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JK 78. Freitag, dm 6. April. 1888

fnlintr W 3rilnna.

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Soll mein Sohn studiren?

Soll mein Sohn die Universität beziehen, oder «eiche andere Laufbahn soll er ergreifen? Die Thatsache, daß innerhalb der letzten zwanzig Jahre sich die Zahl der Studirenden in Deutschland ver- doppelt hat, spricht zur Genüge dafür, wie sehr da» Studiren in Aufnahme gekommen ist. Stehen aber die Aussichten für ein schnelles Vorwärtr- kommen in den gelehrten Berufen in einem rich­tigen Verhältnifle zu den dabei aufgewendeten Opfern an Zeit, Geld und Arbeitskraft?

Bei Beurtheilung des Kostenpunktes find nicht nur die 4—6 Jahre des Aufenthalts an der Uni­versität in Anrechnung zu bringen, sondern es ist vor allem auch darauf Rücksicht zu nehmen, daß zwischen dem Verlaflen der Universität und dem Zeitpunkt, an welchem man im Stande ist, sich selbst zu ernähren, mehrere Jahre liegen.

1. Theologie: Studium 4 Jahre, jährlich etwa 1000 Mk., ausschließlich des Honorars für die Vorlesungen, welches im Ganzen ungefähr 550 M. beträgt.

2. Jurisprudenz: Studium 4Jahre, lähr- lich etwa 1000 Mark, ausschließlich Vorlesungs­honorar ungefähr 700 M.

3. Medizin: Studium 5 Jahre, jährlich etwa 1000 M., ausschließlich Vorlesungshonorar von ungefähr 1500 M. und der Kosten der medizini­schen chirurgischen Instrumente.

4. Philosophie: Studium 5 bi« 6 Jahre, jährlich etwa 1000 M., ausschließlich Vorlesung»- Honorar von ungefähr 600 M.

Well man einer studentischen Korporation bei­treten oder gleichzeitig seiner Militärpflicht genügen, so erhöht sich der Kostenpunkt. Die aufgestellten Preise sind Durchschnittspreise und erhöhen bezw. erniedrigen sich je nach den Ansprüchen und der Universität; ebenso sind sie unter der Voraussetzung aufgestellt, daß keinerlei staatliche Vergünstigung (wie ganze oder halbe Freitische, Stipendien rc., ganze oder theilweise Erlassung des Honorars oder Stundung desselben) statt findet. Sollen derartige Vergünstigungen, rote sie sich auf jeder Universität des Deutschen Reiches finden, in Anspruch genom­men werden, so sind für eine erfolgreiche Bewer­bung in erster Linie erforderlich: ein gutes Ab- gangszeugniß von der Schule (Abiturientenzeugnch), sowie ein BedüiftigkeitSzeugniß der E tern und,

KittMteriger Klee, «rzählung von E. H.

(2. Fortsetzung.)

III.

Leo verbrachte seine Mußestunden sehr gern auf dem Wasier. Zwei Nebenflüßchen zweigten sich von der mächtigen Wasi-rverkehr«ader, dem breiten Strome, der an der Stadt seine trüben Wasier vorüber rollen ließ, ab. Da» eine derselben floß, unter vielen Brücken hinweg, mitten durch die Stadt, und jenseits derselben durch eine liebliche Landschaft, reich an wohlhabenden Dörfern, schönen Waldparthieen, Wiesen und Auen. Oft, besonder» an Sonntagen, miethete er sich ein kleine« Fahr- itug von einem der vielen Bootsverleiher, und kuhr weit hinaus in die herrliche, friedenvolle Gegend, welche so seltsam, so wohlthuend Ion» trastirte zu dem rastlosen Getriebe, dem wüsten Getöse der großen Handelsstadt. Dort war die Unrast, hier die Ruhe, und tief zu versenken ver­mochte er sich in den Reichthum der Natur, um w stiller Beschaulichkeit eine der reinsten Freuden, me da» Leben dem Menschen zu bieten vermag, anfzunehmen. Nicht selten begleitete ihn *Mer oder Jener seiner Kollegen; Einer hatte

fall« der Bewerber schon auf einer Universität im- matrikulirt ist, noch Zeugnisse über den beim An­hören der Vorlesungen bewiesenen Fleiß, ausstell­bar von den betreffenden Professoren oder dem Dekan der Fakultät (sog. Dekanatszeugnifle). Auch ist zu bemerken, daß man mit derartigen Gesuchen sich vor allem an die Landesuniversität zu wenden hat, beziehungsweise an die Universität derjenigen Provinz, in welcher der Antragsteller geboren oder heimathsberechtigt ist.

