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M 61.

Mittwoch, ben 14. März

1888

FMm

Jfihing

Ihr wohlgeneigter Friedrich III."

Deutsches Reich

mir zu besonderer Genugthuung gereichen, die Blüthe, welche deutsche Kunst und Wissenschaft in so reichem Maße zeigt, zu voller Entfaltung zu bringen. Zur Verwirk, lichung dieser meiner Absichten rechne ich auf Ihre so oft bewiesene Hingebung und auf die Unterstützung Ihrer bewährten Erfahrung. Möge es mir beschieden sein, der­gestalt unter einmüthigem Zusammenwirken der Reichs­organe, der hingebenden Thätigkeit der Volksvertretung, wie aller Behörden, und durch vertrauensvolle Mitarbeit sämmtlicher Klaffen der Bevölkerung Deutschlands und Preußens zu neuen Ehren in friedlicher Entwickelung zu führen! Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großthaten, werde i» zufrieden sein, wenn dereinst von meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei meinem Volke wohlthätig, meinem Lande nützlich und dem Reiche ein Segen gewesen!

Berlin, den 12. März 1888.

Hingabe an den Naturgenuß, den süßtN Müßig- k gang des poetischen Gemüths, das uralte „Flaniren" im duftigen Walde oder aus Bergeshöhen mit der Aussicht in die zauberisch beleuchtete Ferne, das Wandern froher Studenten und ihre nächtlichen Gelage, der stille Grund, über dem eine fromme Lerche aufsteigt, das vereinsamte Schloß, bei dem die Brunnen rauschen in prächtiger Sommernacht, das wunderbare Morgenschw-igen und Sängerleben — das sind die Empfindungen, die er hier im romantischen Heidelberg in sich ausgenommen, und die in seinen G-dichten, Romanen und Novellen immer wiederkehren; dabei schildert er so gerne den verschlasenen Morgen und den gewitterschwülen Abend, und der Mond, der romantische Lieblings­trabant der Heidelberger Po. sie, beleuchtet natür­lich auch bei Eichendoi ff oft die dämmernde Szene. Hier in Heidelberg erhielt sein Gemüth seine har­monisch gestimmte Grundrichtung, hier entw ckelte sich ein tiefes, inniges, naturandächtiges Gefühlk- l-ben; hier in H.idelberg empfand er die erhebendste Begeisterung für die in der damaligen trüben Zeit der Aufklärung und der staatlichen Ohnmachr wieder so recht zum Bewußtsein gekommene Größe und Wahrheit des katholischen Mittelalters, für feine Religion und seine Staatsmacht, seine Poesie und

menthun. Der Gewaltherrscher, dem hier zum ersten Male ein Symptom ernsteren Volkswillens gleichsam prophetisch warnend entgegentrat, hob daher zornentbrannt die Universität in Halle auf die Studenten wurden mit unerhörtem Vandalis^ mus plötzlich und unter großem Wehgeschrei der Bürger nach allen Weltgegenden auseinandergetric- ben und mußten sich einzeln nach Hause betteln.

In Folge der Kriegsunruhen verabschiedeten sich die Brüder Elchendorff erst im Frühjahr 1807 vom geliebten Elternhaus. Den Wanderstab lenk- ten sie nun durch Oesterreich und Süddeutschland nach der Ncckar-Universität. Der Aufenthalt des jungen Dichters in dieser herrlichen Musenstadt übte einen weit nachhaltigeren E.nfluß auf die gei­stige Entwickelung E chendorff's aus, als sein Ver­weilen an der Saale. Halle war für seine dick- tevsche Begabung die Vorschule, Heidelberg dagegen die Hochschule. Dort rieselte nur in St-ffen's und Schleiermacher's Schule der Quell der Romantik hier aber in der Neckarstadt war Alles Romantik was ihn umgab.

Wir werden in unserem Urtheile nicht fehl gehen, wenn wir behaupten, hätte Eichendoiff Heidelberg nicht gesehen, so wäre sein Name in der deutschen Nation schon längst verklungen. Die unbefangene

Berlin, 13. März.

* Der Nachwinter fährt fort, das weiße Bahr­tuch, welches er über die Reichshauptstadt

Kaiser Friedrich an sein Volk und an den Reichskanzler.

Der „Reichsanzeiger" veröff ntlicht in einer Abendausgabe vom 12. dr. Folgender:

An mein Volk!

