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JK 52 Sonnabend, den 3. März. 1888

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Zweites Blatt.

Wie's gemacht wird.*)

In unserer früheren Abhandlung über die Differenzgeschäfte an den Börsen versprachen wir Einiges darüber mitzutheilen, wie sich der Börsen­spekulant zu helfen sucht, wenn er merkt, daß er sich verspekulirt hat, um den ihm drohenden Ver­lust zu mildern, oder denselben womöglich ganz von sich abzuwenden, wie der Börsianer die von Gott gegebenen und von der VolkswirthschaftS- lehre entdeckten Gesetze, nach denen sich die Preise der Maaren im Handelsverkehr stellen müssen, in seinem Interesse zu korrigiren sucht, indem er dem natürlichen Verlaufe der Dinge störend in den Weg tritt.

Im Allgemeinen richtet sich bei natürlichem und ungestörtem Verlaufe des Geschästslebens der Preis einer Maare zunächst nach der Größe der für Her­stellung der Maare verwendeten Arbeit und nach den bei der Herstellung aufgewendeten Kosten, die um so größer sind, je mehr Zeit und Arbeit dazu verwendet wurden. Wenigstens sollte das so sein, dann würde der Produzent mit dem erzielten Preise stets zufrieden sein, und es ist auch so, wenn nicht mit oder ohne das Zuthun der Men­schen widerwärtige Verhältnisse störend eingreifen. Weiterhin richtet sich der Preis einer Waare nach der Feinheit und Kunst der Arbeit. Ein kunst­volles Gemälde hat z. B. einen hohen Preis, der oft viele Tausende von Mark beträgt. Nicht jedem Menschen ist die Gottesgabe verliehen, ein echter, von Gott begnadigter Künstler zu sein, und dann kostet die Ausbildung zur Erlangung der Meisterschaft viele Jahre, viele Studien, Reisen und Geld, und das will der Künstler mit Recht durch hohe Bezahlung seiner Werke wieder ersetzt haben.

Das durchgreifendste Gesetz für die Gestaltung der Preise auf dem Handelsmarkt ist jedoch das sogenannte Gesetz des Angebotes und der Nachfrage. Wird eine Waare massenhaft und stark angeboten, ohne daß ein augenblickliches größeres Bedürfniß und damit eine angemessene Nachfrage nach der Waare mit dem Angebote. Hand in Hand geht, so sinkt der Preis der Waare und stellt sich niedrig. Dieses Sinken wird noch dadurch befördert, daß die der Waare bedürftigen kauflustigen, wenn sie nicht ganz beschränkte Menschen find, dar große Angebot bald merken und mit den Käufen zurückhalte«, bis der er­wartete Herabgang der Preise eingetreten ist. Dann fangen sie an zu kaufen, andere thun ihnen nach, denn das Beispiel reizt, und schließlich riehen durch die so gesteigerte Nachfrage die Preise wieder an.

Das Umgekehrte findet statt, wenn die Nach­frage nach einer Waare im Verhältniß zum An­gebot sehr groß ist. Dann gehen die Preise in die Höhe und die Maaren werden oft so theuer, daß man sich wundern muß, wie Jemand sie noch kaufen mag. Doch thun hierbei Nothstand und die Macht der Gewohnheit, von der sich loszu­reißen vielen Menschen sehr schwer fällt, das Ihrige. Doch hält sich ein allzuniedriger Preis- ftonb auf die Dauer ebensowenig, wie ein allzu- Wt, immer vorausgesetzt, daß nicht irgendwelche Mißstände vorliegen, die man auf jede Weise und w bald als möglich beseitigen sollte. Im ersteren Falle werden der Billigkeit wegen viele die Waare kaufen, die sie sonst nicht gekauft hätten, um sie an Stelle einer anderen theureren Waare zu be- und mit der so gesteigerten Nachftage steigt

*) Nachdruck nicht gestattet.

der Preis. Im anderen Falle werden bald findige Kaufleute eine Menge der theuren Waare herbei- schaffen, damit das Angebot derselben vergrößern und den Preis zum Sinken bringen.

