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1888

Sonnabend, den 11. Februar.

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Q Die große Rede Bismarks

im Reichstage ist ein hochbedeutsames politische» Ereigniß; sie bildet die nothwmdige Ergänzung der sensationellen Publikation de« deutsch-öster­reichischen BündnißvertrageS; aber während sie sich zum urkundlichen Beweis der konsiquenten Frie­denspolitik Deutschlands allen Zweiflern gegenüber auf jene» wichtige Dokument stützen konnte, be­schränkte sie sich keineswegs auf einen bloßen Kom­mentar zu jener Veröffentlichung, sondern ging nach jeder Richtung hin weit über diesen poli­tischen Zwischenfall hinaus. Der hervorstechende Zug der nicht blos an den deutschen Reichstag und die deutsche Nation, sondern an ganz Europa gerichteten Rede war wieder die Betonung der deutschen Friedenspolitik. Wir wollen Niemanden angreifen, wir find zufrieden mit unserem Besitz­stand, aber wir wollen gerüstet sein für alle Ver­suche, unfern Besitzstand zu schmälern, uns zu überfallen. Die russische Kriegspartei behauptet bekanntlich da« G-gentheil, und bisher war es noch nicht gelungen, den Kaiser Alexander von den friedlichen Intentionen der deutschen Politik zu überzeugen. Die Veröffentlichung der Bündniß­vertrageS und die derselben auf dem Fuße fol­gende große Rede Bismarck'» stellen einen erneuten Versuch dar, den Ezaren für die ihm noch jüngst bei Gelegenheit seiner Anwesenheit in Berlin und anläßlich der Enthüllung der deutschfeindlichen Brieffälschung, gegebenen bündigen Versicherungen empfänglicher zu machen, den Hetzereien und Wühlereien der russischen Kriegsschürer ein Paroli zu bieten. Ob der Versuch gelingen wird, muß sich zeigen. Stärkere Mittel zur Glaubhaftmachung der deutschen Friedenspolitik dürften dem Reichs­kanzler kaum mehr zu Gebote stehen, es fei denn, daß Rußland ihm Gelegenheit gäbe, feine Bc- theuerungen bezüglich der Lösung der bulgarischen Frage wahr zu machen.

Der Reichskanzler begann seine Rede mit der Versicherung, daß die Lage sich seit einem Jahre nur wenig verändert habe, damals hätten wir einen Krieg mit Frankreich befürchtet, seit der jüngsten Präsidentenwahl seien aber die Aussichten nach Frankreich hin friedlicher geworden. Bezüg-

meinerseit» nur Zeitverlust sein. Wenn Fräulein Delorme bekennt, daß ihre Erinnerung nicht treu ist, kann von einer weiteren Vernehmung und Aus­forschung nicht mehr die R-de sein."

Ec befahl dem Schreiber, das Protokoll zu schließen und lehnte sich dann zurück in den Seff-l, mit leuchtendem Auge die Decks de« Zimmers fixi- rend, bis da» gewichtige Papier vor ihm auf den Tisch gelegt ward. Dann überflog er die Zfilen und forderte Fräulein Delorme auf, das Protokoll zu durchlesen und ihre Aussage mit ihrer Unter­schrift zu versehen.

Marion griff mit zitternden Händen nach dem Papier. Sie hatte nicht die Faffung, nur eine Zeile von dem, was geschrieben war, durchzusehen; mechanisch nahm sie die Feder und zeichnete, dem Befehl gehorchend, mtt bebender Hand ihren Na­menszug.

Der Richter hatte während deffsn die Glocke be- rühtt, die den Sergeanten in'« Zimmer rief. Er wartete, bi« die Angeklagte da« verhängnißreiche Papier, unter welchem nun ihr Name« prangte, zurückgab und bedeutete ihr sodann durch eine herablassende stumme Verneigung und einen Hin- wei« auf dm Beamten, daß ihr Verhör nun zu Ende war.

