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M 85. Freitag, den 13. April. 1888

aufs Bestimmteste erklärt haben, er werde keiner Aufforderung, seinen Posten zu verlaffen, Folge leisten, sondern nur der brutalen Gewalt weichen. Ec befinde fich mit seiner Regierung in völliger Harmonie und nur die Majorität der Sobranje können ihn zu einem Wechsel bestimmen.

* Der König von Dänemark hat anläßlich seine» 70. Geburtstages eine Amnestie für Personen, welche wegen politischer Vergehen verurtheilt worden find, erlassen und die Einstellung von noch schwebenden Prozessen wegen solcher Vergehen be­fohlen.

* Rom, 11. April. Der hl. Vater hat den Cardinal Schiaffino an Stelle des verstorbenen Cardinals Martinelli zum Präfecten der Index- congregation ernannt. Diese Ernennung hat sehr angenehm berührt, da dieser Kirchenfürst sich nicht nur durch große Gelehrsamkeit und theologische Tüchtigkeit auszeichnet, sondern auch auf dem Gebiete der auswärtigen, nicht spezifisch römischen Wissenschaft sehr bewandert ist. — Die Verhandlungen mit Rußland werden jetzt de­finitiv in Rom geführt und zwar zwischen Herrn Iswolski und Msgr. Agliardi, dem Sekretär der Congregation der außerodentlichen Angelegenheiten, — doch find dis Nachrichten, welche darüber ver­breitet werden, zum Theil nicht richtig, zum Theil verfrüht.

* Zwischen dem russischen Finanzminister und der belgisch-französischen Finanzgruppe finden neuerdings Verhandlungen wegen Aufnahme einer größeren Anleihe statt.

* Stanley scheint definitiv verschollen zu sein. Die Congoregierung in Brüffel hat am Montag Nachrichten au» Wadelai erhalten. Die­selben sind vom Ende August datirt und geben Kunde von dem Wohlbefinden Emin Paschas. Irgend welche Mittheilungen über das Schicksal Stanley« sind nicht eingetroffen.___________________

„Es waren einmal zwei Königs-

kinder. .

Amor, der Liebesgott, und Bismarck, der Kanzler von Blut und Eisen — wer hätte ge­dacht, daß diese beiden grundverschiedene Elemente aufeinanderstoßen könnten, daß der Schalk Amor fich sogar unterstehen werde, dem gestrengen Heim Reichskanzler Knüttel vor die hochpolittschen Räder zu werfen.

mit dem Ungefähr auf der großen Handelsstadt des Lebens." Und wärmer werdend, sagte er: „Mein Sohn, hüte Dich selber vor Einbuße, aber verarge es auch Andern nicht, wenn sie den Schein vom Sein zu trennen suchen. Ich roiC Deinen Pflegevater holen lassen — wenn Du willst, sofort. Rasch enden wir die unerquick­liche Affaire, und wenn Du verläumdet bist, fitzen wir schon beim Nachmittagskaffee wieder in atter Freude und altem Behagen zusammen."

Der Alte wollte Leo die Hand reichen, wie schmerzliche Rührung und tiefes Mitleid lag e» in seinen Zügen, aber der junge Mann wehrte ihm ab; matt streifte sein Auge die erzitternde Gestalt seiner Braut, dann sagte er mit fester, wenn auch leiser Sttmme:

„Der schöne und unzertrennliche Genosse der Liebe ist da» Vertrauen. Echte Liebe kann nicht zweifeln. Der Zweifel ist ein elender Geselle, der nichts weiß und nichts kann, die Liebe aber weiß Alles und kann Alle». Laß uns rechnen am Komptoir, Vater — in diesen Mumm rechne ich nicht. Ich lasse mich selbst von Dir nicht au» einem Himmel in die dumpfe, nüchterne Geschäft«- weit winken. Wär'» umgekehrt, wär't Ihr bei mir verlmmdet, ich würde der Verleumdung lachm.

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Deutsches Reich.

Berlin, 12. April.

