1888
Freitag, den 23. März.
JK 69.
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BK* Die ,Fuldaer Zeitung' ist die einzige in der DVzese Fulda und im Regierungsbezirk (Saffet täglich erscheinend: katholische Zeitung. "W
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❖ Das Großkapital,
ii.
Ai» zu Anfang unserer deutschen Geschichte die ganze Masse de» Volke», sogar die Edlen, nicht» Andere» waren, al» Bauern, da machte unser Volk seinen Siegeslauf nach Westen und breitete fich über den ihm so lange verschlossen gebliebenen Rhein hinüber in zahllosen Ansiedelungen au», ja e» eroberte damals das ganze jetzige Frankreich. Als aber das dort entstandene Lehenswesen von dort zu un» allmählrg übertragen worden war, als die Beamten, die Grafen, welche in ihrer Person die Würde des Verwaltungsbeamten, de» Richter» und de» Oberanführers der Gaubevölkerung, also eine gewaltige und vielseitige Macht vereinigten, diese Machtfülle zur Unterdrückung der Kleinen mißbrauchten, ohne daß sich für letztere in den wirren Zeitläufen und unter schwachen Königen ein gerechter Schützer fand, da verschwanden die Allodien, die freien Bauernhöfe immer
* Girr soziales Nachtstück.
Das Schöffengericht der 98. Abtheilung in Berlin war lNngsthin versammelt; eine Reche von Delinquenten hatte man schon verhandelt; es ging dem Ende zu. Da führte man «ine Frau vor. Sie mochte vielleicht 30 Jahre iählen; ihre Kleider waren anständig und reinlich, ihr «sicht aber blaß und abgezehrt. Der Hunger sah aus allen Zügen. Müde schleppte sie sich herein, ein kleine» Kind auf dem Arm, das, in den todtähnlichen Schlaf der Elligen Entkräftung versunken, ihr an der Schulter lag. Bittend sah sie den Vorsitzenden des Gerichts an, indem pe nach der Anklagebank schaute.
»Setzen sie sich," sagte dieser; die Frau that es mit dankendem Ausdruck in den jammervollen Zügen.
D«r Vorsitzende schlug die Akten auf. „Sie sind Frau W «Ibers?"
»Ja, Herr Präsident."
. »Sie find angeklagt, am Abend des letzten Mtttwochs m etn Kafee gegangen zu fein und dort den Rentner Reu- m«nn angebettelt zu haben. WaS sagen Sie dazu?"
„Ich habe den Herrn nicht gekannt."
„Sie gestehen also ein, gebettelt zu haben?"
»Ja.«
*V-_°6tn ®ie ®WflS zu Ihrer Bertheidigung anzu- r $'* Frau öffnete die Augen wett, ein paar Thränen «le» ihr Lb„ die Wang«n; sie ließ den Kopf sinken.
»®8 hilft mir ja doch nichts," flüsterte dir Frau. ^»Fassen Si« Muth," sagte der Präsident fast gütiger, •»ili Aichteramt gefordert hätte; „th«il«n Si« dem mit, was Si« zu bet Gesetzübertretung veranlaßt
*• kann Ihnen doch vielleicht nützen."
