Jta 74. Donnerstag, den 29. März. 1888
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* Die Stellvertretung des Kaisers durch den Kronprinzen.
Die erste Nachricht über die vom Kaiser Wilhelm angeordnete Stellvertretung rief bekanntlich in der freisinnigen Presse großen Lärm wach. Der Grund lag in der Vermuthung, daß gewisse Kreise nach einer Beiseiteschiebung des Thronfolgers streben. Ueber die von Kaiser Friedrich angeordnete Stellvertretung durch den Kronprinzen Wilhelm sind die Urtheile der Presse ruhig und sachgemäß, obwohl sie in einigen Punkten auseinandergehen. Ueber das Zustandekommen des Stellvertretungs-Erlasses erfährt man zunächst, daß er Gegenstand der langen Konferenzen gewesen sei, welche in den letzten Tagen zwischen dem Kaiser, dem Kronprinzen und dem Fürsten Bismarck stattfanden. Die Gründe, die zu der Stellvertretung führten, sollen in dem Leiden des Kaisers zu suchen sein. Anders lagen indessen die Dinge bei dem ersten, anders liegen sie bei dem jetzigen Erlaß. Damals war der Kronprinz abwesend, im Auslande, und anderseits war der Gesundheitszustand des greisen Kaisers ein solcher, daß jeden Moment eine volle Behinderung desselben eintreten konnte. Heute aber weilt der Kaiser unter uns, und wenngleich er von einem tückischen Leiden heimgesucht ist, dürfte sein Leben doch nicht von so plötzlichen Wechselfällen bedroht sein, wie das naturgemäß bei einem 91- jährigen Greise der Fall sein kann. Daher betont
auch die Presse, es sei nicht das Leiden des Kaisers als Motiv des Stellvertretungs-Erlasses angegeben, sondern in erster Linie die Rücksicht auf die nothwendige Ausbildung des Thronfolgers in den Regierungsgeschäften. Daß dieses Motiv das entscheidende gewesen ist, ergibt sich auch aus der neueren Meldung, der Kronprinz solle fortan allen Vorträgen beiwohnen, welche der Reichskanzler oder die Minister dem Kaiser halten. Hier setzt aber die Kartellpresse gleich mit parteipolitischen Bemerkungen ein. Sie meint, es soll dadurch die „Stetigkeit in der politischen Entwickelung des Staates" gefördert, die „Gefahr eines plötzlichen Systemwechsels" vermindert und „die Kontinuität der Regierungsmaximen" gewahrt werden. Soll damit gemeint sein, daß Kaiser Friedrich auch in allen Dingen ebenso Händeln müsse, wie fein Vater, so würde man ihm offenbar die Hände zu binden suchen. Unvorsichtige Kartellblätter haben diesen Wunsch ja schon angedeutet; sehr königstreu ist er aber keineswegs. Kaiser Friedrich hat ja schon gelobt, in den Wegen seines Vaters wandelnd, die Wohlfahrt der ganzen Nation fördern zu wollen. Eine Uebereinstimmung mit den Grundgedanken der Regierung läßt sich daraus folgern, keineswegs eine Nachahmung aller und jeder Maßnahmen des verstorbenen Kaisers. Freisinnigerseits aber gibt man sich auch Illusionen hin, wenn man auf eine starke Wendung hofft. Eine solche ist schon durch das Leiden des Kaisers ausgeschlossen. Vielfach werden dem Kaiser mehr liberale, dem Kronprinzen mehr konservative Neigungen zugeschrieben. Mit welchem Recht, das muß die Zukunst lehren. Jedenfalls steht dem Kaiser die größere Erfahrung zur Seite, und wenn nun sein Sohn unter seiner Aufsicht in die Regierungsgeschäfte sich einarbeitet, so liegt darin eine um so größere Garantie für die gute Vorbereitung des einstigen Thronerben. Der Kronprinz ist ja auch, wie die Presse hervorhebt, nicht mit einer generellen, sondern nur mit einer partiellen Stellvertretung beauftragt. Man vermuthet daher auch mit Recht, daß der Kaiser prinzipiell wichtige Dinge seiner
Entscheidung vorbehalten und nur minder wichtige seinem Sohne zuweisen wird. Aufklärung darüber wird wohl das Reglement gewähren, welche» von den Blättern in Aussicht gestellt wird. Aber selbst in den ihm überwiesenen Sachen dürste der Kronprinz auch nicht ohne weiteres selbstständig entscheiden, sondern an die Direktive und Uebereinstimmung mit dem Kaiser gebunden fein. Die ,Post' versichert, daß der Stellvertretungserlaß aus der eigensten Initiative des Kaisers selbst hervorgegangen sei. An dieser Initiation hat kein Blatt gezweifelt, und die Hiebe, welche da» Kartellbrüderblatt dabei auszutheilen sucht, sind reine Lufthiebe. Von Wichtigkeit ist aber, daß der Erlaß besonders betont, der Umfang der Geschäfte des Stellvertreters solle sich nach kaiserlicher „Bestimmung" richten. Sollte also plötzlich die Nothwendigkeit einer generellen Stellvertretung eintreten, so würde es, um diese in Werk zu setzen, keiner besonderen Ordre, sondern nur einer einfachen Willenskundgebung bedürfen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. März.
* Die in großer Spannung erwartete Amnestie wird, wie es heißt, noch in dieser Woche, und zwar so erfolgen, daß die von ihr Betroffenen schon zum bevorstehenden Feste ihren Familien zurückgegeben sein werden.
