Jfo 86 Sonnabend, den 14. April. 1888
filiiatr
Dir Fuldaer, Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Ubonnementtpreir ohne Bringerlohn uick Bestellgeld: 1 R. 50 Pf., «it der belletristischen Wochenbrilaze »Stern« und Blumen' in Fulda 1 R. 70 Pf., auSwärtS 1 M. 75 Pf.
Inserate: Die einspalttge Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
77 Der Adrefsenfturm,
welcher von einigen übereifrigen Bismarcksenthu- siasten in Bewegung gesetzt worden ist, scheint einem kläglichen Fiasko entgegsnzugehen. Selbst einige der ärgsten nationalliberalen Skandalmacher in der Presse verweigern bei diesem Feldzugs die Heerfolge und erklären offen, daß diese Art der Einwirkung auf den Kaiser „unstatthaft" und „bedenklich" sei, daß es nicht angehen könne, durch eine Art „Plebiszit" einen Druck auf den Kaiser auszuüben. Außer der .Kreuzztg/ hat auch ein süddeutsches konservatives Blatt diese Adressen- bewegung „scharf getadelt", weil fie „entschieden über das Ziel hinausschießs, aller Loyalität gegen den herrschenden Kaiser widerspreche und dann auch offenbar dem Kanzler nur schaden könne". In denjenigen Kreisen aber, w lche die Fäden der ganzen anti-kaiserlichen Jntrigue in der Hand halten, scheint man gegen solche Ewägungen völlig taub zu sein; sonst hätte man ganz gewiß dem Fortgang dieses „nationalen" Spektakels Einhalt gebieten können. Der offiziöse Telegraph hat stch sogar beeilt, aller Welt Kunde zu geben von der neuesten Taktlofigkeit, welche die „Nationalen" in Breslau begangen haben. Die Depesche hat folgenden Wortlaut:
„Eine von 1500 Personen besuchte Volksversammlung beschloß, eine Bittschrift an den Kaiser zu richten, worin ausgesprochen wird, der Kaiser möchte, wie deffen Hochseliger Vater, den Reichskanzler nie aus den Diensten entlaffen."
Diese Meldung des „Wolff'schen Telegraphenbureau" ist charakteristisch für die ganze Bewegung. Dem Kaiser wird es als der Wille und Wunsch des „Volkes" berichtet, er möchte den Kanzler nie (!) aus den Diensten entlaffen. Da es aber dem Kaiser gar nicht beigefallen ist, den Kanzler aus freien Stücken „entlassen" zu wollen, da vielmehr der Kanzler mit seinem Rücktritt gedroht hat, für den Fall, daß man seinen Wünschen und Rathschlägen nicht Folge leiste, so will das anmaßende Bittgesuch der Breslauer „Nationalen" nichts anderes bedeuten, als: der Kaiser müsse sich stets den Anträgen und Wünschen und Vorstellungen Bismarck'« fügen, um ihm ein ewiges Verbleiben im Amts zu ermöglichen. Es ist Wahnsinn zwar, aber der Wahnsinn hat Methode. Von einer Adresse an den Reichskanzler, dahin gehend, Fürst Bismarck möge im nationalen
MerdMeriger Kl«.
Erzählung von E. H.
(9. Fortsetzung.)
Der junge Mann legte die Hände zusammen, und sagte dann mit verzweifelter Geberde: „Ihr haltet mich nicht zurück?! — So muß ich denn gehen."
„Trotz um Trotz!" versetzte Rohlfsen. „Doch glaub' ich, ist der meine mehr werth, als der Deine. Geh'!"
Heftig preßte der alte Mann die Tochter in seine Arme, während Leo sich wandte und langsam das Zimmer verließ.
„Mein Vater!" flehte Babette.
„Mein Kind," sagte er, „Wer Dich so leicht tofgiefct, war Deiner nimmer werth. Nun glaube sch an keinen Menschen mehr." Er neigte das Haupt, um seiner Tochter die ©tim zu küssen, tob langsam rann eine Thräne ihm über die fahle Wange in den grauen Bart.
