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Dienstag, den 14. Februar.
1888
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Pf. Liberale Prophezeiungen.*)
Al» ganz unzweifelhaft darf hingestellt werden, daß das katholische Leben, insbesondere durch die Jubelfeier des heiligen Vaters angeregt, in allen Ländern der Erde, wo immer nur Katholiken weilen, neu erwacht ist und frische Nahrung ttufge» nommen hat.
Die Kirche steht groß, so groß wie nur jemals da, ste ist daran, zu triumphiren über die vielen gegnerischen Prophezeiungen, namentlich der sieben- ziger Jahre. Die Welt hat die Wahrheit gesehen, und was wahr ist, läßt sich auf die Dauer nicht zurückdrängen.
In diesem Augenblicke gedenke ich einer Abhandlung von Ferd. Gregorovius im I. Band der Zeitschrift „Unsere Zeit" von Rud. v. Gottschall vom Jahr 1880, in welcher er die bis dahin über die römische Frage und das Papstthum erschienene neuere Tagesliteratur bespricht. Mit welcher Leidenschaftlichkeit hierin dem gebildeten Publikum die Speise geboten wird, werden wir in nachfolgenden Citaten ersehen. Gregorovius schreibt:
„In seinem (Papst) Sturz vom weltlichen Throne hat er sich auf den dogmatischen Felsen Petri geflüchtet, und hier mit einer Kühnheit, die selbst in ihrer die Nemesis herausfordernden Karrikatur des Göttlichen doch eine gewisse Größe in sich trägt, mit dem Attribut der Unfehlbarkeit bekleidet und so polttisch untergehendseinedogmatische Apotheose gefeiert,"
Im Laufe seiner Abhandlung kommt der obige Berfasier auch auf dem italienischen liberalen Schriftsteller Raffaele Mariano zu sprechen. Letzterer schrieb über Leo XIII. u. A.:
„Doch immer ist es peinlich zu sehen, daß einem Mann von rechtschaffenem Sinn und kräftigem Geist die göttliche Wahrheit in der Weise, wie sie die katholische Kirche versteht, lehrt und die Menschen auferlegt, noch fähig zu sein scheint, heilige Lugenden einzuflößen und im Leben der heutigen Gesellschaft jene Stelle und Herrschaft einzunehmen, wozu sie Berechtigt ist."
Gregorovius bemerkt hierzu: So frei darf man heute von Papst in Italien reden und schreiben, ohne in Gefahr zu kommen, am langsamen Feuer geröstet zu werden."
In der That, noch freier und frivoler darf man sich in Italien unter dem Freimaurerregiment benehmen. Der Sarg Pius IX. bei der Heber« führung zur Ruhestätte ist sogar gesteinigt worden,
*) Nachdruck nicht gestattet.
ohne daß der Pöbel ernstlich in Gefahr kam, eingesperrt zu werden. Es erscheint geradezu komisch, wenn in der angezogenen Abhandlung der Papst- ftefler Mariano als konservativer Bekenner der christlichen Kirche bezeichnet und von ihm gesagt wird, er hätte sich als gläubiger Christ legitimirt, er schreibe mit der vollen Ueberzeugung eines Protestanten, ohne selbst zu einer akatholischen Kirche übergetreten zu sein, eine Apologie des Christenthums. Dieser Mariano — sollte er noch beim Verstand oder Unverst nd sein — ist entschieden der Prophet unter den Propheten, denn er sagt selbst:
„Der KatholicismuS ist eine geschichtliche nothwendige Inkarnation des Christenthums gewesen und es ist die große Kulturmission der Papstkirche während des langen Mittelalters nicht zu verkennen. Diese aber hat ihr Ende erreicht; mit dem Beginn der Reformation ist die katholische Kirche immer tiefer in einen fesselnden Zustand herab- gef unten."
Im Weiteren will der Prophet nachweisen, wie die katholtsche Kirche seit dem Tridentinum mit der wissenschaftlichen Entwickelung des Geiste» durchaus gebrochen habe. Reben andern gemeinen Schimpfereien stellt dieser .'.Bruder Mariano sogar die unerhörte Behauptung auf:
„Die Religion, welche das Papstthum vertritt, ist die des Plebs und der unwissenden Klaffen."
