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jj 37. Mittwoch, den 15. Februar. 1888

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* lieber die in der bulgarischen Frage zwischen dem Fürsten Bismarck und den öster­reichischen Staatsmännern herrschende Meinungs­verschiedenheit schreibt die .Vossische Ztg.': „Diese Meinungsverschiedenheit ist sehr begreiflich, denn sie hat ihren Ursprung in dem Gegensätze zwischen dem Text des Berliner Vertrages und den Voraussetzungen, welche zu demselben führten. Fürst Bismarck erinnert daran, daß schon 1877 ein Vertrag zwischen Rußland und Oesterreich über Bosnien geschloffen wurde; aber er hat nur ein „u. s. ro." hinzugefügt, ohne zu sagen, daß Oesterreich in diesem Vertrage, der nach dem Ver­langen des Fürsten Gortschakoff übrigens vor dem Fürsten Bismarck geheim gt halten werden sollte, dem Zarenreiche Bulgarien zugestanden habe. Allerdings waren auf dem Berliner Kongresse, wie Fürst Bismarck erklärt, Alle der Meinung, „daß der vorwiegende Einfluß in Bulgarien Rußland zufallen sollte, nachdem es seinerseits auf Osl- rumelien verzichtet hatte." Fürst Bismarck will nun bereitwillig diplomatisch zur Wiederherstellung dieses Einflusses beitragen; aber wenn er denselben zu den „Vertragsrechten" zählte, so mußte er hin- zufügen, daß diese Anschauung „nicht von allen unseren Freunden anerkannt" werde. Der Grund ist klar genug: in dem Berliner Vertrage steht keine Silbe von dem vorwiegenden Einflüsse Rußlands in Bulgarien. Und Oesterreich so wenig wie Italien werden sich die Vortheile der seit 1885 eingetretenen Ereignisse entgehen lassen. Was nicht im Text des Vertrages steht, darf nicht in denselben hineingelegt werden. Man kann von Oesterreich und Italien kaum erwarten, daß sie mitwirken, den russischen Einfluß in Bulgarien wieder herzustellen, nachdem Rußland selbst den vertragsmäßigen Zustand daselbst aufgehoben hat. Fürst Bismarck wird jenen Mächten auch nicht verargen, wenn sie über die Bedeutung von Bul­garien andere Ansichten als die deutsche Politik hegen. Der Kanzler sieht in dem Ländchen „über­haupt kein Objekt von hinreichender Größe", um ernste Verwickelungen zu rechtfertigen; er legt auch der Herstellung der San Stefano-Grenze keine Be­deutung bei. Allein die mehr am Orient interes-

Serien.

Original-Roman von Marie Romany.

(31. Fortsetzung.)

Bald war er an der kleinen Gasse, in der Sello Baruch sein Domizil hatte, angelangt. Die Fast­nachtslaune, die,ihn rings umgaukelte, hatte seine Stimmung erheitert; er zögerte einen Augenblick, dann, die Idee, welche er im Kopfe hatte, zur Wirklichkeit machend, schritt er auf das Haus zu, dessen Nummer er kannte und stieg die Treppe hinan.

Eene Thür des dritten Stockwerks trug da« Schild, nach welchem er fahndete. Er zog die Glocke und erwartete nun mit Ungeduld, daß auf­gemacht ward.

Doch Niemand kam. Er schellte noch einmal, wartete Minuten, dann, als nichts sich rührte, schickte er sich wieder — verdrießlich — zum Fort­gehen an.

Er hatte ein paar Stufen abwärts gemacht, als auf der Treppe über ihm ein heiteres Lachen er­tönte.

„Guten Morgen, lieber Herr!" rief eine helle Frauenstimme. „Wollten Sie zur Rachel? Rachel ist Jüdin, hat mit der Fastnacht so gut wie gar nichts zu thun."

