1888
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* Die Berufswahl.
Es ist jetzt die Zeit, welche viele Eltern vor die Entscheidung der wichtigen Frage stellt, wai ihre Söhne werden sollen. Gewiß kann den Eltern wohl nicht» mehr am Herzen liegen, als die Sorge um die Zukunft ihrer Söhne und der Wunsch, daß ste etwas Tüchtige« lernen, um den Kampf ums Dasein bestehen zu können und nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Von der r i ch' Ligen Wahl de« Beruf« hängt in erster Linie da« Wohl für die ganze Lebenszeit ab. Selbstverständlich dürfen die Elter« den Söhnen bet der Wahl de» Berufs nicht immer vollständig freie Hand lasten und ebenso wenig sollen die Eltern nicht einen Beruf bestimmen, der dem Willen und der Neigung de« Sohne» gar nicht entspricht.
Leider krankt unftre Zeit an der Sucht vieler Eltern, insbesondere solcher, die dem kleinen Beamtenstande, dem Handwerker-- und Arbeiterstande ««gehören, ihre Söhne für den Beamtenstand bilden und erziehen zu lasten. Ansehen und Ehre vor den Menschen, bequemere Arbest, mchr Geld und Genuß hoffen viele Sltem für sich und ihre Söhne zu erlangen, wenn es den letzteren gelingt, fich über die Sphäre zu erheben, in der sie geboren sind. Wenn auch manche tüchtige Kraft auf diese Weife gewonnen und den alternden und ab- sterbenden Beruftkreifen frische» Blut zugeführt wird, so werden doch di« meiste« «ter« und Söhne in ihren Erwartungen sich gründlich getäuscht sehen. Man überschätzt eben die Stellungen, welche ein größeres Maß von Kenntniffen erfordern, und unterschätzt das Handwerk und die Be- rufsarten, die auch bei einem kleineren Maße von Kenntniffen tüchtig ausgefüllt werden können. Man beachtet auch nicht, daß nicht jede Intelligenz sich absolut für eine höhere Berufsart eignet, daß ein in seinem Fache tüchtiger und für seinen Beruf durchgebildeter Handwerker weit brauchbarer für die Gesellschaft ist, al» ein Beamter u. s. w, der mit Mühe und unter Aufwendung der größten materiellen Opfer seine Examina bestanden hat, und daß gerade in den höheren Berufszweigen Unzufriedenheit und Mißbehagen herrschen.
Die Eltern können keinen größeren Mißgriff begehen, als wenn sie einen Sohn, der nicht eine
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Erzählung von 6. H.
I. Nachdruck verboten.
Die Mittagssonne eines heißen Augusttages sandte ihr grelle» Licht zur Erde und beschien im intensiven Glanze die Häusermasten einer größeren Handel«- und Hafenstadt. Winkelig, krumm und unschön liefen die vom Sonnenbrand des Sommer« durchglühten Straßen und Gäßchen der einstmals mächtigen Hansastadt durcheinander. Wie die Geburt unstäten Sinnen« und Wollens stellte sich die« Straßenlal yrinth dar. Nur die Quaianlagen, der Hafenkamm erschien wie ein klarer und kühner Gedanke. Breit und bequem umschlvffen ihre Sandsteinquadern den großen Strom, der sein gelbes Wafler lässig an den Fels.neinfaffungen vorüber- treiben ließ, wie Jemand, der im überlegenen Gefühl seiner Kraft und Gewalt es nicht für nöthig krachtet, diese zu beweisen.
