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Dienstag, den 17. April.

1888

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Die Fuldaer, Zeitung' erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreij ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Hf, mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf. Inserat«: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungm entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. April.

• lieber das Befinden des Kaisers lauten heute die Nachrichten recht betrübend. Der,Reichs­anzeiger' veröffentlicht heute an der Spitze seines amtlichen Therle» folgende» Bulletin: „Charlotten- hurg, den 16. April 1888. Se. Majestät der Kai­ser haben nach einer gestern eingetretenen Bronchitis mit starkem Fieber und beschleunigtem Athem keine gute Nacht gehabt. Morell. Mackenzie. Wegener. Krause. F. Mark Hovell." Uebei den Zustand des hohen Patienten in den letzten Tagen wird noch berichtet, daß die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag eine sehr unruhige war, da sich Athem- beschwerden, stärkerer Husten und Auswurf, der reichlich mit Blut vermischt war, eingestellt hatten. In Folge deflen fühlte sich der Kaiser am Sonn­tag Vormittag matt und angegriffen und verblieb auf Anrathen der Aerzte im Bett. Am Nachmit­tag fühlte sich der Kaiser etwas wohler, stand auf und zeigte sich zweimal am Fenster. In der Nacht zu heute wurde Prost flor v. Bergmann nach dem Charlottenburger Schlöffe gerufen; heute Mittag um 12 Uhr traf Herr ».Bergmann abermals im Schlöffe ein und verblieb daselbst, eine halbe Stunde später erschien auch Prost ffor Senator, der durch eine Stafette zu Se. Majestät berufen wor­den war. Die kaiserliche Familie ist vollständig im Schloß zu Charlottenburg versammelt. Der Reichs­kanzler Fürst Bismarck begab sich heute Vormittag zu den kaiserlichen Majestäten und kehrte um 12 Uhr nach Berlin zurück.

* Zum Breslauer Adressen-Unfug berich­tet die Morgenzeitung, daß in Breslau vorgestern da» bestimmt auftretende Gerücht verbreitet war, von Berlin au» seien amtliche Schritte geschehen, um die Absendung der Bittschrift an den Kaiser zu verhindern.

• „Jetzt wedelt die .Kölnische Zeitung' wieder", sagt die .Freis. Ztg.' „Sie verspricht nunmehr, „unfern Kaiser Friedrich doppelt zu lieben." Sie will unfern Kaiser und seiner Ge­mahlin ewig Dank misten für die in der Stille geübte That der Entsagung im Dienste de» Vater­landes, die der freien Entschließung und dem reinsten Pflichtgefühl entsprungen sei. In der That war das Verlobung» - Projekt „in der Stille" und „in der freien Entschließung"

WkrMtnign Kitt.

Erzählung von 6. H.

(11. Fortsetzung.)

Leo hatte nach dem verhängnißvollen Auftritt de« verwichenen Tages sofort seine Wohnung auf­gesucht. und sich dort seiner Trostlosigkeit hinge­geben, die der Situation, in welcher er sich zu befinden vermeinte, durchaus an gemessen war. Es war ihm, als müsse er Thränen vergießen über ba» ihm widerfahrene Geschick. Und waren diese Thränen nicht gerechtfertigt? — Welch' Unrecht hatte er zu erdulden gehabt. Sein gesunder Menschenverstand glaubte natürlich kein Wort von dem, was sein empörte« Gemüth stürmisch ver- ficherte, aber: — so ist der Mensch, er muß fich emmal belügen, und die Kümmerlichkeit seine« Wesen« dokumentirt er am schlagendsten dadurch, daß er nur zu selten an da» bessere Element in seiner Brust glaubt, und weitaus häufiger an da» schlechtere. E» hätte ihm nur wenige Worte gaostet, um die Situation zu klären, seine Un­schuld darzulegen, und seine Braut, wie deren «ater zu beruhigen, aber der Trotz, der ihn er» mute, verhinderte ihn daran, diese entscheidenden $torte zu sprechen.

aufgegeben, als die .Köln. Ztg.' mit dem größt­möglichen Lärm jenen offiziösen Spektakel begann, der Deutschland im Auslande wie im Jnlande gleichmäßig zur Schmach und Schande gereicht hat." — Blätter der verschiedensten Richtungen stimmen jetzt darin überein, daß die sog. K a n z l e r- krisis nicht gehoben sei. sondern nur aufgehört habe, akut zu sein. So bemerkt der .Börsen- Kourr.':