. Am andern Morgen begab sich Herr Rohlffen m gewohnter Weise ins Komtoir seines Prinzipal». Auf feinem Men ebenen Gesicht hätte man heute mchts mehr von der Gemüthsbewegung des ver- lvichenen Tages zu bemerken vermocht. Gehörte
Interesse niemals, und am allerwenigsten in dieser schweren Zeit, dem Kaiser seine Dienste kündigen, haben wir bisher noch nichts gehört. Unsere Ansicht geht dahin, daß der Kaiser sowohl als auch der Reichskanzler dies alles mit sich selbst aus- machen müssen, und daß ein Petitionssturm weder nach der einen noch der anderen Richtung einen Zweck haben kann, aber vom monarchischen, königstreuen Standpunkte wäre doch eine ernstliche Bitte an den Kanzler weit eher angebracht, als die taktlose, unehrerbietige Vorstellung an den Kaiser selbst.
Der ganze künstliche Lärm in Zeitungsartikeln sowohl al» in Adressen und Versammlungen hat nichts Andere» zur Voraussetzung als ein hochgradiges Mißtrauen in die Einsicht oder in den guten Willen des Kaiser». Die Battenberger Affaire bleibt hier völlig aus dem Spiele, denn es handelt sich um eine prinzipielle Frage, um eine Frage, die tagtäglich bet jedem neuen Anlasse aufs Neue auftauchen kann, wie ja auch die Breslauer Manifestanten schon von vornherein eine unabsetzbare, lebenslängliche Anstellung Bis- marck's beanspruchen. Der oberste Herr und Meister in Deutschland wie in Preußen ist und bleibt der Kaiser und König, sein erster Diener ist der Reichskanzler und preußische Ministerpräsident. Wer dennoch dem Kaiser zu- muthet, einem so willensstarken, unbeugsamen Manne wie Bismarck eine geradezu unabsetzbare Stellung zu garantiren, der schwächt die kaiserliche Autorität selbst. Der Kaiser muß allzeit völlig freie Hand behalten in der Wahl seiner Staatsdiener. Und selbst eine nachweisbare Volksmehrheit könnte ihm niemals in dieser Hinsicht irgendwelche Vorschriften machen. Das ist eben die Stellung des konstitutionellen Monarchen, wie fie kein Anderer al» Fürst Bismarck selbst mehr als einmal mit der größten Schärfe gegenüber etwaigen Bestrebungen -zur Herbeiführung einer Parlamentsherrschaft zum Ausdruck gebracht hat. Hat man das heute völlig vergessen? Was aber gewisse „nationale" Kreise jetzt herbeisehnen, das geht unendlich weit über eine parlamentarische Regierung hinaus, wie wir fie etwa in England haben, denn es bedeutet Minister- und Kanzler- Absolutismus. Noch einen weiteren Punkt, der die gegenwärtige „nationale" Agitation, wenn auch nicht offen ausgesprochen, so doch deutlich genug
doch jeder seiner Wochentage — bis auf wenige Abendstunden — dem Hause Berkefeld; und kaufmännische Geschäfte haben mit Gefühlen wenig zu thun. So war denn auch Rohlfsen heute wieder ganz Geschäftsmann, und während er mit leicht gesenktem Haupt dahinjchrttt, dachte er über die ihm zunächst für den Vormittag obliegenden Geschäfte seines Hauses nach.
