1888
Montag, den 12. März.
Deutsches Meich
Berlin, 1.0 März
———-e-as———=== Erstes Blatt
11 der Reichsverfasiung das „Präsidium des Bundes" und der Titel „Deutscher Kaiser" zu.
Leider ruhen auf dem Nachfolger des tobten Kaiser« und König schon bei seinem Regierungsantritt trübe Schatten. Der zweite deutsche Kaiser, Friedrich Wilhelm III. König von Preußen, besteigt den Thron als ein Kranker, um besten Lebenserhaltung man sich ernstlich sorgt. 3Dar ist das Allgemeinbefinden des hohen Kranken von San Remo in den letzten Tagen ein sehr gutes gewesen, aber der tieser- schütternde Tod des greisen Vaters und die Anstrengungen der Reise lasten einen neuen Rückfall im Zustande des Sohnes befürchten, dem es nicht einmal vergönnt war, von dem Sterbenden den letzten Gruß zu empfangen und ihm die Augen zu schließen. Der neue deutsche Kaiser und König von Preußen trat am Samstag früh mit seiner hohen Gemahlin die Rückreise über den Brenner an und begab sich nach Berlin,^woselbst er am gestrigen Abend gegen 10 Uhr auf dem Anhalter Bahnhof erwartet wurde. Näheres über seine Ankunft in Beilin werden ^wir unfern Lesern morgen mittheilen.
Möge Gottes Gnade den neuen Kaiser und König stärken und aufrichten, jmöge sie das theure Leben dem deutschen Volke erhalten!
'* Der" ,N elU's'anfTrger' W M-r W letzten Tage des Kaisers Wilhelm folgenden Bericht:
Nachdem Se. Majestät der Kaiser am Montag, den 5. März, noch in großer geistiger Frische Vorträge gehört und Regierungsangelegenheiten erledigt hatte, trat am Nachmittag des 6. März ein Augenblick Bedenken erregender Schwäche ein. Am Morgen des Mittwoch, 7. März, waren die Kräfte schon sehr gesunken. An diesem Tage empfing Se. Majestät den Prinzen Wilhelm Königliche Hoheit nach Dessen Rückkehr von San Remo zu wiederholten Malen und unterhielt Sich mit Demselben eingehend über die Gesundheit Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen, sodann auch über politische und militärische Angelegenheiten. Am Donnerstag, den 8. März, begrüßte der Kaiser den Großherzog und die Fran Großherzogin von Baden; mit inniger Rührung und Theilnahme gedachte Er des Heimgegangenen Prinzen Ludwig, des Kronprinzen und „Seines eigenen Kranken- und fast Sterbettes". Um Mittag sprach Se. Majestät den Wunsch aus, den Reichskanzler zu sehen, erörterte mit demselben die politische Lage und richtete Worte des Dankes und der Anerkennung an den Fürsten Bismarck. Späterhin nahmen Fieberphantasien in den Gedanken und Worten des Kaisers einen größeren Theil ein, die Kräfte und Stimme gingen allmählich zurück. Als gegen ö Uhr Nachmittags Se. Majestät der Kaiser Sich schwacher suhlte, versammelte sich die Königliche Familie und deren hier anwesende Verwandte am Krankenbette. Der Reichskanzler, der Gsneralfeldmarschall Graf Mrltke, der Kriegs- und der Hausminister, die Chefs des Militär- und des Civll- kabinets, die maison militaire und der engere Hof, sowie die persönliche Dienerschaft befanden sich im Sterbezimmer. Die Leibärzte unterstützten den Kaiser, welcher, die Hand 'Wer Majestät der Kaiserin haltend, die Frau Großherzogin von Baden und den Prinzen Wilhelm in ununmittelbarer Nähe hatte. Auf Wunsch Sr. Maiestat trat der Ober-Hofprediger Kögel an das Lager und iprach Worte des Trostes und gläubiger Zuversicht. Mit schwacher, aber deutlicher Stimme wiederholte der Kaiser einige der- selben, indem Er sie als ihm besonders theuer und wahr bestätigte. Gegen halb sechs Uhr trat ein Augenblick großer Schwäche ein, welche das Aeußerste befurchten ließ Ueber alles Hoffen aber erholte sich der Kaiser. Er erkannte allmählich die Mitglieder Seiner Familie, fragte nach dem General-Feldmarfchall Grafen Moltke und rief dann den Prinzen Wilhelm in Seine unmittelbarste Nahe. Meist mit deutlich vernehmbarer Stimme sprach der Kaiser eingehend mit Demselben; erst nachdem er längere Zeit geredet, mischten sich Fieberphantasien in Seme Worte. Der Kaiser begann damit, dem Prinzen Wilhelm von der Armee und Preußens gesummtem Volk zu sprechen Er berührte im Verfolg Seiner Worte unsere Allianzen, dann mögliche Kriege der Nachbarvölker und einzelne militärische
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O Znm Thronwechsel in Deutschland und in Preußen.
