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M 60. Dienstag, den 13. März. 1888

Jilhtr K Zeit»;.

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I Seine Haltung war aufrecht und straff, seine Be­wegungen elastisch, da« Antlitz allerdings etwas bleich, aber die gewohnten lieben und wohlwollen­den Züge im Wesentlichen unverändert, der Bart keineswegs schneeweiß, wie behauptet worden, nicht« Greisenhafte« in der ganzen Erscheinung. Jeder, der ihn gesehen, wird der Hoffnung auf seine Wiedergenesung erneut Raum geben. Die Begrüßung war herzlich. Zunächst schloß der Kaiser den Kronprinzen in die Arme und küßte ihn auf die Wangen, während die Kroaprinzesfin der Kaiserin ein Bouquet überreichte. Dann be­grüßten die Majestäten ihre übrigen Kinder, sowie die Großherzogin von Baden ebenso herzlich. Der Kaiser unterhielt stch besonders mit dem Kron­prinzen, dem er Aufzeichnungen machte. Zuweilen bewegte er die Lippen, aber er sprach nicht, es war nur ein Vibriren. Die Begrüßung währte nahezu eine Biertelstunde, während welcher der Kaiser stets aufrecht war und häufig auf und ab ging. Ec trug den sogen. Hohenzollrrnmantel, seinen mit Pelz gefütterten grauen Militärmantel und die Dienstmütze. Die BegrüßungSscene machte einen tiefen Eindruck auf alle, die sie mitansahen, I und manches Auge wurde feucht. Vom Salon­wagen führte ein ze'tartiger Gang zu der Stelle, wo die kaiserlichen Waffen standen; man konnte also die Herrschaften weder beim Verlaffen des Zuge» noch beim Emsteigen in die Wagen sehen. Dem Publikum war feiten» der Polizeiorgane der Wunsch de» Kaiser« übermittelt worden, sich der Zurufe zu enthalten. Al« der Kaiser den Bahn­hof verließ, grüßte die Menge entblößten Haupte» mit ehrfurchtsvollem Schweigen; als aber die Wagen in schnellster Fahrt durch Cha? lottenburg bis zum Schloff- fuhren, da ließen stch die Hurrah's nicht zurückyalten, die stch brausend fortpflanzten bi» zum Eingang des Schloßhofes. Stundenlang hatte die Menge auf einem Flecke gestanden, um einige einfache verschlossene Wagen vorüberjagen zu sehen, von denen einer den Kaiser barg. Ein solcher Patriotismus, eine solche Loyalität und Königstreue verlangen nach einem vornehmlichen Ausdruck. Wer wollte dem treuen Volke zürnen, daß es die Weisung der behördlichen Organe nicht befolgte? Daheim I Mit festem Schritt trat Friedrich III. in dieselben Räume, in denen

Göthe und Schiller seinen Höhepunkt erreicht hatte, suchte eine Verschmelzung de» deutschen Geistes mit dem Geiste der Antike; und so war er umgeschlagen in eine einseitige Verehrung und Vergötterung der antcken Welt auf Kosten de» nationalen, deutschen Elemente». Dieser einseitigen Richtung warfen die Bestrebungen der Romantiker stch entgegen. JSt waren aber nicht nur die öden geistigen Zustände, hervorgerufen durch die seichte rationalistische Philo­sophie, welche die nothwendige Reaktion de» deut­schen Geiste» veranlaßten, e» waren auch die poli­tischen Verhältnisse de» deutschen Vaterlandes, die Entwürdigung unserer Nation, die von de» großen Korsen Gewaltherrschaft geknechtet ihm zu Füßen lag, welche den Feuerbrand in die begeistert patrio­tische Jugend warfen und ste zum Kampfe gegen die Unterdrücker aufforderten. Den jungen Helden erschien der Krieg zur Befreiung de» Vaterlandes von Schmach und Unterdrückung wie ein Kreuzzug, in dem um die Wiedererlangung der Religion und der alten deutschen Treue gefochten wurde. Au« der traurigen Zeit des Kriegsgeschrete» suchte die vaterlandsbegeisterte Jugend sehnsuchtsvoll ihren Blick nach der Zeit des Mittelalter« zu lenken; dort blieb ihr Gemüth haften bei der Herrlichkeit deutscher Nation in den Zeiten ihrer Kraft und ihre« Ruhmes. Von da holten ste die bi» dahin wenig bekannten Schätze der Poeste, von da auch

* Zum hundertjährigen Gedächt­nis Joseph v. Gichendorff's.

