Mittwoch, den 22. Februar
1888
fnlbitr
Icitilnz
listengesetzes auf zwei Jahre
* Je mehr bisher das drohende Schweigen der
in das gefühllose, heuchlerische, verdorbene Treiben
angefüllt hatten und trat znrück von der Balustrade, im Zweifel, nach welcher Richtung sie den
diesem Augenblick ein stilles Plätzchen im Schoße der Schöpfung gegeben, damit ihr die Rückkehr
Es war der Quai, auf den sie hinaurtrat. Nur eine geringe Frequenz ist auf diesem Theil , ... Z*r Promenade, sovaß der Entlassenen genügend der Weltstadt erspart worden sei! Muße, sich an die Umgebung der freien Welt zu gewöhnen, geboten war. Marion schritt voran.
*>n unaussprechliches Wehe überkam das junge ^«esen, als sie sich so einsam, so verlaffen, so allen Mitgefühls, allen Schutzes unter dem ^reiben der allmächtigen Weltstadt sah. Ihr *uge glitt zur Erde, zum Himmel, über den Lauf der Seine, gleichsam als suche es nach irgend nnem Etwas, das ihr eine Stütze in der trübseligen Verlassenheit ihres jungen Daseins gebe, aber nichts begegnete ihren Blicken als vor ihr bre fast menschenleere Straße und zu ihren Füßen
richtung des Reiche» werden.
Das Sozialistengesetz ist nun verlängert worden, nicht auf 5 Jahre, wie die Regierung das forderte, auch nicht mit den geforderten Verschärfungen der Strafen und mit der Reichsausweisuna, sondern in der bisherigen Form und nur auf 2 Jahre. Die Möglichkeit, der Regierungsforderung mit Ei folg zu widerstehen, war nur geboten in der beschränkten Dauer des Gesetzes. Wäre diese Dauer nicht beschränkt geworden, dann hätte der Reichstag wohl ebenso oft und ebenso entschieden das Gesetz verurtheilen können, wie da« bei dem Priesterausweisungsgesetz geschehen ist, die Regierung hätte sich aber über den Reichr- willen einfach Hinwegsetzen können. Die Lehre, die sich daraus ergi t, ist die: will der Reichstag sich seinen Einfluß wahren, so muß er alle Gesetze, bei denen da» angebracht ist, nur auf Zeit er-
Weg einzuschlagen habe. Sie hatte ja überhaupt kein Ziel im Auge, dachte an nichts, als daß sie
Lange, bange Minuten gingen so vorüber; die fröstelnde Kälte mahnte sie endlich, daß es Zeit zum Weitergehen sei. Sie trocknete hastig die Thränen, die fast gegen ihren Willen ihre Wimpern
ist am Freitag von dem Reichstage nach sechsstündiger Debatte in dritter Lesung endgiltig beschloßen worden. Für die Verlängerung stimmt»n geschloffen die Kartellbrüder, dagegen das Sentrum, bis auf ungefähr 8 adelige Mitglieder, welche zum Theile Süddeutfchland angehören, ferner die Freisinnigen, die Polen und die Sozial- demokratcn. Eine namentliche Abstimmung fand leider nicht statt, da der sozialistische Antrag darauf zu spät, nämlich erst während des Ganges der Abstimmung eingebracht worden war. Was die Abstimmung des Centrums angeht, so berührt es wohlthuend, daß das Ausnahmegesetz in der Fraktion mit jedem Jahre immer weniger Zustimmung findet und wir wollen hoffen, daß über zwei Jahre die Fraktion auch in dieser Zweckmäßigkeitsfrage vollkommen einig dastehen wird.
Was die Debatte angeht, so konnten die Redner dabei selbstverständlich nicht mehr an eine Umstimmung der Mehrheit denken, deren Willen ja feststand. Daher bezweckten Bebels zweistündige Ausführungen auch lediglich eine weitere Begründung der gegen die preußischen Polizeiagcnten erhobenen Anklagen.
