenklicher Weise zu beunruhigen." Wie schon mittgetheilt, ist ein anderer deutscher Wärter aus der Bergmann'- schen Klinik an seine Stelle getreten.
* Nach einer Berliner Lokal-Korrespondenz verlautet, daß die königlichen Staatsanwaltschaften gegen eine ganze Reihe von Blättern, die anläßlich der Kanzlerkrisis sich gegen das kaiserliche Haus vergangen haben, strafrechtlich vorgehen werden.
* Die Königin Viktoria von England wird auf der Reise nach Deutschland nur von der Prinzessin Beatrice begleitet sein. Für diese Reise war bereits vorgestern in Florenz ein Sonderzug bestellt worden. In Folge des Eintreffens günstigerer Nachrichten über das Befinden des Kaisers wurde derselbe wieder abbestellt. Die Eisenbahnbehörde hat indeß Anstalten getroffen, um erforderlichen Falles einen Zug in kürzester Frist bereit stellen zu können. Die Königin macht die Reife über Bologna-Ala und wird in Charlottenburg einen zweitägigen Aufenthalt nehmen. Ihr Eintreffen in Windsor ist für den 27. d. M. Abends festgesetzt.
* Im Abgeordnetenhause wurde heute die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Erleichterung der Volksschullasten bei § 5 fortgesetzt. Während die Regierungsvorlage im § 5 lediglich den Grundsatz aussprach, daß die
Leo erblickte, als sie sich auf dem Trottoir der großen Straße befanden, mehrere Droschken, welche der Fahrgäste harrten.
„Wir wollen fahren," sagte Leo kurz.
„Eigentlich hätte ich'» nicht nöthig, zu erlauben," meinte der Schutzmann, indem er seine Autorität geltend machte.
Aber Leo schritt entschloffen auf einen der Wagen zu und befahl dem erstaunt dreinschauenden Kutscher: „Nach der Bezirkswache!"---
Hier angekommen führte der Schutzmann seinen Gefangenen dem Kommiflar vor, und gab annähernd wahrheitsgetreu den Grund der Arre- tirung. Lange verweilte er bei der Schilderung der Widersetzlichkeit, welcher sich der Verhaftete schuldig gemacht hatte.
Der Kommiffar — ein Beamter ohne Bildung und Menschenkenntniß, der seine Stellung nur seiner Verwandtschaft mit dem Kammerdiener eines Senator» der Stadt verdankte, und der im Gefühl seiner Unfähigkeit, durch eine finstere wortkarge Strenge über diese zu täuschen suchte, blickte nach Anhören der Aussagen de» Schutzmannes unfern Leo von Oben bi» Unten mit einer Art boshaften Behagen» an; wie sich denn niedrige Naturen in abhängiger Stellung stets freuen wer-
Erhebung eines Schulgeldes bei öffentlichen Volksschulen nicht mehr stattfinden solle, hat die Kom- misfion zwar prinzipiell der Aufhebung des Schulgeldes zugestimmt, gleichzeitig aber die Forterhebung des Schulgeldes auch in gewöhnlichen Volksschulen gestattet, wenn daneben schulgeldfreie Schulen vorhanden sind. Ein Kompromißantrag der Abgg. Hobrecht (nat.-lib.), v. Holtz (kons.) und Frhr. v. Zedslitz (freikons.) will die Erhebung von Schulgeld an sogenannten gehobenen Volksschulen bedingungsweise zulassen, auch soll dort, wo durch die Aufhebung des Schulgeldes Ausfälle entstehen, die durch den Staatsbeitrag richt gedeckt werden, das Schulgeld noch zehn Jahre erhoben werden können. Em von den deutsch-freisinnigen Abgg. Berling und Gen. gestellter Antrag bezweckt die Wiederherstellung der Regierungsvorlage. Ein Antrag des Abg. Rintelen bezweckt eine Modifikation des Kommissionsbeschlusses. Nachdem Abg. Rintelen seinen Antrag vertheidigt, befürwortete Abg. Dr. Kropatscheck (kons.) den Kommissionsbeschluß, während der freikonservative Abg. v. Tiedemann (Labischin) zunächst für die Regierungsvorlage und in zweiter Linie für den Kompromißantrag Hobrecht plaidirte, für welchen auch der nationalliberale Abgeordnete Peter« eintrat. Abgeordneter Rickert vertrat den Antrag Berling, Abg. Dr. Windthorst vertheidigte den Kommissionsbeschluß. Bei der Abstimmung wurde der Kompromißantrag Hobrecht abgelehnt (für denselben stimmten Nationalliberale, da» Gros der freikonservativen und ein Theil der Konservativen), ebenso wurde der deutsch-freisinnige Antrag und der Antrag Rintelen abgelehnt; dagegen gelangte der Kommisfionsbeschluß zu K 5 zur Annahme. § 5a wurde ohne Debatte angenommen. Eine längere Debatte knüpfte sich an den vom Abg. Rickert beantragten neuen § 5b, wonach aus der lex Huene zwei Millionen Mark zur Durchführung des gestern beschlossenen § 1 der zur Berathung stehenden Vorlage entnommen werden sollen. Dieser Antrag wurde von den Abgg. Frhrn. v. Huene und Frhrn. v. Minnigerode scharf bekämpft. Finanzminister von Scholz erklärte sich außer Stande, die Stellung der Regierung zu diesem Anträge schon heute zu präzisiren. An diese Erklärung knüpfte sich eine Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Dr. Windthorst und dem Finanzminister über die Bedeutung der lex Huene.
den, wenn einmal der Zufall Jemanden in ihre Gewalt gibt, der ihnen an Bildung und Stand überlegen ist. Dann begann das Verhör, das Leo fast zur Verzweiflung brachte, und mit fieberhafter Ungeduld erfüllte. Sechs Uhr mat’s fast; um neun Uhr, mit Eintritt der Ebbe, verließ die „Lorelei" den Hafen und der Kapitän durfte seinetwegen mit dem Aussegeln nicht säumen, denn der Rheder des Schiffes machte die Reife mit.
Leo wurde nach Namen, Stand und Wohnung gefragt, nnd feine Angaben zu Papier gebracht. „Warum haben Sie Sich widersetzt?" fragte der Kommissar mit drohendem Blick, „als der Schutzmann zu Ihrer Verhaftung schreiten wollte?"
„Ich habe mich nicht widersetzt," antwortete Leo, das geistlos anmaßende Gesicht des Beamten mit sicherem Blick prüfend.
Der Kommissar sah den Schutzmann an.
„Allerdings hat der Mann sich widersetzt", be- jauptete dieser eifrig. „Ich erhielt einen Stoß vor die Brust, daß ich dem Falle nahe war und mir der Helm vom Kopfe flog."
„Was fagen Sie dazu?" Der Kommissar sah den jungen Mann wie Jemanden an, den man auf einer Lüge ertappt hat.
„Ich sage, daß ich nicht gewohnt bin, mich wie