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M 70

Sonnabend, den 24. März.

1888

Sie Fuldaer, Zeitung' «MtM■«««<•. ««» «ni’ Wrtog» M-genommen Vierteljährlicher «bonnemmtSprei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 R 50 W mit der belletristischen Wochenbeilag- »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M75 »f 9 1 ». DU VT.

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Zweites Blatt.

= Wie der Buschmüller seinen Mahlburschen bekehrt hat.*)

Ob die Buschmühle ihren Namen von den um­stehenden Erlenbüschen führt, können wir nicht behaupten, mag aber doch wohl so sein, denn sie liegt so versteckt in dem blätterreichen Buschweik, daß man nur das mshlbestäubls Dach hervorlugen sieht. Besser verrathen wird sie schon durch ihr geräuschvolles Klappern, dar lustig den sonst so stillen Wiesengrund erfüllt. Als einmal ein fahren­der Landschaftsmaler dem Schalle nachgegangen, da ist er beim Anblick der Mühle stillgestanden und hat ganz begeistert ausgerufen, hier habe er dar „ansprechendste Motiv" gefunden — „ein poesiegetränktes Idyll!" Der Buschmüller aber hat zu diesen Worten schier ärgerlich den Kopf geschüttelt und trocken gemeint: „Ihr Stadtleute schwätzt doch gar so närrisches Zeug, das man nimmer versteht. Seht Ihr denn vor lauter Bäumen den Wald nicht? — Dar ist ja eine Mahlmühle, eine einfache Mahl mühle nach altem Schlag, weiter nichts."

Indessen wenn der Alte auch sein Besitzthum nicht aus ästhetischen Gründen zu schätzen wußte, so ging er ihm dennoch über aller, hatte er es doch von seinem Vater ererbt und war gleichsam damit verwachsen mit seinem ganzen Sein. Er war ein wackerer, gotterfürchtizer Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck sitzen hatte, und wenn er auch nichts von „neumodischer Bildung" ver­stand — nach seinen eigenen Worten — so besaß er doch einen gar Hellen Verstand und eine gute Dosis Mutterwitz, womit er meistens den Nagel auf den Kopf zu treffen wußte.

Die Abendsonne spiegelte sich in den blinkenden Giebelfenstern der Mühle und aus dem Schorn­stein stieg säulengerade der Rauch in die Luft, denn die Müllerin stand am Herdfeuer und kochte die Abendsuppe. Die bunten Levkojen zwischen den Gemüsebeeten de« kleinen Hausgärtchens hauchten lieblichen Duft und der vermählte sich mit dem kräftigen Grummetgeruch, der aus der geöffneten Scheune quoll, wo bereits ein großer Theil der heurigen Ernte eingeheimst lag. Alles athmete so recht Frische und Naturwüchsigkeit und der Mühl­bach rauschte eine muntere Weise, zu der sich brausend die schwarzen Räder drehten, lausend und abertausend kühle Wassertropsen aufspritzend.

Der Buschmüller, der in der Scheune noch einen Rest Grummet abgeladen hatte, trat jetzt in die offene Einfahrt und blickte in den Hof, wo ein kleines Wägelchen stand, das sauber mit blauer Farbe angestrichen war. Ein stattliches Grauthier war davor gespannt, und ein junger kräftiger Bursche belud es mit gefüllten Mehlsäcken, die er wie spielend auf der Schuller aus der Mühle trug.

Eine Weile blickte der Meister dem flinken Han- irren des thätigen Gesellen zu und der Ausdruck einer stillen Befriedigung trat auf sein mehlbe- .paderte« Gesicht.

„Ja, das ist noch der alte Fritz," nickte er ver­gnügt, „der beste Mahlbursch, den ich je gehabt. Ihm thut's doch Keiner gleich, denn, wahrhaftig, der schafft für Zwei. Bin nur froh, daß ich ihn wieder hab' und daß er seine Tüchtigkeit bei den Soldaten nicht eingebüßt hat."

In dieses leise geführte Selbstgespräch klangen plötzlich die Abcndglocken mit schönem Hellen G - ^ule vernehmlich über den Wiesengrund, trotz des Räderklapperns, und der Meister nahm seine

*) Nachdruck nicht gestattet.

weiße Z plelmütze ab, bekreuzte sich und betete andächtig den Engel des Herrn. Nur der Bursche ließ sich nicht irre machen, er legte die Mehlsäcke besser zurecht und machte sich eifrig an dem Wägel­chen weiter zu schaffen.