Das erschütternde Ereigniß, welchem man schon so lange mit banger Furcht entgegensah, ist leider eingetreten. Kaiser Wilhelm, König von Preußen, der erste Kaiser des neugeeinten deutschen Reiches, ist im hohen Alter von 91 Jahren am Freitag, den 9. Marz, Vormittags halb 9 Uhr sanft verschieden. , ,, „ m ,
So ist also der greife, vielgeliebte Monarch nur zu bald dem am 23. Februar verschiedenen Enkel in die Ewigkeit gefolgt. Tiefbewegt versuchen wir es, die volle Tragweite dieses auch politisch hochwichtigen Ereignisietz zu ermeßen; mit Ergebenheit in Gottes heiligen Willen und gefaßt sehen wir den kommenden Ereignisien entgegen. Sie mögen sich gestalten, wie sie wollen, - sie werben die ganze deutsche Nation, alle Stämme und alle Parteien, alle Stände und alle Konfessionen fest geeint finden und engeschaart um dm Thron und seinem jeweiligen Inhaber. Und so wird Deutschland allen Stürmen gewachsen feilt. Unser Kaiser ist tobt, aber sein Werk, die Einigung der deutschen Stämme zu einem großen mächtigen Reiche, lebt fort Er, btffeu ganzes Sinnen und Trachten in den letzten Jahren seines Lebens nur auf tre Wiederherstellung des inneren und He ErhaUuug jiU-äüI f iebejil gerichtet war, soll hierin dem deutschen Volk? ein leuchtendes Vorbild sein und bleiben.
Mit Gefühlen wahrer Siebe und Befriedigung weilt unser Blick auf dem Bilde des großen Kaisers, besten wichtigstes Werk neben der Aufrichtung des deutschen Reiches der Bemühung, um die Erhaltung des europäischen Friedens und der Einleitung der ar beiter freundlichen Sozialpolitik - die Wiederherstellung freundlicher Beziehungen zwischen Staat und Kirche, zwischen Kaisertum und Papstthum gewesen ist. Mögen Andere in dem dahingegangenen Kaiser vor allem den großen Kiiegsheld, den ruhmgekrönten Sieger preisen, in unseren Augen ist sein allergrößtes Verdienst seine Arbeit im Sinne des Friedens, und zwar in dem dreifachen Sinne des äußeren, des inneren sozialen und des inneren kirchlichen Friedens. Diese Friebenslorbeeren werden auch in der Geschichte zu den glänzendsten gezählt werden, welche die Heldenstirne krönten.
Kaiser Wilhelm, König von Preußen, ist am 22. März 1797 geboren, vermählte sich am 11. IM 1829 mit Prinzessin Augusta von Sachsen- Weimar trat am 7. Oktober 1858 die Regentschaft für den erkrankten König Friedrich Wilhelm IV von Preußen an, wurde nach dem Tode destelbeu am 2. Januar 1861 König von Preußen und wurde am 18. Januar 1871 in SBetfaittes zum deutschen Kaiser ausgerufen. 2. Jahre lang König von Preußen, 17 Jahre lang deutscher Kaiser! (Ein vollständiges Lebensbild des verewigten Kaisers finden die verehrten Leser in unserem heutigen II. Blatte. D. R.) Seine Lebensgeschichte ist sozusagen die Geschichte des ganzen neunzehnten Jahrhunderts, und in den letzten Jahrzehnten stano ferne Person als mächtiger und mächtigster mitbestimmender Faktor dieser Geschichte im Vordergründe. .
Le roi est mort, vive le roi! Der König ist tobt, es lebe der König I So rufen wir tiefernst, aber dennoch begeistert dem Nachfolger des Kaisers zu. Kronprinz Friedrich WUHelrn ist seit dem letzten Athemzuge seines hochseligen Vaters König von Preußen; als solcher steht ihm laut Art.
