M 81.
Montag, den 9. April.
1888
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Erzählung von S. H.
(4. Fortsetzung.)
IV.
mochte etwa ein halbes Jahr seit dem fo* erzählten Vorgänge verflossen sein. Der bchnee lag in den Straßen und auf den Dächern der Stadt, und um die Schiffe im Hafen drängte stch da» Treibeis.
Es war an einem Sonnabend Abend. Am xomtoire Berkefelb'» herrschte im Gegensatz zu h? mü^ri9en Geschäftsleben de« Tage« bereit«
1 3^u^e' Nur zwei Gasflammen brannten noch » großen Räumen, die eine über dem Pulte ^ohlffen'», die andere über dem Roofen'«. Der »rftere rechnete und summirte, leise vor stch htn- ,?"chend, lange Zahlenreihen. Leo saß eifrig über «iS driese, seine Feder glitt mit erstaunlicher
Würdigkeit über den Briefbogen. Außer dem i’“en der altmodischen Wanduhr, welche bald w cnlUrte Abendstunde zeigte, und einem ab und cl-n7 laut machenden Hüsteln unseres Leo, der Z “ne leichte Erkältung beim Schlittschuhlaufen Drogen, unterbrach kein Laut die ernste Stille
Bureaus.
Ubn^bIi^m^ien Hbrr Rolfsen mit seiner Kalku- °n zu Ende. Er machte stch noch einige Notizen ip» , pptJL dann da» große, schwere Handlung«.
iu. Darnach wischte er ziemlich umständlich
I schrift von 30 Seiten und einem Nachtrag zu derselben unterbreitet." — So wenig man in ernsten politischen Kreisen glauben will, daß 1 lediglich da« angebliche Projekt der Verlobung de« । Prinzen Alexander von Battenberg der wahre
: und einzige Grund der Mißstimmung ist, die den
Reichskanzler mit seinem Rücktritt drohen läßt, so ficher ist es anderseits, daß der Reichskanzler diese spezielle Frage zum Anlaß der Auseinander« setzung genommen und namentlich der Oeffentlich« leit gegenüber al» da» Entscheidende hingestellt hat. Da» zeigt ein Blick in die offiziösen Organe, die mit Feuereifer daran arbeiten, den Frieden und Bestand de« Reiche« al» durch diese» Projekt bedroht hinzustellen und unter deutlichen Anspielungen auf sehr hohe Persönlichkeiten den Makel der Reichrfeindschast allen denen anzuheften, die nicht sofort der Meinung find, daß Fürst Bismarck in diesem Punkt Recht behalten müsse. Der seit Jahr und Tag al» Privatmann lebende Prinz Alexander wird zu diesem Behuf plötzlich behandelt, al» ob er der eigentliche Fürst der Bulgaren und ihr Heerführer gegen Rußland sei. Demgegenüber schreibt die ,Voff. Ztg.': „Wir lassen die Auffassung, nach welcher der entthronte Prinz von Battenberg gewissermaßen al» Bulgarenfürst in partibus betrachtet wird, unerörtert; die Beweisführung mit seiner moralischen Verpflichtung, den Bulgaren in einem russischen Kriege Feldherrndienste zu thun, zeichnet sich nicht gerade durch überzeugende Stärke an». Wie dem aber auch sei, wir fragen: war e» unerläßlich, Dinge dieser Art, welche die zartesten Empfindungen des Fürstenhäuser berühren, mit der Lärmglocke einer Reichskanzler-Krisi» zur öffentlichen Debatte in ganz Europa zu ziehen? Kann wirklich irgendwo ein Mensch im Ernst glauben, daß es möglich sei, da» Wohl de» Deutschen Reiche» durch ein fürstliches H irathrproj ft zu gefährden? Liegt Anlaß zu solcher Befürchtung vor, so wird der Kaiser mit dem Reichskanzler sehr bald eine» Sinne« sein. Ist anderseits der Kaiser überzeugt, daß solche Befürchtungen grundlos find, so sind öffentliche Sonfliktrbetrachtunqen nach unserer Meinung da» untauglichste Mittel, die seine Feder au«, schloß seine Bücher in« Pult, ! nahm feine goldene Brille ab und sah dann zu Leo hinüber, der noch immer emsig schrieb. „Bald fertig, Roosen?" fragte der Buchhalter.
