Donnerstag, den 12. April.
1888
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X Zur Kanzlerkrifis. *)
Die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit dem Prinzen Alexander von Battenberg, welche im Beisein der Königin von England am 12. April, dem Geburtstage der Prinzessin, stattfinden sollte, ist in Folge der energischen, durch eine 30 Seiten lauge Denkschrift unterstützten Bemühungen des Reichskanzlers vorläufig nur vertagt worden. Aufgegeben ist der Plan nicht, und wenn „natio- nale" Blätter mit großem Vergnügen einem Züricher Blatte den Satz nachdrucken, „der Kaiser habe seinen Stolz und seinen Willen gebeugt, um seinem Hause und seinem Staate den ältesten, treuesten Diener zu erhalten," so war diese Botschaft ver- ftüht und deshalb um so taktloser und respektwidriger. Au» den meist sehr geschraubten und flch theilweise widersprechenden Nachrichten der für unterrichtet geltenden Blätter geht zweifellos das Eine hervor, daß die Angelegenheit zunächst vertagt ist, ja man spricht von etwaigen zukünftigen Umständen, welche die politischen Bedenken gegen die Hei- rath beseitigen könnten. Man sollte nun glauben, der Reichskanzler könne mit diesem .Erfolge seiner Bemühungen zufrieden sein, und die „nationale" Presse, welche sich von gewiflen Oberojfiziösen zur Erregung eines interuationalen Skandals hat gebrauchen laffen, gleichfalls. Aber entweder hat Fürst Bismarck dem ganzen Heirathrprojekt schon gleich auch für alle Zukunft den Garaus machen wollen, oder der Konflikt hat bereits umfaffendere Dimensionen angenommen r soviel steht fest, daß die Kanzlerkrisis nicht nur nicht beseitigt ist, sondern daß in diesem Augenblicke noch stärkere Mittel, als der von der .Köln. Ztg.' eingeleitete Preßskandal zur Durchsetzung de» Bismarck'schen Willen» und zur Befestigung seine» maßgebenden Einflusses für nüthig gehalten werden. Der osfi- liefe Berliner Telegraph verbreitet nämlich nachstehende Depesche au» Leipzig, welche sich wie ein Nothschrei de» bedrängten kartellparteilichen Einflüsse» ausnimmt:
„In hiesigen nationalen Kreisen >st eine Adresse an ben Reichskanzler Fürsten Bismarck in Vorbereitung, in welcher der dringende Wunsch nach seinem Verbleiben im Xmt«, sowie das rückhaltlose Vertrauen ausgesprochen wird, daß Kaiser Friedrich in seiner allgemein »«ehrten Weisheit und hochherzigen Hingebung an die v«b«n Interessen der Nation Mittel und Wege finden
*) Nachdruck nicht gestatt«t.
Sirtblättnigtr Klee.
Erzählung von i. H.
(7. Fortsetzung.)
Herr Rohlssen lud mit einer steifen Handbe- wegung zum Sitzen ein. Leo bekam seinen Platz zwischen dm beiden alten Leuten, die junge Dame, stine Braut, saß ihm gegenüber. Dem jungen Manne wurde e» von Minute zu Minute unbc- «glicher in dem ihm sonst so vertrauten Kreise. . *r suchte die Blicke Babetten», aber diese senkten - W scheu vor den feinen, und schienen jede Ans- mnft beharrlich verweigern zu wollen. Wäre Leo w# Sohn der „großen Welt" gewesen, ein Mann «* Biegens oder Brechen», voll selbstbewußter •?ttßie, so hätte er wohl unverzüglich des Räthsels ■ ^!ung ungestüm verlangt; aber da» war er nicht, W Ew so ljxß sich sein sanfter Sinn gefangen nehmen !**■ unheimlichen Eigenart der ihm ungeahnten Situation. Wie ein Alp lastete t» ihm . der Brust; er war keim» Worte» mächtig wie betäubt saß er, jeden Augenblick erwar- daß etwa» Ungeheuerliche» sich vor ihm «wickeln werde.
