Einzelbild herunterladen
 

1888

Mittwoch, den 8. Februar.

fnliiatr W Iritimj.

Die Fuldaer, Rettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage aulgenommen- Vierteljährlicher Äbonnementipret« ohne Brmgerlohn mttd Bestellgeld: 1 R. 50 Pf. mit der b stilistischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Rede des Fürste» Bismarck gehalten im deutschen Reichstage am 6. Februar 1888 bei der 2. Lesung des neuen Wehrpfiichtgesetzes.

Wenn ich heute das Wort ergreife, so geschieht es nicht, um die Vorlage, welche der Präsident eben erwähnte, zur Annahme zu empfehlen. Ich bin nicht in Sorge darüber, daß sie angenommen werden wird, und ich glaube nicht, daß ich irgend etwas dazu beittagen könnte, die Mehrheit, mit der sie angenommen werden wird, und auf welche sowohl für das In- wie für das Ausland ein hoher Werth zu legen ist, zu steigern. Ich glaube, daß die Herren in allen Fraktionen darüber bereits Beschluß gefaßt haben, wie sie stimmen werden, und ich habe das volle Verttauen zu dem deutschen Reichstage, daß er diese Steigerung unserer Wehrkraft zu einer Höhe, wie wir sie früher schon irhabt haben, uns wiedergeben wird, nicht etwa in An- ehung der Befürchtungen, die heut zu Tage die öffent­liche Meinung bewegen, sondern in vorsichtiger Beurtheilung der Gesammtlage Europas. Ich werde deshalb, wenn ich das Wort ergreife, hauptsächlich die letztere in den Kreis meiner Betrachtung zu ziehen haben. Ich thue es nicht gern; denn in dieser Sache kann ein Wort, das unge­schickt gesprochen wird, viel verderben; und viele Worte Binnen nicht viel nützen. Ich spreche nur im Interesse der Aufllärung der eigenen Landsleute und des Auslands, ^ch thue ei, wie gesagt, ungern; aber ich fürqte, wenn ich schweigen würde, daß bann nach den Erwartungen, die sich an die heutige Debatte geknüpft haben, die Be­unruhigung in der öffentlichen Meinung und die böse Stimmung in unserer und der fremben Bevölkerung sich nicht milbern mürben. Man mürbe glauben, die Sache sei so schmierig und kritisch, daß der auswärtige Minister gar nicht wage, die Situation zu berühren. Ich spreche deshalb, aber ich thue es ungern. Ich könnte nun auf die Steuerungen verweisen, die ich von dieser Stelle vor mehr denn Jahr und Tag gethan habe. Es hat sich seit­dem wenig in der Situation geändert, und ich könnte einfach einen Ausschnitt aus der .Freisinnigen Zeitung', der mir heute zugekommen ist, als Unterlage für meine damaligen Steuerungen benutzen. Wenn die Sage über« Supt seitdem sich geändert hat, so hat sie sich eher zum

»ten als zum Schlimmen geändert. Wir standen da­mals »er einem drohenden französischen Kriege. Dort ist aber, nachdem der friedliebende Präsident Grövy abge­treten, ein ebenfalls friedliebender Präsident gefolgt. Und es ist schon ein günstiges Symptom der französischen Re­gierung, daß sie bei der Berufung des neuen Präsidenten und der Bildung des neuen Ministeriums nicht in die Pandorabüchse gegriffen hat, so daß wir darauf rechnen Mnnen, daß die friedliche Politik, als deren Vertreter Herr Grövy galt, auch von dem neuen Präsidenten Carnot wrtgesetzt werden wird. Die Mitglieder des Ministeriums, Üe etwa geneigt sein konnten, den Frieden ihres Landes und Europas ihren persönlichen Plänen unterzuordnen, sind ausgeblieben, und andere ftiedliche Mitglieder sind eingetreten. Ich glaube sogar konstatiren zu können, und ich thue es gern, weil ich wünsche, daß die öffentliche Meinung nicht aufgeregt und beunruhigt wird, daß die Aspekten nach der französischen Seite hin friedlicher, b. h. weniger explosiv aussehen als vor einem Jahre. Die Befürchtungen, welche in biefem Jahre aufgetaucht ftnb,

Ration.