Es mag fast scheinen, als habe der Herr Pastor Thümmel aus diesen Ergüffm das Material zu feinen jetzigen Schimpfereien gegen die katholische Kirche entnommen. Mariano hat sogar Angst, daß sich die katholische Kirche mit dem Sozialismus verbinde und eine Revolution hsraufbefchwören könne, welche zum Chaos zurückführt (I!) Der Abfall vom Papst, das Lorbekommen des Papste» in Italien fei die einzige Rettung.
Einen größeren Unsinn vermag die Menschheit wahrlich nicht zu schreiben. Heber solche Redensarten haben wir nur ein stilles Bedauern. Endlich fährt der Besprecher Gregorovius selbst fort, daß schon zu seiner Zeit Montesquieu den Papst ein altes Idol genannt hat, da» nur noch aus Gewohnheit beräuchert werde. Gregorovius schreibt weiter:
„Nun, diese Gewohnheit dauert eben noch fort. Der Katholicismus ist zwar geistig abgestorben, nicht blos nach der Ansicht Marianos u. anderer patriotischer Denker, denn schon Gioberti hat geurtheilt, daß sein Leben erloschen sei
u. s. w. Di« Reformation hat das Papstthum von seiner geistigen Höhe gestürzt; es fiel, unfähig, die Freiheit in sich aufzunehmen, seine Rettung suchend in der Armee einer kühnen Sette. (!)
Man wird den Papst begraben, wenn man erkannt hat, daß er dem höchsten, freiesten Begriff der Kirche nicht mehr entspricht."
Nun setzt aber der Wahrsager Gregorovius dem ganzen Machwerk noch die Krone auf, indem er weissagend verkündigt:
„Nach ungezählten Jahren wird man in den Ruinen des Sankt Petri das Grabmal des letzten Papstes sehen können, der nach der Prophezeiung des Malachius Petrus der Zweite wird geheißen haben. Es ist aber auch ebensogut möglich, daß man nach ungezählten Jahren auf der Loge des herrlichen Domes einen milden, gütigen. Niemand vechuchenden Greis erblickt, der dort Ürbi et Orbi den väterlichen Segen ertheilt, als frei erwählter Friedensrichter und Präsident des europäischen Völkerbundes und noch immer mit dem geschichtlich ehrwürdigen Namen „Papst" genannt."
Es sind hier nur einige Sätze der liberalen Prophezeihungen herausgegriffen, aber schon diese dürsten genügen, zu beweisen, welche Meinungen über die katholische Kirche bezw. das Papstthum, sogar in wissenschaftlich gebildeten Kreisen vorherrschen.
Wenn solch hirnverbranntes Geschreibsel in einer vielgelesenen populär-wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wird, so darf es uns nicht Wunder nehmen, daß eine große Masse mit immer noch unauslöschlichen Vorurtheilen der katholischen Welt gegenüber steht. Würde aber ein Mariano, ein Monterqieu, ein Gregorovius rc. heute noch die Kühnheit haben, dem Papstthum Alle» das attju- dichten und seinen Untergang! zu weissagen, wie wir e» vorstehend gesehen haben? Wir glauben, daß ste schwerlich noch den Muth dazu haben würden.
Eine ernste Mahnung tritt aber hierbei an uns heran. Wenn wir selbst durch den göttlichen Mund die Verheißung besitzen, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht bewältigen werden, so gilt es doch — und da» find wir als Christen zu thun schuldig — allen ferneren Anfechtungen und Anzapfungen kräftigst geistigen Widerstand zu leisten. Nicht allein, daß die Tugenden Kunst und Wissenschaft in der katholischen Kirche zur höchsten Blüthe entfaltet werden, sondern auch, daß wir uns äußerlich al» gute Katholiken zeigen und handeln.
M i r i t n.
Original-Roman von Marie Romany.
(30. Forffetzung.)
Die Phryne lachte laut.
