JIH 62. Donnerstag, den 15. März. 1888
Mier W 3eilng.
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Q Das Regierungsprogramm des Kaisers «nd Königs Friedrich III.*)
„Der König ist tobt, es lebe der König", dieser alte Wahlspruch hat in dem thatsächlichen Rc- gierungSantritt des Kaisers und König» Friedrich III. alsbald grundsätzliche Anwendung gefunden, und gewinnt von jetzt ab täglich mehr und mehr praktische Geltung. Die Zeitenkugel rollt unaufhalsam vorwärts, und über dem Schmerz und der Trauer angefichts des Todes selbst einer so gewaltigen historischen Persönlichkeit dürfen die Anforderungen der Gegenwart und die Vorbereitungen für die Zukunft nicht außer Acht gelassen werden, am allerwenigsten in einer Stellung von so hohem Gewicht und so schwerwiegender Verantwortung, wie die des Kaisers und Königs in dem ersten tonangebenden Staatswesen Europas.
Friedrich III. hat augenscheinlich den kaiserlichen und königlichen Beruf in seiner ganzen Bedeutung und Tragweite erfaßt, und er hat die Zügel der Regierung mit einer Kraft und Festigkeit ergriffen, welche einen eigenthümlichen Kontrast bildet zu der niederdrückenden Krankheit, die den Erben der deutschen Kaiserkrone leider schon seit geraumer Zeit zum Hauptgegenstond der Sorge des deutschen Volkes macht. Es ist, als ob das Dichterwort „es wächst der Mensch mit seinen höheren Zielen" sich an dem kranken Körper des Kaisers bewahrheitet, al» ob der hehre Beruf und die hohe Würde, welche die Vorsehung in die Hände Friedrich'» III. gelegt hat, die vor Kurzem noch so ängstlich umsorgte Lebenskraft neubelebt und gestählt hätte. Die Hoffnung auf eine völlige Wiedergenesung hat ja den hohen Kranken von San Remo niemals verlassen, und j tzt mag er vielleicht in dem Gange der Ereignisse eine Art providentieller Bestätigung dieser Hoffnung erblickt haben. Mag dem aber sein, wie ihm wolle, soviel steht fest, daß Kaiser Friedrich die Regierung Preußens und Deutschland« mit einer Willenskraft antritt, welche nicht im Mindesten beeir.flußt erscheint von der natürlichen Schwäche eines leibenden Körpers. Kaiser Friedrich denkt zweifellos nicht im Entferntesten daran, sich zu seinen Lebzeiten irgendwie der Rechte der Regierung zu be-
*) Nachdruck nicht gestaltet.
Zum hundertjährigen Gedächtnis Joseph v. Eichendorff's.
(3. Fortsetzung.)
Obschon Görres, Arnim und Brentano an Jahren Eichendorff viel voraus waren, nahmen sie doch den begeisterten, hochbegabten, patriotischen Jüngling in ihren Bund, der bi» dahin da« Triumvirat hieß, auf und weihten ihn in rhre Bestrebungen ein. Das engste Band der Freundschaft umschloß von nun an die vier Männer, die al» die ersten Führer im geistigen Kampfe für Deutschland- Größe und Freiheit stritten. Allabendlich hielten die vier Freunde ihre gesellschaftlichen Zusammenkünfte, wo sie ihre großen Pläne faßten und be- riethen, die ihrem Geschlechte, das dem Christenglauben, der deutschen Sitte, Kunst und Wissen- schäft entfremdet war, den Völkerfrühling bringen sollten. Eichendorff schreibt über diese romantischen Abendunterhaltungen: „Wahrhaft zauberisch war Clemens Brentano mit seinen wunderbar schönen, säst geisterhaften Augen, wenn er selbstkomponirte Lieder oft aus dem Stegreif zur Guitarre sang. Dies that er am liebsten in Görres' einsamer Klause, wo die Freunde allabendlich einzusprechen Pflegten; und man könnte schwerlich einen ergötzlicheren Gegensatz der damals florirenden ästhetischen
geben, wie ihm solches von dieser und jener Seite nahegelegt worden sein soll; er nimmt vielmehr da» Ruder der Regierung fest in die Hand.
