1888
Mittwoch, den 28. März.
Muer
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555 Vom Altkatholizismus.*)
Wir haben schon seit einigen Jahren den Grundsatz befolgt, vom Altkatholizismus nicht mehr zu reden und zu schreiben, als unumgänglich nothwer- dig ist. Freilich haben in jüngster Zeit die seltsamen Vorgänge innerhalb des badischen Altkatholizismus, die undelikate Affaire Watterich, die an'S Tageslicht gezogenen brieflichen Bekenntnisie und Geständnisse des altkatholischen Stadtpfarrers Bodenstein in Karlsruhe und endlich die Aufsehen erregenden öffentlichen Kundgebungen de» Heidelbergers Stadtpfarrers Dr. Rieks die öffentliche Aufmerksamkeit sozusagen mit Gewalt auf den Altkatholizismus und seine rapide Abwärtsbewegung hingelenkt. Aber auch in diese Dinge sollte man sich unsererseits nicht mehr als unbedingt nöthig einmischen, vielmehr nur als aufmerksame Zuschauer da» Schicksal verfolgen, welches sich schon seit vielen Jahren langsam, aber mit unfehlbarer Sicherheit an dieser Bewegung vollzieht.
Nur die unmittelbarste Staatsunterstvtzung nach jeder Richtung hin, nur der gleichzeitige Kulturkampf gegen Rom und den Katholizismus hat dem Altkatholizismus kurze Zeit ein künstliches Leben einhauchen können. Aber auch wo diese Staatshilfe noch ungemindert fortdauert, wo selbst der Kulturkampf noch als willkommener Bundcsgencffe des Altkatholizismus fortwuchert, hat sich die schwindsüchtige Natur stärker erwiesen als die Kunst der Helfershelfer. Je weiter sich der altkatholische „Glaube" — vom Unfehlbarkeits-Dogma ganz abgesehen — von den uralten Lehreinrichtungen der katholischen Kirche entfernt hat, je mehr von den charakteristischen Eigenthümlichkeiten des Katholizismus auch im Gottesdienst und in den religiösen Gebräuchen abgestreift wird, je häufiger altkatholische Religionsdiener auch innerhalb ihrer Gemeinschaft gegen das „Papalsystem" sich auflehnen,
*) Nachdruck nicht gestattet.
berliner MrlmchttMkWiftkn.
In einem jüngst erschienenen Buche „Die Verbrecherwelt von Berlin" schild-rt ein ungenannter Verfasser aus dem Beamtenstande die „Verbrecherklappen." Dem Kapitel entnehmen wir Folgende»:
Der Verfaffer führt zuerst aus, daß die abenteuerlichen Vorstellungen, wie sie die Phantasie von diesen Heimstätten de» Verbrechens sich gemacht hat, durchaus falsch sind. In Wahrheit ist an einem solchen Sammelpunkt der Berliner Verbrecherwelt gar nichts Besonderes zu sehen. Jedenfalls wird der Fremde wenig Absonderliches beobachten, und nur der Eingeweihte kann allenfalls mancherlei entdecken, was für fein kriminalistisches Jntereffe lohnend ist. Berlin besitzt nur noch ein paar Dutzend solcher Lokale. Sie nehmen ab in dem Verhältniß, als die Verbrecher einsehm lernen, daß Re ihre Angelegenheiten mitten in dem Gewühl der Großstadt, in den besuchtesten und anständigsten Restaurationen nicht minder und viel- £e'd}t noch mehr unbeobachtet verhandeln können al» in zu diesem Zweck geschaffenen Speziallokalen. Immerhin aber cxistiren sie noch und werden auch schwerlich jemals ganz verschwinden; denn eine all- Sememe menschliche Erfahrung zeigt un», daß jede
die Disziplin verletzen und dem „Bischof" den Gehorsam kündigen, um so schneller vollzieht sich der natürliche Rückbildungs-Proz ß — trotz aller direkten und indirekten Staatshilfe.
