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Sonnabend, den 10. März.

1888

Die Fuldaer, Rettung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertage mitgenommen. Vierteljährlich« «bonnementsprei« ohne Bnngerlohn und Bestellgeld. 1 R. 50 Pf. S ö 9 mit der belletristischen WochenbeUage .Sterne und Blumen- m Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts I S». 75 Pf.

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Zweit es Blatt.

— Zum hundertjährigen Gcdächt- niß Joseph v. Eichendorfs?)

(10. März 1888.)

Er wäre uns eine überaus angenehme und sehr willkommene Aufgabe, aus Anlaß der hundert­jährigen Geburtstagsfeier des beliebtesten Lieder­dichters der deutschen Nation ein möglichst ge­naues Gesammtbild von der Persönlichkeit dieses Mannes und seinen Geisteserzeugnissen hier geben zu dürfen; allein der Raum dieses Blattes erlaubt uns nur, in einigen wenigen Umrissen diesen „letzten Ritter des Romantik" zu skizziren. Wir wollen deßhalb nur auf die Lebenswege Hinweisen, die Eichendorff gegangen und aus die Erzeugnisse seines Geistes, die er uns als theures Erbe hinter- lassen, wobei auch einige eingestreute Bemerkungen über den Charakter des geistigen Lebens beim Beginne unseres Jahrhunderts im Rahmen dieses Aufsatzes ihre Stelle finden mögen; deßhalb wollen wir auch bei den Studienjahren Eichendoiff's etwas länger verweilen und den Geist der Schulen betrachten, die den Dichter gebildet haben.

Lubowitz heißt ein Schloß unweit des schlesischen Städtchens Ratibor, in einer von landschaftlichem Zauber umflossenen Gegend gelegen. Es ist das Stammschloß des alten, edlen Geschlechtes von Eichendorff und das Geburtshaus unseres Dichters. Hier wurde er als zweiter Sohn des Freiherrn Adolph von Eichendorff am 10. März 1788 ge­boren. Der tief religiöse Vater, ein Edelmann im besten Sinne des Wortes, hatte im Verein mit seiner ebenso innig frommen Gemahlin die erste Erziehung Joseph'« geleitet, und verstanden es beide in ihrer christlichen Liebe zu ihrem Kinde, seinem zarten Herzen durch Wort und Beispiel die ersten Keime christlicher Frömmigkeit und Tugend wirksam einzupflanzen und sorgsam zu pflegen. Frühzeitig schon machte sich seine reiche geistige Begabung bemerkbar, mit seinem zehnten Lebens­jahre bereits machte er einen größeren dichter'schen Versuch und verfaßte ein Trauerspiel in mehreren Akten, und wäre die Gefahr einer geistigen Früh­reift nahe gelegen, wenn nicht ein einfichisvoller Erzieher, der Erzpriester Heinke, den talentvollen Knaben auf den rechten Weg geführt hätte. Der lebhafte, rege Verkehr auf Schloß Lubowitz, dem Versammlungsort und Mittelpunkt der konservativ­aristokratischen Kreise, wo allwöchentlich durch Rang und Wissen hervorragende Gäste willkommen geheißen wurden, trug nicht wenig dazu bei, daß in dem Heranwachsenden Knaben die schlummern­den hervorragenden Eigenschaften seines Geistes und nicht minder seines Herzens früh geweckt, angeregt und entwickelt wurden, daß der zehn­jährige Jüngling mit Ideen sich vertraut machte, die ihn weit über den Gesichtskreis der Kindheit emporhoben und ihn den Ernst und Werth des Leben» frühzeitig ahnen ließen. Die Unterrichts­stunden genügten dem Knaben nicht, um seinen Wissensdurst zu stillen. Au» der nicht immer ver­schlossenen und nicht aufmerksam gehüteten Bib­liothek de» Vater» wußte Joseph sich willkommene Lektüre zu holen, und da griff er am liebsten nach bett Reisebeschreibungen und den Uebersitzun- gen französischer und englischer Romane, die er, wie er selbst erzählt, einsam im Garten la»; er wählte dazu seinen Sitz in dem Wipfel eine» hohen Birnbaumes, der am Abhang de» Gartens stand, von wo er über da» Blüthenmeer der niedern Bäume weit in's Land schauen konnte. Wenn die oft leicht geschürzten Erzählungen jener