Leo sah auf. „In der Minute", erwiderte er. „Ich muß nur noch nachsehen, wie sich die Fracht für Mehl von hier nach Hüll stellt."
„Schreiben Sie nur," sagte der alte Mann freundlich, „damtt Sie fertig werden — ich will schon nachschlagen."
„Sie sind sehr gütig.“
Rohlfsen blätterte in einem Buche, in welchem die Frachtsätze notirt waren. „Es ist schon neun Uhr", sagte er in einer Art bedauernden Tone«. „Und Sie «ollen doch gewiß ein Gla» Bier trinken.“
Leo sah liebevoll zu dem alten Herrn hinüber. „Er kommt nicht darauf an", erwiderte er; „obgleich . ."
„Nun, nun, dafür ist man jung", unterbrach der Alte, immer blätternd.
Der Buchhalter wartete, bi« Leo seinen Brief beendigt, dann verließen sie zusammen da« Komtoir. Eine klare Mondnacht umwehte draußen die Beidm mit eisigen Schauern. „Wohin gehen Sie?“ fragte Rohlfsen seinen jungen Freund.
Leo nannte ein renontmirte« Bierlokal, da« vorzugsweise von jungen Kaufleuten frcquentitt zu werden pflegte.
„Gehen Sie allabendlich dahin?“
Deutsche- Reich.
Berlin, T. Sprit.
• Da« Befinden des Kaiser» war gestern und heute durch Kopfschmerzen gestört, wodurch auch der Schlaf de» Nacht» beeinträchtigt wurde. Die geistige Frische und der rege Appetit de« Kaiser« dauern aber fort. Die leisten entzündlichen Erscheinungen , welche zu Beginn dieser Woche im Innern de« Kehlkopf« auftraten, find noch nicht geschwunden, wcrhalb der Kaiser keine Gänge in’« Freie unternehmen kann und sich auf den Aufent« halt in der Orangerie beschränken muß. Der Au«wurf ist seit einigen Tagen ungefärbt und geringer geworden, auch sind jetzt keine Schluckte« schwerden vorhanden, über welche der Kaiser früher von Zeit zu Zeit geklagt hatte. Die Krankheit selbst scheint stch jetzt von der Hinteren Pattie de« Kehlkopfe« mehr nach vom gezogen zu haben. Die« wird von den behandelndm Aerzten im gegenwärtigen Stadium der Erkrankung al« ein relativ günstige« Symptom aufgefaßt, weil dadurch die Gefahr eine« Uebergreifen» der Krankheit auf die hinter dem Kehlkopfe liegende Speiseröhre, wodurch Emähmngsstörungm hätten eintreten können, abgewendet ist. 6« ist noch durchaus nicht bestimmt, daß der Kaiser nach Potsdam Übersiedeln wird, wahrscheinlich ist, daß er gleich von Charlottenburg nach Wiesbaden geht.
* Die Kaiserin Viktoria wird sich demnächst nach ben Ueberschwemmung«gebieten begeben. — I Die Kaiserin Augusta hat heute für die lieber» schwemmten eine zweite Gabe von 1000 Mk. bewilligt. Eine Gabe in gleicher Höhe ist von den großherzoglich badischen Herrschaften dem Vaterländischen Frauenverein überwiesen worden.
* In Betreff der Kanzlerkrisi« schreibt die ,Köl. Ztg.' neuerding«: „Fürst Bismarck hat die politischen Gründe, welche gegen die Verleihung eine« preußischen Armec-Corp« und de« Orden« pour le mSrite an den Battenberger und die Vermählung de« also ausgezeichneten Prinzen mit der Prinzessin Vcktoria sprechen, zugleich mit Innern Eventual-Entlassung»gesuch am Rittwoch-Morgen dem Kaiser in einer Denk»
Meinungsverschiedenheit zu begleichen. Unter jedem Gesichtspunkt also war der veranstaltete Lärm entbehrlich.
