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1888
Sonnabend, den 17. März
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Erstes Blatt
waren geschloffen und verhängt. Nur ein Fenster im ersten Stockwerk, über dem historischen Eckfenster, ließ einen kleinen Durchblick frei; hier blickte Kaiserin Augusta, in tiefste Trauer gehüllt, auf den Zug hernieder, der die sterblichen Ueber- reste ihres Gemahls der letzten Ruhestätte zuführte. Um 3Uhr Nachmittags langte der Leichenzug vor dem Mausoleum in Charlottenburg an. Der dumpfe Donner der Kanonen verkündete die Ankunft. Die Feier im Mausoleum ging im engen Kreise vor sich.
Nun ruht Kaiser Wilhelm an der Seite seiner Eltern, an der Stätte, da er so oft selbst in weh- muthsvoller Trauer gestanden, wo er sich gesammelt zu den schweren Aufgaben, deren Lösung ihm vorbehalten war. Sein Geist aber möge unter uns weilen immerdar, in der Stunde der Gefahr, wie in Zeiten sonnigen Glückes, die er seinem Volke gern für immer geschaffen hätte.
Kaiser zur Seite gestanden, in so schwerer Stunde empfinden mußte.
Drei Jnfanteriesalven verkündeten dem Publikum, daß der Geistliche den Segen über die sterbliche Hülle de» verewigten Kaiser» gesprochen, und daß fich der Zug in Bewegung s tz;. Unter den feierlichen Klängen des Beethooenschen Trauermarsche» setzten sich zunächst die Truppentheile, welche den Zug eröffneten, langsam in B wegung, während im Dom der Sarg durch 12 Obersten von der Estrade abgehoben und zum Leichenwagen getragen wurde. Der Zug war vollständig programmgemäß formirt. Ernst und majestätisch rückte derselbe vor, nur zuweilen wurde der imposante Eindruck dadurch gestört, daß sich die einzelnen Glieder derselben nicht aneinander schloffen. An da» Militär schloß fich die Hofdienerschaft, meist Leute, die im Dienste ihres Kaisers grau geworden und von denen fich der Verstorbene, nachdem er sich von der Treue jede» einzelnen derselben überzeugt, nicht gern trennen mochte. Noch vor der Dienerschaft schritt die Domgeistlichkeit. Vor dem königl. Leichenwagen wurden von den Ministern die Reichsinfignien getragen. Als der Leichenwagen erschien, entb ößten sich alle Häupter und ehrfurchtsvolles Schweigen herrschte ringsum in der Menge, in der kurz zuvor noch laut und schreiend um den besten Platz gekämpft worden war. Die 8 Pferde des Leichenwagens wurden durch Stabsoffiziere geführt. Der Sarg selbst war mit goldgesticktem Purpur ausgeschlagen, auf demselben lagen der Königshelm der preußischen Könige, die Rittersporen, der Kommandostab und der Degen mit der Schärpe. Ueber dem Sarge ragte ein Baldachin von gelber Seide, gestickt mit Adlern und Trauer-Emblemen, der durch 12 Generalmajors getragen wurde, während 4 Ritter de» Schwarzen Adlerordens die Zipfel de» kostbaren, über den Wagen gebreiteten Leichentuches hielten. Dem Wagen folgte das kaiserl. Seit» pferd, das den tobten Herrn so oft getragen, in wilder Schlacht wie im friedlichen Schaugepränge. Ter Kaiser war nicht im Zuge. Angesichts der herrschenden kalten Witterung mußte Se. Majestät dem Widerstande, welchen die Aerzte seiner Theil- nahme entgegensetzten, nachgeben; ihn vertrat Kronprinz Wilhelm, der allein hinter dem Reichspanier herschritt. Ihm folgten die Könige von Sachsen, von Belgien und Rumänien, ferner die Prinzen des königl. Hauses und endlich die zahlreichen Fürstlichkeiten, die als Vertreter fremder Souveräne zur feierlichen Beisetzung nach Berlin gekommen waren, darunter Kronprinz Rudolf von Oesterreich, der Kronprinz von Italien, der Prinz von Wale», der russische Thronfolger, die Kronprinzen von Dänemark und Griechenland u. s. w. Die au» mehreren 100 Personen bestehende Gruppe von Vertretern fremder Herrscher und Länder gewährte ein ungemein bunte» und bewegtes Bild. Auf Aller Zügen aber sah man tiefen Ernst und tiefe Trauer; es ist eben die ganze Welt, welche unseren Schmerz um den Verstorbenen mitfühlt. Auch der Vertreter des Papstes, der Wiener Nuntius Galimberti, war im Zuge. An die Herrschaften schloß fich ein zahlreiches Gefolge. Nun folgten die Prinzen der souveränen Häuser, die Präsidenten des Reichstags und de« Landtags, die R-Präsentanten des Civildienstes, Deputationen der Parlamente, Vertreter der Künste und Wiffen- schasten. Hier wurde das Bild eintöniger, mehr und mehr überwog der schwarze Frack. Zwei kombinirte Bataillone schloffen den Zug.