Hier, auf den Quais und um dieselben war Jjn rührige« Leben und Tausende von Händen und Füßen in Bewegung. Vom Strom herüber erscholl der Wcchselgesang der arbeitenden Schiffsleute; die Dampfkessel sausten und brausten, und bald gellend,
besondere Begabung für den Gelehrten- oder den höheren Beamtenstand hat, durchaus zum Besuch einer höheren Lehranstalt anhalten. Von dm Direktoren höherer Lehranstalten wird die Klage erhoben, daß zu den letzteren sich eine Menge von Schülern drängt, die für die eingehende und einigermaßen erfolgreiche Beschäftigung mit den Wissenschaften keine Anlage und keine Neigung haben, und da« eben deshalb nicht wenige Schüler gebrochenen Muthe» au« den unteren und mittleren Klaffen wieder ausscheiden müssen, die jugendfroh und arbeitskräftig in das Leben übertreten würden, wenn sie rechtzeitig einer Schule überwiesen worden wären, auf der ihnen nicht so viel und so vielerlei zu lernen zugemuthet wird und auf der sie eine zwar bescheidenere, aber für sie doch bessere Vorbildung erlangt hätten, besser, weil sie ihren Kräften mehr entspricht und klar und bestimmt in sich abgegrenzt ist. E« kommt ja freilich vor, daß ein Talent in den ersten Jahren seiner Entwickelung noch verschleiert ist, allein in den meisten Fällen wird ein Knabe innerlich geknickt, wenn ihm eine größere Last des Lernens und Wissen» zugemuthet wird, al» seine Schultern zu tragen vermögen, oder wenn ihn das Bewußtsein beherrscht, daß e» den Eltern an den nöthigen Mitteln gebricht, ihn studiren zu lassen, und daß sie fich deshalb Entbehrungen aufcrlegen müssen.
Die unverbaute Halbgelehrsamkeit, die ein junger Mensch am Gymnasium u. s. w. erwirbt , ist, wenn er nicht das Talent hat, sich weiter zu bilden, nicht nur eine Schädigung seines persönliche« Fortkommens in der Welt, sondern wird zu einer großen Schädigung unseres ganzen wirth- schaftlichen Leben«, zu einer allgemeinen Kalamität, diewiralsein nationales Unglück betrachten müssen. Leider bat sich bereits über „das Volk der Denker und Dichter" ein großer Strom der Halbbildung ergossen, und zwar nicht nur über die schwächeren Klassen, sondern über alle Stände, und selbst der wahrhaft Gebildete hat Mühe, sich vor diesem Strome zu retten. Die Verbreitung der Bildung ist gewissermaßen ein Industriezweig geworden, der gleich anderen modernen Industriezweigen aus Massenverbrauch arbeitet. Billig und schlecht ist auch hier die Losung. Die Geistesbildung der großen Denker, welche in Deuschland seit dem Ende des vorigen Jahrhundecs auftraten,
bald dumpf ertönte der Herrscherruf der Majestät „Industrie".
Die großen Steinplatten des Quais breiteten fich zwischen Häusern, Krähnen und Landungr- treppen au«. Alles war hier neu und den Bedürfnissen einer rasch arbeitenden Geschäftswelt angepaßt. Die alten hölzernen, sich schwerfällig in Bewegung fetzenden Krähne mit den unschönen, schimmelbedeckten Bedachungen waren verschwunden und an ihre Stelle elegant anzusehende Maschinen getreten, die weit leichter, rascher und bequemer ihren Dienst versahen. Die morschen, halb verfaulten Landungstreppen hatten vornehm blickenden Sandst-inbauten weichen müssen, und fester hielten die eingeschwefelten schweren Eisenringe die Jolle, die der alte, cqaatorgebräunte Schiffer, der dem Seedienft entsagt, des Tags manches mal mit gewandter Hand durch die langen Wasserstraßen des Hafens von und zu Bord der mächtigen Seeschiffe gleiten ließ. — Und die Häuser zeigten hier auch nicht das G präge einer ver- rosteten Vergangenheit, wie solche sich in manchem der andern Stadtviertel, in für ten Kulturhistoriker vielleicht recht interessanter, im Allgemeinen aber sehr langwelliger Verkommenheit darstellte.
