Sonnabend, den 31. März.
1888
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I Zkitmiz.
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Zweites Blatt.
X Ostermorzen.
O wundersel'ger Ostermorgen, O Festtagsftühe still und mild. Wenn frei von Winterfrost und Sorgen Sich regt das sprossende Gefild!
Des AetherS tiefe reine Bläue Spannt sich darüber hell und klar, Und sehnend träumt jed' Herz auf'S Neue Bon Lieb' und Hoffen wunderbar.
Des LenzeS erstes holdes Grüßen Zieht wonnekündend durch den Hain, Und bei dem linden Hauche sprießen Die Blümlein all' an Born und Rain. Der Sonne heit're Gluth belebet Den stillen Wald, das weite Feld, Und lichte grüne Schleier webet Sie um die ahnungsvolle Welt.
Und wie die duft'gen Thäler wallen Im Lenzesschimmer nah und fern, Mahnt laut der Glocken festlich Schallen, Daß heut' der heil'ge Tag des Herrn, Der Tag, an dem aus Nacht und Banden, Als Sieger über Grab und Tod, Der Herr des Lebens einst erstanden Und überwunden alle Noth.
Durch hohe weite Kirchengänge, Wo andachtsvoll die Gläub'gen knie'n, Ergießt die Orgel ihre Klänge In wundersamen Melodie'«.
Ein lautes Alleluja rauschet Und klinget jubelnd himmelwärts Daß wonneschauernd bebt und lauschet In sel'ger Sülle jedes Herz.
O Alleluja dem Gerechten, Dem auferstand'nen Menschensohn, Der mit der gottesstarken Rechten Zerschmetterte der Hölle Thron! Und Alleluja hallt es wieder In immer neuem Lob und Preis, Als ob vom hohen Himmel nieder Antwort die Engel geben leis.
Ein heil'ger Friede füllt die Herzen, Die jüngst noch Gram und Leid umwand, Vergeffen sind des Lebens Schmerzen, Da heut' des Lebens Herr erstand;
Vergeffen ist das bange Grauen, Vergeffen all' die bitt're Noth, Und ob den frühlingsgrünen Auen Erblüht ein sel'ges Morgenroth. A. Jüngst.
Ist die Haustaube für den Landwirth schädlich oder nützlich?
Diese Frage hat in jüngster Zeit eine Anzahl landwirthschaftlicher Vereine mehr oder weniger lebhaft beschäftigt und ohne Zweifel werden die Fachschriften bald eine Zusammenstellung der bezüglichen Ansichten bringen. Indessen dürfte es manchem unserer Leser angenehm sein, schon jetzt einige der bei den Besprechungen mitgetheilten Er- fahrungen zu verilehmen. Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden Verordnungen, welche dar Taubenhalten sehr einschränkten. So heißt er in einer sächsischen Verordnung von 1589 wörtlich:
„Dieweil ein großer Mißbrauch vermerkt, indem die Personen, welche wenig oder gar nichts aussäen, viel Tauben halten und damit ihre Nachbarn auf ihren Aeckern beschweren, so wollen wir, daß hinfürdro auf eine Hufe Landes nicht mehr denn 8 Paar Tauben gehalten werden sollen ; welche aber keine halbe Hufe Landes im Felde haben, denen sollen Tauben zu halten nicht verstattet werden, bei Pön eines Malters Hafer, welches der Gerichtsherr jedes Ottes von den Verbrechern einbringen soll."
