1888
Dienstag, den 21. Februar.
Zeitlin«
Fntilaer
Die Fuldaer, Zeitung erscheint t»glich, Sonn- und Feiertage «»«genommen Merteljährlich« SlbonnemeMSpreii ^d^ngerlohn und Bestellgeld: 1 «. SO Pf., mit der belletristische« Wochenbeilage .Sterne und Blumen in Fulda 1 M. 70 Pf., auswarts 1 3R. 75 Pf.
Inserate: Die einspaltige Zeil« oder deren Baum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Februar.
* Au» der lakonischen Fassung der offiziellen Bulletins läßt sich unschwer erkennen, daß im Zustand de» Kronprinzen unerfreuliche Er« scheinungen aufgetreten sind, über die offiziell nichts mitgetheilt wird. Die Privatdepeschen aber legen trotz aller Zurückhaltung mit großer Wahrscheinlichkeit die Annahme nahe, daß eine Ei- kankung der Luftwege oder Lunge bereits vorhanden oder im Anzuge ist. Das Allgemeinbefinden des Patienten gilt daher in unterrichteten Kreisen für weniger zufriedenstellend, als es nach den Berichten der Zeitungen fcheinen könnte. Die Stimmung ist hier eine sehr gedrückte.
* Von verschiedenen Seiten wird berichtet, daß Rußland nunmehr die diplomatische Initiative in Bewff der bulgarischen Frage ergreifen werde. Der russische Gesandte in Berlin, Graf Schuwalow, hat bestimmte Vorschläge seiner Regierung nach Berlin mitgebracht, die bereit» den Gegenstand vertraulicher Elörterungen bilden. Vornehmlich bandele e» sich für Rußland darum, die deutsche Regierung von der Annehmbarkeit ihrer Vorschläge zu überzeugen. Erst wenn Bismarck'» Unterstützung gesichert sei, werde Rußland weitere amtliche Schritte thun. Daneben her läuft die Behauptung, der deutsche Botschafter Prinz Reuß habe dieser Tage da» Wiener Kabinet von Vor- schlügen, welche Graf Schuwalow dem Fürsten Bismarck machte, in Kenutuiß gesetzt. Anlangend den Inhalt der russischen Vorschläge, die bisher streng geheim gehalten werden, so sollen dieselben im Rahmen der Andeutungen gehalten sein, welche die jüngste Rede Bismarck'« gegeben hat, also auf einen europäischen gemeinsamen Schritt beider Pforte hinziclen, der den jetzigen Zustand in Bulgarien beseitigen soll. Bestimmter äußert sich die ,Reue Freie Pr»fse', welche erfährt: „In diplomatischen Kreisen erwartet man bereits für die nächsten Tage einen amtlichen Schritt Rußlands in Angelegenheit Bulgariens, welcher vor- aussichtlich gleichzeitig bei allen Signatarmächten dc» Berliner Vertrage« erfolgen dürfte. Man hofft, daß dieser Schritt ein sehr maßvoller sein und sich darauf beschränken dürfte, eine Deklaration in Vorschlag zu bringen, welche den Fürsten Kerdinond von Koburg al» illegitimen
Meri««.
Original-Roman von Mari« Romany.
(38. Fortsetzung.)
Herr Martine!, ehrgeizig bi» in die äußersten EAreme, fühlte im Moment nicht, welcher der beiden Schläge für ihn der gewichtigere war. Es «ar zum erstenmal während seiner langjährigen Dienstzeit, daß ihm eine Rüge ertheüt ward; und »a» ihm den Stachel noch tiefer in» Fleisch drücke, »ar da» Bewußtsein, daß diese Rüge — alter Freundschaft zu Liebe — nicht ungerechtfertigt ivar.
6» waren finstere Stunden, die er hatte an sich »orbeigehen lasten, al» er nach Schluß feiner Dienstzeit auf die Straße trat. Er eilte »in paar Minuten über da» Trottoir, dann winkte er einen Fiaker heran.
„Rach St. Cloud, Quai de Sevre»", befahl er.
