Deutsches Reich.
Berlin, 22. Februar.
• Durch König!. Kabinetsordre ist befohlen worden, daß da» Gardekorp« und 3. Armeekorps vor Gr. Maj. dem Kaiser und König in diesem Herbste Manöver abhalten werden. Es werden große Parade, KorpSmanöver gegen maikirten Feind, und zwar jedes Armeekorps für fich, und Feldmanöver der beiden Armeeko.p« gegen einander stat! finden; bei jedem Korps wird sich eine Kavallerie - Division befinden. Die Herstübungen der übrigen Armeekorps werden nach den Bestimmungen der Felddienst-Ordnung statt finden. Außerdem wird eine Pontonnier-Uebung auf der Weichsel und eine Belagerungs-llebung bei Graudenz abgehalten «erden.
* Prinz Wilhelm wird laut der ,Fc. Z.' baldigst nach San Remo reisen.
* Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses verhandelte über Kapitel 116a des Unterrichtsetat» „für Bedürfmßzuschüff- und einmalige Unterstützungen, insbesondere für einen Bischof 54,000 Mk."; der vorige Etat fetzte aus 48,000 Mk. Der Berichterstatter erläuterte die Mehlforderung mit dem Bedürfniß, ein Seminar für altkatholische Theologen zu errichten. Der Regierungskommiffar erklärte, daß auf Antrag des „Bischofs" ReinkenS die 6000 Mark in erste: Reihe zur Besoldung eine» Semi- nardirektors (Gehalt 3500 Mk.) und zu Bureau- bedürfniflen bestimmt seien. Bon Mitgliedern de» Centrums wurde entgegnet, daß in Bonn altkatholische Zöglinge für preußische Gemeinden nicht vorhanden seien, also der preußische Staat keine Veranlassung habe, dafür Geldmittel zu bewilligen, und sodann der Antrag gestellt, die Mehrforderung abzulehnen und im Texte bei dem Worte: „Bischof" den Zusatz zu machen „altkatholisch". Der Antrag wurde mit 10 gegen 7 Stimmen abgelehnt und mit derselben Mehrheit die volle Forderung von 54,000 Mk. bewilligt. — In Kapitel 124 Titel 5 de» Unterrichtsetat» finden sich 4,000,000 Mk. zur Verbesserung der äußern Lage der Geistlichen aller Bekenntnisse eingestellt, gegenüber dem vorigen Etat 744,387 Mk. mehr. Dieser Fond» ist dazu bestimmt, da« Jahresein
kommen der bereits 5 Jahre im Amte befindlichen Geistlichen in evangelischen Pfarren auf 2400 und in katholischen Pfarren auf 1800 Mk. zu erhöhen. Au« dem Ueberrest können Alterszulagen zur Erhöhung de» Jahreseinkommen» der evangelischen Geistlichen bis auf 3600 Mk. und der katholischen Geistlichen bis auf 2400 Mk. gewährt werden. Auf die Frage, wie die jetzt mehr geforderten 744,387 Mk. schon gegenwärtig wirken würden, erklärte der Rl- gierungskommffsar, daß die betreffenden statistischen Nachweisungen zwar bezüglich der evangelischen Geistlichen eingegangen seien, jedoch bei den katholischen Geistlichen noch jede statistische Ueber- sicht fehle, und daß deshalb die Staatsregierung zur Zeit ablehnen müsse, eingehende Aufklärung über die Höhe der im einzelnen Falle zu bewilligenden Zulagen zu geben. Es wurde sodann bemängelt, daß über die Fonds bisher die königliche Staatsregierung eine Nachweisung nicht g - geben habe und daher unbekannt sei, nach welchen Grundsätzen und in welcher Richtung der Dispositionsfonds von 4 Millionen Mark verwendet werde. Der Regierungs-Kommissar erklärte, die königl. Staatsregierung verfahre nach festgelegten Grundsätzen bezüglich der Alterszulagen, nur die Altersstufen feien zweifelhaft nach Maßgabe der jeweiligen Mittel. — Auf einen von den Csn- trumsmitgliedern gestellten Antrag, die Alterszu- lagm bei katholischen Geistlichen auf 2700 Mk. zu erhöhen, wurde vom Regierungskommiffar mit- getheilt, daß die sinanzielle Wirkung des An- trages 5- bis 600,000 Mk. jährlich ausmachs. Die Abstimmung ergab Annahme des Centrumsantrages auf Erhöhung der Summe von 2400 auf 2700 Mk. für katholische Geistliche mit 11 gegen 4 Stimmen. Bemerkens« erth erscheint noch die Mittheilnng de» Rsgterungskomm.ffars, daß die von der General - Synode geforderte Ablösung der Stolgebühren für die eoangc- lischsn Geistlichen 40 Millionen Mark erfordern würde.