Aus seinem glorreichen Leben schied der Kaiser. In dem vielgeliebten Vater, den ich beweine, und um den mit mir mein königliches Haus in tiefstem Schmerze trauert, verlor Preußens Volk seinen ruhmgekrönten Kö­nig, die deutsche Nation den Gründer ihrer Einigung, das wiedererstandene Reich den ersten deutschen Kaiser! Unzertrennlich wird sein hehrer Name verbunden bleiben mit aller Größe des deutschen Vaterlandes, in dessen Neu­begründung die ausdauernde Arbeit von Preußens Volk und Fürsten ihren schönsten Lohn gefunden hat. Indem König Wilhelm mit nie ermüdender landesväterlicher Für­sorge das preußische Heer auf die Höhe seines ernsten Berufes erhob, legte er den sicheren Grund zu den unter seiner Führung errungenen Siegen der deutschen Waffen, aus denen die nationale Einigung hervorging. Er sicherte dadurch dem Reiche eine Machtstellung, wie sie bis dahin jedes deutsche H rz ersehnt, aber kaum zu erhoffen gewagt hatte, und was er in heißem, opfervollem Kampfe seinem Volke errungen, das war ihm beschieden, durch lange Friedensarbeit mühevoller Regierungsjahre zu befestigen und segensreich zu fördern. Sicher in seiner eigenen Kraft ruhend, steht Deutschland geachtet im Rathe der Völker und begehrt nur, des Gewonnenen in friedlicher Entwickelung froh zu werden. Daß dem so ist, verdanken wir Kaiser Wilhelm, seiner nie wankenden Pflichttreue, seiner unablässigen nur dem Wohle des Vaterlandes ge­widmeten Thätigkeit, gestützt auf die von dem preußischen Volke unwandelbar bewiesene und von allen deutschen ^ Stämmen getheilte opferfreudige Hingebung. Auf mich sind nunmehr alle Rechte und Pflichten übergegangen, die mit der Krone meines Hauses verbunden sind, und welche ich in der Zeit, die nach Gottes Willen meiner Regierung beschieden sein mag, getreulich wahrzunehmen entschlossen dm. Durchdrungen von der Größe meiner Aufgabe, wird es mein ganzes Bestreben sein, das Werk in dem etnne fortzuführen, in dem es begründet wurde, Deutsch­land zu einem Horte des Friedens zu machen und in «ebereinstimmung mit den verbündeten Regierungen sowie mit den verfassungsmäßigen Organen des Reiches wie Preußens die Wohlfahrt des deutschen Landes zu pflegen. Meinem getreuen Volke, das durch eine Jahrhunderte mnge Geschichte in guten wie schweren Tagen zu meinem Hause gestanden, bringe ich mein rückhaltloses Vertrauen entgegen. Denn ich bin überzeugt, daß auf dem Grunde der untrennbaren Verbindung von Fürst und Volk, welche, unabhängig von jeglicher Veränderung im Staatsleben, das unvergängliche Erbe des Hohenzollernstammes bildet, Merne Krone allezeit ebenso sicher ruht, wie das Gedeihen des Landes, zu dessen Regierung ich nunmehr berufen d'n, und dem ich gelobe, ein gerechter, und in Freud'

Leid ein treuer König zu sein. Gott wolle mir sei­nen Segen und Kraft zu diesem Werke geben, dem fortan Mern Leben geweiht ist!

Berlin, den 12. März 1888. Friedrich III.

* Zum hundertjährigen Gedächt­nis Joseph v. Eichendorfs.

(2. Fortsetzung.)

In den Herbstferien unternahm Joseph von Eichen- volff mit seinem Bruder von Halle aus eine größere "eise nach Norddeutschland, besuchte Hamburg, Bre­men, Lübeck und stailete auch dem Lieblingsdichter "sser Jugendzeit, dem „WandsbcckerBotin", Mat- rhüls Claudius, einen Besuch ab. Am Schluffe °er Sommersemesters 1806 verließen die Brüder EichendoiffHalle und kehrten, begleitet von einigen Mgen Kommllitoneu, nach dem Elternhaus zurück. 5*a8 kommende Wintersemester rief die beiden Brü- t1. "icht mehr nach Halle; denn in diese Herbst- l?’en fielen die Schlachten von Jena unv Auer-

V und am 27. Oktober war Napoleon in Ber- eingezozen, nachdem wenige Tage vorher vom glichen Heere auch Halle eingenommen war. Das Mallenser Leben wurde 1806 beim Zusammen- "Nz der preußischen Monarchie unter ihren Tlüm- . «n milbegraben. Die frische energische Jugend

«alle, welche Eichendoiff für die Jveen der l °^°ntik, für die Freiheit und Größe des Vater- iem « iu begeistern verstand, wollte hier zu eimm

W0TTneten Freikorps gegen Napoleon sich zufam-

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Erlaß Sr. Majestät des Kaisers und I rufen, als ob es möglich sei, durch Eingreifen des Staats Königs an den Reichskanzler und Präfi- allen,Uebeln der Gesellschaft ein Ende zu machen. Mit deuten de» Staat«.Ministerium? den sozialen Fragen enge verbunden, erachte ich die der

Erziehung der Heranwachsenden Jugend zugewandte Pflege.