Der Kutscher nickte, dann jagten die Gäule, angespornt durch die über ihrem Kopfe sausende Peitsche, in wildem Galopp voran. E» war nicht der kürzere Weg durch» Boulogner Wäldchen, den der Kutscher einschlug, er trieb die Gäule, immer auf derselben Straße bleibend, au den Ufern der Seine entlang
Fürsten bezeichnet. Man vermulhet, die Abstcht Rußlands gehe dahin, daß eine solche Deklaration der Mächte der Pforte mitgetheilt werde. Es ist indessen die Möglichkeit nicht ausgeschlosten, daß das russische Kabinet mit diesem Vorschläge auch noch andere Anträge verbindet. Es wird versichert, daß dieses diplomatische Einschreiten Rußlands ein durchaus spontanes sei, welches nur als die Wirkung der Rede dcS Reichskanzlers betrachtet werden könne." Darnach scheint also die bulgarische Frage wieder in Fluß zu kommen. Ob sie aber gefördert und ihrer Lösung näher gebracht wird, ist eine andere Sache. Es ist zunächst fraglich, ob alle Mächte, z. B. Italien und England, mit der Aechtung des Koburger» einverstanden sind. Aber selbst, wenn da» der Fall wäre, dann ist noch nicht» erreicht, denn dann muß die Aechtung auch exekutirt werden, da der Koburger nur mit Gewalt aus Bulgarien entfernt werden kann. Das würde Rußland gerne besorgen, aber da» dulden weder Oesterreich, noch England und Italien; ebenso wenig wird eine Kooperation zu erreichen sein, so daß also die Mächte Gefahr laufen, über die bulgarische Frage ein Dekret zu erlassen, das sich als unausführbar erweisen könnte.
♦ Rach einer Meldung des ,Fränk. Courier' in Nürnberg soll an die Stelle des bisherigen preu- ßischen Gesandten in München, Grafen v.Werthern, der Wirk!. Geh. Leg. - Rath Graf Rantzau, Schwiegersohn de» Reichskanzler», treten. Graf Werthern ist seit 1867 als Gesandter Preußens am bayerischen Hofe beglaubigt. Den Münchener .Neuesten Nachr.' zufolge hat er sich au» Anlaß de» kürzlich erfolgten Hinscheidens seines Bruders veranlaßt gesehen, seine Entlastung au» dem diplomatischen Dienste zu nehmen, um sich der Verwaltung seiner in Thüringen belegenen Familiengüter zu widmen, welche der verstorbene Bruder bisher ausschließlich geführt hatte.
* Der Jäger Kauffmann zu Zabern wurde vom Kriegsgericht wegen der Grerzaffaire Bexain- court freigesprochen. Uebrigens soll sich Kaustmann vor einigen Tagen auf Urlaub in Lichterfelde bei Berlin aufgehalten haben. Für seine Unerschrockenheit bei der Grenzaffaire ist er zum Gefreiten befördert worden.
• Stuttgart, 18. Februar. Der Staats- Anzeiger für Württemberg meldet: „Eine vom Leibarzt de« König«, sowie vom Prof. Lieber-
Nach einer halben Stunde war man am Point du jour angelanqt. Es war 5 Uhr. Die Dämmerung neigte sich schon zur Erde und umhüllte die Natur mit jenem Grau, welche» uns die Vergangenheit, die Zukunft, die Gegenwart, alles, das ganze menschliche Leben wie ein unheilschweres, mysteriöse« Dunkel erscheinen läßt. Herr Martine! seufzte bei dieser Empfindung, al« sein Blick über da» Sterbekleid der Schöpfung glitt. Niemals, so meinte er, kannte er ein solche» Gefühl vonWeh- muth, von menschlicher Erbärmlichkeit, wie e» heute der Fall war, doch auch niemals war ein solcher Abscheu vor der Demoralifirung der Pariser Jugend über ihn gekommen, wie seit jener Minute, da die Aufklärung des Verbrechens ihm vorgelegt worden war.
Plötzlich — mau hatte die Grenze von Paris soeben überschritten — hielt der Wagen an. Sin Menschenauflauf, der bis über die Mitte de» Wege« einen dichten Knäuel bilbete, hatte ihn gehindert, weiter zu fahren.