Welche Aussichten bieten sich nun für ein schnel­le« VorwärtSkommen in den einzelnen Fächern dieser Berufsarten?

1. Theologie. Anfang der 70er Jahren studirten in Deutschland nur 1780 evangelische Theologen. Damals waren viele Vakanzen, die Kandidaten hatten gegründete Aussicht, bald nach dem zwetten Examen eine Pfarre zu bekommen, wie steht e» dagegen jetzt? Von den 26,945 Stu­denten de« letzten Winterhalbjahres, welche auf den 20 Universitäten des Deutschen Reiches irnmatri- kulirt find, studiren gegenwärtig 5791 Theologie (einschließlich der Katholiken). Die noch im An­fang der 80er Jahre sich findenden zahlreichen Vakanzen (namentlich in Braunschweig, Hannover rc.) sind wohl alle besetzt; zur Ergänzung bi» Be- stände» der Pfarrer sind nicht die Hälfte obiger 5791 nöthig — die übrigen find gezwungen, als Hauslehrer rc. recht lange auf eine Pfarivakanz zu warten, falls fie nicht von der Theologie wieder abschwenken und zur Philologie übergehen wollen, wozu ihnen durch die neuen Prüfungsbestimmungen für Kandidaten de» höheren Schulamt« die W-ge geebnet find. Dagegen herrscht auf katholischer Seite in den meisten Diözesen immer noch ein starker Priestermangel.

2. Jurisprudenz. Im letzten Winterhalb­jahr studirten auf deutschen Universitäten 5769 Juristen. Wie ist das Verhältniß zwischen Ange­bot und Nachfrage hier? In Preußen werden jährlich etwa 300 juristische Beamte neu ange­stellt, in den übrigen Bundesstaaten ungefähr ebensoviel, dazu kommen die Rechtsanwälte rc.; ferner finden viele Juristen in Banken, Aklien- gesellschaften, Versicherungsgesellschaften und anderen größeren gewerblichen Unternehmungen Anstellung. Immerhin ist die Zahl derer, welche wirklich an­gestellt werden, gegenüber dem Andrang zum Studium der Jurisprudenz eine so geringe, daß

ihn gelegentlich in die Kunst de« Fischens einge- weiht, und so vertrieb er sich mit Diesem manche Stunde, den filberschuppigen Flußbewohnern ver­mittelst der Angel nachzustellen.

Eine« Tage«, an einem schönen, sonne'warmen Morgen, waren sie wieder hmauSgefahren, um wo möglich einen guten Fang zu thun. Sie halten das Boot im Schilfe, nahe einem größeren Kirch­dorfs, festgelegt, und dann ihre Angeln ausge- worfen. Vorn nahen Kirchthurme erscholl melo­discher Glockengesang, sonst herrschte Stille ring« umher. In feierlicher Majestät erhob sich fern der dunkelgrüne Wald, leise fuhr der Wind über die noch grünen Kornfelder, die sich hüben und drüben dehnten, und fpielte mit dem Schilfe, in da» die jungen Leute ihr Boot getrieben hatten Die Wllen de« Fluss.s hüpften im Sonnenlicht wie Myriaden von flüssigen Golvperlen anzu- schauen, leise murmelnd an dem kleinen Fahrzeug voiüber, zwischen den Blättern der Wasserrose hindurch, und häufig die überhängenden Zweige de« Ufergebüsche» mit raschem Kuß berührend. Kräftiger Duft de« frischgemähten Heu'« drang von den Wiesen herüber, und mischte sich mit dem weiche», dunstigen Äthern des verdampfenden Fluß- waffer«. — 6« war ein herrlicher Morgen, wie

noch kürzlich, am 15. Februar 1888 im preu­ßischen Landtage (Abgeordnetenhaus) die Abgg. Hagen« und Dr. Windthorst es für nöthig hielten, öffentlich vor dem allzu großen Andrang zur juristischen Laufbahn zu warnen I In Bayern ist es zur Zeit etwas besser.

