1888
Donnerstag, den 22. März.
Jeitunz
Hiner
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Q Das Großkapital. *)
Wenn der mittlere und kleine Geschäftsmann, der Handwerker und Landwirth, ein jeder in seinem ihm durch Gotte» Fügung und eigene Wahl überkommenen Berufe redlich nach Kräften thätig gewesen ist, so überkommt ihn mit Recht ein Gefühl der Befriedigung, da» dem Bewußtsein entspringt, sich und den Seinigen gegenüber seine Pflicht erfüllt zu haben. Dieses Bewußtsein hilft ihm über manchen Verdruß, über manche Widerwärtigkeit hinweg. Wenn er noch weiter denkt und sich sagt, daß er als einzelnes Rädchen in der großen Maschine, die man Geschäftswelt nennt, auch der allgemeinen Menschheit gegenüber seine Pflicht erfüllt, zum guten Gange dieser Maschine deigetragen und auch in diesem Gebiete Gottes Willen befolgt hat, dann muß da» wohlthuende Gefühl innerer Befriedigung noch viel größer sein.
Run kann aber Niemand von dieser Befriedigung, von dem Bewußtsein erfüllter Pflicht allein leben. Dazu gehört auch, daß da» redliche Streben seinen materiellen Lohn in Gestalt de» Ge- schästsverdienste» finde. Daß Letztere« geschehe, ist, Geschästskenntniß und Fleiß vorausgesetzt, nicht mehr wie recht und billig, und bei normalen Ver- hältniflen wird es auch geschehen. Wo finden wir aber bei unserem heutigen Geschäststreiben noch normale Verhältnisse?
Der einfache Arbester, der Fabrikarbeiter, der Handwerkergeselle und landwirthschaftliche Tagelöhner, die sich so gern von den sozialdemokratischen 'Volksverhetzern al» die Gedrücktesten unter den Gedrückten hinstellen lassen, werden fich sagen müssen, wenn sie nicht bereit» durch Klasienhaß ganz blind geworden find, und wenn sie fich nur einmal ein klein wenig die Mühe geben wollen, die Lage ihrer Arbeitgeber vorurtheilrftei zu betrachten, daß fie in vielen Punkten tausendmal besser daran sind, al« diese. Und woher rührt vielfach diese gedrückte Lage de« noch Etwa» besitzenden Mittelstände«?
Der Mittelstand ist in gar mancher Beziehung von seiner früheren selbstständigen Stellung herabgesunken, ohne sein Zuthun, er ist nicht leistungsunfähiger geworden, er schafft und strebt auch noch wie früher, ja, er muß heute ganz anders, viel mehr wie früher, schaffen und streben, und er thut
*) Nachdruck nicht gestattet.
* WM Wer «s dmWmdttlkdm.
(Nach Rochow.)
Wenn wir namentlich in der winterlichen Jahreszeit die Gestalten beobachten, wie fie in der großen Mehrzahl al« „arme Reisende" an die Thüren pochen; diese in Kleidung und Fußwerk herabge- kommenen Menschen, deren Wäschest tzen oft noch die bessere Herkunft verrathen, und die nun arbeitr- «nd obdachlos von Ort zu Ort fich durchbetteln — so fragt man sich wohl: wie müssen solche „arme Reisende" die Tage verleben und die Nächte hinbringen?
Rochow'« Buch versetzt uns mitten in diese Gesellschaft hinein, indem wir das Erwachen de» Tage« in der geräumigen Gaststube einer „Centralpenne tuf dem Lande" erleben, einer einsam gelegenen „Herberge für Fechtbrüder, Gaukler mit und ohne Roß und Wagen, für Besenbinder, Haufirer, Regenschirm- wacher, Topf- und Kesselflicker, Slowaken, Zigeuner, Spitzbuben und alle- fahrende und heimath- und arbeitslose Männliche und weibliche Volk überhaupt." — „Der junge Tag wirst seinen matten Schein durch die dick angelaufenen Fenster. ---Welch' ein Anblick! Schwarz geräucherte
das auch zur Genüge, die liebe Roth zwingt ihn schon dazu. Und doch nicht den gewünschten lohnenden Erfolg? — Nun ja, die Mitglieder des geschäftlichen Mittelstandes find eben wie die Puppen der sogenannten Kasperle - Theater leider zu der Stufe solcher Puppen herabgesunken, die unbewußt durch unsichtbare Drähte zum Tanze gezwungen werden, mögen fie wollen oder nicht, und diese Drähte werden vom Großkapital in Bewegung gesetzt.
