Einzelbild herunterladen
 

Dmmerstäg^er^^pnl.

1888

0

fnlimtr W Jeitrmq.

Die Fuldaer, Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertag» ausgenommen. Vierteljährlicher «bormementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Stern« und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserate: Di« einspaltig« Z«il« oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. . J ■ ......

Erlaß des Kaisers Friedrich an den Reichskanzler.

Der Heimgang Meines geliebten Herrn Vaters, weiland Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm, hat zu einer so überwältigenden Bewegung Anlaß gegeben, wie sie bisher kaum je erlebt worden ist. Um seinen ruhm­vollen Kaiser trauert einmüthig das ganze deutsche Volk, das mit Ihm den milden und gerechten Herrscher, den weisen und kraftvollen Lenker seiner Geschicke, den Wieder­begründer seiner Einigung verloren hat. Fast alle frem­den Nationen auf dem weiten Erdenrund nehmen Antheil an diesem Verluste eines Fürsten, in dem sie den sicheren Hort des Friedens erkannten. So zahlreich, so mannig­faltig sind die Kundgebungen liebevoller Theilnahme, daß es erst jetzt nach Wochen möglich gewesen ist, einen Ueber- blick über die große Fülle der Spenden zu gewinnen. In allen Theilen Deutschlands, in ganz Europa, selbst in fer- neu Welttheilen, wo nur deutsche Herzen schlagen, ist ge­wetteifert worden, dem theueren Entschlafenen die letzten Zeichen der Liebe und Verehrung, wie sie Mein Hochseliger Herr Vater im Leben so oft erfahren, nun auch im Tode darzubringen. Ein erhebendes Denkmal bildet die Samm­lung von herrlichen Palmen, Blumen und Kränzen, welche in ihrer zum Theil kunstvollen Herstellung bei der feier­lichen Aufbahrung der Leiche im Dom, wie an der Ruhe­stätte im Mausoleum zu einem beredten Schmuck wurden. In Adressen von geschmackvoller, oft künstlerischer Ausstat­tung haben Verbände, Gemeinden und Korporationen, wissenschaftliche und Kunst-Institute, Vereine und Innun­gen ihrem Schmerze über das erschütternde Ereigniß Aus­druck gegeben. Noch hat die Men,« der Beileidsbezeugun­gen in Zuschriften, Gedichten und Telegrammen nicht ihren Abschluß gefunden.

Rührend und ergreifend sind solche Beweise wahrer Trauer und inniger Theilnahme für das wunde Herz des Sohnes, dem sie in dieser Zeit des tiefen Leids lindernden Trost und erquickende Stärkung gewähren. Sie ermuthigen Mich aber auch, an die schweren Aufgaben Meines Fürst­lichen Berufes als Erbe der Krone vertrauensvoll heran­zutreten und als ein theueres Vermächtniß Meines unver­geßlichen Herrn Vaters nach Seinem Vorbilde an der Wohlfahrt des deutschen Volkes mit allen Meinen Kräften fortzuarbeiten. In diesen Empfindungen drängt es Mich, Allen, welche durch ihre herzerhebenden Kundgebungen das theuere Andenken des dahingeschiedenen Kaisers geehrt haben, Meinen aufrichtigsten herzlichsten Dank auszusprechen.

WlbMkrigkr Klee.

Grzählung von E. H.

(1. Fortsetzung.)

IL

Leo Roosen war Kaufmann ; Vater und Muiter waren ihm früh gestorben; nach ihrem Tode halte ihn ein Verwandter seiner Mutter, ein Handwer­ker, der jedoch in sehr dürftigen Verhältnissen lebte, bei sich ausgenommen. Das reine Glück der Kind­heit war ihm durch die geringe Humanität, die tosen Launen seiner Pflegeeltern, und durch den Mangel, der in ihrem Hause herrschte, verkümniert worden. Der Handwerker hatte den Knaben „nur der Leute wegen" in seine Familie ausgenommen und war herzlich froh gewesen, als Leo nach er­folgter Entlassung aus der Schule durch die Ver­mittlung eines menschenfreundlichen Pastoren an einem kleineren der vielen kaufmännischen Komtoire der Stadt einen Platz gesunden. Jener Pastor war ein früherer Freund von Leo's Vater und hatte fich bereit erklärt, während der Lehrzeit des jungen Mannes für dessen materielle Bedürfnisse »um größeren Theile zu sorgen. Ein Uebriges wollte der Handelsherr thun, in dessen Geschäft Leo trat; doch fand diese Munificenz des L tzteren ihren gut n Grund in dem Umstande, daß der junge Moosen unverkennbar eine außergewöhnliche Be>

Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Rennt» niß zu bringen.

