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Dienstag, den 10. April.

1888

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Di« Fuldaer, Rettung' erscheutt täglich. Sonn, und Feiertag« -»«genommen. Brerteljährlicher «bonnemerttiprer, ohne Bnngerlohn und -me suro-er, S». g belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 R. 70 Pf., au«w«rtS I M. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bestellgeld: 1 M. 50 Pf.»

Abfahrt von Posen erfolgt Nachmittag 4 Uhr 44 Minuten und die Ankunft in Charlottenburg voraussichtlich Abends 9 Uhr 22 Minuten.

* Dem Abgeordnetenhause wird außer der Noth- standsvorlage demnächst auch eine k i r ch e n - politische Vorlage, betr. die Wiederge­währung der Korporationsrechte an Ocdensnieder- laffungen zugehen.

* Das Schullastengesetz soll nach einem Vorschläge der .Kreuzztg/ in dieser Session fallen aelaffen werden; man möge den dafür vorhandenen Ueberschuß von 20 Millionen für die lieber« schwemmten verwenden. Die Regierung soll je­doch nach der .Magdeb. Ztg/ an eine Zurück­ziehung der Vorlage nicht denken und unter keinen Umständen die zwanzig Millionen des Schullasten­gesetzes für die Ueberschwemmten verwenden wollen.

* Fürst Bismarck wird sich an einem der nächsten Tage nach Varzin begeben, um die durch das Hochwasser auf feinem Besitzthum angerichteten Schäden zu besichtigen und sich über die Her­stellung besserer Stau- und Freifluth-Anlagen schlüssig zu machen. Man vermuthet, daß der Fürst längere Zeit in Varzin sich aufhalten wird.

— Als präsumtiven Nachfolger des Fürsten Bismarck bezeichnet man in denjenigen Kreisen, in welchen man nicht an eine Beilegung der Kanzlerkrisis glaubt, den derzeitigen Statt­halter der Richslande Fürsten zu Hohenlohe.

• München, 9. April. Der Pcinzregenl spendete 10 000 Mark für die Ueberschwemmten. — Zur Reise des Prinz-Regenten in die Rheinpfalz wird Folgendes als bestimmt ge­meldet: Der Prinzregent wird am 4. Mai den Boden der Pfalz betreten, nachdem der Aufenthalt in der Stadt Aschaffenburg und der Besuch de» Großherzoglichen Hofes zu Darmstadt vorausge­gangen ist. Auf der Rückreise von der Malz Se. Kgl. Hoheit dem Gcoßherzoglich Badischen Hof in Karlsruhe einen Besuch ab. Der ursprüng­lich in Aussicht genommen gewesene Besuch des Königl. Württembergischen Hofes in Stuttgart ist dadurch zw ifelhaft geworden, weil der König Karl zur Z it sich nicht in Stuttgart befindet. (Nach dem .Bayer. Kur.' trifft der Prinz-Regent am 5. Mai auf Schloß Ludwigshöhe bei Edenkoben ein und nimmt während seine» Aufenthaltes in der Pfalz dort Wohnung. Von

So sorgfältig hatte unser Leo noch niemals Toi­lette gemacht, als an diesem Sonntage. Um 3 Uhr Nachmittag» sollte bei Herrn Rohlfsen zu Mit­tag gegeffen werden, aber schon um 11 Uhr Vor­mittags stand er vor dem Spiegel, um zu prüfen: ob zu seinem schwarzen Gesellschaftskleids der in der Frühe des Margens neu erworbene grau und weiß gestreifte Atlasshawl beffer stehe, als der fein gefaltete „Shsips" von schwarzer Seide. Kein Feld­herr konnte feine Dispositionen am Morgen eines Schlachttages mit größerer Umsicht und Gewissen- haftigkeit treffen, al» Leo solche an diesem Morgen angesichts der ihm bevorstehenden Gesellschafts-„Ba­taille" traf. Und ihm war auch zu Muthe wie einem Krieger, der in den Kampf zu ziehen hat. Ec schalt sich wohl ein Dutzend Mal einen Thoren seiner Unruhe und Erregtheit, und doch ver­mochte er die empört rinnenden Wellen seines Blutes ®i$t zu ruhigem Flusse zu bringen.