Obgleich der Buschmüller nicht nur äußerlich betete, sondern seine ganze Seele zu dem Herrn erhob, so konnte ihm dieses Thun vor seinen Augen nicht entgehen. Als er geendigt, setzte er sein Müllermützlein wieder auf und ernsthaft den Kopf schüttelnd, seufzte er jetzt recht traurig: „Nein, nein, da« ist doch mein alter Fritz nicht mehr." —

Fritz wollte gerade, den Esel antreibend, mit seinem Gefährte den Hof verlassen, als ein lauter Zuruf seines Herrn ihn wieder anhalten ließ.

„Was soll's, Meister?" rief er fröhlich zurück, und die rasche feste Art, mit der er sich dabei umwandte und der Scheune zuschritt, trug noch ganz das Gepräge militärischer Strammheit.

„Ich wollte dich nur fragen, ob du eigentlich in der Stadt bet den Soldaten das Beten ver­lernt hast?" fragte der Müller scheinbar ruhig.

Fritz sah doch ein bischen verlegen au» bei der unerwarteten Frage, aber er wollte sich'» nicht merken lassen und versetzte mit erkünstelter Un­befangenheit: „In der Stadt ist das nicht Mode, Reister - dort find halt die Leut' so gescheidt und aufgeklärt —"

„Was? dort sind sie so gescheivt, daß sie unfern Herrgott nicht brauchen? Ei, ei," unterbach ihn der Alte mit spöttischer Betonung.

„Nun, Meister, ein tüchtiger Kerl verläßt sich auch am besten auf seine eigene Kraft — viel beten aber ist recht für alte Weiber," klang es keck zurück.

„Ei, das sind ja schöne Grundsätze, die du dir angeeignet hast," rief der Meister bitter aus. „Das heißt wohl, man ist nur auf der Welt, um eem Irdischen nachzujagen, aber auf ein seliges Iterbestündlein brauchen wir uns nicht vorzu­bereiten? Ist das die Gescheidtheit? Wenn aber nun ein solches Heidenleben vorbei ist — und einmal hört's ja doch damit auf — und der Ernst der Ewigkeit beginnt — was dann? —

Der Buschmüller hatte mitunter eine so eigene Art, den Leuten in's Gesicht zu sehen. Auch Fritz empfand jetzt diesen scharfen, durchdringenden Blick, doch ganz trotzig klang seine Stimme: „Ja, wenn's einmal vorbei ist mit dem Leben, so ist'» halt vorbei. Dann werden wir wohl in das Nichts zurückkehren, aus dem wir gekommen sind, wie viele sehr gelehrte Herren sagen, die man Pro­fessoren nennt. Was aber so die Geistlichen schwatz >n von Himmel und Hölle und Ewigkeit, darüber weiß man gar nichts Gewisses. Wer gescheidt ist, glaubt nicht mehr, wie er sieht, und was er nicht steht, glaubt er nicht."

Des Buschmüllers ehrliches Gesicht färbte sich dunkelroth vor Entrüstung, aber er bezwang seinen Unwillen, sah er doch ein, daß er einen bedauernS- werthen Verirrten vor sich habe, den er wieder auf den rechten Weg führen müsse. Ec wandte sich dßhalb nach dem angespannten Esel und sagte, diesen auf den Hals klopfend, gelassen: „Ei Grauer, da haben ja die vielen sehr ge­lehrten Herren, die man Prof.floren nennt, gar nichts vor dir voraus. Wenn du einmal verendest, so scharren wir dich ein, und es ist alles aus mit dir. Bist aber auch ein unvernünftiges Thier, ohne Seele. Die aber, welche eine unsterbliche Seele haben und sich von gewissenlosen Verführern um diese» kostbarste Gut leichtsinnig betrügen lassen: — meiner Six, die sind zehnmal größere Esel als du, mein Grauer/

Fritz wurde ein wenig roth bei diesen an-

I züglichen Worten, aber er knallte laut mit der Peitsche und fuhr zum Hof hinaus.

Der Meister sah ihm ernst und bekümmert nach.

