Einzelbild herunterladen
 

M 90

Donnerstag, den 19. April.

1888

Filimr

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. BierteljShrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: IM 50 Pf »it der belletristische« Wochenbeilaze .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 R. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. April.

* Die Sorge um das Befinden der Kaisers beherrscht unausgesetzt alles Interesse. Der Zustand ist seit gestern so ziemlich unverän­dert, vielleicht eine Kleinigkeit weniger gut, als im Saufe des gestrigen Tages. Dies prägt sich auch darin aus, daß das Fieber eine Kleinigkei höher ist. Die Temperatur, die gestern Vormittac 38,5 betrug, zeigte heute 38,7. Wider Erwartete gut ist der allgemeine Kräflezustand. Es wohnt dem Kaiser eine seelische und körperliche Wider­standsfähigkeit bei, die Erstaunen und Bewunde­rung hervorruft. Daß ein Mann, der seit Mo- naten so viel gelitten hat, unter den schweren Ver­hältnissen und unter andauerndem Fieber nicht etwa blos zum Schein, sondern thatsächlich Regie- rungsgeschäste erledigt, Besuche empfängt und freundlich grüßend sich dem Publikum zeigt, ist ein unerhörtes und ergreifende» Schauspiel. Bedenklich ist, daß über die eigentliche Natur des j tzrgen Zwischenfall« offenbar noch keine Klarheit besteht. Die Lungen sind, wie auch die heutige Unter­suchung durch Professor L yden ergeben hat, frei. Es ist daher nicht verständlich, woher das Fieber kommt. Die Annahme eines Abscesses in der Umgebung der Luftröhre gewinnt an Wahrschein­lichkeit, aber man muß sich andererseits auch da­rauf gefaßt machen, daß sich bald andere Kom­plikationen Herausstellen können. — In den . späteren Nachmittagsstunden nahmen das Fieber und die Athmungsstörungen zu. Obwohl sich dies im Laufe de» Abends besserte und auch die Symptome einer Bronchitis gering find, so besteht doch ernste Besorgniß, da das Auftreten pyämischer Erscheinungen nahe bevorzustehen scheint.

* Der „frivole Versuch" eines „Plebiscits" gegen die Krone" ist schon j tzt nicht allein mißlungen, er ist bereits in sein Gegentheil umgeschlagen l Die Monarchie steht so fest in den Ueberzeugungen und Gefühlen der Deutschen und Preußen begründet, daß selbst der Versuch, einen Mann wie Bismarck gegen sie aufzukpielen, zur „Bestnnung" vielfach auch in Kartellkrelsen geführt hat. Weithin wird in denselben die Preß- und erst recht die Adreß-„Bewegung" der letzten zwölf

8itrblittttigtr $1».

Erzählung von S. H.

(13. Fortsetzung.)

Leo nahm seinen Hut, stand auf und ging. Er sah nach der Uhr — e» war gegen 5 Uhr Nach­mittags. Er mußte daran denken, sein Gepäck an Bord der „Lorelei" schaff n zu lassen, denn diese sollte ja bereit» um 9 Uhr den Hafen verlassen, and so hatte er stch zu beeilen. Sc blockte umher; die große Hauptstraße, welche er pasfiren mußte, am so rasch wie möglich nach seiner Behausung zu kommen, lag weit ab von dem Parkwege, auf welchem er fich gegenwärtig befand. Er mußte die Anlagen in einem großen Halbkreise durchwandern, um jene Straße zu erreichen, von der in unbestimmten, gedämpften Lauten da« Geräusch de» TagSoerkehr« zu ihm herüberdrang. Ee n Blick schwerste über die großen, baumbe- schattete« Rasenplätze, welche mehrfach von schmalen, ktesdestreuten Pfaden durchschnitten waren, deren keiner aber zu der großen Straße hinüberführte. Raa, Laune de« Gärtner» mäandrisch stch win­dend, sollten ste ja nur dem Gcholungsdedürfaiß der Lustwandelnden dienen und ihn zu besonder« schönen Partieen de« Parke« führen. Jnd-ffen ueseu diese Stiege sämmllich auf die Haup'.-