Original-Roman von Marie Romany.

(26. Fortsetzung.)

„Die Verdächtigung der Delorme ist nicht un- begtinbet," sagte er endlich. „Wenn es mir ge­lingen sollte, sie zum Geständniß zu bringen, —"

„Mon Dieu!" lachte Herr Martine!. „Sie wer­den keinen Erfolg bei ibr erzielen, wenn Sie ihr nicht die Schlingen ihrer eigenen Hm- und Her­reden über dem Kopfe zusammenziehen! Ich kenne dieses Fräulein seit langen Jahren," erwiederte er eiftig; „ich habe sie al« Kinv gesehen und habe auch beobachtet, wie sich ihre Seele allmählich mit Hast gegen ihre Wohlthäterin erfüllte. Es ist ja nicht unbekannt, daß ich seit vielen Jahren ern Freund des Haust« von Wrldenau gewesen; un­zählige Male hat die Baronin mir chr Herz aus- geschüttet, unzählige Male hat sie mir anvertraut, wie unheilbringend für sie das Gelübde geworden ist, der Waise Mutter zu sein!"

Der Richter hatte, ohne eine Miene zu verziehen, Herrn Martine! zugehört.

„Für ein Urtheil de» Gesetzes find Beweise nöthrg," sagte er nun ruhig. „Wenn sich Beweir-

habeu sich auch vielmehr au Rußland geknüpft wie an Frankreich, wobei allerdings sowohl die russischen wie die französischen Preßorgane sich in Drohungen, Beschimpfungen und Herausforderungen im Laufe des Sommers überboten haben. Trotzdem hoffe ich, daß die Sache mit Rußland nicht anders liegt, wie ich sie hier im vorigen Jahre ge­schildert. Die,Freis. Ztg.' hat in besonders fettem Drucke hervorgehoben, daß ich das vorige Mal gesagt: „Wir hätten in unserer Freundschaft mit Rußland gar keine Unterbrechung erlitten, und sie sei auch heute über jeden Zweifel erhaben. SBir erwarteten von Rußland weder einen Angriff noch einen feindseligen lieb erfaß." Daß die ,Freis. Ztg.' diese meine frühere Aeußerung durch Fettdruck hervorgehoben, ist vielleicht geschehen, um mir die Zustimmung zu diesem Satze zu erleichtern. (Heiter­keit.) Aber jedenfalls hat die .Freis. Ztg.' gehofft, daß ich inzwischen anderer Meinung geworden sein könnte, und daß ich heute überzeugt wäre, ich hätte mich in meinem Vertrauen zur russischen Politik im vorigen Jahre geirrt. Das ist nicht der Fall. Die Grunde, die dafür irgend einen Anlaß geben könnten, liegen theils in der russischen Presse, theils in den russischen Truppenaufstellungen. Was die Preffe anbelangt, so kann ich ihr ein entscheiden­des Gewicht nicht beilegen. Man sagt, in Rußland habe sie mehr zu bedeuten als in Frankreich; es ist gerade umgekehrt. In Frankreich ist die Preffe eine Macht, welche auf die Entschließung bet Regierung einen großen Einfluß ausübt; in Rußland nicht. In beiden Fällen ist für mich die Preffe nur Druckerschwärze auf Papier. (Heiterkeit.) Denn hinter jedem einzelnen Arttkel in der Preffe steht doch nur ein einzelner Mensch, der die Feder geführt und einen Artikel in die W It gesetzt hat. Ich sagte schon, in Rußland hat die Preffe nicht denselben Ein­fluß wie in Frankreich auf die öffentliche Meinung. Sie ist dort höchstens ein Barometer dafür, was nach den russischen Prehverhättniffen von der Regierung zugelassen wird, aber ohne die russische Regierung und den Kaiser irgendwie zu engagiren. Gegenüber der russischen Preffe habe ich das unmittelbare Zeugniß des Kaisers Alexanders selbst, von 6em ich vor wenigen Monaten die Ehre gehabt habe, persönlich empfangen zu werden. Ich habe mich damals auch überzeugt, daß derselbe keine krie­gerischen Tendenzen verfolgt und keineswegs einen An­griffskrieg gegen uns plant. Der russischen Preffe glaube ich nicht, dem Worte des Kaisers Alexander glaube und vertraue ich absolut. Wenn ich beide auf die Wage lege, so schnellt das Zeugniß der russischen Presse mit ihrem Haß gegen Deutschland federleicht in die Höhe, und das Zeugniß Kaiser Alexanders bringt schon lediglich durch sein Gewicht die Waagschale zum Sinken. Also die Preffe veranlaßt mich nicht, unser Berhültniß zu Rußland schlech­ter aufjufaffen als früher. Ich komme nun zu der Trup- penauffteOung. Sie ist uns gegenüber kein Rovum und hat schon früher in ausgedehntestem Maße stattgefunden, namentlich seit 1879 nach dem Feldzug gegen die Türkei. Es hat den Anschein, als ob die Anhäufung russischer Truppen ander deutsch österreichischen Grenze gegen früher größer und nur davon ausgegangen sein könne, das Nach­barland unvorbereitet zu überfallen und anzugreifen. Das glaube ich nicht. Einmal liegt es nicht im Charakter des russischen Monarchen, und es steht mit seinen Aeußerungen im Widerspruch; außerdem aber würbe ber Zweck bafür