Babette servirte wie immer den Thee. Ihre «chsbleiche Hand zitterte, als sie ihrem Bräu-
roerbe, einen so un ersetzliche n° Verlust von Deutschland abzuwenden. Die Adresse soll öffentlich zur Unterzeichnung ausgelegt werden."
Offen gestanden sind wir durch diese Mittheilung nicht überrascht, ebensowenig wie wir überrascht sein werden, wenn die „nationalen" Parteien in Zukunft noch weit schärfere Mittel gegenüber dem Kaiser und dem kaiserlichen Hause zur Anwendung bringen. Da» war vorauszusehen bei den Leuten, welche „national" für gleichbedeutend halten mit „bismarckisch", und deren Regierungsfreundlichkeit sich geradezu an die Bedingung knüpft, daß Bismarck der maßgebende Faktor der Regierung bleiben soll. Wenn nicht etwa eine energische Willensäußerung von höchster Stelle dieses Treiben schon int ersten Keime erstickt, so werden wir in der nächsten Zeit allenthalben im Reiche eine „nationale" Unterschriftensammlung erleben, gerade so wie gelegentlich der Bismarckspende peinlichen Angedmken». Ob aber auch Alle, welche vielleicht in der ersten Hitze diesem Bittfchriftensturm zujubeln, sich klar machen werden, was da» Ganze bedeutet? Die Adresse soll an Bismarck gerichtet werden, ihre eigentliche Adresse ist aber der Kaiser. Und zwar wird dem Kaiser, wenn auch in der ehrerbietigsten Form und mit den schönsten W»rten, insinuirt, daß er sich der vollen Tragweite seiner Haltung gegenüber dem Reichskanzler nicht bewußt sei. Oder wäre eine solche Adresse überhaupt nothwendig, wenn man da« „rück- haltSlose Vertrauen" zumKaiser hätte, daß er Mittel und Wege finden werde, einen so uner- sötzlichen Verlust von Deutschland abzuwenden? Eine solche Kundgebung kann nur der Befürchtung entspringen, daß die Mittel und Wege zur Erhaltung de» Kanzlers nicht gefunden werden möchten. Ein wahrer Patrio.t kann fich dieser in ihren Endzielen nur zu leicht zu durchschauenden Kundgebung, welche einer Pression gegenüber der Krone so ähnlich sieht, wie ein Ei dem anderen, nicht anschließen. Wer wirkliches Vertrauen zum Kaiser hat, muß wissen, daß er auch ohne eine solche „nationale" Belehrung da» Richtige treffen und da» Interesse de» Vaterlandes stets getreu wahren wird. Die „nationale" Presse stellt sich überhaupt nachgerade so an, als ob Kaiser Friedrich den Kanzler entlassen wollen, während doch in Wahrheit der Kanzler es ist, welcher die Entlassung will, wenn man ihm nicht nachgibt.
ttgam die feine chinesische Schale mit dem duftenden Trank reichte. Da» Geschirr war ein Geschenk de» Herrn Berkefeld, und in Honkong sehr theuer erstanden; Leo kannte e» wohl, und e» war überflüssig, daß er tem bunten Vogel der auf das feine Porzellan gemalt war, in diesem Augenblick eine so besondere Aufmerksamkeit zuwendete. Traurig ruhten eben in diesem Augenblick die treuen Äugen feiner Braut auf ihm.
Die Herren pflegten beim Frühstück nach der ersten und einzigen Tasse Thee sofort zum Wein überzugehen: — so wollte cS der Gebrauch im Hause de« Herrn Rohlffen. Still füllte der alte Herr seinem Schwiegersohn das Gla». Dann sagte er, wie um Etwas zu sagen: „Angenehmer Morgen."
Leo blickte mechanisch zum Fenster hinaus. Es regnete nicht, da» vermochte er mit einiger Anstrengung zu entdecken, wenn auch der goldene Strahl der Morgensonne für ihn kein Ltcht hatte. „Ja", preßte Leo hervor, um dann hastig sein Gla» zur Hälfte zu leeren. Er hatte manchen Morgen durchlebt, der angenehmer al» dieser gewesen war.