* Die Nachrichten über das Hochwasser lauten immer trauriger. Am schlimmsten sieht e» in der Nogat-Niederung bei Elbing aus. 10 Quadratmeilen, 77 Ortschaften mit 30,000 Einwohnern stehen unter Wasser. Der Schaden wird auf 30 Millionen geschätzt. Menschenverlust ist, soweit sich dies bisher übersehen läßt, glücklicher Weise nicht zu beklagen. Ueberall im Ueber- schwemmungSgebiete sind die Rettungsarbeiten im Gange. Es ist beschlossen, den Piekeler Kanal zuzumachen und dann den Bruch bei Jonas^orf abzufangen, der 1500 Fuß lang ist. Bei Posen steigt die Warthe weiter. Die Vorstädte Schrotka, Städtchen und Wallischei sind ganz, die Unterstadt
Passionsblumen,
Schau hin, mein Christ! es blühet schon Im Schmerzensgarten der Oliven Die heil'ge Blume der Passion. — Wie dringt ihr Duft in Herzenstiefen! Von Deines Heilands Seelnnoth Sind hier noch all' die Blüthen roth, Da sie der Blutschweiß übergoß, Der von des Dulders Stirne floß. O, mit Sankt Hugo möcht' ich weinen, Dem oft vom Äug' die Thräne rann, Dacht er der H rzen, gleich den Steinen, Die selbst der Oelberg nicht gewann. Und wenn ein Sünder zu ihm kam, Beladen mit der Schuld, der schweren, Ein Kreuzbild dann der Heil'ge nahm. Benetzte es mit seinen Zähren, Bis auch des Sünders hartes Herz Ergriffen ward von Reueschmerz: „Ach, wenn nach Lüsten Du verlangst, Gedenke seiner Todesangst I Denk' an die blut'gen Geißelhiebe! Für Dich ertrug es seine Liebe."
Es wächst ein Strauch an Salems Mauern, In deffen Näh' die Blumen trauern, Der Blüthen nicht, noch Früchte treibt, Und, nur mit Dornen scharf besetzt, Ein Bild herzlosen Spottes bleibt. Der einst den Menschensohn verletzt. Hoch wächst der Busch in schwarzen Nächten, Den niemals grüne Blätter schmücken; Die Dornen sie zur Krone flechten, Die auf des Heilands Ha> pt sie drücken. Ich hört', daß einen Dorn nach Haus Bon dieser Kron' ein Pilger bracht'; Der schwitzet immer Blut noch aus In heiliger Eharfreitagsnacht.
Ein Kreuz steht hoch auf Golgatha, Die Schädelstätte zubenannt, Weil, wie die Sage geht, allda Adams Gebein die Ruhe fand. Wie wunderbar! auf dieses Grab Fließt nun des zweiten Adams Blut, Als Zeichen, daß der Herr vergab Die Schuld, die auf dem ersten ruht.
Der Brand der Minoritenkirche in Bonn.
Das war ein wirklicher Schmerzensfreitag, den die Bonner Minoritengemeinde am 23. März er. erlebt hat.
Ein Brand, wie er feit vielen Jahren hier nicht mehr vorgekommen, hat des Morgens die genannte Pfarre heimgefncht. Gegen 6 Nhr ent- lanb in der Bügelküche des Hütels zum „Goldenen Stern" Feuer, das, weil unbemerkt, rasch um sich griff und feinen Weg nach dem Dache nahm. Hier sprangen die Flammen, von dem südlich 'ommenben Winde weitergetragen, auf den Dach- iuhl der Gebäulichkeiten, welche an den Kreuz- ;ang der Kirche sich anschließen. Die Wohnung >es Herrn Kaplan van Endert und des Küsters wurden zuerst ergriffen, dann verbreitete sich das Feuer rasch weiter, von der Wohnung des Herrn Kaplan Rillten durch das Dach des Kreuzganges nach der östlichen Seite, wo Herr Pfarrer Dr. Reinkens wohnt Da» viele Holzwerk begünstigte eine rasende Feuersgluth, die bald auch das Treppenhaus des Kirchthurms erfaßte. Es mar
einviertel vor 7 Uhr, als die Flamme aus dem Thurme hervorschlug und bald die Stadt durch dieses schaurige Unglückswahrzeichen alarmirte. Wie schnell die Flammen um sich gegriffen, geht daraus hervor, daß Leute, welche der ersten hl. Messe in der Kirche beiwohnten, gegen 6 Uhr das Gotteshaus verließen, ohne etwas von dem Brande zu gewahren.
Groß war die Gefahr, welche nun den angrenzenden Häusern an der Brüdergaffe drohte, und aus den zunächst anliegenden Häusern schaffte man das Mobilar in Sicherheit. In einem Hause stürzte in der Aufregung eine Frau und brach den Arm. Die Feuerwehr unh viele Bewohner eilten zu Hilfe, während sich ein zahlloses Publikum in der Neugasse ansammelte, welch' letztere bald durch das anrückende Militär gesperrt wurde. Die Glocken des Thurmes schmolzen bald in der fürchterlichen Hitze; zwei derselben stürzten, wie man annimmt, in die Kirche herunter, jedoch ohne den Hochaltar zu beschädigen. Bald war der ganze Dachstuhl des Gotteshauses eine Feuergarbe. Man arbeitete mit größter Anstrengung, die anliegenden Gebäude zu sichern und das Feuer auf seinen Heerd zu beschränken, was denn auch glücklicherweise gelungen ist. In die Kirche konnte man zuerst wegen des erstickenden Qualms nicht ein- bringen; als dies gegen 7 Uhr möglich, würbe mit größter Anstrengung gehandelt. Das Sank- tisstmum unb die hl. Gefäße wurden zuerst gerettet, in ein anliegendes Haus gebracht und