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jß 35 Montag, den 13. Februar. 1888

Jiliitt W Icitnug.

Die Fuldaer, Bettunfi' erlche-nr rüfilich. Sonn und Feiertage ouegeiwirnnen. «terteljährlrcher «bonneinentsprer, ohne Äringerlohn und Bsftellfield: 1 M. 50 Pi., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' m Fulda 1 M. 70 Vf., auswärts 1 M. 75 Vi.

Inserate Die einspaltige Zeile ober deren Raum 15 Pi., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Joseph, durch Gottes Erbarmung und die Gnade des

Apostolischen Stnhlrs Kischof von Fulda, Kanspralat Sr. Päpstlichen Keiligkrit, rntbirtet allen Gläubigen seines Kisthums

Groß vad Segen vom Ayr«.

Da ich erst vor Kurzem mein Hirten­wort an Euch, geliebte Diözesanen, gerichtet habe, so glaube ich es mir versagen zu müssen, mit einem aussichrlichen Hirten­schreiben die Fasten-Verordnung zu begleiten, die ich Euch zu geben habe. Lasset mich aber wenigstens die dringende Bitte und Mahnung an Euch richten, daß Ihr die hl. Zeit, in die Ihr eintretet, nach dem Willen der Kirche zur Heiligung Eurer Seelen verwendet. Die Mit­tel des Heils werden Euch reichlicher geboten als sonst, die öffentlichen Gebete, die Euch vor die Altäre rufen, sind vermehrt, das Wort Gottes ertönt öfter und eindringlicher von der christlichen Kanzel, Fasten und Abstinenz erneuern den Geist christlicher Selbstüberwin­dung und Entsagung, deren sittlichen Werth Niemand verkennen kann, der weiß, daß die Würde des Christen in der Unterwerfung des Fleisches unter die Herrschaft des Mei­stes besteht. Möchte also Jeder von Euch an dem hl. Ernst der Quadragesima, welcher der leichtfertigen Weltgesinnung Halt oder wenigstens Unterbrechung gebietet, Theil nehmen! Möchte Niemand unter Euch, ge­liebte Diözesanen, sich finden, für den die hl. Fastenzeit wie jede andere vorübergeht; Niemand vollends, der sich nicht einmal scheut, die Pflichten offen zu verletzen, welche ihm die Kirche ausdrücklich auferlegt! Be­herzige ein Jeder vielmehr, daß es für ihn vielleicht die letzten 40tägigen Fasten sind

Ration.

Original-Roman von Marie Romany.

(29. Fortsetzung.)

Auf den Haushalt der Baronin hatten übrigens die immer fühlbarer werdenden Verhältnisse keinen Einfluß gehabt; Frau von Wildenau nahm vor wie nach die ganze Beletage des Hotels in An­spruch, ste unterhielt ihre Dienerschaft hatte ihre Equipage, sie empfing Besuche und machte Gegen visiten, wenn auch die Zahl der Freunde, die ihre Verbindung mit ihr aufrecht hielten, ab­geschwächt war.

Raoul ging seine eigenen Wege. Es be­kümmerte ihn nicht viel, daß man an den Freu­den der hohen Gesellschaft nicht Antheil nehmen konnte, er fand Zerstreuung in Ueberfluß durch die Belustigungen jeder Gattung, mit welchen Paris seiner jeunesse doree in so reichem Maße aufgetischt hat.

Herr Martine! hatte sich die Faschingszeit in diesem Jahre zu Nutzen gemacht. Gar manches­mal waren ihm die Zerstreuungen der Jahreszeit behilflich gewesen, die ihn peinigenden Gedanken und Empfindungen zu verjagen; was ihn auf der ‘ Präfektur verdrossen hatte, vergaß er für Stunden, wenn er von taumelnden Freuden irgend einer Karnevalslaune umgeben war.

und keine anderen mehr darauf folgen, ehe er hingeht, die furchtbare Rechenschaft abzu­legen für Uebertretungen des göttlichen Ge­setzes, die er so leicht in diesem Leben hätte sühnen und gutmachen können durch eine kleine und vorübergehende Entsagung in der hl. Zeit, welche durch das Beispiel Jesu Christi und den beständigen Gebrauch der Kirche geheiligt ist. Ferne aber sei es, daß nur Einer meiner Diözesanen die göttlichen Erbarmungen verschmähe, welche ihm in den hl. Sakramenten der Buße und Communion geboten werden, deren Empfang die Kirche in der österlichen Zeit unter schwerer Ver­pflichtung jedem Katholiken auferlegt. „So lange wir die Zeit haben, lasset uns das Gute wirken," mahnt der Weltapostel. Diese Zeit der sittlichen Reinigung, der Rückkehr zu Gott, den man vielleicht durch schwere Sünden längst verloren hat, diese Zeit der christlichen Tugenden der Entsagung und Selbstüberwindung — jetzt ist sie gekommen. Abtödtung und Entsagung, sind sie nicht das unumstößliche christliche Gesetz aller Zei­ten und aller Orte? Durch sie unterschei­den wir uns von den Feinden des Kreuzes Jesu Christi: durch, sie wenden wir zahllose göttliche Strafgerichte ab, die fonst ob un­serer Pflichtverletzungen und Sünden über uns und unsere Angehörigen verhängt wer­den, durch sie allein brechen wir in uns die furchtbare Macht eingewurzelter Leiden- fchaften und böfer Gewohnheiten. Wo man jede Ueberwindung der christlichen Entsagung und Selbstüberwindung von sich weist, da ist das übernatürliche Leben der Seele krank und die Religion nicht mehr Sache des Her­zens und der That, sondern nur noch eine äußere Form.