„Seit dem 31. März haben sich Meinungsverschieden­heiten zu erkennen gegeben, die jeden dauernden Aus­gleich geradezu unmöglich machen. Man sagt uns, es wäre für den Kaiser ein Leichtes gewesen, mit dem Kanzler über die Berlobungsfrage sich zu verständigen, wenn diese Angelegenheit, wie sich von selbst verstand, als eine vertrauliche behandelt wurde. Statt besten sah sich die kaiserliche Familie plötzlich mit einer Fluth der niedrigsten Schmähungen und Verdächtigungen über­schüttet. Dies Thema steht selbstredend viel mehr noch zur Diskussion, als die Verlobungs-Angelegenheit, die keine Eile hat. Der kaiserlichen Familie ist nicht unbe­kannt geblieben, mit wie verwerflichen Mitteln eine Agi­tation geschürt wurde, die durch und durch anti-monarchisch war. Es mußte empörend gefunden werden, daß im Handumdrehen weite Volksschichten zu der Entscheidung: ob kaiserlich oder kanzlerisch? herausgefordert wer­den konnten. Derlei Erscheinungen müffen Jeden er­schrecken, der nur Halbwegs dem öffentlichen Leben zuge­wandt bleibt, und der ungeheuere Wirrwarr — wird er sich nicht wiederholen, sobald wieder ein Mal eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Kanzler und dem Kaiser auftritt? Dem wird sich die Krone nicht aussetzen wollen und dürfen. Ganz bestimmte Anzeichen lassen darauf schließen, der Kaiser werde nie wieder Dinge sich wiederholen lasten, die in ihrer Wirkung darauf angelegt waren, den monarchischen Sinn in einzelnen Volksschichten zu zerstören."

Auch die ,Kreuzzeitung' sagt bei Erwähnung des gegen die fortschrittliche Presse gerichteten Ar­tikels der ,Nordd. Allg. Ztg.': „lieber den der­zeitigen Stand der Krisis gibt uns die ,Nordd. Allg. Ztg.' keinen Aufschluß, wohl deshalb, weil die Angelegenheit zu einem endgültigen Ab­schluß auch durch die zwischen der Kaiserin und dem Reichskanzler stattgehabte Unterredung bisher nicht gelangt ist. Die Situation ist eben unver­ändert: das Heirathsprojekt ist aufgeschoben, nicht aufg.hoben, die Krisis also eine latente." Die ,Post' schreibt mit Bezug auf die KanzlerkrisiS u. A,: „Trotz des befriedigenden Abschlusses der Krisis darf der Annahme nicht Raum gegeben werden, daß nunmehr alle Gefahr für die Zukunft ausgeschlossen sei. Hoffentlich wird der jetzt er­ledigte Zwischenfall auch eine vorbeugende Wirkung

Am Morgen nach einer schlaflosen Nacht ließ fich Leo bei seinem Prinzipal krank melden, denn )er Gedanke war ihm unerträglich, im Komtoir diS Herrn Berkefeld mit seinem Schwiegervater zusammentriffen zu sollen. E» war vielleicht die erste Unwahrheit, bereit sich Leo im Leben schuldig machte. Spät Nachmittags kam Herr Berkefeld zu Leo, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen, und entdeckte ohne Mühe, daß das Leiden des ungen Mannes nur bedingungsweise ein körper­liches sei, und Leo, hingerissen von seinen Gefühlen, zefland nach kurzen freundlichen aber einbring« ichen Vorstellungen seines Prinzipals, mit der ganzen Offenheit seiner unverdorbenen Natur, liefern Alles, was zwischen ihm und Rohlfsen vor­gegangen war.

„Sie haben die Pflicht, junger Freund", sagte rarnach Herr Berkefeld sehr ernst, „den Mann, >er Ihnen das Theuerste, was er besitzt, anver- rauen will, über Ihre Unschuld in genügender Weise aufzuklären. Er kann da« verlangen, und Sie thun übel, ihm die in freundlicher Weise er­betene Auskunft zu verweigern."