„Da haben wir'»," so hören wir tnt Voraus unsere Gegner triumphirend ausrufen, „jetzt deckt der Artikelschreiber der .Fuldaer Zeitung' seine wahre Farbe auf, er will da» Volk gegen eine ganze Klaffe, gegen die Großkapitalisten, verhetzen, er ist nicht bester wie ein Sozialdemokrat." — Gemach, Klastenverhetzung liegt uns fern, uns gilt nur die Sache, und wenn man die Wahrheit sagt, wo man sie sagen muß, so kann man keine Rücksicht darauf nehmen, daß diese Wahrheit an ge- misten Stellen nicht gern gehört wird. Einem da« Wort „Aufhctzer" in das Gesicht zu werfen, ist eine leichte Sache und ein solche» Schlagwort gebraucht man bekanntlich dann mit großer Vorliebe, wenn man sachlich nicht« entgegnen kann. Uebri- gen« find wir, wie schon au« dem Gesagten erhellt, durchaus kein Freund der Sozialdemokratte, vielmehr selbstverständlich als Freund des Mittelstandes ein ausgesprochener Gegner derselben, der Vorwurf der Sozialdemokratie ist auch nicht ernst gemeint, er ist nur ein bloßes Schlagwort. Freunde der Sozialdemokratie find auch die Großkapitalisten nicht, fie am wenigsten würden Grund dazu haben, im Falle eines allgemeinen Siege« derselben würden sie ja am Tage der dann eintretenben Abrechnung am meisten Haare lasten müssen. Aber unfreiwillige Beförderer der Sozialdemokrntie find die Großkapitalisten durch den oft so ungerechten Druck, den ste durch die ungeheuere Macht de« in ihren Händen befindlichen Kapital« auf den Mittelstand anrüben, den fie dadurch zersetzen, aus dem sie alle durch die Macht de« Kapitals Vernichteten und mittellos Gewordenen der Sozialdemokratie al» den letzten Zufluchtshafen in die Arme treiben. Haben doch schon oft sozialdemokratische Führer es offen ausgesprochen, daß da» Großkapital ihnen für Zuwachs sorge.
Als da» römische Volk noch nichts anderes war,
Wände, alte Tische und Bänke, ein umfangreicher Kachelofen und eine an der Decke hängende, im Erlöschen begriffene, dickqualmende Oellampe bilden die ganze Einrichtung. Der Fußboden ist dicht mit Stroh bedeckt, darauf liegen sie reihenweise Mann an Mann gedrängt. Die Tische sind in einer Ecke zusammengeschoben und wie die ring« an den Wänden hinlaufenden Bänke belegt nut echt Baffermann'- schen Gestalten jeden Lebensalter«. Zerlumpt find fie alle zusammen, der Sine mehr, der Andere weniger. Der in der einen Ecke stehende, besonders dicht umlagerte Ofen ist von oben bis unten mit Fußlappen, einigen Sttümpfen, Tüchern und etlichen Röcken zum Trocknen behangen. Der Fuseldunst, die Ausdünstung von 50—60 Menschen, der Geruch der trocknenden Kleider, die qualmende Lampe — welch' eine grauenhafte Atmosphäre! Die Schläfer liegen sämmtlich ohne Schuhwerk, die Füße meist wund gerieben und mit Lappen und Binden umwickelt; mit dem ausgezogenen Rock haben fie fich meist bi« über den Kopf zugedeckt; da« Schuhwerk (und wa« nennt fich alle« noch Schuhwerk:) liegt unter'm Kopf. In demselben wird Abend« al« in dem verhältnißmäßig sicheren Platz für die Dauer der Nacht ersten» die vordem Schlafengehen wenn irgend möglich noch einmal gefüllte Schnapi flasche und dann, wenn noch vor-