* Der Kaiser hat auch die Nacht zu heute nur mit Unterbrechungen geschlafen, so daß das Allgemeinbefinden zu wünschen übrig läßt. Die Aerzte konstatirten bei der heutigen Visite, daß die Geschwulst im Halse etwas zugenommen habe und das örtliche Uevel überhaupt im Zunehmen begriffen sei. Er dürfte dies auf die Anstrengungen zurückzuführen sein, denen sich der Monarch bei der gestrigen l^/zstündigen Konferenz mit dem Fürsten Bismarck unterzogen hat. — Die Kaiserin begiebt sich demnächst nach den Ueber- schwemmungsgebieten der Nogat und der Elbe.

• Das Abgeordnetenhaus nahm heute eine Anzahl kleiner Vorlagen in zweiter Lesung an und überwies die Kreis- und Pcovinzial- ordnung für Schleswig-Holstein an eine 21er Kommission. Der morgige Tag bleibt für Kom- misfionsbecathungen reservlrt. Sonnabend: kleine Vorlagen, Anträge und Petitionen.

* Die .Köln. Vztg.' erhält folgende Zuschrift: „Mehr als vier Wochen sind bereits seit dem Tode »nseres allverehrten Kaisers dahingegangen, und noch (immer will die Hochfluth der durch das erschütternde Er- eigniß hervorgerufenen Nachrufe, Lieder, Bilder u. s. ro. kein Ende nehmen. Es liegt mir gewiß fern, an jenen, in den Trauertagen erschienenen, von der Stimmung des Augenblicks diktirten poetischen Gefühlsergüfsen allzu strenge Kritik zu üben, und eben so wenig will ich den illustrirten Zeitungen die Berechtigung absprechen, von ihren „Spe- . , zialzeichnern" mehr oder weniger schlechte Darstellungen des Sterbelagers, Trauerzuges u. s. w. ihren Lesern zu bieten. Das Publikum verlangt eben in unserer lieder­und bildersüchtigen Zeit derartige Dinge und ist auch mit der schlechtesten Dutzendwaare, der man die Augenblicks­arbeit nur zu gut anmerkt, zufriedengestellt. Empört aber muß man sich abwenden von dem Treiben gewiffer Fir­men, die mit dem Schmerz um den Kaiser ganz offen ihr „Geschäft" zu machen suchen. Außer den wenigen wirk­lich guten und empfehlenswerthen Originalzeichnungen und Originalphotographieen des Sterbelagers und der Trauer- frierlichkeiten sehen wir dutzendweise Darstellungen, welche der Phantasie der betr. „Künstler" alle Ehre machen, wenig aber ihrem künstlerischen Gefühl und Können: Apotheosen in jedem Genre, nur durch die gleichmäßig schlechte Ausführung einander ähnlich, zeigen uns wahre Zerrbilder des tobten Kaisers; auf andern Bildern (Pho- tvgraphieen natürlich!) sehen wir ganz genau dargestellt, wie der Kaiser dem Fürsten Bismarck die letzte Unter­schrift gibt, wie die königliche Familie um das Sterbebett versammelt ist, und dergl. mehr Geschmacklosigkeiten und Taktlosigkeiten der schlimmsten Art! Dem musik-verstän­digen" Publikum stehen Kaiserhymnen und Trauermärsche

VilltMtkiger KI».

Erzählung von E. H.

(8. Fortsetzung.)

Babette war womöglich noch bleicher als ihr Bräutigam; sie hatte die feinen Hände, an deren einer der Verlobungsring blitzte, auf der Schulter ihres Vaters gefaltet, der gesenkten Hauptes da- stand. Sie sah Leo starren Blickes an, eine ent­setzliche Angst lag in diesem Blick, der nicht« Forschendes hatte, e» war, als befinde sie sich unter der bluterstarrenden Gewalt einer schrecklichen Bifion.

„Und Ihr glaubt," begann Leo mit matter Stimme, „an die Wahrheit dieser Worte?"

Er erhob die Rechte mit dem Briefe ein wenig. Eine kurze Pause trat ein.

„Es ist kein anonymer Brief," versetzte alsdann der alte Herr. „Der Mann, der diesen Brief rotieb, hat sich genannt, — es ist Dein ehemaliger Psiegevater."

„Dem ihr mehr glaubt, al» mir?" antwortete «o heftig.