• Der Reichstag setzte die zweite Berathung der Anträge Munckel auf Entschädigung unschuldig Verurtheilter und Rintelen detr. die Wiederaufnahme des Verfahrens fort. Dazu lagen eine Reihe von Ecgänzungsanträgen des Abg. Kule-
Herr de St. Grillac betrachtete sie still. Die ganze Innigkeit seiner Leidenschaft sprach aus dem Blick, der sekundenlang auf ihr ruhte.
„Fräulein Delorme," sagte er endlich, in zurückhaltender Weise ihre Taille berührend, „vertrauen Sie sich meinem Schutz an! Sie werden einen Freund in mir finden, deffen guter Abficht Ihr junacs Herz vielleicht dereinst dankbar sein kann."
Marion rührte sich nicht. Da» Wehe in ihrer Brust hatte seine Worte übertönt.
Der Richter ließ noch einmal Sekunden vorübergehen.
„Fräulein Delorme," wiederholte er dann, seinen Arm fester um ihre Hüfte schiebend; „diese Position ziemt nicht einer jungen Dame, deren Ruf unbefleckt ist. Ich werde Sie zwingen müffen, mir jetzt zu gehorchen, da Ihr Wille, wenigstens für den Augenblick, nicht in Berechnung zu bringen ist."
Er zögerte eine Minute, dann, da Marion nichts entgegnete, wendete er den Kopf und winkte seinen in kurzer Entfernung harrenden Kutscher heran. Ec schlang seinen Arm fest um ihre Hüfte und schob sie mit sich bis zur Karaffe, deren Schlag durch den Kutscher geöffnet war.
Marion, nur ihrem Schmerz ergeben, schien kaum zu wissen, was mit ihr geschah. Sie widersetzte fich nicht im Geringsten, al» Herr de St. Grillac sie in den Wagen hob und neben ihr Platz
mann (nl.) vor. Der Antrag Rintelen wurde nach längerer Debatte abgelehnt, der Antrag Munckel unter Ablehnung der Kulemann'schen Amendement» angenommen. Dann wurde in die erste Berathung des Antrag» Johannsen (Däne) auf Revision de» Gffängmß - und Strafooll- streckungsoerfahren» eingetreten. Abg. Klemm (kons.) sprach gegen den Antrag und erklärte ein einheitliche» StrafoollzugSgesetz für Deutschland al» undurchführbar. Abg. Dc. Windthorst verwies den Antragsteller an den preußischen Landtag , dort werde er den Antrag energffch unterstützen. Darauf wurde der Antrag zurückgezogen. Morgen: Etat.
