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M 75.

Sonnabend, den 31. März.

1888

fidtor J

Di. Kulda-r, Z«itung> «scheint tSglich, Sonn, und F-iert-g. au.g-nomm«. Werteljithrlich« »b°nn^.M,pr«i« °hn-B^ng«rl°hnund Bestellgeld- 1 R. SO Pf. mit b« bellettistischr« Wochenbeilage .Stern« und Blumen' in Fulda I M. 70 Pf., auswärts IM. 75 Pf-

Inserate- Die einspaltig« Zeile ob« b«en Raum 15 Pf., bei Wi«d«holungen entsprechenber Rabatt.

Erstes Blatt.

Des hl. Osterfestes wegen wird die nächste Nummer unserer Zeitung am Dienstag ansgegeben. UMM- Bestellungen ans «nser Blatt werden noch fortwährend von allen Post­anstalten «nd Landbriefträgern sowie in unserer Expedition entgegen genommen.

G Ostergedanken.*)

Zur gewohnten Stunde klopften auch in diesem Jahre die Vorboten des Frühlings an die Pforte der Jahreszeit. Aber ein harter und gestrenger Winter hat den ungestümen Gästen nur zu lange den Linlaß verwehrt, und alle ihre Bemühungen, sich trotzdem zur Geltung zu bringen, schnöde zu Schanden gemacht. Bis in die allerjüngsten Tage übten noch Eis und Schnee ihre Herrschaft aus, und fast schien es, al» ob die Natur da» heil. Osterfest diesmal nicht in Grün, sondern in Weiß feiern sollte. Aber trotz der wiederholten winter­lichen Proteste ist in den meisten Gegenden unseres lieben Vaterlandes jetzt endlich Frühlingsahnung eingekehrt. Die so lange zurückgehaltene» Knospen an Baum und Strauch beginnen sich zu weiten, und schon lugen vielversprechend ihre grünen Köpfchen Hervor; in Wald und Feld und Garten, auf Anger und Wiese sind dem feuchten Boden die ersten Blättchen und Halme entsprossen, ver­einzelte frühe Kinder Flora» entfalten schüchtern ihre Kelche, und in der ganze,, Vegetation ge­wahrt da» empfängliche Auge die Spuren neuen schwellenden und keimenden Leben». Hoch in den Lüften schmettert am sonnigen Frühling«morgen die Lerche ihr jubelnd „Alleluja", und mit hellem Zwitschern und Singen antwortet ihr ringsumher auf der Flur und in den Büschen der gefiederte Lhor. So feiert die Natur ihr Auferstehungsfest, und auch in die arme Menschenbrust zieht ftohe Ahnung und neues Leben ein; geheimnißvolles Sehnen umgaukelt die Phantasie mit verklärten Bildern von ungetrübtem Glück und sonnigem Genuß. . .

Froher und Heller fast al« sonst dünkt uns am Ostermorgen der feierliche Glockenklang, dessen melodisches Alleluja Alle, die guten Willen» find, zur Kirche ladet und ihnen da» Wort de» gött­lichen Heiland» zuruft: Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch er­quicken! Vorüber sind die ernsten Wochen der Fastenzeit, an deren Schwelle da» graue Aschen- kreuz zur Umkehr, Buße und Besserung mahnte, vorüber die heilige Charwoche, welche uns die schmerzlichen Geheimnisse der göttlichen Erlösung, da» Leiden nnd den Tod de» Gekreuzigten im Geiste mitempfinden ließ, und der au» dem Grabe «uferstandene Gottmensch, der Sieger über Tod «nd Hölle, begeistert un» zu lauten Jubelgesän­gen, zu Lob und Preis de» vollbrachten Er- lösungrwerkes: „Das Grab ist leer, der Held er­wacht, der Heiland ist erstanden. Alleluja, Alle­luja!"

Ein Abbild de« menschlichen Lebens, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, ist das Leben der Völker, das politische Leben. Auch hier beobachten «ir Glück und Unglück, Freude und Leid in wechselnder Folge; Schuld und Verdienst finden früher oder später ihre gerechte Vergeltung; auch Betten der inneren Umkehr, der Buße und Läu­terung, schwere Prüfungen und düstere Leiden«-

*) Nachdruck nicht gestattet.