Die stahlgrauen Handschuhe, tadellos frisch und muber, waren endlich über die Hände unseres Hel­den gezwängt, dem schwarzen „Cylinder" zum so

Holdseligkeit ahnungsvoll längst errathen — von der seine Sinne geträumt, ehe er noch in ihre dunkel leuchtenden Augen geschaut hatte.

Was an diesem Tage des Weiteren nun mit unserem Leo vorging, davon war ihm selbst später nie eine klare Vorstellung geblieben. Wie eine dürftige, farblose Erinnerung erschien nachher sei­nem Verstände Das, was ferne Sinne und sein Herz so durstig getrunken. Er wußte sich am Abend nur dunkel zu entsinnen, daß die Bouillon, welche er am Mütagstische des Herrn Rohlfsen ein­genommen, ein wenig zu stark gesalzen gewesen — wenigstens nach seinem Geschmack; — daß er sein Weinglas umgestoßen und darob fast ebenso roth geworden, als die Tischdecke, über welche sich der röche J-rhalt de» Glases entleert; daß er sich mit dem gelehrten Bruder dcS Herrn Rohlfsen über die von Dr. Schliemann auf dem klassischen Boden Ilions unternommenen Ausgrabungen unterhalten, und daß ihm der Affenpinscher des Fräulein Rohlf- sen unmäßig häßlich vorgekommen sei.

So wenig huldvoll, so wenig zum Verschwenden geneigt war seither das Leden an ihm vorüber ge­gangen. Da hatte es ihn mit einem Male einen tiefen, tiefen Zug aus dem Becher feines Reich- thums thnn laffen, und berauscht war der des Trinkens Ungewohnte davongegangen. Mit E.s

VittdlAlkNgkk Kl».

Erzählung von <8. H.

(5. Fortsetzung.)

graffirenbe Schulwuth. „Mit den fonaUn Fragen eng verbunden erachte ich die der Erziehung der Heranwachsenden Jugend zugewandte Pflege. Muß einerseits eine höhere Bildung immer weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden, so ist doch zu vermeiden, daß durch Halbbildung ernste Gefahren geschaffen, daß Lebensansprüche geweckt werden, denen die wirthschaftlichen Kräfte der Nation nicht genügen können, oder daß durch einfettige Ec- strebung vermehrten WiffenS die erziehliche Auf­gabe unberücksichtigt bleibe. Nur ein auf der ge­funden Grundlage von Gottesfurcht in einfacher Sitte aufwachfendes Geschlecht wird hinreichend Widerstandskraft besitzen, die Gefahren zu über­winden, welche in einer Zeit rascher wirthschast- sicher Bewegung, durch die Beispiele hochgesteigerter Lebensführung Einzelner, für die Gesammtheit erwachsen." Möge das feinfühlende Herz, dem diese inhaltsreichen Worte entflossen sind, lange schlagen!"

* Die Kaiserin Viktoria ist beute pünktlich 1 Uhr in Posen eingetroffen. In Landsberg wurde die Maschine gewechselt. Daselbst wurde die hohe Frau sowie Prinzessin Viktoria vom Landrath Jacobs empfangen. Zu dem Amtsvor­steher Efchner sagte die Kaiserin, Kaiser Friedrich bebaute schmerzlich, nicht selbst haben kommen können, laffe aber Allen feinen Dank sagen. In Kreuz währte bet Aufenthalt 6 Minuten. Auch bort würbe bie Kaiserin von dem zahlreichen Publikum mit begeistertem Jubel begrüßt. Aus bem Bahnhofe in Posen wurde bie Kaiserin von ben Spitzen ber Ciml- unb Militärbehörden, von der Geistlichkeit aller Konfessionen, unter denen ber Erzbischof Dinder, Weihbischof Likowski unb Abgeordneter Hausprälat Dr. v. StablewSki be- sonberS bemerkt wurden, empfangen. Ein Go mite ber angesehenbsten polnischen Bürger hatte an bie polnische Einwohnerschaft Posens einen Aufruf gerichtet, worin gebeten wurde, die eintteffende Kaiserin unter Beiseitelassung aller politischen Rücksichten, in einer der erlauchten Fürstin wür­digen Weise zu empfangen. Die Abfahrt nach der Stadt erfolgte auf den Wunsch der Kaiserin im offenen Wagen. Anton von Werner, sowie Ober- pi äsident Achenbach befanden sich im Gefolge der Kaiserin. Der erste Besuch galt der Martinsfchule, wo die hohe Frau die Obdachlosen besuchte. Die und so vielten Male behutsam mit der Bürste die dem wichtigen Vorgänge ntsprechmde Glätte ge­geben - noch ein Blick auf die Uhr alsdann und Leo schritt dem Hause zu, in welchem ihm zur Zeit — es thut uns leid, die» sagen zu muffen — weder Herr Rohlfsen, noch sein gelehrter Bruder und die in Aussicht stehende Schwester deffelben — unter welcher Leo sich ahnungsvoll eine entsetzlich ehrbare Person vorzustellen für gut befand — im Entferntesten intereffirten, denn all' fein Sinnen, Erhoffen und Sehnen stand auf die Unbekannte, die Tochter Rohlfsen'».