*) Nachdruck verboten.

französischen und englischen Romanschriftsteller, die kurze Zeit hindurch von den .Eltern und dem Hofmeister unbemerkt in die Hände des wißbe­gierigen Knaben kamen, seinem Seelenleben nicht nachtheilig wurden, so lag die Ursache der leichten Abwendung der Gefahr in der tiefen, innigen von den Eltern ererbten Frömmigkeit seines kindlichen Herzens. Doch dieser „Spielerei", wie er die Lektüre der Romane nennt, machte er bald ein Ende, er vertauschte sie mit der hl. Schrift. „Mein Hofmeister fing an," so erzählte Eichendorff im Roman „Ahnung und Gegenwart, „mir alle Sonntage aus der Leidensgeschichte Jesu vorzu­lesen. Ich hörte sehr aufmerksam zu. Bald wurde mir das periodische, immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig. Ich nahm das Buch und las es für mich ganz au«. Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, was ich dabei empfand; ich weinte aus Herzensgrund, so daß ich schluchzte. Mein ganzes Wesen war davon erfüllt und durch­drungen, und ich begriff nicht, wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause, die doch das alles schon lange mußten, nicht ebenso gerührt waren." Diese ernsten Eindrücke, die der Knabe mit dem heiligen Buche empfand, «achten ihn aber keines­wegs zum Träumer; fein heiterer und seelenver­gnügter Charakter ward ihm durch diese Lektüre durchaus nicht genommen. Die angeborene Siebe Eichendorff's und seine unverwüstliche Begeisterung für Gottes schöne Natur halfen dazu, daß wie dem Geiste auch seinem Körper eine harmonische Aus­bildung zu Theil ward. Mit Vorliebe belustigte er sich in Schwimm- und Reitübungen und lernte als leidenschaftlicher Jäger auf seinen weiten und lang währenden Jagdausflügen die Naturschönhei­ten empfinden. Das stark ausgeprägte Naturge­fühl Eichendorff's, das in seinen Gedichten, in denen er die romantisch verzauberte Natur besingt, so mächtig hervortritt, stand auch schon in des Dichters Jugendjahren zu seinem heiteren Gemüth in einer wundersam innigen Beziehung. Die Natur antwortet nicht bloß wie ein Echo auf den Ruf der Seele, nein sie ist felbst gleichsam eine in den Raum hinaus gezauberte Seele, und beide werden von Einer aus dem religiösen Denken und Fühlen her­vorgehenden Stimmung beherrscht.

Joseph's Aufenthalt im elterlichen Hause dauerte, wenn wir von einer Reise nach Prag im Jahre 1799 absehen, ununterbrochen bis zum Herbste 1801. Nun besuchte er mit seinem Bruder Wil­helm das katholische Gymnasium in Breslau und wohnten beide unter Aussicht der Lehrer int dor­tigen Konvikte. Bei den von den Konviktsschülern veranstalteten theatralischen Vorstellungen, in denen Joseph von Eichendorff die Zuschauer zu lebhaften Beifallsbezeugungen hinriß, wurde seine Liebe zur Poesie in erhöhtem Maße geweckt und veredelt. Al» Schüler des Gymnasiums ragte er unter den besten hervor und gab sich einem unermüdlichen Fleiße hin; er wagte es sogar, öfters ganze Nächte seinen Studien obzuliegen, wobei er sich bemühte, hauptsächlich die alten Klassiker gründlich kennen zu lernen; trotzdem fand er noch immer Zeit zu schreiben und zu dichten. Im Jahre 1804 hatte Joseph mit seinem Bruder das Gymnasium absol- virt. Da aber beide noch zu jung waren, bezogen die Brüder auf Wunsch der Vaters erst im fol­genden Jahre die Hochschule. Beide wählten das Studium der Rechtswissenschaft und bezogen zu diesem Zwecke die Universität zu Halle. Der Aufent­halt in diesem alten Städtchen an der Saale, noch mehr aber sein späteres Verweilen auf der Neckar­universität übten den bestimmenden Einfluß auf die Geistesrichtung und die Weltanschauung Joseph von Eichendorff's aus, die er von nun an als Dichter und Schriftsteller durchgängig vertrat. Hier