Den Vorgang, wie sich die Preise nach dem Angebot und der Nachfrage regeln, kann man an einem regelmäßig in kürzeren Fristen abgehaltenen Markte sehen, z. B. an den wöchentlichen Schweine­märkten zu Fulda. Wenn in der passenden Zeit die bäuerlichen Besitzer mit den passenden Thieren an einem Sonnabend in Fulda erscheinen, so kann es vorkommen und kommt oft vor, daß trotz­dem der Preis auf dem Markte sich niedrig stellt, weil zu viel Thiere aufgetrieben oder zu wenig Käufer erschienen sind. Die Käufer halten zudem mit Bieten zurück, sie können es ja abwarten, es ist genug da. Wer sich nun nicht die Mühe machen will, die Thiere wieder mit nach Haufe zu nehmen, oder wer absolut verkaufen muß, weil er unbedingt Geld braucht, der verkauft, die andern nehmen ihre Thiere wieder mit. Zu Hause er­kundigt sich nun der Nachbar beim Marktgänger und sagt sich: „Ich wollte eigentlich auch auf den Markt mit Schweinen ziehen, vielleicht hätte ich es nächsten Sonnabend gethan, nun warte ich es noch eine Weile ab, die Schweine gelten ja nichts." In den Kreisen der Kauflustigen, etwa der städtischen Kleinbürger, die sich ein Spülicht- Schweinchen aufziehen und mästen, spricht sich die Sache auch herum, und der Meister sagt zur Meisterin: „Höre, am vorigen Sonnabend waren die Schweine spottbillig. Wir wollen doch wieder eines anschaffen, ich wollte allerdings noch Etwas warten, denn ich habe das Geld noch nicht zu- sammen, aber ich borge mir es, denn so billig bekomme ich wohl später kein Schweinchen." Am folgenden Sonnabend sind nun aber die Verkäufer au-geblieben, abgeschreckt vom billigen Preise des letzten Sonnabends, eine Menge Käufer ist er­schienen. angelockt von demselben Umstande. Nun halten die erschienenen Bauern mit dem Zuschlag zurück, der Preis steigt und schließlich kauft auch unser Meister, wenn auch mit ärgerlicher Miene, ist er ja doch nun einmal da, und will er doch nicht noch einen Sonnabendsmorgen opfern.

Dieses Alles vollzieht sich, wie schon gesagt, nach natürlichen Gesetzen, und wer sie kennt und mit ihnen rechnet, wird nicht fehl gehen. Es darf aber, wie auch schon gesagt wurde, keine Störung von Außen stattfinden, die alle noch so vernünftige menschliche Berechnung über den Haufen wirft.

Solche Störungen treten nun aber leider der natürlichen Entwickelung der Dinge nur allzuoft entgegen. Darunter find nun solche, für welche der einzelne Mensch Nichts kann, weil sie das Werk einer vis major, einer höheren Gewalt find, wie Krieg oder begründete Kriegsgefahr, Unruhen u. s. w. Diese muß der Mensch noth- gedrungen und ohne Murren als in Gottes hohem und unergründbarem Rathschluß begründet, einfach in den Kauf nehmen. Nicht aber sollten wir die Störungen wie geduldige Schafe, die geschoren werden sollen, leiden, die von gewissen Börsen­menschen und Börsenkliquen in eigennützigem Trachten nach schmählichem Gewinne Herz- und gewissenlos hervorgerufen werden. Mit allen rechtlichen Mitteln sollten wir Alle, der Erste wie der Letzte, jeder in seiner Stelle und nach seinem Wissen und Können uns gegen das Treiben von Menschen stemmen, bei denen an Stelle des Herzens und Gewissens der Gold­sack sitzt.

Das erste Mittel des Börsenspekulanten, den natürlichen Verlauf der Preisgestaltung der

Maaren zu stören, um dadurch einen Vortheil zu erhaschen, sind die sogenannten Scheinge­schäfte. Wir wollen die Art dieser Geschäfte wieder an einem Beispiele erläutern.