Seine Züge veränderten fich auffallend, seine Langen färbten sich langsam wieder. Sr schlug M der Linken auf da» Blatt Papier.

von recht zweifelhaftem Werth zur Verfügung, die wahr­scheinlich schon lange im Pult auf den nächsten'.pafsenden Anlaß und einen wohlklingenden Namen harrten. Kaiser- Medaillen für die Uhrkette, Kaisermünzen für Bettelarm­bänder, Kaiserbroschen, sogar Kravatten (!) mit der letzten Unterschrift des Kaisers werden in den Zeitungen ange­priesen, — und was uns die nächsten Wochen in dieser Art noch alles bringen werden, das weiß der Himmel! Wahrhaft gute Portraits unseres Kaisers oder irgend sonst sinnige und geschmackvolle Erinnerungen an denselben möge man dem Publikum bieten, aber nicht derartige un­sinnige und schlechte Machwerke, die mehr die Heiterkeit als die Trauer wachrufen, zugleich aber die unlautern Absichten ihrer Verfertiger bezw. Verleger nur zu deutlich an der Stirne tragen. Jeder Billigdenkende wird sich von solchen unter dem Mantel des Patriotismus sich ver­bergenden Spekulationen entrüstet abwenden."

Das genannte Blatt begleitet diese Zuschrift mit folgender Bemerkung: Wir können uns der Beschwerde des Hrn. Einsenders nur anschließen. Uebrigen» hat er einige der schlimmsten Auswüchse des Geschäfts-Byzantinismus eigentlich noch zu schonend berüht. Wohl das Aergste auf diesem Gebiet ist eine von den aufdringlichsten Nuditäten wimmelnde „Apotheose."

* Kreuznach, 10. April. Die Herren, welche fich für die Idee eine» Denkmals zu Ehren des Raubritterpaares Hutten-Sickingen begeistern konnten, haben in ihrer jüngsten Festcomits-Sitzung den sehr vernünftigen Beschluß gefaßt, von einer allgemeinen Feier der Grundsteinlegung am 21. April abzusehen. Sie soll im engen Rahmen be­gangen werden und Einladungen nur an den Herrn Oberpräsidenten und die Regierungsbehörden in Coblenz und der Pfalz ergehen. Der eigent­liche Tag der Feier wird wahrscheinlich auch ver­schoben werden, da die Instandsetzung des Fest­platzes bis zum 22. Mai verschoben werden, da die Instandsetzung des Festplatzes bis zum 22. Mai nicht möglich sei. Es scheint demnach die ur­sprüngliche Begeisterung erheblich nachgelassen zu haben, was auch sehr erklärlich ist.

Ausland.

* Wien, 12. April. Der Zusammentritt der Delegationen von Oesterreich-Ungarn wird am 30, Mai zu Pest stattsinden.

• Budapest, 12. April. In der Umgebung Oedenburgs wurde heute Morgen ein kurzes Erd­beben verspürt; aus Eisenstadt meldet man, daß mehrere Häuser zertrümmert seien. (Fr. Z.)

* Der Bulgarenfürst Ferdina nd soll kürzlich

„Antworte, Babette — Du setzest den Werth dieses Geschreibsels über den der Rechenschaft und Treue Deine» Verlobten, der Dir nie Veranlassung gegeben, an seiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln? So sprich doch I"

Sie wollte sprechen und vermochte e» nicht; ein schwerer Seufzer drängte fich Über ihre Lippen: sie wollte sich ihm nähern, aber ihr Vater erlaubte es nicht.

„Beweise, daß Du schuldlos bist," sagte dieser. „Ich will den Mann, der diesen Brief schrieb, hierher rufen lassen — er meint ja ohnehin —" höhnisch sprach er die», „daß e» eine» Ausgleichs zwischen uns bedürfe. Du magst Stirn gegen Stirn für Deine Unschuld eintreten, ich will Euch hören, Beide, Dich und ihn — und sofern Jener die Unwahrheit sprach, ihn zur strengsten Verant­wortung ziehen. Was willst Du mehr?! Kann ich gerechter handeln? Oder ist meine Tochter, Deine Braut, ein so werthlose» Gut. für Dich, daß Du Dich nicht entschließen könntest, ihretwegen ein paar kurze Augenblicke an da» Peinliche und Unbequeme zu setzen? Du bist ein berechnender Kaufmann wie ich — hast was gelernt von mir, will ich meinen, dem» Du warst ei» aufmerksamer und gelehriger Schüler — lerne nun auch rechnen