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1888

Dienstag, den 31. Januar.

Die Fuldaer, Zeitung erscheint t»glich, Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementsprei, ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage »Stern« und Blumen'in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf. Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Für die zahlreichen Glück- und Segens­wünsche, welche mir anläßlich der Wahl zum Bischof von Fulda in Telegrammen, Briefen und mündlich dargebracht worden sind, — insbesondere für das Vertrauen, welches mir bei meinem Einzug in die Bonifatiusstadt und am Consecrationstage von Privaten, Vereinen, Genossenschaften, geistlichen und bürgerlichen Corporationen, wie auch aus Kindermund ausgesprochen worden ist, sage ich hiermit meinen auf­richtigen, tiefgefühlten Dank.

All' diese Kundgebungen begrüße ich als Unterpfand gesegneter Wirksamkeit in meiner neuen Heimath. —

Fulda, den 30. Januar 1888. Der Bischof von Fulda t Joseph.

❖ Der unnöthige Zwischenhandel «nd seine Schäden.*)

i.

Ein Blick über die zahlreichen Völker der Erde, über die großen Nationen sowohl, welche nach Millionen von Bürgern zählen, tz wie über die kleinen Volksstämme und Volksstämmchen, deren Stammesgenossen ost kaum an Zahl die Tausend erreichen, zeigt uns ein auffallendes Bild. Jedes Volk besteht aus Menschen und doch, wie ver­schieden find diese Völker! Besteht schon in der Körpergestalt, in der Gesichtsbildung, in der Haut­farbe eine große Mannigfaltigkeit, so wird diese noch viel giößer durch die erstaunliche Anzahl von Abstufungen, welche die Erdenvölker in der von ihnen erlangten Durchschnittskultur zeigen. Welcher Kontrast besteht nicht zwischen einem Bodokuden Brasiliens und einem Durchschnittsdeutschen, und wieviele Abstufungen liegen zwischen beiden! — Dabei zeigen die höher entwickelten Völker in der Kulturstufe ihrer einzelnen Volksgenossen wieder eine solche Menge von Graden, daß die einzelnen Mitglieder eines solchen Volkes uns gewisser­maßen ein Spiegelbild im Kleinen von den

*) Nachdruck nicht gestattet.

yatiett.

Original-Roman von Marie Romany.

(19. Fortsetzung.)

Nanette hatte die Stirn in Falten gelegt. Sie blickte einen Moment vor fich, dann glitt ihr Auge wie fragend nach der gegenüberliegenden Portiere. Sie ließ ein paar Sekunden hingehen, bevor sie, die Lippen ironisch aufwerfend, sagte: „Ist es denn nur, um zu spielen, wenn man den Salons Fouquet die Ehre seine» Besucher zu Theil werden läßt?"

Raoul von Weldenau lachte auf.

„Würde man nicht ein Narr sein, an der Lust vorbeizugehen?" rief er.

„Demoiselle faites la comedie,“ näselte Herr de Boucelet.

Nanette ließ wieder ein paar Sekunden ver­gehen.

„Nun wohl", sagte sie endlich; „ich habe zwar bestimmt, daß für heute da» Roulette geschloffen ein würde, aber ich werde mein Wort brechen, einem meiner theuersten Freunde zu Ehren, der, schon verloren geglaubt, in dieser Stunde zu mir zurückgekehrt ist. Wählen Sie Ihre Points, meine Herren!"

Kulturgraden der Erdenvölker im Großen geben können.