3. Medicin. Bi» in die neueste Zeit hinein bot das Studium der Medicin die günstigsten Aussichten. Da» ist anders geworden: in jeder auch noch so kleinen Stadt, in jedem Flecken ist jetzt mindestens ein Arzt zu finden. Bei einem Bestände von ungefähr 13.500 Aerzten in Deutsch­land sind zum Ersatz der Absterbenden und gemäß der Zunahme der Bevölkerung jährlich etwa 3000 junge Aerzte nöthig, — im letzten Wintersemester studirten aber auf deutschen Hochschulen 6650 Medi einer. Schon vor einem Jahre ging man zu Wien wegen des allzu großen Andranges von Studenten der Medizin damit um, einen numerus clausus für die Mediziner einzuführen, d. h. nur bis zu einer bestimmten Anzahl sollten dort Studirende der Medicin aufgenommen, die Übrigen aber zurückgewiesen werden!

4. Philosophie. Noch trüber find die Anr- fichten in dieser Fakultät: An Philologen, Mathematikern, Naturwissenschaftlern, Historikern und verwandten Berufs- klassen herrscht heutzutage nicht nur kein Mangel, sondern eine derartige Ueberfülle, daß an manchen Lehranstalten bis zu 12 unbesoldete und nicht-etatsmäßige Lehrkräfte zur Zeit thätig sind; selbst Kandidaten, welche mit den besten Zeugnissen versehen find, laufen 3, 4 Jahre nach Ablauf des Probejahre» stellenlos umher! Und trotzdem ist die Zahl der Philosophie Studirenden immer noch im Steigen begriffen!

Wir sehen also, daß die Zahl derer, die sich dem gelehrten Studium widmen, in den letzten 20 Jahren derart zugenommen hat, daß dieselbe in gar keinem Verhältniß steht zur Zunahme der Bevölkerung und demgemäß zur Verbrauchrziffer. Wenn irgendwo, so ist in den gelehrten Berufen ein ganz gewaltiger Ueberfluß an Kräften vor­handen. Die Gefahr, daß in Deutschland ein „ge­lehrtes Proletariat" entsteht, liegt daher sehr nahe!

Wie aber soll diesen ungesunden Verhältnissen gesteuert werden? Die Antwort auf diese Frage hat Dr. Windthorst in der eben erwähnten

gemacht zu schönem, ahnungsreichem Sinnen und Träumen, ein Morgen, wo der Dust de» Glück» die Natur zu durchwallen, und jeder Halm und jede Blume zum andachtsvollen Beter geworden zu sein scheint.

Da« schienen auch die beiden jungen Männer zu fühlen, die seit langer Zeit schon schweigend neben einander saßen; endlich schlich sich, wie un­willkürlich ein Seufzer über die Lippen Leo'». „Wie schön ist doch die Welt", sagte er dann, „ich hab' das früher nie so gewußt und empfun­den, wie j tzt." Er sah weit hinan» in die sonnen- durchglühte Frühsommerpracht.

Der Andere, ein junger Franzose, Namen» La- motte, der im Geschäfte Berkefeld's al» Volontär arbeit te, sah ihn mit einer Art spöttischen Befrem­dens von der Seite an. Dann machte er plötzlich ein sehr pfiffiges Gesicht und sagte: „Da» haben Sie früher nie so empfunden? Glaub' e» wohl. Wenn man Gefühle, den Ihren gleich, in der Brust trägt, da erblickt man selbst in der Wildniß die Zaubergärten Armida'» ; obschon ich nicht leug­nen will, daß der Morgen angenehm ist und über der Gegend ein gewisser poetischer Hauch liegt. Aber Sie müßten die Umgegend von Pari» ken­nen. Ein Morgen am Seineufer bei Asniörcs.. .