Wochen stellen sich ein und bereiten auf eine schönere Auferstehung und Wiedergeburt vor. Unser deutsche» Volk hat gerade eben eine schmerz, liche Zeit de» Leiden« und der Trauer durchlebt, und noch immer ist da« öffentliche Volksleben tief erschüttert von den verhängnißvollen Ereignissen. Der Tod Kaiser Wilhelms war gewiß an sich, mit Rücksicht auf das nur wenigen Auserlesenen vergönnte hohe Lebensalter des greisen Monarchen ein Ereigniß, dem man als einer Naturnothwen« digkeit schon seit Jahren entgegensehen mußte. Und doch hat der Tod dcs Kaisers in ganz Europa eine gewaltige Erregung, hervorgerufen wie sie nur das Hinscheiden eines Mannes von außergewöhnlichem persönlichen Ansehen und mäch­tigem politischem Einfluß zur Folge haben konnte. Die ganze civilisirte Welt hat dem Andenken des Kaiser» gehuldigt, ja bei seinem Tode ist erst so recht klar geworden, zu welch' achtunggebietender in den kaum zwei Jahrzehnten nach der Wieder­geburt des deutschen Reiches der deutsche Name und da« deutsche Kaisertum emporgediehen ist.

Tiefgebeugt stand da» deutsche Volk ohne Unter­schied der Stämme und Parteien, der Stände und Konfessionen an der Bahre de» Kaiser» und wußte den schweren Schlag, der gerade im gegen­wärtigen Augenblicke Deutschland getroffen, wohl zu würdigen. Zwar hat der Nachfolger de» Kaisers, Kaiser Friedrich, dessen schweres Leiden schon lange vorher einen düsteren Schatten auf die all­gemeine Stimmung warf, unverzüglich mit be­wunderungswürdigem Heroismus die Zügel der Regierung fest in die Hand genommen und in mehrfachen Kundgebungen ein Regierungsprogramm in Aussicht gestellt, welches bisher die denkbar einmüthigste Zustimmung gefunden hat. Aber ver­schiedene Anzeichen, besonders die jetzt schon an­geordnete theilweise Vertretung durch den Kron­prinzen, erfüllen da» Volk mit banger Sorge um die Wiederherstellung der Gesundheit de» neuen Kaisers, dessen Leiden fast allgemein als unheil- bar gilt. Sein Leben steht in Gottes Hand, und wir können nur unsere Gebete zum Himmel sen­den, daß er nach seinem weisen Rathschluß Alles zum Besten lenken möge.

Was Kaiser Wilhelm dem Herzen des ganzen deutschen Volkes so nahe brachte, das war außer seiner persönlichen Leutseligkeit und neben seinen Verdiensten um die Wiederherrichtung des einigen deutschen Reiches vor Allem das große Friedens- Programm nach Innen und nach Außen, welche« er namentlich ix der letzten Periode seine» Lebens so beharrlich verfolgt hat. Kaiser Wilhelm wurde deßhalb in den vergangenen Wochen auch in erster Linie al»Friedensfürst gefeiert, und nicht am wenigsten hatten die Katholiken Ursache, in ihm den Wiederhersteller de» kirchlichen Frie­dens, den Freund des Papste» zu verehren, der noch jüngst beim Papstjubiläum von dieser freund­schaftlichen Gesinnung äußerliche Beweise gab. Kaiser Friedrich hat wohl daran gethan, daß auch er da» Wort „Friede" in der doppelten Be­deutung de» äußeren und inneren Friedens förm­lich und feierlich al« da« Symbol seiner Regierung kundgab, daß er ganz besonders den konfessionellen Frieden proklamirte, der allein in der religiösen Duldsamkeit seine Stütze hat. Der äußere Friede, den Viele nach dem Tod de» Kaisers ernstlich gefährdet wähnten, erscheint fast wider Erwarten in diesem Augenblick gesicherter, als nach langer Zeit. Es ist ja richtig, daß die Stärke der deut­schen Heeresmacht und die begeisterte Einmüthig- keit de» deutschen Volke«, sobald e« sich um den nothwendigen Schutz des Reiche« nach außen handelt, in der gegenwärtigen europäischen Kon­stellation die sicherste Friedensgarantie ist. Aber