* Danzig, 6. April. Eine, wenn ridjtig, ganz empörende Mittheilung bringt da» Mestpr. Volksbl.': „Es rst erfreulich, daß sich allenthalben in ben beutschen Landen die Mldthätigkeit zum Besten der Ueberschwemmten in großartiger Weise kundgibt. Alle politischen und religiösen Parteien beeifern sich in gleicher Weise, da« Loo« der so schwer heimgesuchten Mitbürger lindem zu Helsen. Leider müssen wir bei dieser Gelegenhett es erleben, baß man gerade in unserer Provinz Westpreußen, die doch wohl am allerschwersteu heimgesucht ist, konfessionelle Unterschiede machen zu müssen glaubt. Wo in aller Welt wird man es für möglich halten, daß man zu den 125 Personen, welche unter dem Namen „Hülf«- Comitv für die Ueberschwemmten der Provinz Westpreußen“ einen Aufruf zur Spende von müden Gaben unterzeichnet haben, nur einen einzigen Katholiken zugezogen, obschon die Mehrzahl der Bewohner unserer Provinz katholisch ist. Der einzige katholische Herr unter den 125 konnte aber nicht gut übergangen werden, weil er al« Regierung-« unb Baurath gerade in den überschwemmten Bezirken thätig ist. Auch erhält unser Blatt, das einzige Organ der deutschen Katholiken unserer Provinz, keinerlei Mittheilungen und Aufrufe zur Veröffentlichung, während solche aßen übrigen Blättern der Provinz ohne Rücksicht auf die Parteistellung zugehen. In Danzig sind die Katholiken zwar an solche Zurücksetzung längst gewohnt; aber hier, wo e« sich um Linderung eines großen Unglück» handelt, hat doch wohl Jeder erwartet, daß man von oben her die Katholiken ge« w ffermaßen auch al» Menschen betrachten werde.“ Wenn thatsächlich nur ein einziger ober nur einige wenige Katholiken zugezogen worden sind, so handelt e» sich geradezu um ein öffentliche» Aergerniß; ober für möglich halten wir in Ostpreußen nicht weniger wie alle», und uns über dortige Zustände, ganz besonder« auf konfessionellem Gebiete, zu rounbem, haben wir längst verlernt. Gewöhnlich tritt bie Zurücksetzung und Verletzung be« Katho-
„O nein, ich besuche auch sehr oft da« Theater, und nicht selten ein« bet besseren Konzerte."
„Sie finb selber musikalisch?“
L o verzog ba« Gesicht zu einem trüben Lächeln, al« wollte er sagen: wie wäre ba» möglich? — „Leiber nein", versetzte er.
„Suchen Sie nicht ab unb zu Ihre Verwandten — die Handwerkerfamilie — auf, in der Sie nach dem Tode Ihrer Eltern erzogen wurden?" fragte Herr Rohlfsen wettet.
„Nein, feit längerer Zeit nicht mehr", entgegnete Leo im eigentümlich klingendem Ton. „Ich glaube", fitzte er hinzu, „man ist dort auch ganz wohl damit zufrieden. E» ist zwischen uns nicht so, wie e» unter Verwandten sein sollte. Ein besonderer Vorgang — ich bttte Sie, mich über die näheren Umstände schweigen zu lassen — verbietet mir ohnehin, da» Hau» meiner Verwandten zu betreten. Wa» ich ihnen an Dank schulde, trage ich gewissenhaft allmonatlich in klingender Münze ab, — sie lassen sich'« so gefallen und mir ist'« lieb, baß sie wettere Ansprüche an mich nicht mehr zu stellen belieben.
„Junger Mann", warf Herr Rohlfsen sehr ernst ein, „ba« klingt zunächst sehr räthselhast, unb bann — wenig liebreich."
Leo schwieg unb starrte vor sich nieber in ben Schnee", ben Mond unb ©««latenten matt erleuchteten.
„Doppelt verwerflich ist ber Groll in ein