Derselbe passtrte 1 Uhr 15 Minuten das Kaiserliche Palais, von dcflen historischem Eckfenster Kaiser Wilhelm so häufig das ihm zujubelnde Publikum begrüßt hatte. Die Fenster der Palais
* Kaiser Friedrich und Europa.
Kaiser Wilhelm hat in schwieriger Zeitlage sein Auge geschloffen. Sein Erbe findet die internationalen Verhältnisse Europas nicht wohlgeordnet und ruhig vor. Noch ist dcS Sturmloch im Südosten Europa» nicht verstopft und ebenso wenig hat sich in der militärischen Stellung Rußlands etwa» geändert. Seit drei Tagen stockt das politische Jnterefle. Seit der neue Kaiser aber in der Heimath weilt, tritt auch die Politik wieder in ihr Recht.
Die äußere Politik Kaiser Wilhelms war seit 17 Jahren auf die Erhaltung des Friedens gerichtet. Darin wird auch unter Kaiser Friedrich keine Aenderung eintreten. In der Proklamation „An mein Volk" hat Kaiser Friedrich es deutlich ausgesprochen, daß er entschloffen ist, „da» von seinem Vater, dem Kaiser Wilhelm, begonnene Werk in dem Sinne fortzuführen, in dem es begründet wurde: Deutschland zu einem Horte de» Frieden» zu machen. Was dem Kaiser die Fortführung dieser Friedenspolitik erleichtert, das ist die große Sympathie, deren er sich in ganz Europa erfreut, baut aber auch die eigene Kenntniß der europäischen Lage.
Fürst Bismarck hat ja auch sein Wort verpfändet, daß Deutschland Nicht an greifen, sondern nur Angriffe abwehren werde. Fürchten braucht aber Deutschland den Angriff auch im minder günstigen Augenblicke wegen seiner erst jüngst erhöhten Stärke nicht. Dazu kommt, daß der neue Kaiser den mitteleuropäischen Fri e dens- bund fast geeint vorfindet. Die Sympathiebeweise, welche Oesterreich-Ungarn ihm bei dem Thronwechsel entgegenbringt, und die Unterredung, welche er mit König Humbert vor der Heimkehr auf italienischem Boden hatte, zeugen dafür, daß das Band zwischen den drei Verbündeten in keiner Weise durch den Tod Kaiser Wilhelms gelockert, sondern durch die Persönlichkeit seines Erben und Nachfolgers wo möglich noch fester geknüpft ist.
Daß unsere Beziehungen zu England herzliche sein werden, dafür bürgen schon die ver- wandtschafllichen Beziehungen, welche zwischen dem Kronprinzen und der englischen Königsfamilie bestehen. Allerdings hat Fürst Bismarck im vorigen Jahr einmal im Reichstage mit besonderem Nack- druck betont, die Verwandtschaft sei nicht das entscheidende in der Politik. Gut, aber es gibt zwischen Deutschland und England keine widerstrebenden Interessen, im Gegentheil find beide Staaten unter fich selbst wie mittelst der beiderseitigen Verbündeten in mehr als einer Beziehung mit einander verknüpft.