gründe zur Genüge gegen Fräulein Delorme finden, wird ihre Verurtheilung unausbleiblich sein."

Ein flammender Blick war es, der den Augen des Polizeiraths entfuhr; er wollte reden, aber die Gewohnheit, seinen Dienst mit ausgesuchter Pünktlichkeit zu verrichten, hielt ihm die Lippen zu. Er mochte ohnedies fühlen, daß er mit der Bemerkung, die ihm soeben entschlüpft war, um ein Haar breit schon über die Schranke der Dienst­verpflichtung hinausgetreten war.

„Für mich, als Freund des Hauses von Wildenau, war es eine mehr als peinliche Auf­gabe, die Untersuchung in dieser Brandaffaire führen zu müflen," entgegnete er, seinen Ton mäßigend; „ick bin zufrieden, daß meine Arbeit zu Ende ist. Ich bade nicht auf den Charakter ber Dclorme aufmerksam gemacht, um unrecht­mäßigen Verdacht zu begründen; ich zweifle auch nicht, daß mit der fortlaufenden Untersuchung fich ihre Schuld, ob nun mehr oder minder, Heraus­stellen wird."

Er hatte seinen Hut wieder in die Hand ge­nommen und wendete fich nun der Thür zu.

„Eine Antwort des Sello Baruch zu haben, wird für die nächsten Wochen unmöglich fein,"