Von dieser Willenskraft und Festigkeit, von diesem Zielbewußtsein, wie es nur einer gereiften Erfahrung und einer abgeschlossenen Ueberzeugung entspringen kann, zeugen die beiden widrigen Regierungsakte, welche er soeben direkt uud indirekt an das preußische und deutsche Volk erlassen hat. Eine der beiden Kundgebungen ist direkt „an mein Volk gerichtet", die andere, politisch wichtigere und bedeutsamere, ist in die Farm eines Erlasses an den deutschen Reichskarzler und Präsidenten des preußischen Staatsministeriums gekleidet. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Proklamation „an mein Volk" nur ganz allgemeine politische Gesichtspunkte geltend macht, während der Erlaß an den Fürsten Bismarck sich mit einem Freimuth, der vielfach Aufsehen erregen wird, über politische Einzelfragen — wenn auch selbstredend nur in grundsätzlicher Verallgemeinerung — au-spricht. Die Proklamation beginnt mit einer der Sachlage und den Zeitumständen ganz ange- meffenenen, in jeder Hinsicht wohlbegründeten Lobrede auf den ruhmgekrönten Monarchen, der eben sein Haupt zur letzten Ruhe hingelegt hat. Die historischen Verdienste Kaiser Wilhelm'- um die Wiedererrichtung und äußere Machtentfaltung des deutschen Reiche« find gebührend gewürdigt und in dem schönen Satze: „Sicher in seiner eigenen Kraft ruhend, steht Deutschland geachtet int Rathe der Völker und begehrt nur, de« Gewonnenen in friedlicher Entwicklung froh zu werden", ist die Friedenspolitik Deutschland» auch für die Zukunft klar und kräftig zum Ausdruck gebracht, und zwar ganz im Sinne der berühmten jüngsten Rede des Fürsten Bismarck im deutschen Reichstage. Noch einmal kommt diese eminent friedliche Tendenz der auswärtigen deutschen Politik zum Ausdruck, indem der Kaiser erklärt, es werde fein ganzes Bestreben fein, .... „Deutschland zu einem Horte des Frieden« zu machen." Schärfer und prägnanter hätte gewiß die deutsche Friedenspolitik nicht betont werden können. Wohlthuend berühren auch die Schlußausführungen von dem „rückhaltlosen Vertrauen", welches der Fürst dem ganzen Volke entgegenbringt, und von der „untrennbaren Verbindung von Fürst und Volk", sowie das Ge-
Thees ersinnen, als diese Abendunterhaltungen, häufig ohne Licht und brauchbare Stühle, bi« tief in die Nacht hinein: wie da die Drei alles Große und Bedeutende, da« je die Welt bewegt hat, in ihre belebenden Kreise zogen, und mitten in dem Wetterleuchten tiefsinniger Gespräche Brentano mit seinem witzsprühenden Feuerwerke dazwischenfuhr, da« dann gewöhnlich in ein schallendes Gelächter zerplatzte."