Herr Martine!, den die Unruhe peinigte, lehnte sich über den Schlag.
„Was gibt es?" forschte er.
„Sin Ertrunkener, wie ich glaube", erwiderte gemächlich der Kutscher, in besten Augen, da Aehn-
meister gemeinsam vorgenommene Untersuchung ergab, daß die bedrohlichen Erscheinungen in dem Befinden des Königs während der letzten zwei Tage nachgelassen haben, und daß auch der Krästc- zustand wieder etwas gehoben fei. Die Erscheinungen an der Lunge seien im Rückgang begriffen ; allein der Gesammtzustand gebe immer noch zu Bedenken Veranlassung." — Heute Abend starb, im Alter von 86 Jahren, Dr. Moritz Mo hl, bekannt al« Volkswirth und durch parlamentarisches Wirken seit 1848.
Ausland.
* Wien, 20. Febr. Die ,Polit. Korr.' meldet: Das russische Kabinet hat die Verhandlungen in Betreff Bulgarien« bereit« ein geleitet. Nunmehr wird die Mittheilung des formulirten russischen Vorschläge« erwartet. Rußland wünscht eine Kollektiv-Erklärung der Kabinette bei der Pforte, welche die Stellung des Prinzen von Coburg al» eine unges, tzliche verurtheilt; auf Zwangsmaßregel« wird Bezug genommen. — In Regierungskreisen verhält man sich zu dem russischen Vorschläge in Betreff Abgabe einer Kollektiv-Erklärung in Konstantinopel reservirt, aber nicht vorweg ablehnend; der gute Wille Rußlands findet Anerkennung und man räumt ein, daß der Vorschlag diskussionsfähig fei (Fr. Z.)
• Der .Observ. fr.' erfährt aus sicherer Quelle, daß dasKardinalS-Konsistorium noch nicht am Jahrestage der K önung des Papste» stattfinden werde. Am 3. März wird der Papst, wie verlautet, eine große politische Rede halten.
• Nizza, 20. Febr. Hier herrscht ein furchtbarer Sturm. Da» Meer wächst rapid und überschwemmt bereit» den Quai de» Anglai» und den Jardin de Cercle Mediterrars. In den Siraßen richten Wind und Waffer schreckliche Verwüstungen an.
• San Remo, 20. Februar. Der Kronprinz verließ heute Vormittag das Bett, prontenirte im Zimmer, aß mit Appetit und empfing am Nachmittag den hier eingetroffenen Prinzen von Wale». Der Patient ist bei guter Laune und von seiner Genesung überzeugt. Sein Aussehen ist wenig verändert, er macht Inhalationen von Borsäure und Eucalyptus. Das Wetter ist entsetzlich: e» herrscht strömender Regen und kalter Wind. Nach- liches in Paris häufiger vorkommt, der Zwischenfall nichts besonderes schien.
Nur Gewohnheit seiner langjährigen Thätigkeit war e», als Herr Martinel ausstieg und unter die Menge trat. Es kostete ihn nicht viel Mühe, bi» zu dem Verunglückten den Weg frei zu haben; kaum aber hatte er einen Blick auf die durch Schußwunden entstellten Züge de» unseligen Opfer» seiner wilden Passionen geworfen, al» er, geisterhaft angehaucht, mit wankenden Stritten zurück an den Wagen trat.
Eisige Schauer durchrieselten ihn, al» er wieder in die Polster gesunken war.
„Raoul," flüsterte er kaum hörbar.
Der Kutscher, der mit Hilfe der Peitsche die Menge zur Genüge auseinander gebracht hatte, trieb wieder die Pferde an. Herr Martinel achtete nicht darauf, wohin er ihn führte; er schien so vollständig au» diesem Leben verloren, daß man ihn wiederholt aufmerksam machen mußte, auszu- steigen, al» er bei seiner Villa angelangt war.
Fast ohne zu wissen, was er that, stieg er die Treppe hinan. Er aß nicht, selbst die sonst von ihm unzertrennliche Cigarre entfiel ihm. In vollständiger Erschlaffung glitt er auf den Divan un schloß mechanisch da» Auge, um von der We