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Die feierliche Beisetzung der Leiche weiland Sr. Majestät Kaiser Wilhelms.
Berlin, 16. März.
Ein eisiger Hauch durchstrich heute früh die Reichshauptstadt, die mehr noch als in den vorangegangenen Tagen Trauerschmuck angelegt hatte. Von den Häusern wehten die schwarzen oder doch schwarz umflorten Flaggen; die meisten Geschäfts- lokale waren geschloffen. Er war Feiertag heute; aber nicht ein Feiertag, der dem Frohsinn geweiht war, sondern der Trauer um den dahingeschiedenen großen Kaiser. Unübersehbare Menschenströme flutheten nach den Linden zu, der ehemaligen via triumphalis, die heute zur via dolorosa geworden. Im ernsten Schmuck prangte die breite Straße vom Dome bis zum Brandenburger Thor und von da durch den Thiergarten bis zur Siegesallee. Die Fcyade des Domes selbst war mit goldenen Palmen geschmückt. Zu einer großartigen Dekoration bildete die neue Wache den Mittelpunkt; an der Akademie war das goldene Relief Eberleins, die Huldigung Deutschlands an den Kaiser, angebracht. Zu beiden Seiten der Mittelallee der Linden waren Postamente mit Schalen aufgestellt, in denen während der Zug passtrte, Theer- bezw. Talgfeuer brannten. Die Postamente over Stäre waren durch Guirlanden verbunden. Da, wo die Friedrichstraße die Straße unter den Linden durchschneidet, erhob sich ein mächtiger, weithin sichtbarer Aufbau, der die ganze Straßenüberführung überspannte. Am Brandenburger Thor endlich befand fich al» Schmuck ein mächtiges Velarium. Die Straßenlaternen brannten und waren mit Flor umhüllt. Der Schmuck der Häuser war dem der Straße völlig angemeffen.
Schon in den frühen Vormittagsstunden staute sich die Menge auf der Trauerstraße, die selbst nicht ohne Mühe frei gehalten werden konnte. Vereine, Korporationen und die Studentenschaft zogen mit Fahnen und Emblemen auf, um Spalier zu bilden, wobei es manchen Strauß mit dem Publikum zu bestehen gab. Grobe Störungen der Ordnung und Unfälle kamen indeß, soweit wir es zu übersetzen vermochten, nicht vor. Wie die Straße selbst, so waren auch alle Fenster an derselben dicht besetzt, theilweise auch die Dächer.
Um 11 Uhr begannen die Domglocken anzu- schlagen, worauf sofort da» Geläut der Glocken sämn tlicher Kirchen einsetzte. Die Feier im Dom begann. Der Oberst-Kämmerer Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode und die Staatsminister traten an die Seite des Sarge» hinter die Tabouret» mit den Jnstgnien de» Kaiser- und Königthums, während General von Pape mit dem Reichspanier ön das Kopfende des Sarges trat. An der Estrade, auf welcher der Sarg stand, hatten vorher schon die Hofchargen u. f. w. Aufstellung genommen. ®ine halbe Stunde später versammelten sich die übrigen zur Trauerceremonie geladenen Personen 'm Schiff der Kirche bezw. auf der Tribüne, darauf begann sofort der Gottesdienst und zwar hlelt Oberbofprediger Dr. Kögel die Trauerrede. Dieselbe knüpfte an Lucas 2, 24—30: „Herr, lässest du deinen Diener in Frieden fahren, ö<nn meine Augen haben deinen Heiland gesehen", am Tiefen Eindruck machten die Worte des geist- ^chen Redners auf alle Anwesenden, aus deren Httzen er so recht zu sprechen wußte. Und wie »onnte es auch anders sein; alle empfanden ja "affelbe, was er, der so oft unserem verstorbenen