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1888

Donnerstag, den 9. Februar.

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aSiJSffSte dSfita5&te ober deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. ________________ ___________

Rede des Fürsten Bismarck

-ehalten im deutschen Reichstage am 6. Februar 1888 bei der 2. Lesung des neuen Wehrpflichtgesetzes.

(Fortsetzung.)

Unsere geographische Lage ermöglicht drei Angriffspunkte, «ährend Frankreich nur an seiner östlichen und Rußland an seiner westlichen Grenze sich besonders zu vertherdrgen hat Wir sind außerdem der Gefahr einer Koalition nach der ganzen Entwicklung der Weltgeschichte, nach der geo­graphischen Lage und nach dem minderen Zusammenhang der deutschen Nation mehr ausgesetzt wie andere Böller. Gott hat uns in eine Situation versetzt, in welcher wir durch unsere Nachbarn daran verhindert werden, irgendwie in Trägheit und Versumpfung zu gerathen. (Heiterkeit.) Er hat uns die kriegerischste und unruhigste Nation m ganz Europa an die Seite gesetzt und in Rußland eine kriegerische Neigung groß werden lassen, die in früheren Jahrhunderten in dem Maße nicht vorhanoen war. So bekommen wir von beiden Seiten Anstürme und find ge­zwungen, die wir sonst vielleicht die Hechte im europäischen Karpfenteiche sein würden, zu verhindern, daß wir Karpfen werden. (Heüerkeit.) Wir muffen uns also, wie ich wieder­hole, so stark machen, daß die Hechte nicht mehr thun dürfen, als uns zu ermuntern. (Heiterkeit.) Zur Zeit des alten deutschen Bundes war man uns freilich nicht so seindlich gesinnt; damals in den patriarchalischen Zeiten hatten wir für unsere Sicherheit schon darin eine Garantie, daß wir so schüchtern waren, jemals eine eigene Meinung zu äußern. (Heiterkeit.) Das Alles ist seit der Gründung des neuen Deutschen Reiches anders geworden! (Bravo!) Wir müssen uns daher selbst helfen. Der deutsche Bund tft durch uns eingelbft worden, weil er für die Dauer mit den Jntereffen des deutschen Volkes unerträglich war. Jetzt sind wir als deutsches Volk in eine Jsolirung eingetreten und können von keiner Seite auf Unterstützung rechnen. (Der Reichs­kanzler bittet um die Erlaubniß sich wegen Ermattung auf einige Zeit setzen zu dürfen.) Allerdings sind wir für die frühere Haüung der rufstschen Politik in gewissem Sinne zum Danke verpflichtet gewesen. Aber m Olmütz sind doch die Jntereffen Preußens durch Rußland so wenig vertreten worden, daß eher von einer Dienstbar­keit die Rede war. Kaiser Nikolaus bethätigte damals mehr Vorliebe für Oesterreich, als für Preußen. Aus dem Krimkriege sind wir allerdings als Freunde Ruß­lands hervorgegangen, und der Krieg von 1866 bereitete Rußland eine gewisse G-nugthuung. Es könnte den Oesterreichern den Mißerfolg, und während des Krieges von 1870 hatten wir wenigstens die Satisfaction, gleich- zettig mit unserer Vertheidigung und Abwehr, dem russi­schen Freunde einen Dienst am Schwarzen Meer erweisen zu können, nämlich die Freigebung des Schwarzen Meeres, die gewiß nicht erreicht worden wäre, wenn nicht dre deutschen Truppen siegreich vor Paris gestanden hätten. Ich führe diese Thatsachen nur an, um Ihnen die Quin« teffenz des Vertrages mit Oesterreich darzulegen, der vor wenigen Tagen publicirt worden ist, und beffen Noth- wendiakeil ich im folgenden begründen will. (Der Reichs­kanzler erhebt sich wieder.) Im Jahre 1875 trat zuerst eine Neigung meines russischen Collegen Gortschakow zu Tage, sich mehr um die Popularität im Volke wider uns

Muri«».