Eharlottenburg, den 4. April 1888.

Friedrich.

An den Reichskanzler.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. April.

• Ein Machwerk von besonderer Frechheit hat die offiziöse Presse gerade in den Festtagen in Umlauf gesetzt. Es ist ein Artikel der .Berliner Politischen Nachrichten', überschrieben: „Der Tod Kaiser Wilhelm'S und die Feinds des Reiches". Die Haltung der unabhängigen Presse wird hier als „feiges Verhalten" und „bleiche Furcht" „unserer Reichsfeinde" geschildert. Weil die Presse der Centrumspartei, der Polen, der Elsässer und der Sozialisten mit dem Straf­gesetz schon so oft in Berührung gekommen sei, hätte sich ihre wirkliche Gesinnung nur in aus­ländischen Zeitungen Luft gemacht. Als Ausdruck der Stimmung der Centrumspartei wird der Scbmähartikel hingestsllt, welcher in einem Tiroler Winkelblättchen in Meran gestanden hat; als Siimmungsbild der Polen wird ein Artikel des in Krakau erscheinenden ,CzaS' vorgeführt. Den Sozialisten und Elsässern gegenüber beruft man sich ohne irgend welches Citat auf Artikel, welche in England und in der Schweiz erschienen sein sollen. Der freisinnigen Partei gegenüber schlägt man die Taktik ein, jedes anerkennende Wort für den Kaiser Fcirurich als eine Anklage gegen Kaiser Wilhelm zu deuten. Die „boshaften Züge" der freisinnigen Partei seien unter der „heuchlerischen Maske" der Ergebenheit unver­kennbar. Was soll man zu solcher Unverschämt­heit sagen!

* Kaiser Friedrich soll dem Reichskanzler Fürsten Bismarck den erblichen Fürstentitel und dem Generalfeldmarschall Grafen M o l t k e den F ü r st e n- titel verliehen haben. — Der päpstliche Nuntius in Wien, Galimberti, erhielt das Großkreuz des rothen Adlerordens in Brillanten, der päpst­liche Monsignore Merrey del Val den königlichen Kronenorden zweiter Klasse. — Der deutsche Mckitärbevollmächtigte v. Villaume in Peters-

fähigung für den merkantilen Beruf befaß und sich außerdem verpflichtet hatte, fünf Jahre lang un­entgeltlich und unter sonstigen recht harten Bedin­gungen in dem Geschäfte des pedantischen Kauf­manns zu arbeiten.

So war ihm auch seine erste Jugend vergällt worden durch allzu hohe Ansprüche an seinen Fleiß und seine Arbeitskraft, und anderseits durch allzu geringe Rücksichtnahme auf die natürlichen Wünsche seines warmschlagenden HsrzenS und seines Geistes, der sich weit über die enge Sphäre, in der sein Leben sich zu bewegen hatte, hinaus­sehnte! Reizlos lag feine Jugend wie ein See mit trüber Spiegelfläche zwischen dürren Ufern. Aber auf dem Grunde des Sees, da wallt und tobt es, und die gefeffellte Seele sehnt sich brünstig nach Erlösung.