Einrichtungen derselben, welche Se. Majestät in der letzten Zeit besonders beschäftigt hatten. Im Verlauf des Abends vermochten die Kräfte sich nicht zu heben; in abgebrochenen Worten sprach der Kaiser vielfach von den Truppen und von Erinnerungen der Feldzüge; Er nannte einzelne Ihm bekannte Namen. Um 3 Uhr am Morgen des 9. März war die gesammte Königliche Familie und die Umgebungen wiederum am Krankenbette versammelt. Der Kaiser vermochte noch Seinen nächsten Verwandten die Hand zu drücken. Ohne zu leiden, verlebte Er die folgenden Stunden in nur theilweise bewußtem Zustande. Unter den Gebeten des Oberhofpredigers und den Thränen der um Sein Sterbelager Versammelten ist Se. Majestät der Kaiser und König um 8 Uhr 30 Minuten des Vormittags des 9. März sanft und ohne Kampf zum ewigen Frieden eingegangrn.
* lieber bie letzte bilbliche Aufnahme bes Kaisers Wilhelm, bie nach seinem Hinscheiben burch Anton v. Werner erfolgte, verlautet Folgenbes; Gestern (Freitag) früh vor 8 Uhr würbe Anton v. Werner burch einen Corpr- genbarm auf höchsten Befehl nach bem kaiserlichen Palais geholt. Als er bort 8% Uhr eintraf, war bet Kaiser soeben verschieben. Vom Groß- Herzog von Baben, welcher mit bem Kronprinzen und bet Kronprinzessin von Schweben sich im Sterbezimmer befanb, würbe er an bas Sterbebett des Kaisers geführt, um benselben zum letzten Male zu zeichnen. Der Kaiser befand sich in halbsitzender Stellung auf seinem schlichten Feldbett, nur mit einer Steppdecke bedeckt. bekleidet mit einer weißen Jacke, unter welcher ein- dunkel- rotöe Unterjacke am Halse und der Brust etwas sichtbar wurde. Sein Antlitz war im stillen Frieden verklärt, wie bas eines eben ruhig Em- KfSkfinev. En» Lampe MetuiMe de« Kopf von der rechten Seite, während bas trübe Morgen- licht gerade von vorn das Antlitz mit feinem bleichen Schimmer übergoß. Während Anton v Werner zeichnete, knieten graubärtige Generale an der Seite des Lagers nieder und küßten die kaiserliche Hand. Die Dienerschaft wurde zuge- loffen und umstand laut schluchzend das Lager. Nach und nach füllte sich das enge, schlichte Sterbezimmer dicht mit Offizieren. Die Kronprinzessin Wilhelm schickte einen Korb mit frischen Blumen, weißen Rosen und Maiglöckchen, mit dem Befehl an Anton v. Werner, damit das Sterbebett zu schmücken. Der Maler gab . bem Kaiser drei weiße Rosen in die Hand und bestreute biejDcde mit Maiglöckchen. Der Photograph Reichardt sollte darauf noch eine photographische Aufnahme machen, und Profeffor Reinhold Begas nahm die Todtenmaske ab, als Anton v. Werner das Palais um 11 Uhr verließ.
* Der .Reichsanzeiger' gibt Folgendes bekannt: „Die Par ade-Ausstellung der sterblichen Hülle weiland Sr. Majestät des Kaisers uno Königs Wilhelm I. findet in hiesiger Domkirche statt. Der Zutritt ist Montag, den 12. Marz von 1-5 Uhr Nachmittags und Dienstag, sowie die folgenden Tage von 11. Ubr Vormittags bis 5 Uhr Nachmittags dem Publikum im Traueranzuge gestattet. Besondere Einlaßkarten werden nicht ausgegeben. Berlin, den 10. März 1888 _ Der Ober-Hof- und Haus-Marschall. Graf von ^•%ur Beerdigung Kaiser Wilhelms werden im Auftrage des Cza ren der Großfürst Thronfolger, Großfürst Wladimir und Großfürst Michael, Brüder des verstorbenen Kaisers Alexander II., sich nach Berlin begeben und gegen Mitte nächster Woche hier eintreffen.
* Das Mausoleum zu Charlotteuburg war bereite seit über acht Tagen geheizt, da man, wie alljährlich, bem Besuche des Kaisers Wilhelm entgegensah, der hier am 10. März, dem Geburtstage der Königin Luise, einen Tag in stiller Zurückgezogenheit zu verleben pflegte. Soweit