Original-Roman von Marie Romany.

(26. Fortsetzung.)

Mit einer Gier, al» müsse er au» irgend einem Punkte, einem Zeichen die Entzifferung des Geheim­nisse» lesen, hatte er sich jetzt wieder, da Herr Martinel sich verabschiedet, in die Lektüre de» Protokoll» vertieft. Die Worte de» Polizeiraths, obgleich sie, von juristischem Stand betrachtet, de« genügenden Halt» entbehrten, hatten, wenn er es Herrn Martinel gegenüber auch nicht zugestanden, deu Verdacht, welchen er-selbst schon gegen Marion in sich aufgesaßt, höher angefacht. Bei s inen vor« herigen Prüfungen der Berichte hatte er sich wie­derholt gefragt, ob in so jungen Jahren, bei einer Erziehung, wie sie Fräulein Delorme zu Theil ge­worden, eine derartige Verirrung, und aus welcher Ursache, wohl möglich sein konnte; nun legte Herr Martinel blinden Haß chrer Handlung zu Grunde; auch wenngleich dies ihn noch bei Weitem nicht von der Schuld dieser Demoiselle Delorme über« zeugte, so versehlte doch der Stachel, spitzig ange­setzt, seine Wirkung auf den nach Aufklärung ver­langenden Juristen nicht. Gierig entzifferte er noch einmal diese und jene Stelle in den Skripturen,

zu bemühen und gewiffe Constellationen hierzu zu benutzen, um die Welt durch ein Telegramm glauben zu machen, als hätten wir 1875 den Gedanken gehabt, Frankreich zu Überfallen und als wäre es sein Verdienst, Frankreich aus dieser Gefahr befreit zu haben. , Das war das elfte Befremden und hat mich zu einer lebhaften Aussprache mit m:inem früheren Freunde und späteren Collegen Gortschakow veranlaßt. Gleichzeitig hatten wir immer noch die Aufgabe, die Beziehungen fortzusetzen, die zuerst eingeleitet waren durch den Besuch der Kaffer von Oester­reich und Rußland in Berlin im Jahre 1872. Erst 1876, vor dem serbisch-türkischen Kriege traten uns gewiffe Nöthigungen in einer Action zwischen Rußland und Oesterreich als Freunden entgegen. Sie wurden abge­lehnt. Es hatte unsere Ablehnung zur Folge, daß Ro­land sich direkt nach Wien wandte, und daß 1877 em Abkommen zwischen Rußland und Oesterreich geschloffen wurde, welches die Eventualität einer orientalischen Krffis besprach und Oesterreich für einen solchen Fall die Be. setzuna Bosniens zusicherte. Wir waren recht zufrieden, wie das Unwetter sich weiter südlich verzog, als ursprüng­lich meine Auffassung gewesen war Das .Ende des Krieges wurde hier durch den Congreß definitiv hrbeigefuhrt. Der Friede von San Stefano war meiner Überzeugung nach nicht viel bedenklicher für die antlrussischen Mächte und nicht sehr viel nützlicher für Rußland, als nachher der Kongreßvertrag gewesen ist. Der Friede von San Stefano hat sich nachher von selber eingefunden, mdem das kleine Dftrumelien eigenmächtig die Wiederherstellung der alten Grenzen auf sich nahm und sich zu Bulgarien schlug. Der Schaden, den der Kongreß m den Ab­machungen von San Stefano angerichtet, war also nicht so groß. Und ob diese Abmachungen gerade em Meister­werk waren, lasse ich dahingestellt. Wir hatten damals sehr wenig Neigung, uns m die bulgarischen Verhältnisse zu mischen, ebensowenig wie heute. Ich war damals m Friedrichsruhe, als mir von amtlicher Sette der Gedanke nahe gelegt wurde, einen Kongreß nach Berlin zu berufen. Ich hatte zunächst wenig Neigung, uns in die Sache so wett zu Zwickeln, wie es-die Rolle des Präsid.rens .m Kongreß nothwendig mit sich brachte. Wem, ich schließ­lich nachgegeben habe, so bewog mich einerseits das deutsche Pflichtgefühl, die Interessen des Friedens zu wahren, namentlich aber das dankbare Andenken an die Dienste Alexander L, und ich erklärte mich dazu bereit, wenn es gelänge, die Einladung von England und Oesterreich zu erwirken. Rußland unternahm es, die Einladung Eng­lands zu besorgen. Ich unternahm es, sie m Wien zu befürworten. Es gelang, und der Kongreß kam zu Stande. Während des Kongresses habe ich meine Rolle, soweit ich irgend konnte, ohne Landesmtereffen und be­freundete Jntereffen zu verletzen, ungefähr so aufgefaßt, als wenn ich der vierte russische Bevollmächtigte gewesen wäre. (Heiterkeit.) Ich kann eigentlich sagen, der dritte, denn den Fürsten Grotschakow kann ich als Bevollmäch- ttgten der damaligen russischen Politik nicht rechnen. (Heiterkeit.) Während der Dauer des Kongresses 'st mir kein Wunsch bekannt geworden, den ich nicht befürwortet, ja den ich nicht durchgesetzt habe. Ich habe mich gerade in den kritischsten Momenten des Kongresses so verhalten, daß ich dachte, nachdem er zu Ende war, ich würde den