Mit dem Steigen der menschlichen Kultur und mit der damit Hand in Hand gehenden Ver­feinerung der Lebensweise werden die Gegenstände, welche dem Menschen nöthig erscheinen, um mit denselben sein Leben zu fristen, oder welche ihm erwünscht sind, um dasselbe angenehmer zu ge­stalten, allmälig zahlreicher und mannigfaltiger. Dem Australneger gegenüber, der ohne staatliche oder gesellschaftliche Ordnung höchstens nur in eine Familiengruppe eingereiht auf weiten trost- lofin Gebieten umherschweift, nie ein Obdach baut und wochenlang nur Wurzeln, Käfer und Käfer­larven al» Nahrung kennt, bis ihm ein günstiges Geschick einmal ein höheres Thier zur Beute werden läßt, sind die Bedürfnisse des ärmsten Teufels inmitten unseres Volkes schon zahllose. Wennschon die Bedürfnisse mit dem Alter und der körperlichen Entwickelung von der Kinderstufe bis zum Manneralter wachsen, sowohl der Menge al» auch der Art nach, so ruft die geistige Entwickelung eine immer größere Zahl weniger körperlicher, als vielmehr geistiger, auch weniger absolut nothwen- diger, als vielmehr im Nothfalle entbehrlicher Be­dürfnisse hervor. Das ist auch gut, denn je mehr Bedürfnisse der Mensch kennen lernt, desto mehr wird er zur Thätigkeit angeregt, denn die ge­bratenen Tauben pflegen dem Menschen gewöhn­lich nicht von selbst in den Mund zu fliegen. Der Strolch, welcher im Sommer die Strohfeime des Landmanns und im Winter das Gefängniß zu seinem Quartier macht, würde ein ganz anderer Kerl sein, wenn er außer dem Inhalte seiner Schnapsflasche, den er leicht aus Bettelpfennigen wieder ergänzen kann, noch andere geistige Be­dürfnisse hätte. — Es ist sogar ganz unverwerf­lich, viele, besonders edlere geistige Bedürfnisse zu haben, so lange diese eben anständige, den Ge­setzen der Religion, des Staates und der öffent­lichen Sitte nicht widersprechende Bedürfnisse sind, und so lange die Befriedigung derselben den Verhältnissen des betreffenden Menschen ange­messen ist.

Ein Gegenstand, welcher geeignet ist, ein an­ständiges Bedürfniß zu befriedigen, wird ein „Gut" genannt. Diese Befähigung, ein Bedürf- niß direkt befriedigen zu können, gibt dem Gute seinen „Nutzwerth". Während nun auf der

Sie eilte an die gegenüberliegende Portiere und flüsterte ihrer Mutter, die sich im Nebengemach auf einem Divan schaukelte, ein paar Worte zu, deren Sinn wohl nur Katharine Fouquet ver­stehen mochte, dann trat sie zurück zu der Gesell­schaft und nahm wieder, strahlenden Blicks, ihren Lieblingsplatz ein.

Zola unterdessen, zu eifrigem Dienst angetrieben durch die Bemerkungen ihrer jungen Herrin, ser- virte — sie glich einer Dienerin der Hölle, die ihre Opfer dem Verderben in die Arme jagt — den schäumenden Wein. Nanette animirte. Bald zeigten die erhitzten Mienen, daß der Sekt, in der Leidenschaft des Spiels mit langen Zügen einge- schlürft, seine Wirkung ausübte; man überbot sich, angetrieben durch die sich wiederholenden Verluste, trank wieder, setzte seinen letzten Louiso'or aus, um auch ihn zu verlieren, während Demoiselle Fouquet» Tasche mit Gold und Kassenscheinen angefüllt ward. Und Nanette gab nicht nach. Sie war unermüdlich mit ihren so bethörenden Auf­forderungen, auf diese oder jene Farbe zu riskiren, unablässig klangen ihre Rufe; erst dann, wenn die Hasardier» ihren letzten Einsatz eingebüßt hatten, verließen sie, der Eine nach dem Anderen, den Spielsaal mit verdrießlicher Gebärde und dem