* Im Abgeord netenhaus e führte die zweite Berathung des Eisenbahnetats zunächst zu einer Tarif-Debatte, im Anschluß an eine Petition der Grundbesitzer d-S Ostens, welche Tariferleichterungen nach dem Westen verlangen. Diesen Wünschen der östlichen Landwirthe gaben die Abgg. Graf Kanitz (ton).) und Seer (nl) Ausdruck, welche behaupteten, daß die bisherige Tarifgestaltung lediglich der Industrie zu gute komme, daß dagegen auf die Landwirthfchaft de» Ostens keine genügende Rücksicht genommen fei, obgleich diese doch unrettbar der Verarmung entgegengehe, wenn ihr nicht durch billigere Tarife nach dem Westen die Behauptung des inländischen Markte« ermöglicht werde. Der nationalliberale Abg. von Heere bestritt die Bshauptnng von der einseitigen Bevorzugung der Industrie, und auch Minister Maybach lehnte es entschieden ab, daß die Eisenbahnverwaltung die Hand dazu bieten werde, einzelne Landesthelle zu bevorzugen, zumal der Osten doch über eine Vernachlässigung wahrlich nicht zu klagen habe. Der Minister schildert namentlich die bedenklichen Folgen, welche die Berücksichtigung zu weit gehender Wünsche auf die finanziellen Ergebnisse der Eisenbahnverwaltung haben würde, verstcherte jedoch, daß berechtigten Wünschen — als solche bezeichnete der Minister z. B. eine bessere Verbindung von Berlin nach Hannover und nach Frankfurt a. M. — Rechnung getragen werden würde. Auch stellte er in Aussicht, daß er weitere Anforderungen machen werde im Interesse der Sonntagsruhe der Beamten. Nachdem noch Abg. Dr. Drechsler (freikons.) sich gegen die Forde-
nahm. Erst als sie miteinander durch die Straßen rollten und Herr de St. Grillac in der Ueberwal- lung der Empfindung ihre zarte Hand zwischen seinen markigen Fingern preßte, erwachte sie aus der B.-täubung, d e das Uebermaß ihres Wehe» hervorgebracht hatte und blickte voll Erstaunen fragend in die Miene des Manne», der ihr Erretter au» Jammer und Elend gewesen war.
„Was haben Sie vor mit mir?" stammelte sie erröthend.
Herr de St. Grillac — mit der ganzen Gluth der Leidenschaft, dis feit Wochen in ihm bebte — sah sie an.
„Marion," hauchte er. „Gott vereinigt die Wege der Liebenven auf seltsame Art! Warum sonst hätte er Ihr Geschick in meine Hände gegeben! Haben Sie es nicht gefühlt seit dem ersten Augenblicke, da Sie mir im Jnstizprlast vorgeführt wur- den, wie sehr ich um Ihr Schicksal besorgt war? Hab.n Sie nicht au» meinen Worten, m>inen Blicken verstanden, daß ich in Ihnen nicht die Verbrecherin, sondern das mir von Gott zuzeführte Weib meiner Liebe sah? Fühlen Sie nicht me.ne Liebe? Sind meine Gedanken nicht bi» in Ihre Zelle gedrungen, während ich für Sie thätig war ? Hat nicht ntiirt Gruß Sie umweht, als mir die Aufklärung des Verbrechen« gelungen war?"
Ec hatte, während er zu ihr sprach, seinen Arm
Original-Roman von Marie Romany.
(Schluß.)
Marion hatte ihm zugehört, al« ob das Ganze, was er sprach, nicht in da« Reich der Wirklichkeit gehötte. Sie litt noch zu viel unter der betäubenden Wirkung der Gefangenschaft, um eine Antwort zu finden, die seiner Sprache gerecht war.
„Bei Frau von Wildenau?" wiederholte sie mechanisch, während ihr thränenschwerer Blick in« Leere starrte. „Ich hatte nicht die Absicht, zu der Baronin zurückzugehen."
„Und wohin wollten Sic?"
„Wohin?"
Es schien, al« entf.ssele diese« Wort mit einem Schlage alle« Wehe, alle Bekümmerniß, alle bange Furcht vor dem Leben, in deren diabolischer G:- vrlt Marion'« ganze« Sein und Fühlen während so vieler langen Wochen gefangen war! Siedachte nicht einen Moment daran, eine Antwort zu geben; sie hatte fast vergassen, daß er, der diesen Punk: berührte, an ihrer Seite stand, daß sie sich auf offener Straße befanden; sie war überwältigt von der Macht der bejammern«w.'rthen Empfindungen, welche diese Frage in ihr wach rief. Unbekümmert Nm alle Welt ring« um sich, preßte sie die Hand aus ihr stürmende« Herz und weinte bitterlich.
1888
Donnerstag, den 23. Februar.
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