Überschlug sie wieder hastig und zog dann die Glocke, die den dienstthuenden Beamten in das Zimmer rief.

Seine Miene war nicht die heiterste, als er den Gruß de» Mannes erwiederte.

Marion Delorme, zur Vernehmung aus St. Lazare hierher gebracht, ist vorzuführen, sagte er kurzweg.

Herr de St. Grillac, in der Erregung, daß die junge Dame alsbald hereingeführt werde, hatte da» Protokoll geschlossen und sich in den Sessel zurück­gelehnt.

„Ein einziger Schlüssel, nur ein Name und da» Verbrechen ist aufgeklärt!" sprach » vor sich. „Welch' ein winzige» Ding, solch' ein Schlussel Und wie oft geschieht i», daß seine Spur m dem Schlamm, der einen solchen Fall umgiebt, für immer verloren ist!"

Er bog den Kopf rückwärt» und starrte, wie nach Aufklärung suchend, die Decke an. Noch ein­mal, um in der Richtung seiner Fragen an dre Delinquentin sicher zu werden, ließ er den Ächat« bestand so wie er ihn in den Berichten verzeichne gefunden, an seinem Geiste vorüberpassiren; jede Einzelheit berührte sein Auge: e» war ja ein» ser-

höchsten russischen Orden mit Brillanten bekommen. (Große Heiterkeit.) Ich glaubte mir ein Verdienst erworben zu haben, wie es selten ein fremder Minister sich erwerben kann. Welches mußte da also meine Ueberraschung und Enttäuschung sein, als ich statt dessen allrnälig in der russischen Presse die deutsche Politik angegriffen und mich persönlich verletzt sah. Diese Angriffe steigerten sich während des folgenden Jahres zu scharfen Forderungen eines Druckes, den wir auf Oesterreich ausüben sollten in Sachen, wo die österreichischen Rechte nicht zu be­zweifeln waren. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten. Denn wenn wir uns Oesterreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isolirt sein sollten, nothwendig in eine Abhängigkeit von Rußland. Dieser Vorgang des Kongresses sagte mir, daß selbst ein vollständiges In­dien ststellen unserer Politik uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen mit Rußland in Streit zu gerathen. Dieser Streit steigerte sich bis zu vollkommenen Kriegs­drohungen. Durch diese Kriegsdrohungen wurden wir gezwungen, zu der von mir seit Jahrzehnten vermiedenen Option zwischen unseren beiden bisherigen Freunden. Ich habe damals den Vertrag, der vor einigen Tagen publicirt worden ist, in Gastein und Wien verhandelt, und er gilt «och heute. Die Publikation dieses Vertrages ist in den Zeitungen, wie ich gestern gelesen, irrthümlich aufgefaßt worden. Man hat in derselben ein Ultimatum, eine Warnung, eine Drohung finden wollen. Das sollte um so weniger darin liegen, als der Text des Vertrages dem russischen Kabinet seit lange bekannt ist. Wir haben es der Aufrichtigkett einem loyalen Monarchen gegenüber für entsprechend gebalten, ihm schon früher keinen Zweifel darüber zu