außerorbentlich schwer verständlich sein. Rußland kann nicht die Absicht haben, preußische oder österreichische Lan- destheile erobern zu wollen. Ich glaube, daß Rußland reichlich so viel polnische Unterthanen besitzt, wie es zu haben wünscht, und es kann keine Neigung haben, sie zu vermehren oder sich irgend welche Landestheile von Oester­reich zu anneltiren. Es liegt gar kein Anlaß vor, über einen europäischen Nachbar herzufallen; und ich gehe so weit in meinem Vertrauen, daß ich überzeugt bin, daß selbst in dem Fall, wenn durch irgend welche explosive Er­scheinungen in Frankreich, die eintreten können, wenn sie auch von der heutigen Regierung sicherlich nicht beabsich­tigt werben, unb wir in Folge besten in einen französi­schen Krieg verwickelt werben, barauf ein russischer Krieg nicht unmittelbar folgen muß. Umgekehrt, wenn wir in einen russischen Krieg verwickelt würben, würbe ber fran­zösische Krieg folgen, benn keine französische Regi-rung würbe stark genug sein, ihn zu Hinbern. Aber Rußland gegenüber erkläre ich noch heute, daß ich es keines Ueber- falles für fähig halte, und ich nehme von dem, was ich im vorigen Jahre gesagt, nichts zurück. Nun werden Sie fragen, wozu benn bie russischen Truppenaufstellungen? Das stnb Fragen, über bie ich von ben beteiligten aus­wärtigen Äabineten nicht leicht Aufklärung forbern kann. Eine solche könnte leicht geschraubt ausfallen, bie Replik auch, unb bas ist eine gefährliche Bahn, bie ich nicht gern betrete. Truppenaufstellungen finb meines Erachtens Er­scheinungen, über bie man nicht, um einen Stubentenaus- bruck zu gebrauchen, koramirt, kategorische Erklärungen forbert, fonbern benen gegenüber man mit Zurückhaltung unb Vorsicht verfahren muß. Ich kann über bie Motive biefer Truppenaufstellungen keine authentische Erklärung geben, aber ich kann mir doch, als Jemand, ber mit ber auswärtigen unb auch mit ber russischen Politik feit einem Menschenalter vertraut ist, meine eigenen Gedanken darüber machen, und die führen mich dahin, daß ich annehme, daß das russische Äabinet die Ueberjeugung hat, daß in der nächsten europäischen Krisis, die eintreten könnte, das Ge­wicht der russischen Stimme in dem diplomatischen Areo­pag von Europa'um jo schwerer wiegen wird, je stärker Rußland gerüstet ist. Je mehr Rußland Truppen an sei­ner Westgrenze hat, um so schneller ist es als Verbündeter oder Gegner bei der Hand. Diese Politik hat bie russischen Truppenaufstellungen schon seit längerer Zeit geleitet. Ich erinnere bar an, baß schon während des Krimkrieges Ruß­land eine so große Armee in Polen ausgestellt hatte, daß, wenn diese Truppen rechtzeitig nach der Krim abgegangen wären, der Krieg vielleicht eine andere Wendung genom­men hätte, und wenn man weiter zurückdenkt, so wird man auf die Erfahrung stoßen, daß die Bewegung von 1836 Rußland unvorbereitet und unfähig zum Eingreifen fand, weil keine Truppen im Westen des Reiches standen. Ich glaube also aus den Truppenanhäufungen im west­lichen Rußland noch nicht den nothwenbigen Schluß ziehen zu dürfen, daß damit die Intention verbunden ist, uns zu überfallen. Ich nehme an, daß man etwa auf eine neue orientalische Krisis wartet, um dann in ber Sage zu sein, ben russischen Wünschen mehr Nachbruck geben zu können. Wann eine orientalische Krisis neu ein treten kann, ja wer kann bas wissen? Wir haben in biesem Jahrhundert, wenn ich die kleineren unb nicht jur vollen Entwickelung gekom­menen abrechne, meines Erinnerns nicht weniger benn vier

bestätigte er noch einmql; „doch kann es nicht fehlen, daß Herr de St. Grillac auch ohne seine Aussage bald auf der richtigen Fährte sein wird."

Er komplimentirte, dann, kaum den Dank de» Richters beachtend, trat er aus der Thüre und eilte den Gang entlang, über ein paar Treppen- gänge und den darauf folgenden Korridor, an dessen Ende er durch eine Hinlerthüre in sein eigenes Bureau trat. Seine Miene war finster. Eine peinigende Empfindung mußte es für den sonst so kalten Berufsmenschen sein, wenn seme Gedanken sich in die Einzelheiten, in die Mög­lichkeiten der Schuld der Baronin an dem Brande vertieften; nicht etwa, daß er feiner Ueberzeugung zuwider gehandelt hatte, als er den Verdacht gegen Marion aussprach, aber —

Herr Martinel stockte, so oft er mit den Fol­gerungen, die seine Gedanken anstellten, bei einem Punkt, den er w fientlich seinem Auge verhüllte, angelangt war. Sein Gefühl sträubte fich, sobald er diesen Punkt berührte; wie oftmals dankle er — und mit ehrlichem Herzen — dem Himmel, daß nicht ihm die Pflicht, hier zu richten, aufer­legt war. Er alhmete freier, daß seine Arbeit I bei der Angelegenheit abgethan war.