Diese Erlösung kam für ihn mit dem Tage, da er das dumpfe Komtoir seines Lehrherrn zum letzten Male betreten hatte. Ec sah auf die durch­lebte Zeit zurück wie der Moslem, der die Stadt des Propheten endlich erreicht hat, auf die unwirthbare, brandige Wüste; und doch schied er nicht ganz ohne Dankbarkeit von seinem mürrischen Lehr­herrn, denn er hatte etwas Tüchtiges lei ihm gelernt, und die Tugenden des Fleißes, der Pünktlichkeit, strengster Pflichterfüllung und Ord­nungsliebe waren ihm hier in Fleisch und Blut

bürg hat den Stern des russischen Stanislaur- ordens erhalten. — Sacullah B-y, dem tür­kischen Botschafter, sowie General Pejaczevich, beide in Wien, wurde vom Karsir Friedrich bas Großkreuz des rothen Adlerordens in Brillanten verliehen. — Fürst Radziwill, welcher dem spanischen Hofe tue offizielle M «Heilung von betn Hinscheiden des Kaisers Wilhelm überbracht hatte, hat das Großkreuz des Ordens Karl ILL, und sein Sohn das Kreuz dieses Ordens erhalten.

* Aus dem bekannten Erlaß des Kaisers bc- treffend demBerliner Dom bau scheinet der Vor­schlag, zu Ehren des verstorbenen Kaisers Wil­helm einen imposanten Dom zu errichten, aus den Vorschlägen für Errichtung eines National­denkmals aus. Damit ist die Frage über die Zulässigkeit eines nach protestantischem Ritus ge­weihten Domes als Nationaldenkmal in einem paritätischen Staate gegenstandslos geworden.

* Der Kaiser hat eine Vereinfachung des Exerzierreglements angeordnet, um Zeit und Raum für eine noch grünglichere Einzelaus­bildung, einheitlicherer und strengerer Erziehung in Feuer- und Gefechtsdisziplin zu gewinnen. Speziell soll die dreigliedrige Aufstellung künftig in Wegfall kommen.

* Die Königin Viktoria von England beab­sichtigt, auf ihrer Rückreise nach England dem deutschen Kaiserpaar einen Besuch abzustatten.

* GlHchzeitig mit der Einführung eines bürger­lichen Gesetzbuches soll, wie v Hautet, auch das Notaria.t»wesen reichsgesetzlichgeregeltwerden. Diese Regelung sollte bereits' gleichzeitig mit dem Erlaß der Reichsjustizgesetze stattfinden, aber die Sache stieß damals auf so viele Schwierigkeiten, daß man den Plan vorläufig aufgab, nachdem insbesondere sich die Ansicht geltend gemacht hatte, daß zur Einführung einer Reichs-Notariatsordnung vor dem Zustandekommen eines deutschen bürger­lichen Gesetzbuches nicht geschritten werden könne.

* Die Ueberschwemmungsnoth dauert noch immerfort. Für die Provinz We st preußen hat sich unter Vorsitz des Präsidenten ein Zentral- hülfskomitL konstituirt. Der Schaden in der Danziger Niederung wird auf mindesten» 30 Millionen geschätzt. Aus Lands berg an der Warthe wird berichtet, daß durch den Bruch des

übergegangen. Ungern sah ihn der alte Kaufmann scheiden, aber Leo hatte fich um eine verhältniß- mäßig glänzend dotirte Stellung in einem Hand- lungrhause ersten Range» beworben und diese, nach kurzer Probez it, auf Grund jener vorzüg­lichen Eigenschaften, die wir nannten, erhalten. So konnte er fich, gegenüber den mageren Aus­sichten, die ihm der frühere Prinzipal für den Fall seines Bleibens eröffnete, höflich ablehnend verhalten.

In ganz anderen Rahmen und weitaus anderer Beleuchtung zeigte sich ihm jetzt das Bild be» Lebens. Ec hatte die vielfarbige Malerei des letzteren bisher nur, wie von einem bestaubten Spiegel aufgefangen, zu erblicken vermocht. Was er nie hatte glauben wollen, allen Versicherungen feiner Bücher — feiner einzigen Freude — ent­gegen : — das Leben befaß allerdings eine Po-sie, und wurde durchleuchtet vom warmen Sonnen­schein der Freude — mochte sich die schnöde Wirk­lichkeit auch an noch so vielen Regentropfen in häßlicher, grauer Gewandung zeigen.

In dem Komtoir, bas nunmehr die Stätte von Roosen Bcrussthäiigkeit bildete, arbeiten etwa 20 meist jüngere Leute. Das Wesen fast aller der­selben stellte sich ihm als gebildet und liebenswür­dig bar; und als er die erste Schüchternheit über­wunden und zu einigen der Herren in nähere Bc-