Nun war der Fastnachtsmontag da.

Paris, von welcher Seite man es auch be­trachtete, schien ein großes Narrenhaus zu sein, so toll bewegtessich das Volk auf der Straße, so barock war die Lust, die man sich in allen Salons und Sälen entfalten sah. Es mochte wohl kaum einen Bewohner der großen Seinestadt geben, der, gesund und frei, nicht an der närrischen Freude Antheil nahm.

Unter Jenen, die als Zuschauer der Narrheiten die Boulevards betreten oder am Fenster irgend eines Cafes Platz genommen hatten, befand sich Henri de St. Grillac. Er hatte bis zur Dunkel­stunde im Justizpalast zugebracht.

Das Vertrauen der Gerechtigkeit hatte Arbeit um Arbeit auf ihn gebürdet, so daß es eine Stunde wohlverdienter Erholung war, als er den Fackelzug, dieses Narrenspiel, welches unter den tollsten Streichen über die Hauptstraßen und Boule­vards seinen Umzug hielt, in Augenschein nahm.

Herr de St. Grillac hatte seine Mußestunden während der letzten Tage nur mit Reflexionen über das Schicksal dieser Demoiselle Delorme ver­bracht. Je eingehender sein Kennerblick die Einzel­heiten des Falles geprüft hatte, desto fester war feine Ueberzeugung geworden, daß Marion das wehrlose Opfer eines miserablen Verbrechens ge­worden war. In jedem Falls würde diese Ent-

Und liegt in diesem christlichen Gebot der Entsagung nicht zugleich das Geheimniß ver­borgen, dessen die Menschheit heute mehr denn je zur Heilung ihrer schweren Schäden bedarf? Was ist der großen Masse des Vol­kes bei den heutigen socialen Verhältnissen nöthiger als die Arbeitsamkeit? Und ist mühevolle opferfreudige Arbeitsamkeit etwas anderes als Abtödtung? Was ist ihr nöthi­ger als weise wohlgeordnete Sparsamkeit? Und die Sparsamkeit — was ist sie anders als eine Tochter der Selbstverleugnung? Welcher Wurm zerfrißt augenfälliger und unwiderstehlicher den Wohlstand unserer Fa­milien, wenn nicht der Mangel edler christ­licher Entsagung? Ich kenne Euch und Eure Verhältnisse noch nicht. Sollten aber nicht auch bei Euch dieselben Schäden obwalten, an denen die Völker kranken, und nicht auch bei Euch dieselben Ursachen dieser Schä­den sich finden? Diese Maßlosigkeit in Kleidung, Nahrung, Vergnügungen und Ge­nüssen, welche über die von dem Vermögen gesetzten Schranken hinausgehen, mögen sie nicht auch bei Euch so manche Familie von der Höhe ihres Wohlstandes und ihrer Stel­lung in selbstverdiente Niedrigkeit und Ent­behrung herabstürzen, so manche Arbeitersa- milie der bittersten Entbehrung, selbst dem Elend, dem leiblichen wie sittlichen, über­antworten? O ja, diese Familien ohne christlichen Opfergeist und ohne Entsagung — wie viele derselben werden arm werden, da sie vermögend waren und dem Elend preis­gegeben werden, da sie einen geordneten Haus­stand und ihr tägliches Brod recht wohl sich hätten schaffen können. Dieses Gesetz der christlichen Entsagung, rächt es sich nicht auch furchtbar, wenn es in der Erziehung deckung seinen Gerechtigkeitssinn zu energischstem Handeln angespornt haben; bei Fräulein Delorme empörte sie ihn doppelt — §r selbst mochte es sich vielleicht nicht einmal zugestehen —, weil sein Herz, bisher frei von jeder Fessel, durch die Er­scheinung, das Gebühren, die blaffe Schönheit des geschmähten, verlaffenen, vielleicht einzig seiner Hochherzigkeit anvertrauten jungen Wesens bei seiner zartesten Seite angefaßt war.

Wo Herr de St. Grillac seit jenem Morgen des Verhörs der so schwer Beschuldigten weilte, was er anfangen mochte, stets war das Bild der wie um Hilfe zu ihm aufblickenden Marion De- lorme ihm nahe; er sah sie im Gefängniß, um­geben von Verbrecherinnen und Kreaturen, gleich dem Bilde der Unschuld, die durch Teufelsränke zwischen die Erbärmlichkeit, die Sünde der Hölle gerathen war; er rief sich die Worte des Polizei­raths in die Erinnerung, er sah die Miene der Frau von Wildenau mit ekler Verachtung auf ihre Pflegetochter gerichtet, und dann trat ihm wieder die stille Verzweiflung vor Augen, die wie um Hilfe flehend ihren Blick zu ihm auf­hob , zu ihm, dem die Vorsehung des Aller­höchsten die Lösung ihres Schicksals vertraute, zu ihm, von deffen Lippen der Urtheilsspruch der Justiz erwartet ward.

Zweimal.schon seit jenem Morgen hatteHerr