„Etwas Roquefort-Käse?" fragte der Alte.
Es war unferm Leo, al» müsse er den ihm
Wir erblicken in dem ganzen Auftreten gewisse „nationaler", insbesondere nationalliberaler Kreise bei diesem Anlaß ein wohldurchdachtes egoistisches Parteimanöoer. Man hat diese delikate Familienangelegenheit des deutschen Kaiserhauses in die O-ffentlichk-it latxirt, in ganz Europa an die große Glocke gehängt, um die Oeffentlichkeit in dieser Verlobungsangelegenheit als Hochdruck benützen zu können. Ja, man hat absichtlich ein Blatt von großer internationaler Verbreitung gewählt, um die Angelegenheit in der geeignet scheinenden Beleuchtung aller Welt mundgerecht zu machen und es dadurch für die nächstbetheiligte kaiserliche Familie fast zur Unmöglichkeit zu machen, eine Entscheidung in anderem Sinne zu treffen.
Uebrigens tritt es mit jedem Tage klarer hervor, daß es fich bei der ganzen Krisis um mehr handelte und noch handelt, als um das Battrn- berg'fche Verlobungsprojekt. Ausdrücke in offiziösen Korrespondenzen wie die, der Fürst wollte ein Exempel statuiren und diese Gelegenheit nicht vorbeigehen laffen, ohne sich für alle Zukunft freie Hand zu sichern, ferner, es handle sich um die Frage, ob er feine Politik weiter führen könne oder nicht, wobei doch offenbar an seine Gesammt- politik gedacht ist, entsprechen so ziemlich der Wahrheit. Es handelte sich eben um eine Kraftprobe, wie die ,Frkf. Ztg.' schon am ersten Tage, al» die Krisi» bekannt wurde, fich ausgedrückt hat, um eine Aktion, die für die fernere Stellung de» Kanzlers dem Kaiser gegenüber entscheidend sein sollte. Und in welchem Tone kanzelt die sog. „nationale" Presse (mit Ausnahme einiger besserer konservativer Blätter) alle diejenigen ab, welche nicht in da» allgemeine Horn blasen und den Bestand des Reiches von der Kanzlerwürde de» Hauses Bismarck abhängig machen wollen!
Wir können dieses ganze wüste Treiben, welche» nur in den Septennats wählen und bei dem bekannten Entrüstung-sturm seine» Gleichen gehabt hat (freilich mit wesentlich anderer Frontstellung) nur tief beklagen. Wir beklagen es um so mehr, al» dabei selbst die elementarsten Rückfichten nicht blos des Taktgefühl», sondern auch der schuldigen Ehrfurcht vor dem kaiserlichen Hause mißachtet werden.
präsentirten Teller zur Seite stoßen, aufspringeu, und in einem lauten Schrei seine Angst und Unruhe auflösen. Sin wüster Traum mußte ee ja fein, der ihn umfing — gewiß, e» bedürfte nur einer Anstrengung und er erwachte. Da» war ja nicht seine Babette, Jene mit den bleichen Wangen und den gerötheten Augen, die ihm gegenüber saß; da» war die alte Dame nicht, die „Tante" zu nennen, ihm zur freundliche^ Gewohnheit geworden; da» war auch der alte Rohlffen nicht, sein sonst so liebevoller Schwiegervater, der jetzt regungslos neben ihm faß, und so bedenklich drein schaute, al« habe da« Hau« Berkefeld am ver- wichenen Tage seine Wechsel unter Protest gehen lassen.
Endlich war da« traurige Frühstück vorüber. Kein Wort war gesprochen worden, außer den von un« verzeichneten. D«x Wein war fast unberührt geblieben. Rohlffen erhob fich — Leo that desgleichen mit einem schweren Seufzer.
Während die Tante mit behutsamer Hand das kostbare chinesische Theeservice zusammennahm — denn dem Dienstmädchen hätte sie die Behandlung nicht anvertraut — und Babette mit einer Hast, die ihr sonst durchaus nicht eigen war, da« Silbergeschirr zusammenraffte, bot der alte Buchhalter