n Halle war es, wo Eichendorff die Stimme, die chon lange in feiner Seele sprach, al» willkom­menen Echoklang vom Katheder herab vernahm. Der begeisterte Romantiker fand hier in Halle, wo er bei dem Wortführer der Romantik, dem Naturphilosophen Steffen» in die Schule ging, die geistige Umwandlung im Entstehen begriffen, die mit der Romantik an der Wende de» 18. und 19. Jahrhundert» erschien. In den Resultaten des Ra­tionalismus , der auf dem Gebiete der Poesie in »er rhetorischen Identität Schiller'» und in Göthe'» Wirklichkeit seinen Höhepunkt erreichte, fand der rutsche Geist kein Genüge und keine Ruhe und ühlte sich auch unbefriedigt durch die Ernte, welche ne Saatkörner eine» Nicolai, Lessing, Hamann und Herder zur Reife brachten. Schiller suchte da» Christenthum ohne Christus, den Frieden zwischen dem Sinnlichen und Unsichtbaren ohne eine höhere Vermittlung, und so schuf seine Weltanschauung einen nimmer lösbaren Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit. Für Göthe war dieser Konflckt nicht vorhanden. Die Natur mit ihren mannigfachen Gebilden war ihm die ganze Offenbarung und bei Dichter nur der Spiegel dieser Weltseele. Allein die Natur ist in ihrem Wesen auch mystisch alr ein verhülltes Ringen nach dem Unsichtbaren übe- ihr. Das fühlte er und so beschloß er sein Tage» werk im zweiten Theil des Faust mit einer unzu­länglichen Allegorie der Kirche.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Er ist Gebrauch im Publikum, die laufende Jahreszahl nicht auszuschreiben, also nicht 1888, sondern kurz „88" zu schreiben. E» hat diese Gepflogenheit aber gerade in diesem Jahre ihre be­sonderen Gefahren, man kann nämlich diese Zahl mit Leichtigkeit zu den Jahreszahlen 1880, 1881, 1882 tc. bis 1889 vervollständigen, indem man vor die 88 und hinter die 88 die entsprechende Zahl hinschreibt. Bei der Verjährung der For­derungen spielt z. B. die Jahreszahl, die auf der Rechnung steht, unter Umständen die aus­schlaggebende Rolle. Man wird nun sagen, daß da« "Abkürzen jeder Jahreszahl diese Gefahren mit sich bringe, es ist dies jedoch nicht bei allen Jahreszahlen in gleichem Maß der Fall. So kann man z. B. aus der Abkürzung 81 für 1881 als nächstgelegene Jahreszahl nur 1810 bi» 19 Herstellen. Man schreibe also auf Schriftstücken, wo es auf das Datum ankommt, die Jahreszahl 1888 aus.

* Von Andreas Hofer hat sich in der Hinterlas­senschaft des vor längerer Zeit verstorbenen Besitzer» der Strauß-Apotheke in Aschaffenburg ein zeitgenössisches Doku­ment gefunden, welches eine vortreffliche Charakteristik von der treuherzig-biederen und drastischen Redeweise des tapfe­ren Sandwirths gibt, als er noch nicht „In Mantua in Banden", sondern soeben zum Oberkommandanten von Tyrol gewählt war und nun seine Landsleute zu den Waf­fen rief. Auf einem etwa handgroßen, vergilbten Blättchen steht in deutlichem Druck folgend«

Anrede,

die Andrä Hofer, Oberkommandant von Tyrol, bei seiner Ankunft bett 15. August 1809 um 13 Uhr mittags aus dem Fenster seines Zimmers von dem Gasthofe zum goldenen Adler in Innsbruck, an eine große Menge Landesvertheidiger und viele Stadtbewohner nachstehenden Inhaltes gehalten hat:

„Grüß end Gott meine lieb'n S'brucker, weil ös mi zun Oberkommedanten g'wöllt hobt, so bin I holt do, es seyn ober a viel Andere do, dö köani S'brucker seyn. Alle dö unter meine Waffenbrüder seyn woll'n, dö müesten für Gott, Koaser und Vaterland, als tapfre, rödle und brase T'roler streiten, dö meine Waffenbrüder wern wölljn; dö ober dös nit ihnen woll'n, dö soll'n haim gien, I roth encks, und dö mit mir gien, dö soll'n mi nit verlaff'n, I wer enck a nit verlaff'n, so wohc I Andere Hofer hoaß; g’fogt hob I encks, g'söchen hob'S mi, bfied enck Gott."