„Ich werde deine Dienstfertigkeit auf die Probe stellen", meinte sie lustig. „Sieh' einmal dorthinI" — sie hatte sich erhoben und deutete auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Seite — „folge mir, wenn du willst, daß ich deine Königin bin!"
Der Andere stand eine Sekunde unschlüssig still. Den Vicomte de Lancieres, der ihn beobachtet hatte, reizte dies zum Lachen.
„Sans gene, Herr Baron!" rief er zu ihm hinüber; „Lust und Schönheit tragen heute das Szepter!"
Raoul von Wildenau wendete sich um. Er brauchte nicht zu erröthen, denn die Maske bedeckte feine Züge. Ec rief nur, da er sah, daß der Vikomte in Gesellschaft war, mit lustiger Artigkest einen guten Abend hinüber und verlor sich dann im Gedränge, zweifellos die Schönhet verfolgend, die während de» Abends feine Gesellschaft gewesen war.
Herr de St. Grillac hatte, ohne eine Miene zu verziehen, die kleine Scene beobachtet.
„Ich wußte nicht, daß Herr von Wildenau Ihr Freund ist," sagte er nach einer Pause.
„Herr von Wildenau?"
„Nun?"
„Er ist nicht mein Freund", sagte der Vikomte.
„So bitte ich um Entschuldigung. Ich glaubte, er sei es gewesen, dem Ihre joviale Bemerkung gegolten."
„Allerdings I" rief der andere. „Aber es brauchen nicht immer Freunde zu fein, die sich einen Spaß erlauben. Ich kenne den Baron aus einem Zirkel, dessen Erinnerung zu einer gewissen Freiheit berechtigt," fügte er hinzu.
Es lag eine nicht zu verkennende Auff rderung zu näherer Erklärung in dem Lächeln, zu welchem Herr de St. Grillac feine Lippen verzog.
„Wir haben manchen lustigen Abend in diesem Zirkel miteinander zugebracht," berichtete der Vikomte, dem die Faschingslaune auch ein bischen mehr als nothwendig in den Kopf gestiegen zu fein schien. „In den Salon« Fouquet war es. Vielleicht kennen Sie den Namen."
Her de St. Grillac schüttelte mit dem Kops.
„Fouquet?" wiederholte er, al» suche er int Gedächtniß.
„Du mein Gott, die bekannte Spielhölle beim Boulevaed Malesherbe»!" rief der Vicomte. „Kennen Sie nicht die schöne Nanette, von der halb Pari» spricht? Haha!" lachte er, „Sie würden Sie in der Erinnerung haben, wenn ihre
Kugel Ihnen einmal da» Portefeuille au» der Tasche gerollt hätte! Famose Kugel da»!" rief er lauter, indem er den Champagnerkork wieder springen ließ; „gehorcht wie ein Sklave, wenn Demoiselle befiehlt, daß jeder Einsatz in ihre Tasche fließt I"
Herr de St. Grillac hatte mit stockendem Äthern zugehört, aber er war zu viel Jurist, um fein ruhige» Aeußere zu verlieren.
„Aber man amüsiert sich dort," sagte er mit anscheinendem Gleichmuth. „Nun, wenn man da» Vermögen eine» Vicomte de Lanciere» hat, —"
„Wenn man ein Narr ist!" fiel der Vicomte ein, der bei der Erinnerung an den Salon Flou- quet den Wein mit immer gierigeren Zügen schlürfte. Parole d’honneur, man hat nicht ein Vermögen, um es durch elende Prellerei in die Taschen Anderer rollen zu sehen!"
Herr de St. Grillac hatte die Sippen aufeinandergepreßt; die Maske, die er vor dem Gesicht trug, kam ihm in diesem Moment vorzüglich zu Hilfe. Er ließ ein paar Sekunden vorübergehen.
„Ein kostspielige» Vergnügen", warf er dann leicht hin! „für Sie und vielleicht auch —"
„Mon Dien!" ereiferte sich der Vicomte. „Geben Sie einmal den Flouquet» die Ehre!"
„Ich habe nicht da» Vergnügen."