Seit dieser Zeit ist das Thema der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Haustaube bezw. der Feld- stüchter, welche nur gefüttert werden, wenn der
Boden mit Schnee bedeckt ist und sonst sich ihre Nahrung im Felde suchen, wiederholt von den Ornithologen und Landwirthen besprochen, aber noch immer nicht zum Abschluß gebracht. Einen sehr werthvollen Beitrag zu dieser Frage lieferte vor etwa 30 Jahren der Pfarrer Snell in Hohenstein im Herzogtum Nassau; er sagt: Die Lieblingsnahrung derHaustaube besteht aus den Samen der wildwachsenden Hülsenfrüchte, welche der Landwirth gewöhnlich unter dem Namen „Vogelwicken" zusammenfaßt und mit Recht zu den unangenehmsten Unkräutern rechnet; nächst diesen „wilden" Wicken ist die Taube eine große Verehrerin der angebauten Wicken, Erbsen und Linsen, sowie der Oel- und Getreidesamen, ferner der Samenkörner verschiedener Pflanzen, welche dem Landwirth als Unkraut oft nicht allein die Ernte eines Jahres empfindlich schmälern, sondern durch massenhaften Samenausfall auch die Wiederholung solcher Verluste in sichere Aussicht stellen. Die bei Weitem häufigste Art der oben erwähnten „wilden Wicken" ist Ervum hirsutum, die Zitterlinse oder Zitterwicke, welche die unangenehme Eigenschaft besitzt, daß ihre Hülsen bei der Reife sofort aufspringen und die Samen auf dem Acker zerstreuen; damit aber noch nicht genug, haben dieselben die Eigen- thümlichkeit, daß sie erst nach «Jahr und Tag keimen. Daher kommt es oft, daß erst mehrere Jahre nachher in Folge eines nassen Frühjahrs Roggen oder Weizen ganz urplötzlich von der Zitterlinse massenhaft umsponnen und zu Boden gerissen werden. Nun ist aber gerade die Eigenthümlichkeit derselben, lange Zeit ungekeimt auf der Erde zu liegen, für die Taube von großem Werthe, denn die ausgefallenen Getreidekörner fangen gewöhnlich schon nach dem ersten Regen an zu keimen und gehen dann in Verwesung über. Anders ist es mit dem Samen von Ervum hirsutum; er keimt niemals, so lange er dem Licht ausgesetzt ist; man findet ihn deshalb noch vollständig unverändert in den Kleefeldern, auf denen im Vorjahre Roggen stand; auch wenn Kartoffeln oder Rüben nach der Winterfrucht folgen, findet man beim Behacken der ersteren die Körner der Zitterwicke noch unversehrt wieder.
Auf diese Weise haben die Tauben in der Zeit des sogenannten Taubenhungers, d. h. in der Zeit vom Aufschießen der Frühlingssaat bis zur Ernte, an den Vogelwicken ein willkommenes und reichliches Futter, von dem oft nach einem nassen Jahre sich in jeder kleinen Vertiefung 6—10 Körner unschwer entdecken lassen. Snell beobachtete, daß seine Tauben im Monat August die abgeernteten Weizenfelder verschmähten und mit Vorttebe die Roggenstoppel aufsuchten, ein Jahr später, wo Klee auf demselben Felde stand, besuchten die Tauben fast aurslließlich täglich dasselbe und folgten der Sense, womit das tägliche Grünfutter für die Kühe geschnitten wurde, mit solcher Beharrlichkeit, daß die Bauern sich die Köpfe d arüber zerbrachen, was die Tauben da wohl zu suchen hätten.
Pfarrer Snell schlachtete von Zeit zu Zeit eine Taube und untersuchte sorgfältig den Inhalt des Kropfe». Auf diese Weise fand er, daß sich seine Tauben vom 24. November bis 17. Dezember, ferner vom 19. Dezember bis 14. Januar, also 48 Tage lang, und vom 1. Juli bis 1. August, also 32 Tage, zusammen 80 Tage, ausschließlich von Vogelwicken ernährten; zur Hälfte von denselben nährten sich die Tauben etwa 108 Tage lang, wobei die andere Hälfte aus Getreidekörnern und anderem Unkrautsamen bestand. Während der übrigen Zeit — 177 Tage — wurden die Tauben theils zu Hause gefüttert, theilS lebten sie von ausgefallenem Getreide, dem jedoch stets Unkrautsamen beigemischt waren. Unter diesen befanden
sich solche, welche dem Landwirth oft noch wei lästiger sind als die Vogelwicke, nämlich Hederich und wilder Senf. Den ersteren nehmen sie nur bei großem Hunger, den wilden Senf aber fressen sie massenhaft. Dazu kommen nun noch die Samen der Ampferarten, der Kornblume, der Ackerwinde, der Wucherblume und einiger anderen; ferner verzehren sie die kleinen Zwiebeln der Gagea arven- sis und das AUium oleraceum, sowie auch die kleine nackte Gartenschnecke, die Raupen von Noc- tua segelum, verschiedene Maden und sonstiges Gethier.