Das nächste Resultat dieser Zusammenkünfte war die „Emsiedlerzeitung", welche damals Arnim und Brentano in Heidelberg Herausgaben. Diese Zeitung wurde da» eigentliche Programm der Romantik; sie sollte einerseits die Kriegserklärung an bas philisterhafte Publikum fein, mit dessen wohlgetroffenem Portrait sie auch verziert war, andererseits eine Musterkarte der neuen Bestrebungen: Beleuchtung des vergessenen Mittelalters und seiner poetischen Meisterwerke. Die merkwürdige Zeitschrift hat nicht lange gelebt, aber ihren Zweck al« Leuchtkugel für die neuen Bestrebungen vollkommen erfüllt. — Nicht nur auf dem Gebiete der Poesie, auch auf dem der Philosophie, Jurisprudenz und Philologie war in Heidelberg die neue Richtung vertreten und finden wir hier gerade die berühmtesten Männer jener Zeit. Auch mit ihnen trat unser Dichter in persönlichen Verkehr und empfing
lödniß, daß er seinem Volke ein „gerechter, in Freud' wie Leid' ein treuer König" sein werde. Diese Worte richten sich naturgemäß nur an da» preußische Volk, wie Überhaupt die ganze Proklamation vorwiegend ein landesherrlicher Akt ist.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 14 März
• Sr. M. dem Kaiser ist von Sir Morell Mackenzie von einer persönlichen Theilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Anbetracht de» Gesundheitszustandes Allerhöchstderselben entschieden abgerathen worden. Der Äatfer, der sich nur auf die dringenden Vorstellungen der Aerzte und seiner erlauchten Gemahlin entfchließen konnte, von seinem Wunsche, den Beist tzungsfeierlichkeiten beizuwohnen, Abstand zu nehmen, ist sehr schmerzlich davon berührt, von der Leiche seines Vaters nicht Abschied nehmen zu können. — Der Kaiser wird sich unmittelbar nach Beendigung der Trauerfeierlichkeiten und nack Erledigung der wichtigsten Staatsgeschäfte nach Wiesbaden begeben. Die Uebersiedelung nach Wiesbaden wird jedoch nur dann erfolgen, wenn wärmeres Wetter eintritt, sodaß dem Kaiser durch die Reise keine Erkältung«- gefahr droht.
*DieOrdnung des Zuge« beim Leichen« begängniß des Kaiser» Wilhelm ist die folgende: Den Zug eröffnen je eine Eskadron der Garde-Husaren, des 1. und 2. Garde-Dragoner- Regiments, des 1., 2. und 3. Garde-Ulanen- Regiments, der Garde du Corps und der Garde- Küraffiere, je 1 Bataillon be» 1. und 2. Garde- Regiments z. F., der Kaiser Alexander-Grenadiere, der Kaiser Franz-Gardc-Grenadiere, der Garde- Füsiliere und des 3. Garde-Regiments z. F., je 1 Kompagnie der KönigS-Grenadiere No. 7, be» Lehr-Jnfanterie-Bataillons und der Osfizierschule zu Potsdam, sowie 12 Geschützen. Dann folgt die Hofdienerschaft, der Korrespondenzsekretär de» verstorbenen Kaiser», Geheim. Hofrath Bork, die Hof- und Leibpagen, die Königl. Leibärzte Dr. v. Lauer, Dr. Leuthold und Dr. Timann, die Kammerherren und Kammerjunker. Die ReichS- inflgnien werden getragen: bas Kurschwert von
von ihnen neue Ideen und neue Begeisterung für die Romantik. Von diesen Gelehrten nennen wir hier Thibaut, das Haupt der großen Rechtsschule, ferner den Philosophen Gries und besonder» noch Creutzer, der durch seine ^Mystische Lehre", wie Eichendorff meint, eine sehr zeitgemäße und heilsame Aufregung hervorgerufen hat. Viel vertrauter al» mit den drei znl>tzt genannten Professoren ward Eichendorff mit dem ebenfalls in der Neckarstadt weilenden Dichter Graf v. Löben, mit dem er bald innige Freundschaft schloß. „Der alte Göthe," sagtEichendorff von diefem seinem Freunde, „soll ihn einst den vorzüglichsten Dichter jener Zeit genannt haben." Eichendorff hatte in Heidelberg die dichterischen Versuche stets gepflegt und theilte sie Löben mit. Dieser nahm sie mit großer Begeisterung auf und veröffentlichte sie mit des Verfasser« Zustimmung in der „Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst" von Ast in Landshut. Die Reihe der Eichendorff'schen Gedichte erschienen in der Zeitschrift unter dem Pseudonym „Florens" und lenkte damals schon die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf den Autor, der durch diese Erzeugnisse seine- dichterischen Genies in die literarische Welt al« beliebtester Liederdichter sich einführte.
Nachdem die Brüder im anmuthigen Heidelberg zwei Semester verweilt, besuchten sie im Frühjahr