Vielleicht meint der Leser, der Buschmüller, der selbst so viel auf Gottesfurcht und Frömmigkeit hielt, hätte nun den ungläubigen Gesellen gleich aus seinem Dienst jagen sollen. Aber der wackere Alte dachte doch anders; er hatte den Fritz al- frommen, braven Burschen gekannt, der ihm schon früher treu gedient hatte, ehe er zum Militär berufen worden, wenn derselbe nun durch den Umgang mit schlechten Kameraden da« kostbare Gut de» Glauben« verloren hatte, so that ihm die« in der Seele leid und er wollte den Un­glücklichen nicht versinken lassen.

Fritz blieb also in der Mühle, war tüchtig bet der Arbeit und betrug sich sonst ganz ordentlich und gesittet. Auch die Kirche besuchte er, denn darauf hatte der Meister, der in seinem Hause kein Aergerniß duldete, energisch bestanden, ob- gleich der leichtsinnige Bursche dachte: „Zum Kirchengehen kann mich der Meister wohl zwingen, aber etwa» zu glaube«, da» ich nicht sehe, dazu bringt er mich doch nicht."

So waren einige Wochen vergangen, al» eine« Tages die Müllerin rief: „Mann, Mann, ich seh' den alten Jäkef auf unsere Mühle zuschreiten, paß auf, daß er un« nicht wieder was mitgehen heißt."

„Lebt der alte Schacherer auch noch?" fragte Fritz nach dem Wissengrund hinab spähend, wo noch in ziemlich weiter Entfernung ein schäbig russehender Jude daher gestapft kam.

(Schluß folgt.)

Vermischtes.

* Coblenz, 18. März. Wir haben seiner Zeit unfern Lesern davon Mittheilung gemacht, — so schreibt die ,Cobl. Vztg.' — daß es unfirm strebsamen Mitbürger, Herrn Otto Migge, gelungen ist, die alt italienische Geige nachzuahmen. Bei Gelegenheit einer vor hiesigen und Kölner Kenner des Violinfaches abgelegten Probe hat Herrn Migge's Instrument glänzend bestanden und wurden ihm damals von unserm Referenten wegen seiner bewiesenen Kunstfertigkeit die schönsten Aussichten eröffnet. Daß sich derselbe nicht geirrt, beweist die Thatsache, daß das Conservatorium in Barcelona in Spanien, an dem eines der Migge'schen Instrumente eingeführt ist, ein ganz schmeichelhaftes Attest d. d. 12. Febr. 1888 dem jungen Künstler ausfertigte, das in der deutschen lieber- setzung folgenden Wortlaut hat: „Die unterzeichnet« Commission, welche durch den hochgeschätzten Herrn Ge­neraldirektor des hiesigen Conservatoriums zur Begut­achtung der Eigenschaften einer von Ihnen an die Direktion des hiesigen Conservatoriums gesandten Geige ernannt wurde, theilt Ihnen Folgendes mit: Die fragliche Geige ist nach einem vorzüglichen Modell gebaut. Die Qualität des Tones hält gleichen Schritt mit der Tonfülle, denn die Erstere ist sympathisch und angenehm (besonders in den mittleren und tiefen Lagen); die Ausgiebigkeit der letzteren in hohem Grade auffallend. Sämmtliche Herren, die das Instrument in der öffentlichen Probe, welche mit demselben vorgenommen wurde, gespielt haben, versichern, daß vor Allem die Leichtigkeit bemerkenswerth ist, mit welcher auf demselben Uebergänge erreicht werden, welche auf andern Instrumenten hart und widerspenstig hervor- kommen, wie z. B. Uebungen auf doppelter Saite, Passagen, Arpeggien rc. In Summa: Beim Vergleich des genannten Instrumentes mit andern von Meistern hohen Rufes, steht dasselbe nicht im Mindesten nach, vielmehr präsentirt sich dasselbe als eine vollendete Nachahmung der Stradivari und können wir versichern, daß es wie diese, alle guten Eigenschaften in sich vereint, welche ver­langt werden können. Dies ist das Urtheil, welches wir das Vergnügen haben mit unserer Gratulation Ihnen hiermit zu übersenden." Soweit das schriftlich- Zeugniß. Zugleich wurde Herrn Otto Migge die freudig- Mitthei­lung, daß ihn das Conservatorium zu seinem Ehrenmit­glied ernannt habe und ihm der betreffende Titel später­hin zugesandt werde. Das Conservatorium in Barcelona rechnet zu den bedeutendsten Spaniens, daher die Herrn Migge zu Theil gewordene Ehre um so höher anzu­schlagen ist.