. Mein lieber Fürst! j Muß einerseits eine höhere Bildung immer weiteren Kreisen

Bei dem Antritt meiner Regierung ist es mir ein Be- zugänglich gemacht werden, so ist doch zu vermeiden, daß

dürfmß, mich an Sie, den langjährigen vielbewährten durch Halbbildung ernste Gefahren geschaffen, daß Lebens­ersten Diener meines in Gott ruhenden Herrn Vaters zu ansprüche geweckt werden, denen die wirthschaftlichen Ki äste

wenden. Sie sind der treue und muthvolle Rathgeber ge- der Nation nicht genügen können, oder daß durch einseitige

wesen, der den Zielen seiner Politik die Form gegeben Erstrebung vermehrten Wiffens die erziehliche Aufgabe

und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen unberücksichtigt bleibe. Nur ein auf der gesunden Grund-

bm ich und bleibt mein Haus zu warmem Dank verpflich- läge von Gottesfurcht in einfacher Sitte aufwachsendes

tet. Sie haben daher ein Recht, vor Allem zu wissen, Geschlecht wird hinreichend Widerstandskraft besitzen, die

welches die Gesichtspunkte sind, die für die Haltung meiner Gefahren zu überwinden, welche in einer Zeit rascher

Regierung maßgebend fein sollen. Die Verfaffungs- und wirthschaftlicher Bewegung durch die Beispiele hochqe-

Rechts-Ordnungen des Reiches und Preußens müssen vor steigerter Lebensführung Einzelner für die Gesammtheit

allem m der Ehrfurcht und in den Sitten der Nation erwachsen. Es ist mein Wille, daß keine Gelegenhe t ver-

sich befestigen. Es sind daher die Erschütterungen mög- säumt werde, in dem öffentlichen Dienste dahin einzu-

lichst zu vermeiden, welche häufiger Wechsel der Staats- wirken, daß der Versuchung zu unverhältnißmäßigem

einrichtungen und Gesetze veranlaßt. Die Forderung der Aufwande entgegengetreten werde. Jedem Vorschläge

Aufgaben der Reichsregierung muß die festen Grundlagen finanzieller Reformen ist meine vorurtheilsfreie Erwägung

unberührt kaffen, auf denen der preußische Staat sicher 'm voraus gesichert, wenn nicht die in Preußen altbe- geruht hat. Im Reiche sind die verfaffungsmäßigen Rechte währte Sparsamkeit die Auflegung neuer Lasten umgehen attet verbündeten Regierungen ebenso gewiffenhaft zu “nb eine Erleichterung bisheriger Anforderungen herbei­achten, wie die des Reichstags; aber von beiden ist eine führen läßt. Die größeren und kleineren Verbänden im gleiche Achtung der Rechte des Kaisers zu erheischen. Da- Staate verliehene Selbstverwaltung halte ich für ersprieß- be, ist im Auge zu behalten, daß diese gegenseitigen Rechte lich, dagegen stelle ich es zur Prüfung : ob nicht das diesen nur zur Hebung der öffentlichen Wohlfahrt dienen sollen. Verbänden gewährte Recht der Steuerauflagen, welches welche das oberste Gesetz bleibt, und daß neuen hervor- I Don ihnen ohne hinreichende Rücksicht auf die gleichzeitig tretenden, unzweifelhaften nationalen Bedürfniffen stets DOn Reich und Staat ausgehende Belastung geübt wird, rn vollem Maße Genüge geleistet werden muß. Die noth- ben Einzelnen unverhältmßmäßig beschweren kann. In wendigste und sicherste Bürgschaft für ungestörte Fürder- 9le!$er Weise wird zu erwägen sein, ob nicht in der ung dieser Aufgaben sehe ich in der ungeschwächten Er- Gliederung der Behörden eine vereinfachende Aenderung Haltung der Wehrkraft des Landes, meines erprobten zulässig erscheint, in welcher die Verminderung der Zahl Heeres und der aufblühenden Marine, der durch Gewin- bet Angestellten eine Erhöhung ihrer Bezüge ermöglichen nung überseeischer Besitzungen ernste Pflichten erwachsen würde. Gelingt es, die Grundlagen des staatlichen und sind. Beide müffen jederzeit auf der Höhe der Ausbil- j gesellschaftlichen Lebens kräftig zu erhalten, so wird es düng und der Vollendung der Organisation erhalten wer- *“ ” "

den, welche deren Ruhm begründet hat, und welche deren ftrnere Leistungsfähigkeit sichert. Ich bin entschlossen, im Reiche und in Preußen die Regierung in gewissenhafter Beobachtung der Bestimmungen von Reichs- und Landes- verfaffung zu führen. Dieselben sind von meinen Vor­fahren auf dem Throne in weiser Erkenntniß der unab­weisbaren Bedürfnisse und zu lösenden schwierigen Auf­gaben des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens be­gründet worden und müffen allseitig geachtet werden, um 'hre Kraft und segensreiche Wirksamkeit bethätigen zu können. Ich will, daß der seit Jahrhunderten in meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner meine Unterthanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche. Em jeglicher unter ihnen steht meinem Herzen gleuft no|e — haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt! Einig mit den Anschauungen meines kaiserlichen Herrn Vaters, werde ich warm alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet fi"d, das wirthschaftliche Gedeihen der verschied, nen Ge­sellschaftsklassen zu heben, widerstreitende Interessen der­selben zu versöhnen und unvermeidliche Mißstände nach Kräften zu mildern, ohne doch die Erwartung hervorzu-