mehr, an ihre Stelle traten gewaltige Großgrundbesitzungen mit Lehenshöfen, deren Besteller immer mehr Anforderungen genügen mußten und die schließlich zu leibeigenen, an die Scholle gebundenen Sklaven der großen Herren gemacht wurden, al» sie fich dem unerträglich gewordenen Druck der Herren durch Auswanderung, etwa in die eroberten Landstriche östlich der Elbe entziehen wollten, wo man ihnen, um sie zum Zuzug zu bewegen, günstigere Bedingungen stellte. Dennoch entwischten viele dorhin und die rasche Besiedelung der östlichen Provinzen durch Deutsche hat zum großen Theil in dem harten Druck ihren Grund, dem der Bauersmann diesseits der Elbe ausgesetzt war. Damals kannte man noch nicht das rollende Großkapital in Gestalt von Baarsummen und Börsenwerthen, alle» wurde in Grund und Boden angelegt, Baargeld war selten, Aktien und Wechsel waren unbekannte Dinge. Deßhalb war aber die Sache nicht bester wie heute, das Großkapital übte auch in Form von Großgrundbesitz seine zersetzende Wirkung aus. Die Könige waren nicht die letzten, welche den Druck desselben spürten, sie hatten aber die rechte Zeit verpaßt, sie hatten im kleinen Mann ihren getreuen Anhänger und dieser hatte im Könige seinen rechtmäßigen Schützer längstens verloren. Gar bald wendeten sich die Grundbesitzer von ungezählten Quadratmeilen und Tausenden von abhängigen Leibeigenen, die Grafen und Herren, gegen den König selbst, der Aufruhr war an der Tagesordnung, immer mehr wurde die Königrkrone zerpflückt, ein Recht nach dem anderen entfiel ihr und wurde eine Beute der danach lüsterne« Großen, die es nur zu weiterem selbstsüchtigem Streben benutzten. Mit der Macht des deutschen Reiche» ging e» dabei den Krebsgang, jeder Große sorgte nur für fich, ja er scheute sogar schließlich ein offene» Bündniß mit dem Auslande gegen da» eigene Vaterland nicht, wie ja da» Großkapital in jeder Form Vaterlandsliebe nie gekannt hat, es war und ist stets international, nennt man e« ja doch allgemein die „goldene Internationale." Wenn e« nicht die Kirche gewesen wäre, die zu Zeiten erlangter Macht zuweilen einschritt, so wäre der Verlauf der Zersetzung ein noch viel rascherer gewesen.
In England ist die Beseitigung des mittleren und kleineren Grundbesitzes schon längstens durch
Die Frau begann, ohne aufzublicken:
„Mein Mann hat seit einem halben Jahre mich verlassen, und ich mußte für zwei Kinder sorgen. Mein älteres Kind ist gestorben, — es ist verhungert, und das, welches ich hier habe, wird auch nicht lange mehr zu leiden haben. Ich habe tagelang, wochenlang gesucht, Arbeit zu erhalten, eS war umsonst. Ehrlich und rechtschaffen wollte ich bleiben: so konnte ich nichts als Hungers sterben. Für mich wäre es nicht so schwer gewesen; wenn man zwei Tage gehungert hat, spürt man's nicht me$r, der Tod kommt, wie ich glaube, leicht heran.. . . Aber mein Kind, mein armes Kindl ... Ich mußte Arbeit haben. Zuletzt fand ich Arbeit als «usnäherin in einem Damenkonsettion. Ich hatte täglich von früh 6 Uhr bis Nachts 12, auch 1 bis 2 Uhr zu arbeiten."
„Und was verdienten Sie denn da?" fragte der Staatsanwalt eifrig.
„Wenn es hoch kam, 60 Pfg. im Tag; meistens nur 50 und 25", erwiderte die Frau ruhig. „Ich gebe Ihnen die Adresse des Geschäftes; übrigen» tonn jede der hundert Arbeiterinnen dasselbe bezeugen."
Eine Paus« entstand. Richter und Schossen blickten nur einander an. Ein Schöffe sagte zum andern leise: „Ob da nicht der Herr dieses Geschäftes eher hierher gehörte statt seine Arbeiterin?"
Auf einen Wink des Richters fuhr die Frau fort: „Bon diesen 50 bis 60 Pfennig täglich muß ich Miethe, Effen, Licht und Kleidung bezahlen; außerdem muß ,ch auch noch den Faden vom Geschäft selbst beziehen, wo er sogar theurer ist, al» ich ihn überall hab«i kann . . . . Sie begann zu weinen. „Ich hätte wohl vielleicht eine Heine Begünstigung finden können, wenn ichf meine Ehre daran gegeben hätte; die Herren m, Geschäft haben mir
da» Großkapital vollzogen. Der von Alters her unermeßlich reiche englische Adel und die reich gewordenen Spekulanten sind schon längstens Besitzer alles Grunde» und Bodens. Die sogenannten „obersten Zehntausend" besitzen eben das ganze platte Land, das Volk ist da nur Pächter, ja sogar in den Städten haben sie vielfach eine nicht zu unterschätzende Stellung. Besitzt doch der unermeßlich reiche Herzog von Westminster einen großen Theil des Boden», auf dem London steht; die Leute, die sich mit seiner Erlaubniß darauf Häuser bauen, zahlen ihm Pacht für die Baustelle, und nach Verlauf von hundert Jahren ist auch das Haus sein Eigenthum. Unter solchen Bedingungen gibt er die Bauplätze her, die Leute hoffen aber, in dieser Zeit soviel an Ort und Stelle verdient zu haben, daß sie dann das auf ihre Kosten gebaute Hau« missen können, vielmehr daß dieses ihre Nachkommen können.