Wir verzichten darauf — obgleich uns das Material zur Hand ist — dem Altkatholizismus ziffer- mäßig nachzuweisen, wie sehr es mit ihm bergab geht, wir wollen auch der Versuchung widerstehen, aus den inten ff inten Schriften des Dr. Rieks, des Ritter v. Schulte und Anderer, sowie aus dem Briefwechsel Bodenstein'S u. s. w. die innere Gäh- rung und die ganze Haltlosigkeit des Alrkatholizis- mus näher zu illustriren.
Wie schon anzedeutet, sollte man die „Bewegung" am besten sich selbst überlaffen, das Weitere wird sich dann schon finden. Nach 40 Jahren wird vom Altkatholizismus nichts mehr übrig sein, als heute vom Deutschkatholizismu», dessen Haupturheber Johannes Range vor 40 Jahren wähnte, den kühnen Traum einer Trennung des katholischen Deutschland vom päpstlichen Mittelpunkte in Rom verwirklichen zu können. Auch ge- wisse altkatholische Kirchenbauten, welche von prote- testantenvereinlicher Seite theils aus Haß gegen die katholische Kirche, hauptsächlich aber nur deshalb so lebhaft unterstützt werden, weil man in diesen Kreisen den Antritt der altkatholischen Erbschaft nur für eine Frage der Zeit hält, können nüchterne Beobachter über den wahren Gesundheitszustand des Altkatholizismus nicht täuschen.
Das Scheinleben, welches der Altkatholizismus zur Zeit in Deutschland führt, beruht lediglich und allein auf der direkten und indirekten Staats- unterstützung. Sobald die überreichen Staats - botationen für dis altkatholische Seelsorge in Wegfall kämen, würde die Fahnenflucht unter den altkatholischen Geistlichen eine allgemeine werden, und der ganze äußere Organismus läge zerbrochen am Boden. Einstchtige Altkatholiken sind darüber keinen Augenblick im Zweifel, deshalb sehen wir sie auch bei den Wahlen mit so übermenschlicher Anstrengung für diejenige Partei werben, welche allein noch int preußischen und badischen Landtage mit vollem Eifer wie für den Kulturkampf, so für den Altkathol'zismus eintritt. In der badischen Kammer, wo der Nationalliberalismus im Augenblicke stärker als jemals dominirt, find deshalb vorderhand alle Bemühungen, dem Ältkatholizismu« die
Menschenklaffe das Bedürfniß hat, von Zeit zu Zeit mit seinesgleichen ungestört unter fich zu sein, und wahrlich nicht am wenigsten die Klaffe der Verbrecher. Die Verbrecherklappen sind fast ausnahmslos in Kellern belegen, die mit ihren Fenstern so wenig über das Niveau der Straße emporragen, als es die polizeilichen Vorschriften über die Räumlichkeiten der Schankwirthschaften zuloffen. Die Wirthe verschmähen es, große Schilder an der Front des Hauses anzubringen und Abends buntfarbige Laternen anzustecken. Nur ein matter Lichtschein dringt durch die Gardinen der Fenster, an dem der Uneingeweihte arg- los vorübergeht, der aber genügt, um dem Stammgast zu beweisen, daß er nicht fthlgeht. Man steigt einige Stufen hinab und findet ein, auch zwei niedrige Zimmer mit verräucherten Decken, roh getünchten Wänden und einem armseligen Mobilar. An kleinen Tischen sitzen da gruppenweise eine Anzahl Menschen, an denen weiter nichts auffallend ist, als daß man sie vielleicht als eine bunte Gesellschaft bezeichnen könnte. Denn haben da den einen Tisch gänzlich zerlumpte und reduzirte Gesellen inne, so macht sich dicht daneben ein Kleeblatt breit, das geschniegelt und gebügelt, mit dem Monokle im Auge, tadelloser Wäsche und feinem Cylinderhut auf dem Kopfe in diese Um-
unverhältnißmäßig hohe Staatssubvention (24,000 Mark) zu entziehen, aussichtslos, weshalb auch die kleine katholische Fraktion sich bei der sitzten Kul- tusberathung lediglich auf die Erklärung beschränkte, gegen diese Position stimmen. Anders int preußischen Abgeordnetenhause.
