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1888

Dienstag, den 6. März.

Die Fuldaer, Bettung' erscheint täglich, Sonn* und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementsprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Wie s gemacht wird.

(Schluß.)

Ein weiteres Mittel und zwar wiederum der Baissiers, der auf ein Sinken der Waarenpreise spekulirenden Börsenmänner, ist das ewige Geschrei von Krieg und drohender Kriegsgefahr. Es mag sein, daß eine solche Gefahr vorliegt, wir glauben sogar, daß ein Krieg über kurz oder lang unver­meidlich sein wird, die Rachegedanken der Fran­zosen und das eigenthümliche Gebühren der Russen liefern Grund genug, solche Gedanken in stch auf­kommen zu lassen. Besonder« scheint die Haupt­gefahr von den Russen zu drohen, bei denen eine langjährige Mißwirthschaft eine Schaar Unzu­friedener erzeugt hat, die ihre Mitglieder sogar in der nächsten Umgebung des Kaisers gerade so gut wie in der untersten Hefe des Volkes hat, die vor keinem Mittel zurückscheut, den Kaiser Tag und Nacht in seinem Leben bedroht und eine Todes­verachtung zeigt, die einer besseren Sache würdig wäre. Wie oft die Regierung eines solchen ver­fahrenen Staatswesens schon zu dem Mittel ge­griffen hat, durch den Krieg gegen einen fremden Staat die Aufmerksamkeit der Geister von den inneren Schäden ab und nach außen zu lenken, das zeigt uns die Geschichte an vielen Beispielen, zuletzt an dem Kriege von 1870 und 1871, den Napoleon und seine Regierung nur deßhalb an- fingen, weil sie merkten, daß die Franzosen wieder einmal gelaunt waren, stch ein bischen nach ihrer beliebten Methode der Revolution zu verändern, und daß der französtschen kaiserlichen Regierung das Staatsruder aus der Hand zu gleiten drohte. Ein siegreicher Krieg gab auf eine Reihe von Jahren der geschwächten Regierung beim ruhm­süchtigen französischen Volke wieder einen Halt, und daß der Krieg siegreich für sie sein würde, das war bei dem mit Eigendünkel mehr als gut ist, begabten französischen Volke eine Sache, die sich von selbst verstand.

Dazu kommt bei den Russen noch die Gefahr hinzu, daß sich in diesem Volke eine einflußreiche, allgemein verbreitete Nationalpartei gebildet hat, die Partei der Panslavisten, die alle Slaven, also auch die zahlreichen Slaven, welche aus österreichischem Boden leben, unter den einen russischen Hut, oder besser gesagt, unter die russische Knute bringen möchte. Diese Panslavisten sehen in Oesterreich

Sin „Uchtes siden".

Erzählung »on Rhönanus.

(6. Fortsetzung.)

Als der vielbeschäftigte geistliche Rath, ein wür­diger, alter Herr von weltmännischen Manieren und großer Freundlichkeit erschien, war die Sache bald im Reinen. „Ich bin der und der, habe hier ein verlorenes Schaflein aufgesucht, das ich einst zum Ttsche de» Herrn geführt habe und dem ich jetzt zu einer christlichen Ehe verhelfen will."

„Gott sei Dank!" rief der Pfarrer, „wieder Einer gefunden von den Hunderten, die mit oder ohne Schuld in solchen Verhältnissen leben."

„Aber," brachte ich nun vor, „ich habe keine Papiere, keine Zeugnisse — gar nichts, als meine einfache Aussage, daß e» so ist."

„Lieber Freund! Ich brauche nicht« weiter; es bedarf nicht Ausrufung, nicht Brautexamen. Kom­men Sie mit ihnen zu jeder Stunde, ich gebeJhnen die Vollmacht, Alles an meiner Statt vorzunehmen."