Tage al» eine Schmach für Deutschland empfun- I 400 Mark, eine» anderen ordentlichen Lehrer« den, werden da, wo diese Empfindung der Schmach 300 M. und einer ordentlichen Lehrerin 200 M. nicht besteht, die sicheren Fundamente unseres Staatsbeitrag gezahlt werden soll, während die Staatswesen» für erschüttert gehalten. In der Regierungsvorlage für den zweiten ordentlichen Adreßbswegung sollte nach dem Plane der „Mache" Lehrer nur eine Staatsbeihilfe von 200 M. und die ohne jeden sachlichen Grund in die Ocffentlich- für eine Lehrerin nur 100 M. vorgesehen hatte, keit getragene „Kanzlerkrisis" ihren Abschluß er- Aus der Debatte ist besonders hervorzuheben, daß halten: in einem Bismarck-Plebiscit des Volkes sich Finanzminister v. Scholz gegen die Kommis sions- zur Erzwingung der moralischen Abdankung des beschlösse erklärte, weil dieselben um etwa 4 Mill. Kaisers und Königs. Nur zwei größere Organe Mark über den von der Regierung angenommenen der Kartellparteien, die .Kreuzzeitung' und die Moximalbetrag von 20 Mill. Mark hinausgehen. .Magdeburgische Zeitung', traten diesem Hausmeier- Die Abgg. Frhr. v. Minnigerode (kons.) und Plebircit sofort entgegen, alles Uebrige im Kar- Freiherr v. Zedlitz-Neukirch (freikons.) erklärten, tell und die Offiziösen förderten oder übten indirekte daß sie zwar in der jetzigen zweiten Lesung für Konnivenz. Aber die ganze sonstige Presse er- die Kommissionsbeschlüffe stimmen würden, sich hob sich mit solcher Wucht der Entrüstung, brachte aber ihr definitives Votum für die dritte Lesung den Gegensatz: Kaiser oder Hausmeier, so klar vorbehalten müßten. Die nationalliberalen Abgg und bestimmt zum Ausdruck, und die „Macher" Tramm und Seyffardt (Magdeburg) begrüßten erkannten sobald, mit welcher Wucht dieses Plc- vor Allem die in der Vorlage vorgesehene Auf- biscit gegen sie ausfallen würde, daß der Ver- Hebung des Schulgeldes für die Volksschulen als such zu dem Bismarck - Plebircit selbst in Leipzig eine Entlastung der ärmeren Klaffen, während fich und Breslau noch erstickt wurde, nirgends an- der konservattve Abgeordnete v. Myer-Arnswalde ders aber auch nur fich hervorwagte. Sie prinzipiell gegen die Vorlage erklärte, für welche meinten es bös, aber es ist Gutes daraus ge- ein Bedürfniß nicht konstatirt fei. Abg. Dr. worden: die Stärke des monarchischen Prinzips Windthorst erklärte, daß das Centrum zunächst und der persönlichen Treue in Deutschland hat fich für die Kommissionsbeschlüsse stimme, sein definitive« glänzend bewährt. Vor künftigen antimonar- Votum sich aber vorbehalte. Der Zweck des Ge- chischen Anläufen zu Plebirciteu werden wir be- setzes wäre einfacher zu erreichen gewesen, wenn wahrt bleiben, oder sie beginnen von Anfang an man die betreffende Summe den Gemeinden ein- mit noch geringeren Aussichten, al» das jetzige I fach zur beliebigen Verwendung überwiesen oder In seinem Ursprünge aber bleibt auch dieses schon die Gehälter der Lehrer erhöht hätte. Die Re- — wie die ,Germ.' sagt, — ein Räthsel! gierung bezwecke mit der Vorlage einen

* In der kronprinzlichen Familie sieht weiteren Schritt zur Verwirklichung man im Monat Mai einem frohen Familiener- ihresJdealS: der reinen, von Gemeinde eigniß entgegen. und Familie losgelösten Staatsschule.