lassen, wie die Sache liege. Wenn wir diesen Vertrag nicht geschloffen hätten, so müßten wir ihn heute schließen. (Beifall.) Es ist der Ausdruck beiderseitiger dauernder Interessen, sowohl der österreichischen wie der unseren. (Lebhaftes Bravo.) Sonst wird man wohl kaum an dem Wortlaut eines Vertrages Heben dürfen. Es können sich die Umstände so gestalten, daß die Auf­rechterhaltung eines Vertrages das eigene Volk ins Ver­derben führen kann. Das liegt aber in diesen Ver­trägen in keiner Weise drin. Sie sind eben nur — nicht blos der Vertrag mit Oesterreich, sondern ähnliche Verträge, die zwischen uns und anderen Regierungen geschlossen worden sind, namentlich das Abkommen mit Italien — der Ausbruch der Gemeinschaft in den Bestrebungen und den Gefühlen, die die Mächte haben. Italien sowohl wie wir ist in der Sage gewesen, das Recht, sich national zu konsolidiren, von Oester­reich erkämpfen zu müssen. Wir Beide leben jetzt mit Oesterreich in Frieden, und haben Beide das gleiche Be- streben, den Frieden gemeinsam zu schützen die innere Entwickelung zu fördern. Dieses Bestreben und damit das gegenseitige Vertrauen, daß man die Verträge hält, und daß durch die Verträge keiner vom anderen abhängiger wird, als seine eigenen Jnteteffen es verlangen, das Alles macht die Verträge fest, haltbar und dauernd. Wie sehr unser Vertrag mit Oesterreich der Ausdruck der beider- feiligen Interessen ist, hat sich schon in Nikolsburg gezeigt und hat sich seit 1870 gezeigt. Schon in Nikolsburg haben wir unter dem Eindruck gestanden, daß wir ein starkes Oesterreich auf die Dauer in Europa nicht missen können.

nei vorzüglichsten Talente, die den Angeklagten oder in Verdacht vorgenommenen Personen die Querfragen in einer Art vorzulegen, da» für den Schuldigen ein Entrinnen unmöglich war.

Endlich — zehn Minuten waren für den mit Ungeduld harrenden Beruf» menschen langsam vor­übergegangen — verkündete ein Pochen an der Thür, daß die Delinquentin im Voizimmer ange­langt war. Herr de St. Grillac nahm die seinem Amte gebührende Positur an und ließ sein bar­sche« Herein! erschallen, während sein glühende» Auge sich fest auf die Thür heftete.

Ein Sergeant öffnete und Marion, mit erdfah­ler Miene, den Blick zu Boden gerichtet, trat lang­sam herein. Der Beamte folgte. Er ließ die Ge­fangene bi» in die Milte de» Raume» schreiten, worauf er selbst an der Thür Posto nahm.

Herr de St. Grillac — die Erscheinung und da» Gebahrcn de» jungen Wesen» mußten wohl einen so ganz anderen Eindruck machen, al« er vermuthet hatte — betrachtete sie mit einem ge­wissen Befremden Sekunden lang. Er zögerte, be­vor er ihr ein Zeichen gab, auf einem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen; dann bedeutete er dem Sergeanten, daß seine Anwesenheit im Zim­mer nicht ersorderlich sei.