Marisa verneigte sich und zog, da sie fühlte, wie ihr da« Blut in den Kopf stiea, mit zitternder Hast dm Schleier vor. E« war Scham, daß ihre

lich Rußland sprach Bismarck sich weniger be­stimmt aus; er stützte sich auf das Wort des Kaisers Alexander, wrnach Rußland keinen An­griff vorhabe, und stellte dieses Wort den Hetzereien der russischen Presse entgegen. Die russischen Truppenansammlungen an der Grenze bringt er mit der Orientfrage in Zusammenhang und mit dem Bestreben Rußlands, bei der nächsten euro­päischen Krisis seiner Stimme Nachdruck zu ver­schaffen. Diesen Darlegungen sowohl als dem aus­führlichen historischen Rückblick auf die Beziehun­gen Rußland» zu Deutschland bezw. Preußen lagen augenscheinlich nur diplomatische Motive zu Grunde; sie sollten die bisherige Haltung der deutschen Politik Rußland gegenüber rechtfertigen und für die Zukunft die geeigneten Schlußfolgerun­gen an die Hand geben. Nur eine kurzsichtige Auffassung könnte aus den bezüglichen Wendungen den Schluß ziehen, die bisher allgemein gehegten Bsforgnisss wegen eines Krieges mit Rußland seien übertrieben oder gar gegenstandslos gewesen. Wer in den großen politischen Reden Bismarck'» zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird den Zweck, welchen sie verfolgen, wohl zu trennen wissen von den al» Mittel zu diesem Zweck ange­führten Thatsachen und Hypothesen. Manches, was als Ueberzeugung ausgesprochen ist, soll an das Ehrgefühl und den Rechtlichkeitssinn Anderen appellirm, oder für den Fall, daß Ueberzeugung eine Enttäuschung folgen sollte, die Nutzanwendung nahe legen.

Die BiSmarck'sche Rede war, ebenso wie Publikation des BündnißvertrageS, nur eine, aller- dingS sehr bedeutungsvolle, Phase in der Entwick­lung der europäischen Gesammtpolitik, deren Mittel­punkt Berlin und deren Hauptfaktor der erste deutsche Staatsmann ist. Und nur als solche, nicht al« ein abschließende» Moment, darf sie aus­gefaßt werden. Der Reichskanzler hat im Grunde genommen nicht viel Neue» gesagt; wa» er Neue» hätte sagen können, hat er wohlweislich in seines Busen« tiefsten Schrein verschlossen, weil die Zeit zum Reden noch nicht gekommen, weil die Frucht noch nicht ausgereist ist. Aber was er gesagt und wie er e« gesagt, und worüber er geschwiegen hat, das gibt der Rede ihre sensationelle Bedeutung.

Original-Roman von Marie Romany.

(28. Fortsetzung.)

Der Richter verwandte kein Auge von ihr. Die Theilnahme, die er für da« hilflo« vor ihm sitzende junge Wesen empfand, wuch« mit jeder Minute. Er bedauerte fast, sie, an deren Schuld er nicht mehr im entferntesten glaubte, mit weiteren Fragen quälen zu rnüss n; e« lag mehr al« Mitgefühl in seinem Tone, al« ec sagte: „So bekennen Sie mit diesen Worten, daß Sie um die Brandlegung wußten, aber daß Ihnen —"

Marion, jäh erglühend, hatte den funkelnden Blick wieder auf ihn gewandt.

„Ich wußte nicht," rief sie, ihm in die Rede fahrend, „ich hatte keine Ahnung, wa« geschehen würde, bevor e« in Wirklichkeit passirte! Ich weiß überhaupt nicht mehr," fügte sie gemessener bei, „wie Alle« an jenem so entsetzlichen Abend geschehen sein kann; der Schrecken und die Besinnung«losig- keit damals und meine Krankheit jetzt haben die Erinnerung an Alle« mehr, al« ich selbst wünsche, unklar gemacht!"