Aber im Komtoir mußte er seinem ehemaligen Schwiegersohn begegnen. Wie ein Blitz fuhr ihm der Gedanke daran durchs Hirn, und überwälttgte ihn plötzlich dermaßen, daß er sich an dem eisernen Geländer eines alten Patrizierhaufes halten mußte, um nicht zu fallen. Er war, als fei er diesem Gedanken seither geflissentlich ausgewichen, wenn solches überhaupt möglich wäre. Die Sonne fiel grell auf den Sandsteinplatten des Trottoirs, es flirrte ihm vor den Augen, und eine unsägliche Wehmuth trat in sein Herz. Nicht mehr offen in dieses Jünglings freundliche Augen blicken zu dürfen, nicht mehr feinen frohen Morgengruß empfangen, nicht mehr hinterrücks die Schritte hören zu dürfen, die sich an jedem Tage oftmals feinem Pulte näherten, und deren Ursache in jener Liebe lag, die in den kalten ernsten Räumen nur zu oft die Gelegenheit suchte, ihm im Drange und der
erkennbar, beherrscht, wollen wir kur; berühren. E» ist dies die von Vielen augenscheinlich angestrebte und sozusagen als selbstverständlich vorausgesetzte Erblichkeit der Reichskanzlerwürde, in dem Sinne, daß der älteste Sohn des Kanzler», Herbert Bismarck, nach dem Tode seines Vaters die Kanzlerschaft übernehmen würde. Wer kann wissen, welchen Mann der Kaiser zum Nachfolger Bismarck's bestimmen wird? Wenn Graf Herbert Bismarck der geeignetste sein wird, so kann es ihn treffen, ebensowohl aber auch einen anderen. Er ist deßhalb nicht einzusehen, was der von der Presse immer wieder in Aussicht gestellte Rücktritt der „Familie Bismarck", de» Reichrkanzlers mit seinen beiden Söhnen und seinem Schwiegersöhne, bedeuten soll.__________________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 13. April.
* Die Kaiserin Victoria empfing heute Nachmittag im Schlosse zu Charlottenburg die Mitglieder de» Ausschusses des Comttör zur Unterstützung der Ueberschwemmten in den deutschen Stromgebieten unter Führung des Ober- prästdenten Dr. Achenbach und des Oberbürgermeisters von Forckenbeck. Nachdem sich die Kaiserin über den Umfang der bisherigen Sammlungen Bericht hatte erstatten lassen, ertheilte sie ihre Zustimmung zu dem Ersuchen des Oberpräsidenten, das Protektorat über das nunmehr zur Centralstelle für ganz Deutschland gewordene Comits an- zunehmm. Aus dem vom Oberbürgermeister erstatteten Bericht ist zu entnehmen, daß der Cassenbestand augenblicklich 990000 Mk. beträgt. Die Berliner Hauscollecte dürfte auf mehr als 400000 Mk. anzuschlagen sein, so. daß die that- sächlich verfügbare Summe, zuzüglich der noch von der Hauscollecte ausstehenden 80000 Mark, auf 1070000 Mk. steigt.
* Die Ausführungs-Bestimmungen zum Stellvertretungs-Erlaß sind nach der,Kreuz;tg/ nunmehr erlassen. Dieselben sollen genau bestimmen, in welchen Angelegenheiten die Stellvertretung zu erfolgen hat. Eine allgemeine Stellvertretung des Kaisers durch den Kronprinzen, wie solche in der Stellvertretungs - Ordre des Kaisers Wilhelm vorgesehen war für Zeiten der Behinderung, ist durch den Stellvertretungs-Erlaß de» Kaisers Flierich ausgeschlossen.
Hast der Geschäfte ein herzliches Wort zuzuflüstern. Das Alles entbehren zu müssen? — Und wenn Leo wirklich unschuldig wäre?! — Unausdenkbarer Gedanke! —
Er trat ins Komtoir; sein Blick flog scheu hinüber zu dem Pulte Leo's; er athmete erleichtert auf, der junge Mann war nicht erschienen, die erste peinliche Begegnung blieb ihm noch erspart.
Nachdem Rohlfsen in Eile, die ersten Arbetten — deren sofortige Erledigung ihm sein Ressort zur unabweislichen Pflicht machte — vollendet, begab er sich in das Privat-Bureau seines Chefs, und suchte um die Eclaubniß nach, für ein paar Stunden das Komtoir verlassen zu dürfen.
Der Chef lächelte freundlich. „Es muß eine sehr wichtige Angelegenheit sein, die Sie während der Geschäftszeit das Komtoir verlassen heißt," meinte Herr Berkefeld, der mit seinem getreuen Buchhalter alt und grau geworden war, in launiger Weise. „Es ist wohl das erste Mal feit fündundzwanzig Jahren. Doch," unterbrach er sich plötzlich, sehr ernst werdend, als er den alten Mann genauer angeblickt, „ich will nicht hoffen, daß eine unangenehme Angelegenheit .... mein Gott, lieber Rohlfsen, was ist Ihnen?"
„Nichts," erwiderte Rohlfsen, mit Mühe sein