al» eine Masse von mittleren und kleineren Grund- besitzern, also Bauern, den Betrieb eine» Handwerks überließ man bekanntlich als eine» freien Römers unwürdig den Sklaven, auch das Geschäft des Kleinkrämers, als man den geeigneten Feldherrn hinter dem Pfluge hervorholte, da machte das Römervolk von Vaterlandsliebe getrieben seinen Siegesflug über die ganze damals bekannte Welt, und nur ein Volk wußte die Unterjochung durch die Römer von sich fern zu halten, das waren unsere deutschen Vorfahren, die damals auch nichts Andere» waren, al» ein Bauernvolk. Al» jedoch die hervorragenden römischen Familien, aus denen die Beamten, die Verwalter der reichen Provinzen gewählt wurden, ihre gewöhnlich durch Kauf erhaltenen Stellen dazu benutzten, die ihnen anvertrauten Provinzen schmählich auszurauben, Schätze auf Schätze zu häufen und als Großkapitalisten die kleinen Grundbesitzer oft auf gewaltsame Weise auszukaufen, da verschwand der mittlere und kleine Grundbesitz immer mehr, an seine Stelle traten unermeßliche Besitzthümer in Grund und Baden mit gedrückten Pächtern oder armseligen Sklaven - Bebauern. Mit der Macht des Römerstaate» aber war es vorbei und gar bald erdröhnte auf römischem Pflaster der feste Schritt germanischer Volksstämme, die ihre Genossen an Stelle der vertriebenen Grundherrn setzten. Und die Breite, große Masse des gedrückten niederen römischen Volke» regte weder Hand noch Fuß, wechselte ste doch nur die Herren, die sie so hart gedrückt hatten, daß sie nicht schlimmer gedrückt zu werden befürchten konnten, vielleicht sogar einen milberen Herrn zu erhalten hoffen durften.
(Fortsetzung folgt.)
Deutsche- Reich.
Berlin, 21. März.
* Die Meldung, daß am 16. d. M. auch eine Deputation de» russischen Kaluga'schen Infanterie-Regiments den Beisetzungsfeierlichketten angewohnt habe, ist nicht zutreffend. Diese Deputation ist jetzt nachträglich eingetroffen, um bei der morgen am 22. im Mausoleum zu Charlot« tenburg erfolgenden definitiven Ueber» tragung de» kaiserlichen Sarge» in bije Händen, Messer, Kamm, Geldbeutel und Schnupftuch aufgehoben. Noch liegen die Meisten im schweren Schlaf de» Fuselrausche»."
Da öffnet der Hausknecht die während der Nacht verschlossenen Fensterläden und kommandirt zum Aufstehen. Und nun fahren die Köpfe über den Röcken hervor und stieren sich gegenseitig mit unbeschreiblichen Jammermienen an: Katzenjammer und Oedigkett in Leib und Seele! Beim ersten Blick auf da« Schneewirbeln draußen am Fenster schleunigste Untersuchung der Taschen und Flaschen - bei der Mehrzahl vergebliche» Bemühen; gestern Abend ist der ganze schöne „Draht" (da« erbettelte Geld) in„Saroff" (nicht„Saus", Schnap«) „verschmort" (vertrunken) worden. E» hilft nicht», sie müssen fich, trotz de» Unwetter», zur Fahrt rüsten. Kredit gibt'« nicht in der Penne. Mit Fluchen und Jammern werden die wunden Füße in da» hartgewordene Schuhwerk gezwängt; ein Reisebüu- bel („Berliner") besitzen die Wenigsten; den meisten genügt der Vagadundenbeutel oder ein unter'm Rock am festen Strick getragener Leinwandsack für Brod und etwaige „Fettigkeiten" (Wurst, Fleisch oder Speck.) Den „Stenz" (Stock) in der zitternden Hand, ben ste so nothwenbig gegen die Dorf- Hunde brauchen, bie geschworenen Feinbe be« Stromer« (ob biefer Widerwille durch ben Pennenfusel