Herr de St.Grillac, erstaunt über das, was er hörte, wendete sich wieder der soeben verlassenen

sirten Mächte wollten vor dem Kongreß gerade um diese Grenze mit ihrer ganzen Kriegsmacht ringen, und es war nicht weit von einer Kriegserklärung England» und Oesterreichs an Rußland. Gerade die Beseitigung dieser Grenze hat den ganzen Haß des Ruflenthums gegen den Vertrag und den Kon­greß-Präsidenten entfaltet. Denn ist Bulgarien auch klein, fo umschließt es doch die letzten natür­lichen Bollwerke auf dem Wege nach Byzanz; wenn Rußland über Großbulgarien herrscht, so liegen die Thore Konstantinopels vor den Kosacken offen. Kein Wunder, daß andere Mächte nicht, wie Fürst Bismarck, Bulgarien den Ruffen preis­geben wollen.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Februar.

• lieber die für die nächste Entwickelung der politischen Situation wichtigste Frage, ob nämlich Rußland bei den Mächten diplomatische Schritte bezüglich Bulgariens gethan hat oder thun wird, ist etwas Sicheres noch nicht bekannt. Aus dem Verkehr der leitenden Persönlichkeiten hier und in Wien wird allerdings der Schluß gezogen, daß diplomatische Verhandlungen im An­schluß an die Rede des Reichskanzlers im Werke find. Bevor dies aber glaubwürdig bestätigt wird, wird man eine Aenderung der jetzigen Situation kaum erwarten dürfen. Die Thatfache, daß der Czar allen Ernstes die Erhaltung des Friedens wünscht, gilt in hiestgen diplomatischen Kreisen nach der Rückkehr Schuwalow's für noch sicherer als bisher. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ spricht heute in ihrer Rundschau von der Empfindung des Un­behagens, das mit bleierner Schwere auf den Ge- müthern lastet, ohne daß fich vorläufig absehen ließe, auf welche Weise, durch welche Mittel die gewiß allseitig erwünschte Normalisirung der Lage bewerkstelligt werden könnte.

* Die Deputation des russischen Regiments „Kaluga", welche auf Befehl des Kaisers von Rußland in Berlin eintreffen wird, um dem Kai­ser Wilhelm anläßlich der 70jährigen Feier als Chef des Regiments die Glückwünsche deffelben zu Thür zu. Er brauchte nicht mehr lange umher­zuspähen, um das Mädchen, welches sich ihm so lachend vorgestellt hatte, fich gegenüber zu finden; Rachel, mit buntem Flitter angethan, halb in der Fastnachtrlaune, halb ernsthaft, hüpfte, während sie ihm noch einmal ihr „Guten Morgen, lieber Herr!" zurief, die obere Treppe herab.

Herr de St. Grillac, der eine ganz andere Er­scheinung erwartet hatte, betrachtete sie ein paar Sekunden mit nicht zu verkennender Verwunderung.

„Sind Sie Rachel Baruch?" fragte er darauf mit einer Befremdung, die das kaum erwachfene Mädchen zu neuem Lachen reizte. „Die Tochter des Sello Baruch, der durch die Feuersbrunst in der Kordilletstraße zu Schaden kam?"

Rachel knixte und lachte ihm wieder ihr „Gewiß lieber Herr, vas bin ich!" mit ausgelassener Hei­terkeit zu.

Herr de St. Grillac blickte mit immer größerem Erstaunen auf sie.

„Ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen," meinte er, in nicht mißzuverstehender Weise auf die ver- schloffene Thür ihrer Wohnung deutend. „Wenn Sie die Freundlichkeit haben möchten, —"

„Wer ist denn der Herr?" fiel Rachel ein.

Herr de St. Grillac warf einen forschenden Blick nach allen Seiten, dann neigte er sich an des Mädchens Ohr und sagte halblaut: „Ich komme au» der Charit« von dem Sello Baruch mit einer

überbringen, wird am Sonnabend den 18. d. M. erwartet.

* Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht heute folgende» Bulletin aus San Remo: Das Aus­sehen der Wunde Sr. Kaiserlichen und Königl. Hoheit des Kronprinzen ist das beste. Der Schlaf war in der letzten Nacht ununterbrochen. Kein Fieber. Husten und Schleimauswurf mäßig. Mackenzie. Schrader. Krause. Hovell. v. Berg­mann. Bramann. — Dem Vernehmen nach wird das Virchow'sche Gutachten über die von ihm vorgenommene Untersuchung des ihm zugesandten GewebstückeS demnächst im „Reichsanzeiger" ver­öffentlicht. Das Gutachten läuft darauf hinaus, daß etwas Krebsartiges nicht endeckt worden ist. — Dr. Mackenzie wird morgen abreifen, da dis weitere Behandlung der Wunde Sache des operi- renden Arztes ist.

* Der Reichstag wählte an Stelle des Abg. Porfch (Centrum) den Grafen Adelmann (Centr.) zum Schriftführer und fetzte dann die zweite Be- rathung des Sozialistengesetzes fort. Die von der Regierung vorgeschlagenen Verschärfungen wurden abgelehnt. Abg. Dr. Windthorst beantragte Auf­hebung des § 28 (kleiner Belagerungszustand). Abgg. v. Kleist-Retzow (konf.), v. Kardorff (Rchsp.) und v. Bennigsen (nl.) sprachen für Aufrecht­erhaltung des § 28, während die Abgg. Sabor, Bebel (Soz.), Dr. Hänel und Dr. Mayer-Halle (frf.) den Antrag Windthorst befürworteten, welcher schließlich mit 153 gegen 100 Stimmen abgelehnt wurde. § 28 bleibt' also bestehen. Der Gesetzent­wurf betreffend die Aufhebung der Reliktenbeiträge wurde an die Kommission zurückoerwiesen, der Gesetzentwurf betreffend die Zurückbeförderung der Hinterbliebenen der im Auslande gestorbenen Reichsbeamten dagegen in 3. Lesung angenommen. Morgen: Anträge betr. die Sonntagsruhe und die Regelung des Strafverfahrens, Petitionen.

♦ Das Abgeordneten haus, dem die Sekun­därbahnvorlage zugegangen ist, trat heute in die Berathung des Justizetats ein. — Morgen: Fort­setzung der heutigen Berathung.

* Die Kommission für den Lohren'schen Antrag betr. die polizeiliche Kontrole des Brod- verkau.fs beschäftigte sich in ihrer heutigen ersten Botschaft, von der Niemand etwas hören und er­fahren darf, als feine Tochter Rachel und ich."

„Aus der Charit«!"

Es war, als hätten diese Worte das junge Ding plötzlich zu Besinnung gebracht. Sie kniff zwar die Augen zusammen und warf nach Art der Juden einen prüfenden Blick auf ihn, der sich in so my­steriöser Weise introduzirte, dann aber, als Herr de St. Grillac in ruhiger Weise ihrer Prüfung Stand hielt, öffnete sie die Thüre und animirte den Herrn in die Wohnung zu gehen.

Es waren einfache Räume, in die sie den Richter eintreten ließ; schlecht tapezirte Wände, baufällige Möbel, die noch aus dem verflossenen Jahrhundert erhalten zu sein schienen, und eine Unordnung in der ganzen Behausung, die ungemüthlich be­rührte.

Herr de St. Grillac schritt über den Korridor, an einer schmutzig aussehenden Küche vorüber und trat in ein Stübchen, mit altmodischen Tep­pichen belegt und mit ebenso veralteten Möbeln ausgeputzt, welches da» Prunkzimmer der Wohnung zu sein schien.

„Wenn» dem Herrn gefällig ist, Platz zu nehmen," sagte Rachel ernster als vordem, „bin ich zu Diensten."

Herr de St. Grillac, nachdem er seinen Blick prüfend hatte umhergehen laffen, setzte sich.

„Fräulein Rachel," begann er daraus in einem