(1. Fortsetzung.)

Beide Dichter hatten, jeder von seiner Seite, die große Aufgabe fast bi» zur Lösung geführt, e» fehlte nur noch die Stimme, die im Stande war, die höhere Vermittlung beider Anstchten zur Erscheinung zu bringen. Diese» Zauberwort sprach die Romantik. Sie hielt in ihrer Hand da» Dritte, da« Schiller'» Ideal und Göihe's Wirklichkeit ver­missen lassen, und in dem ste beide versöhnt und Ein» werden: die Menschwerdung Christi, de» göttlichen Vermittlers von Natur und Frecheit. Diese Idee umfassend, erklärten stch die Roman­tiker in feuriger Begeisterung zu Rittern de» Christenthum» wider den herrschenden Rationali»- mu» und ihre Aufgabe haben sie dadurch gelöst, daß sie zugleich alle» zu Hilfe nahmen, wa« da» Ehristenthum im Mittelalter, wo e» geherrscht, in Äunfi, Wissenschaften und Sitten der Völker her- »orgebracht hat. Durch die Arbeit der Roman­tiker, welche in Religion, Hau» und Staat wieder die große Vergangenheit suchten, sollte da» deutsche leben au» seinen verschütteten geheimnißoollen Wurzeln wieder ftisch ausschlagen, da» deutsche Wittelalter sollte wieder zum Bewußtsein und zu Ehren kommen. Der sogen. Klassizismus, der mit

Die Heimkehr des KaisersFriedrich.

tt- Berlin, 12. März.

Au» dem sonnigen Süden nach den Schnee­gefilden der Heimath — welch' ein Abstand! E« war kein Hohenzollernwetter, als in vergangener Nacht Kaiser Friedrich III. und seine erlauchte Gemahlin nach einer fast ununterbrochenen Fahrt von gegen 37 Stunden auf dem Schlosse von Eharlottenburg eintraf. Mächtig trieb der Schnee und deckte mit fußhoher Decke Felder, Straßen und Plätze, die im Schein der Laternen und der erhellten Fenster glitzerten. Zu Tausenden und Abertausenden hatte sich da» Publikum auf dem Bahnhofe wie auf dem weiten mit Anlagen ver­sehenen Platze vor dem Charlottenburger Schlosse angesammelt, um den Kaiser zu sehen und zu be­grüßen. Die Stunde der Ankunft war im Pub­likum nicht bekannt. Die Zeitungen hatten an­fänglich die achte Abendstunde genannt; aber schon au» den Telegrammen über die Ankunft de» kiserlichen Extrazuge» an den verschiedenen Zwischenstationen war zu ersehen, daß der Ankunft in Eharlottenburg viel später entzegenzusehen sei. Dazu kam, daß die Schneewehen den Bahnverkehr hinderten, wodurch eine weitere Verspätung ent­stand. Diese rief da» Gerücht wach, daß der Kaiser erst nach Berlin gefahren sei, um seinen Vater noch auf dem Todtenbett zu sehen, ein Gerücht, welche« einen gewissen Anhalt dadmch erhielt, daß der Kaiser noch in San Remo einen bezüglichen Wunsch geäußert hatte. Um Mitternacht aber fand in Berlin die Ueberführung der Leiche nach dem Dome zur Paradeausstellung statt. Auch heute , noch hält man im Publikum an dem Glauben fest, daß der Kaiser erst in Berlin war. Um 11 Uhr 10 Min. lief endlich der kaiserliche Extra­zug im Bahnhof Westend ein. Da» Kronprinzen­paar, die Großherzogin von Baden, Prinz Heinrich und seine Braut Prinzessin Irene, sowie die erbprinzlich meiningschen Herrschaften hatten stch bereit» um 10 Uhr zum Empfange eingefunden. Dieselben begaben sich, al» der Zug stillstand, sofort in den Salonwagen, an dessen Fenster der Kaiser stchtbar wurde. Wie sieht er au«? Gebeugt, gealtert, leidend? Nein, Gott sei Dank, nein.