Englische Große haben vielfach den Pächtern ganzer Quadratmeilen großer Landstriche gekündigt und lassen den Boden, auf dem für viele Tausende Brod erzeugt werden könnte, brach liegen, um ein Gebiet zu haben, auf dem sie ihrer Jagdlust, besonders der grausamen und thierquälerischen Fuche- hotz, diesem Lieblingsvergnügen der englischen Jägerei, fiöhnen können. Sie haben eben soviel Einkommen, daß sie sich dieses theure Vergnügen leisten können, und das Einkommen, sowie sie es verzehren, verzehren sie zum großen Theil in Paris, dieser großen Kloake, in der Alles zn- sammenstiömt, war nicht arbeitet, sondern auf Kosten Anderer lebt und genießen will.
Daher rührt die Aufregung, die heut zu Tage die Pächter England» in Bewegung hält, die oft zu Hellem Aufruhr führt, besonder» in dem seit Jahrhunderten schmählich mißhandelten Irland.
Weinbau ist eine der Haupt quellen des Reich - thums Frankreichs; ist doch Frankreich bis heute noch das erste Produktionsland von Wein auf der ganzen Erde. Fragen wir u-s aber, wem die Weinberge gehören, so sind es bei den besten gerade nicht die Bebauer derselben, sondern die reichen Pariser Geldmänncr. Ist doch Vater Grevy, der kläglich abgegangene oder vielmehr abgegangen ge- wordene Expräsident der französischen Republik einer der größten Weinbergbesitzer Frankreichs, dem
unverschämte Zumuthungen gemacht — aber lieber verhungern als solche Schande!"
Nach einer neuen Pause fuhr die Frau fort: „So habe ich vor acht Tagen mein Geschäft verloren. Ich habe, meine Herren, in dem Komptoir auf den Knieen um Gnade gebeten, sie möchten mich wenigstens um 30 Pfg. arbeiten lassen — umsonst. Ein halbes Dutzend vornehmer Damen, welche aus Langeweile arbeiten oder um ein Taschengeld nebenher zu verdienen, machen die Arbeit besser als wir, und ebenso billig, ward mir gesagt; ich ward entlassen. Und als ich zum Chef wollte, hieß es, der sei abgereist auf seine Besitzung.,
„Und so sind Sie vor acht Tagen brodlos geworden?"
„Ja, und da ich mein Kind nicht verhungern sehen konnte, und da mein Mann gewissenlos ung sitzen läßt und sich anderswo herumtreibt, so wußte ich mir nicht anders zu helfen, als indem ich in das CafS hineinging und die Hand zum — Betteln ausstreckte; es ist das erste Mal in meinem Leben," schluchzte sie, „und hätte mir der Herr Rentter 20 Pfennige gegeben, statt mich anzuzeigen, so wäre mir geholfen gewesen."
„Ein Bild aus unserer Zeit," flüsterte einer der Schöffen.
Und ein anderer murmelte: „Das ist himmelschreiend, das ist Unmenschlich, barbarisch!"
Der Richter konnte natürlich nichts finden, was die Frau völlig entschuldigte. Sie hatte gebettelt und war schuldig. Der Richter berieth sich mit den Schöffen. Dann erhob er sich nochmal» und verurtheilte die Frau zu 3 Mark Strafe oder einem Tage Hast.
„Es ist die mildeste Strafe," fügte er hinzu, „und das Besetz »erlangt es."