Besondere Beachtung verdiente auch der Bebel sche Nachweis, daß die Nationalliberalen
abzuweisen, daß durch die eingeleitete diplomatische Aktion die bis zu der brennenden Frage: Krieg oder Frieden zugespltzte Situation auf lange hinaus beseitigt ist.
* Wie aus Wien gemeldet wird, hat Profeffor Stoerk, von dem die Leser sich erinnern, daß er im November sich in sehr heftiger Weise gegen Dr. Morell Mackenzie ausgelassen hat, gestern erklärt, daß bei dem Kronprinzen, falls eine Knorpel-Entzündung vorhanden sei, jede weitere laryngologische Einflußnahme als überflüssig, ja sogar direkt als störend zu betrachten sei. Nur ein direkter chirurgischer Eingriff von Außen könne einige Chancen der Heilung bieten. Wäre das abgestorbene Knorpelstück gefunden, so muffe dasselbe herausgehoben unv die Wunde dann antiseptisch behandelt werden. Profi ffor Sioerk plaidirt für die schleunigste Ueberführung des Kronprinzen n ch Berlin, wo alle chirurgischen Behelfe zur Hand seien und wo es beispielsweise nicht hätte vorkommen können, daß durch eine unpassende Canule eine Abscheuerung der Schleimhaut stattfand, welche Blutungen bewirkte. Die Aeußerungen des Pro- fiffors Stoerk, eine Ueberführung des Kronprinzen nach Berlin anlangend, treffen in auffälliger Weise zusammen mit dem, was aus Berlin gemeldet wird, daß man die Bereitstellung eines Salonzuges zum Zwecke einer solchen Ueberführung in Erwägung gezogen habe. Ob man über diese Erwägung schon hinausgekommen ist, konnte man bisher nicht ermitteln.
* Der Reichs tag nahm heute den Nachtragsetat für 1888/89 für Zwecke des Reichsheeres in 2. Lesung debattelos an und fetzte dann die Bc- rathung des Staatshaushaltsetats fort. Der Etat der Postverwaltung wurde unter Streichung'von 76,508 Mk. 1 Rate für ein neues Postgebäude in Wurzen angenommen. Staatssekretär Dr. von Stephan sprach auf eine Anfrage des Abg. Schultz. Lupltz die Hoffnung aus, daß es möglich fein werde, die Bestellgebühr für Telegramme auf dem Lande von 80 auf 60 Pfg. Herabzufi tz-n. Eine Ermäßigung des Bestellgeldes für Packte könne erst eintreten, wenn die Zahl der Postpackte aus dem Lande sich vermehre. Zum Etat der Zölle und Verbrauchssteuern beantragten die Abgg. v. Wedell-Malchow u. Gen. die Regierung zu ersuchen, über die Wirksamkeit und Congruenz der Zölle auf Oelfrüchte und Oele eine eingehende Untersuchung dahin eintreten zu laffen, ob eine
aus der Gefängnißzelle freigegeben worden und nun allein mit ihrer Trübsal war, ihrem Denken und Handeln ohne Hilfe und Stütze überlaffen war.
^och stand sie zögernd — vielleicht erhob sie in Gedanken ihre Hände zum Himmel, daß er sie in seinen Schutz nehmen möge, da niemand auf der Welt sie behütete — als eine Hand in artiger Weise ihre Schulter berührte. Sie fuhr zusammen, wandte jäh den Kopf und blickte in das treuherzig auf ihr ruhende Auge ihres Richters Henri de St. Grillac.
„Wohin wollen Sie gehen, Fräulein Delorme?" fragte er in einem Ton, der jede niedere Absicht ausschloß. „Hatten Sie den Vorsatz, zu Frau von Wildenau zurückzukehren?"
Marion» Züge, soeben noch blaß in der Erregung, übergoß Purpurglut. Ihr Auge, da» jäh funkelte, heftete sich auf den Richter. Sie schämte sich, daß jemand das Wort an sie richtete, der ihr in der Gefangenschaft begegnet war.