Und nun stand er ihr gegenüber. Es waren auch sonst noch allerlei Menschen in dem Z'mmcr, in welchem Herr Rohlfsen feinen jungen Freund empfing — der gelehrte Bruder, die Schwester, eine freundliche Sechszigerin mit langen dunkeln Locken und hellen verständigen Augen, und ein früherer Kommis des Hauses Berksfeld, der nun an einem städtischen Bureau als Registrator mit sich und aller Welt in Unfrieden lebte, aber un­serem Leo roar’i, als sähe er alle diese Personen nur wie durch einen Flor — nur ein Wesen stand voll, kräftig und in scharfen Linien vor ihm, un­aussprechlich anmuthig, im Glanze ihrer Jugend unb Schönheit; die bisher Unbekannte, die das innerste Empfinden seines Herzens in ihrer ganzen

Deutsches Reich.

Berlin, 9. April.

• In einem Artikel: „Der Thronwechsel in Preußen und im Reiche" besprechen die „Historisch-Politischen Blätter" de« Hrn. Dr. I ö r g den kaiserlichen Erlaß an den Reichskanzler sehr sympathisch. Wir entnehmen den bezüglichen Aus­führungen die folgenden Sätze: „Der Erlaß ist sofort mit Arguraugen nach irgend einer Ver­neigung gegen die Seite der „kirchlichen und po» litischen Linken" durchsucht worden; das unbe­fangene Auge kann aber nichts davon entdecken. Allerdings spricht der Erlaß mit einer längst aus der Mode gekommenen Wärme von der Achtung vor der Reichs- und Landes-Verfaffung und der Volksvertretung; der hohe Verfaffer hält diese nicht für ein nothwendiges liebel, von dem man sich nicht imponiren lassen dürfe, sondern für eine unentbehrliche Beihilfe zur Lösung der Regierungs- Aufgabe. Aber man wird eine solche Anerkennung doch nicht für die Spezialität der Deutsch-frei­sinnigen ausgeben wollen? Jm Uebrigen geht der Erlaß nur auf eine einzige Frage, nämlich auf bie wirthschastliche unb fokale, näher ein, unb gerabe hier rebet er weder der Rechten noch der Linken zu Gehör, sondern er redet einfach die Sprache des gesunden Menschenverstandes. Ja, man kann sagen, diese Worte voll ebeler Offenheit heimeln nur in unseren Reihen an, sie stimmen nur mit ben Grundsätzen des Eentrum^ zusammen. Ober: kann es auf der Rechten, wo die Staats- Sozialisten nisten, und überhaupt dort, wo soeben noch die „beispiellose Ausdehnung des Staatsge- bankens in Preußen" bejubelt worben ist, beson­ders gefallen, wenn ber Erlaß sich zwar ben Ge­danken Wilhelm I. über bie soziale Reform cm- schsießt, aber ausdrücklich bemerkt, „ohne doch die Erwartung hervorzurufen, als ob e« möglich fei, durch Eingreifen der Staat» allen Hebeln der Ge­sellschaft ein Ende zu machen?" Aus der andern Seite aber: man weiß, welche Rolle bei den Liberalen die Schule in ber sozialen Frage fptlen soll. Seit ber ersten Lehrerversammlung im Kultur­kampf, bie Fürst Bismarck als „liebe Kampf- genossen", Minister Falk als „werthe Mitarbeiter" begrüßt, ist bie bekannte Phrase stänbig geworben. Ganz anbers spricht der kaiserliche Erlaß über die