Wie massenhaft oft die Vogelwickensamen auf den Feldern liegen und von den Tauben dann auch verzehrt werden, bewies Snell durch das Zählen der Körner in den Kröpfen der geschlachteten Tauben. So fand er in dem Kropfe einer am 16. Juli gegen Abend geschlachteten jungen Taube mcht weniger als 3582 Samen. Nimmt man an, daß etwa halb so viel Futter vom Morgen an bereits in den Magen übergegangen war, so erhöht sich die Zahl auf 5373, halb so viel behält aber wohl jede alte Taube für sich im Kropfe, so daß zur Heckzeit eine einzige Taube täglich über 8000 Vogelwickensamen verzehrt und nach obigen Angaben also in 188 Tagen etwa 800,000 Samenkörner am Keimen und am weiteren Entwickeln verhindert. Nimmt man nur 500.000, so kommen auf einen Flug von 20 Paar Tauben int Jahre auch 20 Millionen dieses lästigen Unkrautes, über welches jener Pfarrer int Hannoverschen einstmals seinen Zehntpfltchtigen eine Strafpredigt zu halten sich genöthigt sah, welche er mit folgendem Verse einleitete:
Trespen, Raden, Vogelwicken, Sollt ihr nicht als Zehnten schicken! Gottes Wort ich lehre rein. So soll auch mein Brotkorn sein!
Pfarrer Snell kommt nun zu dem Schluß, daß, da außer etwa den Feldhühnern und Wachteln andere Vögel den Samen der Vogelwicke verschmähen, die Tauben zu den nützlichsten Vögeln zu zählen seien; selbst wenn sie an den Kulturpflanzen zu gewissen Zeiten einigen Schaden verursachten, so sei derselbe doch von dem Nutzen, welchen fie stiften, vielmal überwogen.
So beobachtete Snell ferner, daß Gerste, Weizen und Lein geradeaus solchen Feldern am schönsten standen, welche von den Tauben das ganze Jahr hindurch und besonders nach der Aussaat besucht wurden; die Landleute, welche Snell darauf aufmerksam machte, konnten die Thatsache nicht leugnen, wollten aber der Erklärung Snell's nicht so ohne Weiteres zustimmen. Der letztere führte den bessern Stand der genannten Früchte auf den Umstand zurück, daß die Tauben neben dem Unkrautsamen auch die unbedeckt gebliebenen Saatkörner verzehrten; dieselben wären doch nur verspätet aufgegangen, kümmerlich gewachsen und hätten den anderen Pflanzen Licht und Bodennahrung in der Zeit ihrer, wenn auch dürftigen, Entwickelung fortgenommen. Heutzutage liegt die Sache insofern ander», als durch die immer mehr sich verbreitende Reihen- oder Drillsaat die Körner sofort mit Erde gedeckt werden. Dies bestätigt ein Gutsbesitzer Namens Timmler in Hähnchen bei Gernrode direkt, indem er zum Lobe der Drillmaschine sagt, daß ihm früher die wilden Tauben die beim Eineggen oben gebliebenen Erbsen weg- gefressen hätten, daß ihm aber nach Benutzung der Drillmaschine dies nicht wieder vorgekommen sei.
Die höhst interessantesten Beobachtungen Snell's werden bestätigt durch andere Beobachter, wie Zorn in Pappenheim (Bayern), Beffroy und de Vitry in Frankreich, Bonizzi in Italien. (Köln. Ztg.)