„Wenn Sie bis jetzt keinen Entschluß gefaßt, wird Ihnen vielleicht meine reifere Ueberlegung dienen," meinte Herr de St. Grillac wieder. „Ich biete Ihnen als Freund meinen Rath und, wenn es Ihnen möglich ist, sich zur Annahme zu entschließen, meinen Beistand an."
Er hatte n it der ausgesuchtesten Artigkeit zu
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zugleich „Vater und Mutter" aller im deutschen Reiche eingeführter Ausnahmegefitze seien. Minister von Puttkamer war in seinen Reden ebenso wenig glücklich als früher und schließlich schwieg er sogar zu allen Ausführungen Bebet's und Singer's. Ersterem entgegnete er nur bezüglich der Geheim- Polizisten, sowie bezüglich de» schweizerischen Polize-- beamten Fischer. Möge er nun in den 2 Jahren wenigstens die Rückkehr zum gemeinen Recht vorbereiten.
Roch bei der letzten Verlängerung spaltete sich das Centrum in zwei fast gleiche Theile, von denen der eine für, der andere gegen die Verlängerung stimmte, nachdem die Windthorst'schen Milderungsanträge abgelehnt worden waren. Daß sich jetzt die Zahl der Zustimmungen aus dem Centrum bis auf die verschwinden'e Zahl 8 vermindert hat, rührt, wie Herr Reichenrperger in seiner trefflichen Rede ausgeführt hat, daher, daß die , Haltung der Regierung den Gedanken nahe legt, russischen Diplomatie als die Hauptursache und dieses Ausnahmegesetz solle eine dauernde Ein- | die eigentliche Quelle der allgemeinen Spannung und Befürchtung vor einem kriegerischen Konflikt gegolten hat, desto beruhigender ist nun«
Deutsches Reich.
Ber.lin, 21. Februar.
Original-Roman von Marie Romany.
(37. Fortsetzung.)
Marion, den Schleier dicht vor das Gesicht gezogen, eilte über den Hof, durch das Portal, welches zum Justizpalast führt, an dem wirren Treiben, welches die Hallen und Treppengänge füllte, vorüber, bis sie auf der offenen Straße war.
mehr, wie die ,Frkf. Ztg.' schreibt, die Wirkung der unbestrittenen Thal fache, daß man in Petersburg den Schmollwinkel verlaffen und den Weg diplomatischer Verhandlungen betreten hat. Die Genugthuung darüber kommt in den Betrachtungen sämmtlicher Blätter heute zum Ausdruck. Das Moment der Spannung ist beseitigt, man weiß von dem Inhalt der russischen Vorschläge auch so viel, daß sie diskutabel sind, und einer so beängstigenden Situation gegenüber, wie die der letzten Momente war, gilt der Spruch: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Es mag vielleicht etwas übertrieben sein, wenn die ,Nat.-Ztg.' von den beginnenden Verhandlungen sagt, sie würden dem diplomatischen Charakter der nächsten Jahre ihren Stempel ausdrücken. Die Hoffnung aber ist nicht
der Fluß, der friedlich von der Ruhe des Winterschlummers umfangen war.
Marion seufzte schwer. Sie lehnte sich gegen die Balustrade, welche den Spazierweg von dem Fluß trennt und starrte in die langsam zwischen Eiskrusten dahinsickernden Fluthen hinab. Wie friedlich, wie so erhaben über alle» Erdenleid doch die Ruhe der Natur war! Wie so innig hätte sie dem Himmel gedankt, hätte er ihr in
* Die Berlänaeruna des Soria- tüffen‘ Dann muß die Regierung den Revisionr- ~ - • — - ® wünschen der Volksvertretung Rechnung tragen.
Leider ist jetzt bei der Kartellbrüdermehrheit, welche selbst bestehende Volksrechte in der Verfassung schmälert, keine Aussicht auf solche Wahrung der Autorilät des Reichstages.