daß auch da« persönliche Gewicht des Monarchen schwer in die Wagschale fällt, hat Kaiser Wilhelm bewiesen, dessen Person lange Zeit der hauptsäch­lichste Friedensfaktor in Europa gewesen ist. In­sofern kommt allerdings sehr viel darauf an, wer jeweils den deutschen Kaiserthron einnimmt, und je weniger der naturgemäße Gang unterbrochen wird, je mächtiger die persönliche Autorität des Kaisers dasteht, desto besser für die gedeihliche Entwicklung de« Staates für den Frieden im Innern und nach Außen.

So ist also für das deutsche Volk, wenn auch die Wochen tiefer Trauer vorüber sind, der volle Auferstehungstag noch nicht angebrochen; ernst und nicht ohne Sorgen, wenn auch vom Morgen- roth der Hoffnung umstrahlt, winkt uns die Zu­kunft entgegen und wir wissen nicht, was sie in ihrem Schooße birgt. Das aber wissen wir, daß das deutsche Volk auch durch diese Zeit der Prüfung und Läuterung hindurch „per crucem ad lucem“ — „durch'» Kreuz zum Licht" den Weg zu neuem Heile finden, daß auch ihm zur rechten Zeit der Auferstehungstag erscheinen wird.

Deutsches Reich.

Berlin. 29. März.

♦ Sicherem Vernehmen nach wird der Aufent­halt des Kaiser» im Schlosse zu Charlottenburg noch etwa 5 bis 6 Wochen währen. Erst dann wird der Kaiser nach einem der von den Aerzten vorgeschlagenen Aufenthaltsorte sich begeben. Die Wahl des Ortes selbst hat sich der Monarch per­sönlich vorbehalten, bis jetzt aber noch keine Be­stimmung getroffen.

* Die bisher unter Vorsitz des Königs stattge­habten Minister-Berathungen wurden nach alter Tradition „Conseil" genannt, auf Befehl des Königs Friedrich ist statt dessen die Bezeichnung „Kronrath" getreten.

* Gegenüber den immer noch namentlich in einem Theile der ausländischen Presse kolportirten Gerüchten über ein angebliches Leiden des Kron­prinzen Wilhelm kann die.Nationalzeitung' als absolut authentisch mittheilen, daß das Gehörleiden, an welchem der Kronprinz vor längerer Zeit litt (eine akute Mittelohrenentzündung) vollkommen regulär abgelaufen und ohne jede Beeinträchtigung der Hörfähigkeit geheilt ist. Seitdem hat der Kron­prinz keinerlei Störung seines Gehörs erfahren und läßt dessen Gesundheit nichts zu wünschen übrig.

* Das Gesetz betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der landwirth« schaftlichen Arbeiter wird mittelst kaiserlicher Verordnung von gestern für Preußen, da» Groß- herzogthum Sachsen, die Fürstenthümer Waldeck und Pyrmont und die freie Stadt Lübeck am 1., April, für Württemberg und Schaumburg-Lippe am 15. Mai in Kraft gesetzt.

* In Bezug auf die Orden'szeichen, welche dadurch zu einer ungewöhnlich hohen Anzahl an­gewachsen find, daß sich zu den ursprünglichen Ordenrstufen noch eine Anzahl von Zwischenstufen gebildet hat, erfährt die .Kreuzzeitung', daß eine Aenderung im Sinne der Vereinfachung und Ver- ringerung bevorstehe. Den betheiligten Behörden soll die Weisung zugegangen sein, geeignete Vor­schläge zu machen.

* Minister v. Puttkamer hat sich heute früh zur persönlichen Information über die Weichsel­überschwemmungen nach Marienburg begeben. In seiner Begleitung befindet sich Geheimer Ober-Re- gierungrrath Haase. — Aus Posen wird ein wei­teres Steigen der Warthe gemeldet. Die Ob­dachlosen sind in Militärbaracken untergebracht worden. — Ueber die Wassersnoth im Elbege-