Nehmen wir den Fall an, unser alter, bei Schilderung der Differenzgeschäfte schon genannter Freund Müller habe sich bei seiner Spekulation ä la baisse verspekulirt, und es drohe ihm nun die Gefahr, an Schulze die dreißigtausend Mark Preisdifferenz am 1. April auszahlen zu müssen. Kurz vor dem Termine, aber zeitig genug vorher erscheint er auf der Börse und bietet Weizen zu auffallend niedrigem Preise an und verkauft auch solchen massenhaft, aber an wen? An seine Ver­bündeten, die denselben Zweck verfolgen wie er, denen auch an dem Sinken des Weizenpreises irgend einer verfehlten Spekulation wegen gelegen ist, mit denen die Sache vorher abgekartet ist. Natürlich gilt das Geschäft Nichts, es geschieht Alles nur zum Scheine, um zu täuschen und irre zu führen. Ist Müller's Liebhaberei für derlei Geschäfte allzubekannt, so schickt er einen Stroh- mann vor. Gewiegte Börsianer lassen sich nun zwar nicht täuschen, als Geschäftsleute stören sie aber kein Geschäft, wenn sie kein Interesse dabei haben. „Laßt's gehen, laßt'» laufen", sagt der Franzose und denken sie, besonders wenn sie durch die Größe ihres Besitzes sicher stehen. Nun gibt es aber immer auch Unerfahrene unter den Bör­sianern, besonders unter den Neulingen, die auf dem glatten Boden der Börse noch nicht sicher zu marschiren gelernt haben, die um so leichter ängstlich werden, je weniger sie einen großen Verlust ertragen können. Diese, wenn sie durch Besitz größerer Weizenvorräthe an der Sache bc- theiligt sind, fragen sich nun: „Was hat Müller vor? Was die Andern, die so billig verkaufen? Diese müssen Nachrichten über große Weizenzu­fuhren oder sonstwie Umstände erfahren haben, die uns verborgen geblieben sind, sie wollen sich deshalb ihrer Bestände entledigen, ehe es allge­meiner bekannt wird, was sie wissen, um bei weiterem Fallen der Preise nicht noch größere Verluste zu erleiden." Das veranlaßt, wenn es Müller und Genossen glückt, ein Verkaufen von anderer Seite, die Preise gehen herunter und wenn dar bis zum Abwickelungstermine am 1. April an hält, so hat Müller gewonnen. (Forts, f.)

Vermischtes.

* Die Verbesserung des Denaturirungs- mittels ist der Gegenstand eifriger Bemühungen. Wie es der „Zeitschrift für Spiritusindustüe" scheint, gelingt es, durch Zusatz geringer Mengen Essigsäure oder Weinsteinsäure dem denaturirten Spiritus seinen üblen Geruch fast zu benehmen, ohne den schlechten Geschmack wesentlich zu be­einträchtigen. Der Versetzung des Brennspiritus mit solchen, den Geruch beseitigenden Mitteln steht nach Lage der Gesetzgebung nichts im Wege.

* sHumor im Gerichissaale.j Neulich, so wird der,K. Z ' aus London geschrieben, handelte es sich um ein Patent für Drehorgeln. Beide Kläger stellten ein Instrument vor dem Richter auf, welcher die Anwälte einlud, die Vortheile der beiden Drehorgeln im Interesse ihrer Klienten anzuführen. Einer der Herren erhob sich sogleich von seinem erhöhten Sitze, wies auf den feinen Mechanismus des einen Instruments und leierte, zum großen Ergötzen aller Anwesenden, in Talar und Perücke eine bekannte Opern-Arie ab. Der Anwalt des zweiten Klägers wollte nicht hinter seinem Amtsbruder zurück­bleiben und drehte auch mit großem Eifer an dem Jn- strument seines Klienten, welches jedoch keinen Laut von sich geben wollte und dadurch für einen Augenblick die ausgelassenste Heiterkeit im Saale hervorrief, während der Richter lachend bemerkte: „Ich fürchte, Sie sind ein schlechter Orgeldreher, mein Herr!"