untersten Kulturstufe die Menschen noch in der Lage sind, die wenigen und einfachen nöthigen Nutzgegenstände sich allein ohne Mitwirkung ihrer Nachbarn zu verschaffen, so wird diese» sofort anders, sowie beim Steigen der Kultur die Ge­brauchsgegenstände zahlreicher und mannigfaltiger werden, und ihre Erwerbung oder Herstellung mehr natürliche Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit er­fordert. Der Einzelne hat oft weder Zeit noch Gelegenheit, dem Erwerb oder der Herstellung eines Gutes sich zu widmen, es fehlt ihm dazu vielfach euch die erforderliche Lust und Geschick­lichkeit. Dafür leistet er Dank seiner Beanlagung und der steten Uebung auf dem Arbeitsgebiete, dem er sich gewidmet hat, eine solche Fertigkeit, daß er soviel Produkte seine» Zweiges liefern kann, daß er nur den geringsten Theil für seinen Bedarf davon braucht, und der Gedanke lag nahe, diesen Ueberschuß gegen andere gewünschte Güter an andere Leute auszutauschen, die auf anderen Arbeitsgebieten in derselben Lage waren. So entstand die Arbeitstheilung in ihrer untersten Ent­wickelungsstufe , welche Theilung int Laufe der Zeiten immer weiter fortschritt und bis jetzt in unserer Maschinenindustrie ihre höchste Stufe er­reicht hat. Gleichzeitig entstand damit der Tauschverkehr, zunächst zwischen den nächsten Nachbarn, dann zwischen den Bewohnern weiterer Gebiete und schließlich zwischen den Bewohnern ganzer Länder.

Ein Gut, welches zum Tausche ausgeboten ist, heißt eine „Waare". Die dem Gute inne­wohnende Fähigkeit, aus dem ausschließlichen Be­sitze eines Menschen in den Besitz eines anderen Menschen übergehen zu können, verleiht dem Gute seinen „Tauschwerth". Die Menge, der bestimmte Raumtheil oder das bestimmte Gewicht einer anderen Waare, für die eine gewisse Waare aus­getauscht wird, heißt der „Preis" der betreffenden Waare, und zwar zunächst der Naturalpreis. Tauscht man z. B. 4 Zentner Kartoffeln gegen einen Zentner Weizen um, so ist der Naturalpreis von einem Zentner Kartoffeln gleich einem Viertel- Zentner Weizen, und umgekehrt ist der Natural­preis von einem Zentner Weizen gleich vier Zentner Kartoffeln.

Ist die Anzahl der Waarenarten noch gering oder beschränkt sich der Umtausch derselben noch auf ein engeres Gebiet, wie das bei roheren

Gelübde, nicht wiederzukehretr; Nanete lächelte, Katharine, die jetzt wie ein Cerberus den Eingang der Wohnung bewachte, schloß mit triumphirender Miene hinter dem davoneilenden Opfer de» elen­den Betrugs die Thüre wieder zu.

So gingen Stunden vorüber und alle, bis auf einen einzigen, hatten jetzt der Wohnung Fouquet den Rücken gekehrt. Es wäre Thorheit gewesen, mit diesem einzigen weiter zu spielen, zudem be­saß Raoul nur noch ein Bankbillet und Nanette war edel genug, ihn uufmerksam zu machen, daß ohne einen Franken in der Tasche sein Hotel in Passy, vom Boulevard Malesherbes etwas ent­fernt gelegen war.

„So wollen Sie, daß ich Ihnen Lebewohl sage," warf Raoul hin. Sein glänzendes Auge hing mit Entzücken an der Schönheit der Priesterin Fortunas; man sah, der Schaumwein, im Uebermaß genossen, hatte seine Phantasie mehr als nothwendig sein mochte rege gemacht.

Nanette lächelte ihn an.

„Sie sind ein Kind bei Ihren einundzwanzig Jahren", warf sie scherzend hin. „Würde nicht jeder Andere an Ihrer Stelle mir dankbar sein, wenn ich ihn auf die Gefahr aufmerksam machte, die ihm nahe liegt?"