Friedrich II. dereinst die Zügel der Regierung er­griff n hatte. Ec warf den Mantel ab, und stieg zu den Gemächern empor, deren erleuchtete Fenster gastlich über den Platz grüßten, um so gastlicher, je unwirthlicher draußen der Winter sein W-sen trieb.

Inzwischen fuhren der Kronprinz und die übri­gen Herrschaften nach Berlin zurück, wo nach Mit­ternacht die Ueberführung der sterblichen Ueberreste de« Kaiser» Wilhelm vom Palais Unter den Lin­den nach dem Dome in feierlich ernstem Zuge beim Scheine der Fackeln und dem dumpfen Trauer­geläute der Glocken erfolgte. Die Leiche war am Abend in den Zinksarg gebettet und dieser in den roth ausgeschlagenen eichenen Paradesarg gelegt worden, welcher nun von 16 Unteroffizieren lang­sam die Rampe des Palai» hinab nach dem Got« teshause getragen wurde. Eine Kompagnie der Gardes du Korps und die Leibkompagnie des ersten Garderegiment» mit den historischen hohen Blech­mützen, sowie die Hofdienerschaft und die Beamten de» kaiserlichen Hause» schritten dem Sarge voran, über den eine schwarze Decke gebreitet war. Hin­ter demselben schritten Kronprinz Wilhelm und die übrigen Prinzen der kaiserlichen Familie, ferner die Generale und Flügeladjutanten und die Hof­chargen. Den Beschluß bildete dann wieder ein Zug Gardes du Korps. Der Zug erreichte den Dom genau um 1 Uhr. Vor dem Portal erwar­teten den Sarg die Domgeifllichk.it mit dem Ooer- hofprediger Dr. Kögel an der Spitze. Derselbe hielt, nachdem dec Sarg auf dem Katafalk nieder- gesetzt war, eine kurze, inbrünstige Ansprache. Kron­prinz Wilhelm trat dann an den Sarg, kniete nieder und verrichtete ein heißes Gebet. Der Kron­prinz erhob sich, worauf Prinz Heinrich ebenfalls betete; nun trat Kronprinz Wilhelm wieder an den Sarg und legte zu Füßen desselben einen großen Lorbeerkranz nieder, wobei der Kronprinz Oskar von Schweden ihm behilflich war. Der Sarg wurde nun wieder geöffnet, Kränze und Blumen wurden daranf medergelegt. Kronprinzessin Wilhelm war vom Palais aus im Wagen nach dem Dom geeilt und wohnte der Feierlichkeit im Gottes­hause bei. Damit fand der feierliche Akt sein Ende.

zum Theilihre religiösen und politischenAnschauungen.

Faßten auch viele von den Elementen, die der neuen romantischen Lebenranschauung huldigten, ihre Aufgabe mehr als eine ästhetische auf, anstatt sie mehr ethisch zu nehmen; ging ihr Streben oft nur dahin, die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik, sowie mit der Kunst, Wissenschaft und dem gesammten Leben in innige Berührung zu setzen; war e» oft nur eine frische Jagdlust, eine phantastische Schwärmerei für die Natur und such­ten die Romantcker nicht selten, anstatt der sicht­baren, lebendigen Kirche zu huldigen, in einem träumerischen Halbdunkel mtt einer bloßen poetischen Symbolik dieser Kirche sich abzufinden, so zauderte doch ein guter Theil der Vertreter der romantischen Richtung nicht, leicht und willig in die Intentionen der Romantik einzugeh.n und gelangten so, wenn sie bis dahin noch dem katholischen Christenthum ferne stanven, in konsequenter Verfolgung ihrer Prinzipien nicht nur bis an die Schwelle des ka­tholischen Heiligthum», sondern wurden glückliche Kinder der katholischen Kirche und suchten bei dem nun beginnenden Geisterfrühling als christliche Rit­ter die mittelalterliche Weltanschauung in die Re­stauration hinein zu retten. —

Mit diesen wenigen Federstrichen haben wir auch zugleich den Geist Joseph von Eichendorff'» in allgemeinen Zügen gezeichnet, wie er in seinen