„Mag sein, daß ich mich irre", versetzte Leo im bescheidenen, doch festen Ton. „Ader Sie wissen, welch harte Schule mir da» Leben gewesen

haben; allein mit völliger Sicherheit darf darauf nicht gerechnet werden, und es wäre thöricht und pflichtwidrig, sich nun in Sicherheit zu wiegen. Vielmehr gilt es, die Augen offen und das Pul­ver trocken zu halten, um im Falle erneuter Gefahr mit voller Energie und Wirkung an deren Befestigung Mitarbeiten zu helfen". Es wäre in der That inter ssant, zu erfahren, gegen wen die .Post' ihr Pulver trocken halten will.

* Dem Herrenhause ist folgender Entwurf eine» Gesetzes, betreff, die Verleihung von Korporations­rechten an Ordens-Niederlassungen der katholischen Kirche zngegangen:

Wir Friedrich, von Gottes Gnaden König von Preu­ßen rc. verordnen mit Zustimmung der beiden Häuser de» Landtags Unserer Monarchie was folgt. Einziger Para­graph. Den nachbenannten Niederlassungen der geistlichen Orden und ordensähnlichen Kongregationen der katholischen Kirche, und zwar: 1) der Niederlassung der Benedikti­nerinnen zu Fulda, 2) den Niederlassungen ber Con- gregatio Beatae Mariae Virginia zu Essen und Paderborn, 3) der Niederlassung der Englischen Fräulein zu Fulda, 4) den Niederlassungen des Franziskaner-Orden» zu Paderborn, Rietberg, Warendorf und Wiedenbrück, 5) der Niederlassung der Schwestern der christlichen Liebe zu Paderborn und 6) den Niederlassungen der Ursulinen zu Breslau, Köln, Dorsten, Duderstadt, Erfurt, Fritzlar, Liebenthal und Schweidnitz werden hierdurch die Korpora­tionsrechte verliehen. Urkundlich unter Unserer Höchsteigen­händigen Unterschrift und beigedrucktem königlichen Jnstegel. Gegeben rc. Beglaubigt: Der Minister des Innern ». Puttkamer. Der Justizminister v. Friedberg. Der Mini­ster der geistlichen rc. Angelegenheiten v. Goßler.

In ber Begrünbung wird gesagt: Die kirchen­politische Novelle vom 29. April 1887 bestimmt im Artikel 5 $ 4: „Das vom Staate in Ver­wahrung unb Verwaltung genommene Vermögen ber aufgelösten Nieberlaffungen wird den betreffen» bett wieder errichteten Niederlassungen zurückgegeben, sobald dieselben Korporationsrechte besitzen und in rechtsverbindlicher Weise die Verpflichtung zur Un­terhaltung der Mitglieder der aufgelösten Nieder­lassungen übernommen haben. Schon vor b.r Er­füllung dieser Voraussetzung kann denselben die Nutznießung dieses Vermögens gestattet werden." Nach dieser Bestimmung haben die durch das Ge­setz vom 31. Mai 1875 ergriffenen Niederloffun- gen der Orden und ordensähnlichen Kongregatio­nen, welche mit ihrer Auflösung die Korporations­rechte, soweit sie solche beseffen, verloren haben, die letzteren nicht schon durch ihre gemäß Artikel 5 ber Novelle vom 29. April 1887 erfolgte Wiederzu- lcssung wieder erlangt. Sollen diefen Niederlassun-

— unb, wer mir so wenig vertraut, daß ihm mein ehrliche» Wort nicht genügt, dem vertraue ich auch reicht mehr. Herr Rohlfsen sollte wissen, daß ich e in er Infamie nicht fähig bin; — kann er diesen Glauben nicht ohne Weitere» fassen, fo ist das ein Unglück, das mich am Härtesten trifft."

„Unb wollen Sie nicht etwas mir erklären?" fragte Herr Berkefelb gütig.

„Wie gern thäte ich'»", versicherte Leo sanft, aber ich bars'» nicht, benn, was ich meinem Schwiegervater verweigert, kann ich unmöglich Ihnen gewähren. Sie sehen ba» ein, unb zürnen mir darum nicht?

Herr Berkefeld blickte einen Augenblick lang vor fich nieder, dann wandte er sich zum Gehen und fragte kühl:

„Sie werden Sich bi» morgen beruhigt haben, und bann roieber im Komtoir erscheinen? Sie wissen, wie sehr viel gerade augenblicklich zu thun ist?"

Leo stand eine Weile, wie in qualvoller Be­wegung, dann sagte er rasch, während er feine Hand, die glühend heiß war, auf die seines Prinzi­pals legte: „Wne große Bitte hab' ich an Sie, Herr Berkefeld. „