* Da« Abgeordnetenhaus befaßte sich heute Diesem revolutionären Gedanken müsse er ent-

mit der zweiten Berathung des Gesetzentwurfs, schieden entgegentreten, auch werde er bei $ 6

betr. die Erleichterung der Volksschullasten, nachweisen, daß eine Verfassungsänderungvorltege, S 1, welcher bestimmt, daß die aus der Staats- und daß es fich dabei um das wichtige Prinzip

lasse zu leistenden jährlichen Beiträge zur Lehrer- handele, daß die Schule nicht dem Staate, son-

besoldung zur Erleichterung der nach öffentlichem dern der Gemeinde gehöre. Nach einer R plik der Rechte zur Unterhaltung der Volksschulen Ver- Kultusminister«, und nachdem Abg. Rickert pflichteten (Gemeinden, Gutrbezirke, Schulver- (dfr.) die Staatsschule vertheidigt hatte, wurde bände ic.) geleistet werden, wird nach längerer 81, wie schon eingangs gesagt, nahezu einstimmig Debatte in der Fassung der Kommisfion angc- nach den Beschlüssen der Kommission angenommen, nommen, nach welcher für die Stelle eine» allein- Die Berathung wurde bei § 5 der von der Auf­stehenden, so v.e eine« ersten ordentlichen Lehrer« Hebung des Schulgelde« handelt, abgebrochen und

Promenade au», welche Anschluß an die Verkehrs- trat in fein Gesicht, in feiner Hand hielt er da« straße hatte. Gesuchte; einen Augenblick lang betrachtete er,

Leo hätte quer über den Rasen schreiten können, rüstig weiter schreitend, da» Pflänzchen aufmerk- um rascher die Straße zu erreichen, aber da» sam, dann barg er'» sorgfältig in seiner Brust- war nicht erlaubt. Während er so einen Augen- tasche.

blick, kurz erwägend, stand, fiel sein Blick zufällig In diesem Augenblick schreckte ihn eine rauhe auf den kriechenden Klee, welcher stch hie und da Stimme au» seinen Träumereien auf. „Was haben unter da« Gras de« Rasen« gemischt hatte, und Sw da auf dem Grasplatz verloren?" herrschte emgedenk eine» alten Aberglauben», der Dem- ihn eine rauhe Stimme an. „Wissen Sie etwa migen, welchem e» gelingt, ein vierblätteriges nicht, daß das Betreten des Rasens strengsten» Exemplar dieses unscheinbaren Wiesenpflänzchen zu verboten ist?"

inden, Glück verheißt, betrat er hastig den Rasen, Leo richtete den Blick nach der Seite, von und forschend streifte fein Auge durch das Gras, welcher die Stimme an fein Ohr drang. Er sah

Glück! — Ach, er hatte e» besessen, nun war'« auf dem Seitenpfade einen Mann in Uniform

ihm verloren I" mit blankem Helm und Säbel stehen, die Kriegs

Vielleicht, daß da» Glück ihm einst wieder Medaille von 1866 auf der Brust. Der Mann

ächelte, eine Frage an da» Schicksal wollte er de» Gesetze» sah unfern L o grimmig an, seine

tdun, während er nach einer vierblättrigen Klee- kleinen grauen Augen funkelten zornmüthig au»

pflanze suchte. E» war ein kindische» Spiel — dem kupferrolhen Gestchr hervor.

er wußte e» wohl — aber unterliegt nicht selbst „Nun," meinte Leo, nachdem er fich von der >er ernsthafteste Mensch zuweilen einer Anwand- ersten Bestürzung erholt, „vorher sah ich doch auch nng geistiger Schwäche, und verliert fich in» un- Kinder auf dem Rasen fputen — so genau wird'» innig Abstrakte? Da werden Hirn und Herz zu wohl nicht genommen."

dem eine« Kinde», da glaubt er wieder an Mär- „Rtnber hin, Kinder h r," versetzte der Schutz- chen und begehrlich streckt er die Hand au» nach mann in der groben Manier, ote vielen dieser einem unfaßbaren Sehnen, dem Spiegelbild der sonst sehr nützlichen wand tnoen Slaat«einrichtun- Traumgestalten, die in seiner Brust umgehen. gen eigen ist. „Sie hab n sich da ohne Weitere«

Und stehe da: — er bückte fich, dunkle Rüche 1 herunter zu sch-ecen. Verstanden?!"