Zwar ist auch hier die bisherige Dotation von 48,000 Mark für einen altkatholischen Bischof wiederum bewilligt worden, aber dennoch erlitt der Ältkatholizismu» schon in der zweiten Etatsberath- ung eine schwere Niederlage, welche in der eben stattgehabten dritten Lesung so kräftig als möglich besiegelt wurde. Mit der erdrückenden Majorität von 184 gegen 79 Stimmen hat das preußische Abgeordnetenhaus die von der Regierung beantragte, in zweiter Lesung gestrichene, aber vom Abg. v. Eynern wieder aufgenommene Mehrforderung von 6000 M. für die Bedürfnisse der Altkatholiken abgelehnt. Dieses Stimmen» verhältniß von 184 gegen 79 Stimmen hat in katholischen Kreisen überrascht, um so mehr aber bei den Altkatholiken selbst und bei den national- liberalen Protektoren des Altkatholizismus, welche durch ihren Sprecher von Eynern erklären ließen, daß sie eine Ablehnung der Forderung nicht für möglich hielten, und durch den Abg. Seyffardt eine namentliche Abstimmung beantragten, um eine gew ssenhafte Heerschau über die Freunde und Widersacher des Altkatholizismus abzuhalten. Nur die Nationalliberalen, der größte Theil der Frei- konservativen und ein paar Deutschfreisinnige stimmten für die Mehrforderung, Zentrum, Konservative, Polen, der größte Theil der freisinnigen Partei und einige Freikonservative votirten mit Nein.
Jntereffanter noch als das überraschend günstige Abstimmungsresultat, war die vorhergehende Debatte. Dem „intellektuellen" Abg. v. Eynern (berühmt durch seinen „Erasmus von Rotterdam" und durch sein neueste« wiffenschaftliches Produkt „Das lex") gebührt das Verdienst, bei dieser Gelegenheit wieder einmal der Katze die Schelle umgehängt, das ablehnende Votum im Voraus zu einer direkten Vernrthei lung des Altkatholizismus als solchen gestempelt zu haben. Vergebens versicherte der Abg. Richter, daß e« sich bei dieser Abstimmung um das „für" oder „gegen" den Ältkatholizismu« gar nicht handle; Herr von
gebung schlecht zu paffen scheint, und an einem dritten Tische haben sich ein paar Individuen plazirt, die nach Kleidung und resolutem Auftreten dem Handwerkerstande anzugehören scheinen. Während jene dem nächtlichen Strolchthume an- gebören, stnd die Andern Hochstapler und Bauernfänger und diese thaikräftige Einbrecher. Auch das weibliche Element fehlt nicht, ausnahmslos Prostituirte. Das Benehmen dieser Leute bietet äußerlich nichts Absonderliches. Sie rauchen, trinken Schnaps und Bier, unterhalten sich und spielen Karten. Sobald ein nicht zu ihnen Gehöriger das Lokal betreten hat, wird er bei der größten Aufmerksamkeit nichts entdecken, was ihn auf den Gedanken bringen könnte, daß er es hier mit lauter Verbrechern zu thun habe. Aber sobald der Eindringling den Rücken gekehrt hat, ändert sich die Szene. Hier zieht Einer einen Beutel mit Gold aus der Tasche und vertheilt den Inhalt an seine Komplizen von der letzten That, dort steckt man die Köpfe zusammen und beräth eifrig die P^äne für die nächste. Streit kommt nur selten vor, und ist er entstanden, so wird er bald durch das eindringliche Zureden eines besonders Angesehenen geschlichtet. Jetzt betreten durch die Hinterthüre vom Hofe aus eiligst zwei neue Gesellen den Raum, sie reißen sich falsch