war vornehm und schwer. Sie konnte ohne Schwung der Seele und Anstrengung des Verstände« gar nicht erfaßt werden und blieb auf enge Kreise beschränkt. Heute dagegen entscheidet auf dem Markte der sog. Bildung die Masse, da« Urtheil der Minderheit kann wohl noch Achtung, aber keine Geltung und vor Allem kein Verdienst bringen. Dabei kommen allerlei Kenntnisse im Umlauf, aber da« Bewußtsein kommt immer mehr abhanden, daß Kenntnisse keine Erkenntniß find. Wir erleben dar Schauspiel, daß in der Wissenschaft eine unerhörte Zersplitterung in Einzelforschungen ohne Hinblick auf das geistige Ganze de« Wissens und auf da« sittliche Gar z; des Leben» herrscht.
Von allem ist seitens der Eltern zu beachten, daß es nicht allein darauf ankommt, welchem Be- rufe sich der junge Mensch hingibt, sondern auch darauf, daß er in demselben Tüchtiges leiste.
Nicht das viele Wissen thut'S, Sondern wissen etwas Gut'S:
diese Mahnung gilt insbesondere von unserer Zeit, weil in ihr in so vielen Beziehungen, in so vielen Gebieten die Meisterschaft, die sich in der Beschränkung zeigt, mehr und mehr verloren geht. Der arbeitsfreudige Handwerker, der Tüchtiges leistet, findet weit mehr inn-re Bestie- digung im Beruf und Leben, als ein Beamter, Gelehrter oder Kaufmann, welcher nur mit halbem Wissen und Können ausgestattet ist.______________
Deutsches Reich.
Berlin, 3. April.
• Professor von Bergmann hat zufolge kaiserlicher Bestimmung am Ostersonntag an der Konsultation der Aerzte theilgenommen. Wie es heißt, wird Dr. Mackenzie in den nächsten Tagen zur Erledigung eigener Angelegenheiten auf kurze Zeit nach London reisen, um dann wieder in dis Nähe der Kaiser« zurückzukehren. Die Uebersiedlung nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam findet um 1. Mai statt. — Die Audienz des Reichskanzlers beim Kaiser am btzten Sonnabend, die l3/4 Stunden währte, soll dem Vernehmen nach den Verlagen gegolten haben, die fich auf die staatliche Hilfe für die bedrängten überschwemmten LandeStheile beziehen und welche dem Landtage sofort vorgelegt werden sollen.
Hell und grell auch malte das Sonnenlicht de« Mittags die Fatzaden der Häuser, die mit blanken Fensteraugen hinüberschauten nach dem gelben, trägströmenden Fluß und seinen Schiffen. Es bc- leuchtete unter Anderem auch den mächtigen Adler, der reich vergoldet über dem Eingänge einer feineren Gastwirrhschaft prangte, in der gewöhn- heits- und geschäftsmäßig Rheder, Kapitäne, Makler und Agenten zu verkehren pflegten.
Das Wirthsyaus nannte fich^ „Zum goldenen Adler". Was der Wirth an Höflichkeit zu wünschen übrig ließ, ersetzten seine englischen Biere — Porter und Ale — durch Güte. Was ihm an äußerer Wohlanständigkeit abging, wurde im wieder durch die Vorzüglichkeit seines Whisky einzebracht. Und was seine Austern anlangte, so ging sein Ruhm, in Bezug auf diese, weil über die Grenzen gewöhnlichen Renommee'S hinaus, und viele der Gäste dieses Prachtwirths betrachteten feine Grobheiten als den Anlaß zu einer guten Verdauung nach dem Genuß einer mehr als reichlichen Mahlzeit.
Unter den goldglänzenden Fütichen des Wirths- Haus-Aars standen in dem Augenblicke, an dem unsere Erzählung anhedt, zwei Männer. Sie hatten das Wirthshaus-Elabbsiement soeben verlassen.