Nachmittags wandelte ich wieder hinaus das halbe Stündchen in den Gartenweg, um Vieles leichter. Als ich eintrat, eilte mir der Eduard entgegen, legte seine Hand, breit und wuchtig wie eine Bärenpranke, in die meinige und begrüßte

ganz mit Recht den natürlichen^ Gegner ihrer Bestrebungen, daher ihr Haß gegen Oesterreich, daher ihr weiterer Haß gegen Deutschland, das in eigenem Interesse Oesterreich nicht zertrümmern lassen kann, was auch die Panslavisten sich selbst sagen und sagen müssen, denn so schlau sind sie denn doch auch noch. Daher das Liebäugeln zwischen dem absolutistischen (selbstherrlich vom Kaiser ohne Mitwirkung einer Volksvertretung regierten) Rußland und dem revolutionären Frankreich, die in ihrem Wesen sonst so verschie­den von einander sind, wie das Wasser vom Feuer. Der Tanz wäre wohl schon losgegangen, wenn das Schutz- und Trutzbündniß zwischen Deutschland und Oesterreich nicht wäre, dem sich auch Italien angeschlossen hat, ferner wenn der eine der beiden guten Nachbarn nicht gern sähe, daß der andere für ihn die Kastanien aus dem Feuer holte. Glücklicherweise traut auch keiner dem anderen in Bezug auf die Festigkeit der Zustände im Lande des anderen, jeder weiß, daß die erste verlorne Schlacht in R:ßland sowohl wie in Frankreich die offene Revolution und da­mit eine gewaltige Schwächung der Leistungs­fähigkeit auf dem Kriegstheater zur Folge haben wird. Weiterhin kommt noch die ewige Geld­klemme, in der das bis über die Ohren verschuldete Rußland sitzt, als Hinderniß für ein Vorgehen Rußlands hinzu. Rußland versuchte, nachdem Deutschland und die schlauen Engländer dem kredit­losen Kunden ihre Geldbörsen verschlossen, sein Glück bei den Kleinen, bei den reichen Holländern und Belgiern, um nun 300 Millionen zu borgen, aber es klopfte da auch vergeblich an, und sogar die lieben Freunde, die in Aussicht genommenen Verbündeten, die Franzosen, stellten Bedingungen, daß den Herren Russen die Augen übergingen und daß sie stch mit dem Gedanken tragen, im eigenen Lande beim eigenen armen Volke ein Zwangsanlehen zu machen, das heißt, jeden nach seinem Vermögen zu zwingen, dem Staate eine Summe Geldes zu borgen, wobei selbst der Russe sich sagt, daß e« verloren ist. Wenn nun Ruß­land bei einer für ein so großes Land lumpigen Summe solche Hindernisse stndet, welche soll es im Falle eines Krieges finden, von dem schon Prinz Eugen der edle Ritter sagte, daß er drei Dinge erfordere, nämlich erstens Geld und zweitens Geld und drittens noch einmal Geld!

mich mit aufrichtiger Freude. Er war ein stäm­miger Bursch geworden, breitschulterig, mit starker Brust, an Größe mir gleich — eine echte Bier­brauersgestalt; aber sein treublickendes Auge, feine weichen Gesichtszüge und feine sanfte Stimme hatte er noch wie ehedem. Erst wurden Grüße und Nachrichten von zu Hause gebracht, dann ging'« sofort zum Haupikapitel.

„Wie steht's, Eouard!" fing ich eindringlich an, „soll's denn immer so fort gehen wie bisher, mit Euch zweien? Vor dem Gesetz könnt Ihr unge- stört so fortleben, aber das Gewissen, Euere Re- liflton, die Meinung der achtbaren Leute unv Euerer Eltern kommen doch auch in Betracht!"

Er senkte den Kopf hinab und — schwieg.

„Eduard!" fuhr ich fort, „deut' daran, wie Du vor 16 Jahren an der Leiche Deines armen Vaters gestanden bist! Siehe, wa« würde der sagen, wenn er am Leben wäre, Dein braver christlicher Vater! Nicht unter die Augen dürftest Du ihm kommen. Und Deine arme Muiter, die schon so Diel Leid erfahren, soll sie den Kummer, den sie Deinetwegen hat, bis an ihr Ende mit sich Herumtragen und vielleicht mit in's Grab nehmen? Willst Du ihr diesen Kummer nicht abnehmen?