Es lag ein untrüglicher Accent von Wahrheit auf dem, was sie sprach. Herr de St. Grillac, der mit Wohlgefallen ihren kurzen Borten zugehört hatte, meinte:

„In diesem Falle würde jede» weitere Zureden

Die Rede war weder ein Ultimatum, noch eine Drohung gegenüber Rußland, ebensowenig wie nach der Versicherung Bismarck'« die Vertrags- Publikation; aber dennoch war sie ein verständ­licher Wink und Fingerzeig, eine Mahnung und eine Warnung, ein Appell vor allem an den russi­schen Kaiser und den besonneneren Theil der russi­schen Diplomatie und Bevölkerung.

E» wäre eine verhängnißvolle Täuschung, wenn Presse und Publikum jetzt aus einigen diploma­tischen Redewendungen de» Kanzler» den Schluß ziehen wollten, e» sei Alle» in bester Ordnung, die Aussichten seien relativ friedliche. Daß Bis­marck's einleitende Ausführungen nicht so ver- standen sein wollen, ergibt sich au» dem kräftigen Schlußappell an den Patriotismus der deutschen Nation, au» dem selbstbewußten Pochen auf die Stärke der deutschen Heeresmacht, und vor allem au» den beiden Vorlagen, um die e» sich gerade im Reichstage handelte, um die Wehrvorlage und die Dreihundert-Millionen-Anleihe. In friedlichen Zeiten und bei friedlichen Zukunftsaussichten wer­den solche außerordentliche Mittel zur Steigerung der Wehrkraft nicht vorgeschlagen. Der furchtbare Ernst der Lage drängt sich Jedem auf, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hat. „Wer den Frieden will, rüstet sich zum Kriege", dieser Grund­satz bringt die deutschen Kriegsvorbereitungen in Einklang mit der Friedenspolitik; aber von dem Willen Deutschland; allein hängt eben der Friede nicht ab. Jeder Tag, jede Woche kann einen plötz- lichen Umschwung zum Schlimmen bringen, die politischen Wolken sind mit Elektrizität gesättigt, und ein Funke genügt, sie zur Entladung zu brin­gen. Vielleicht gelingt e» dem mächtigen deutschen Staatsmanns nochmal», das Aufsprühen jene» Funkens zurückzuhalten und aufzuschieben, vielleicht Übt vor allem der stolze Hinweis auf die gewaltige Heeresmacht Deutschlands, die uns gestattet, an der östlichen und westlichen Grenze je eine Million geschulter Soldaten aufzustellen — ohne die R.- serven — seine Wirkung au«. Vielleicht aber auch nicht! Unsicher bleibt die europäische Lage immer- hin. Aber wie die furchtbare Stärke de« deutschen Heeres uns zunächst wenigstens eine relative Frie- den«garantie bieten kann, so gibt sie auch für den

Wangen erglühten. Bebenden Ganges folgte sie dem Sergeanten, der sie über Treppen und Gänge an einer zahllosen Menge neugierig Gaffender vor­überführt, bi» sie in jenem Raume, in welchem die zum Verhör befohlenen Gefangenen bi» zu ihrem Rücktransport aufbewahrt wurden, angelangt war. Da« vor Scham und Erregung zitternde junge Wesen schien kaum noch zu begreifen, wa« mit ihr vorgenommen ward; regungslos, den Blick stier zu Boden gerichtet, verharrte sie, bi» der Befehl zur Rückkehr in die Krankenzelle des Gefängnisse« ihr verkündet ward.

Endlich, nach einer qualvollen Stunde, war sie da. Die barmherzige Schwester, der sie wieder übergeben wurde, beobachtete mit unsäglichem Mit­leid die starre Verzweiflung, in der selbst da» Ver- ständniß für die Wohlfahrt de« irdischen Leben» vernichtet schien. Sie mochte e« nicht für richttg halten, eine Frage zu thun oder der so stumm Verzweifelten ein Wort de» Tröste« zu sagen; still verschloß sie die Kammer, in der nun Marion wie­der dem vollen Schmerze ihre« Jammer« allein Überlassen war.

XIII.

Henry de St. Grillac hatte die P ipiere zusam­mengelegt und sich von seinem Arbeitstisch erhoben, al» noch kaum seine Thürschwelle von Fräulein Delorme Überschritten war.

Gedankenvoll ging er im Bureau hin und her.