„Ach, ich wollte es ja gerne, aber —" schon

Wenn wir Etwas von unserem Gebiet auf das politische Gebiet abgeschweift sind, so möge man uns das verzeihen, die Absicht war, darzuthun, daß wirklich Kriegsgefahr vorliegt, daß dem Aus­bruch eines Krieges aber auch Hindernisse in dem Wege stehen. Wenn wir also auch an eine vor­handene Kriegsgefahr glauben, so müssen wir doch gestehen, daß hier der Teufel vielfach schwärzer gemalt wird, als er in Wirklichkeit ist. Das mag aus politischen Gründen je nach dem Stand­punkt der Parteien geschehen und geschieht auch aus solchen, noch mehr geschieht es aus der Ver­folgung selbstsüchtiger Börsenzwecke. Der Baissier der Börse weiß gut genug, daß jede Verschärfung der Kriegsgerüchte bei vielen Dingen die Preise drückt, denn Jedermann, der die nölhige Einsicht hat, weiß, daß dann Alles stockt, und der Furcht­same, der einen ungünstigen Verlauf des Kriege« in Rechnung zieht, verkauft lieber seinen Ueberfluß an Produkten, als daß er dem Feinde unbezahlt in die Hände fällt, und wenn er auch zu Schleu­derpreisen verkaufen muß. Das erlöste Geld kann er wenigstens an sicherer Stelle vergraben. Da­her kommen die ewig sich wiederholenden KriegS- gerüchte, die immer auftauchen, wenn sie dem Börsenspekulanten in den Kram paffen, die von den zahllosen, der Börse verfallenen und von ihr besoldeten Zeitungen fleißig breit getreten und in'« Volk getragen werden und dasselbe niemals zur ruhigen Anschauung seiner Lage und zum fried­lichen Genüsse seiner so schon genug gedrückten Existenz kommen lassen. Dabei machen auch viel­fach Haussiers der Börse ihren Schnitt, sollen doch durch die Kriegssurcht nicht alle Werthe, denn manche Anlagen haben durch den Krieg Aussicht auf größeren Gewinn, und die Papiere derselben steigen deshalb bei Zunahme der Krieg«, furcht. Als kürzlich die Kriegsgefahr wieder ein­mal so recht als groß und nahe bevorstehend hingestellt wurde, da stiegen die Aktien mancher Privatbahnen, denn es müssen im Kriege Truppen und Kriegsmaterial befördert w->rden, die Menge der Fracht und damit die Einnahme steigt, es wird ja Alles wenigstens vom eigenen Lande be­zahlt und der Feind, der Nicht« bezahlt, ist ja noch lange nicht im Lande. Dieses schöne Ver­trauen der Börsianer ist jedoch kein Produkt eine« etwaigen Patriotismus derselben, der stch im Vertrauen auf seine« Vaterlandes Kraft und

fürchtete ich, zu hören, e« sei nicht nöthig — doch nein! ich sah ja, wie die Thränen aus seinen Augen drangen, „aber — ich weiß ja nicht, wie ich's an- stellen soll, jetzt nach anderthalb Jahren."

„Dafür bin ja ich da, um Rath zu schaffen, und ich sag' Dir, ich gehe nicht eher fort von hier, bis ich selbst Euch vor dem Altäre gesehen habe. Wenn Ihr diese Gelegenheit nicht benutzt, kommt Ihr vielleicht nie mehr dazu."

Man sah ihm die Verlegenheit und Unschlüssig- feit auf seinem Gesichte an. Hintreten vor seinen Braumeister, von dem er damals Freizeit bekom­men, weil er heirathen wollte, hintreten und sagen, ich will mich j tzt kirchlich trauen lassen, — da hätte ich den ChoruS der Brauburscheu hören mögen und wie es zwischen herzhaften Tiünken und Fachen, Spottreden, Witzeleien auf den armen Heirathskandivaten geregnet hätte: „doppelt genäht, bält b.sftr, wird er denken," oder: „er will seinem Weibchen noch einen Zaum anlegen" u. dgl. Da­rum setzte ich sofort bet: „Du brauchst ja gar nicht zu sagen, wozu Du frei haben willst; Du sagst einfach, ein Freund aus der Rhön fei da und Du müßtest ein paar Stunden bei ihm blei­ben, und das ist ja wahr. Möchte sehen, ob er das verweigern könnte."