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1888

Montag, den 30. Januar.

Die Fuldaer, Zeitung- «schont täglich. Sonn- und Feiertag- °u-gen°mm«n Bi-rteljährlich^ «b°nnement«pr-is °^B^ng°^ohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf, Mt der belletristischen Wochenbeilage .Stern« und Blumen- in Fulda I M. .0 Pf., auswärts 1K ra Pi-

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Erstes Blatt.

tt Jahres-Rundschau.*)

XV. (Schluß.)

Rußland im Jahre 1887.

Sehr charakteristisch waren die r u s s i s ch. f r a n zösischen Beziehungen während des Jahres 1887. Beide Staaten und Völker sind nach allen Richtungen hin die ausgesprochensten Antipoden, und zwar gerade in der neuesten Zeit mehr als je. Wenn gleichwohl beide Staaten sich als „natürliche Verbündete" betrachten und in beiden Ländern es als eine patriotische Pflicht an­gesehen werden will, die gegenseitige Freundschaft zu pflegen, so liegt darin eben ein starker, ja un­widerleglicher Beweis dafür, daß die Politik der beiden Staaten sich nicht auf der Bahn der Ge­rechtigkeit und des Friedens bewegt. Uebrigens ist man in Rußland während des Jahres 1887 Frankreich gegenüber bedeutend kühler geworden. Das Vertrauen auf die Macht und LeistungS- sähigkeit Frankreichs ist bedeutend gesunken und schon dadurch auch die Sympathie etwas zurück­haltender geworden. Dazu kam dann noch der höchst fatale Entwicklungsgang der innern Ver- hältnisse Frankreichs, der sogar die allernächste Zukunft dieses Landes als höchst unsicher erscheinen läßt. Endlich haben die Franzosen — wenigstens gewisse Elemente derselben, wiederholt ihre Be­geisterung und Freundschaft für Rußland gar zu toll bekundet, so daß der Kaiser und besten Re­gierung nahezu kompromittirt wurden. Auch ist nicht zu verkennen, daß der Beitritt Italiens zur deutsch-österreichischen Allianz ein event. Bündniß zwischen Rußland und Frankreich wesentlich schwächt. Zur Zeit hat es allerdings auf einen anderen Bundesgenosten in Europa nicht zu rechnen, und das ist für t ie Freunde des Friedens eine gewiste Beruhigung. Wenn Rußland zu England, dem prinzipiellsten Gegner seiner traditionellen Politik der Eroberung, während des Jahres 1887 größten- theils freundliche Beziehungen unterhalten konnte, so kommt es zum Theil von der großen Schwäche Englands her, die vor einem Bruch mit Rußland eindringlichst warnte und umgekehrt zum Nach-

*) Nachdruck nicht gestattet.

Mario».

Original-Roman von Marie Romany.

(18. Fortsetzung.)

Und das Glück lächelte ihr so gnädig; schon wieder hatte das bezauberte Rad ihr den vollen Gewinn gebracht! Demoiselle Fouquet war beseelt.

„Grand Seigneur, Monsieur Charlier!" rief sie mit gut gekünstelter Naivität einem jungen Bon­vivant zu, besten letzten Doppellouisd'or sie soeben eingescharrt hatte. „Sie stehen auf? Sie wollen damit sagen, daß Sie unfern Zirkel verlosten, weil Ihnen Fortuna nicht hold ist? Venez donc, mon eher,“ fügte sie unter heiterem Lachen hinzu, „das Glück ist ja so launisch! Seit ein paar Wochen begünstigt es mich in einer Weise, als ob ich die gebenedeite Prinzessin des Märchenreichs wäre, und wer weiß," — sie seufzte in ebenso naiver Weise, wie sie vorher ihr Erstaunen zur Schau getragen hatte — „ob nicht in wieder ein paar Wochen Nanette Fouquet am Bettelstäbe ist!"

Der Angeredete zwang die Lippen zu einem Lächeln, während sein Auge, als ob es für den Verlust des Abends Entschädigung suche, auf Ra- uette's Schönheit rastete.

„Demoiselle Fouquet mit dem Roulette in der Hand wird niemals ruinirt sein —"

geben mahnte. Zum anderen Theile sind die Fragen nicht so akut gewesen, in denen russische und eng­lische Interessen von großer Wichtigkeit kollidicen.

Man kann der europäischen Politik Rußlands während des Jahres 1887 das Zeugniß der Klar­heit, Festigkeit und Konsequenz nicht geben. Die Erklärung dafür ist in den eigenartigen Verhält­nissen Rußlands zu suchen. Nirgends bedeutet der Minister des Auswärtigen so wenig, wie in diesem Lande. Dringt sein Wille durch, so geschieht es nur deßwegen, weil der Kaiser gerade das Gleiche will. Und was Alexander III. will, läßt sich nie­mals mit Sicherheit voraussagen. Wer möchte sich auch wundern, wenn eine gewisse Wankelmüthig- keit in den Entschlüssen zu Tage tritt? Das un­heimliche Geschick, das feit Anfang dieses Jahr­hunderts die russischen Kaiser einen nach dem anderen betroffen hat; die ständige Todesgefahr, in der er selber schwebt; der Zug der traditionellen Politik seiner Vorfahren; seine Stellung als Herr­scher in politischer wie religiöser Beziehung; die J»ee des Panslavismus und die thatsächlichen Verhältnisse Europas, das sind Momente, die auf Temperament und Charakter wie auf An­schauungen und Entschlüsse einwirken müssen, aber kaum einträchtig einwirken können. Dazu kommt noch, daß er, wie kein anderer Monarch Europas, amtliche und persönliche Rathgeber hört, die keineswegs gleiche Anschauungen haben und gleiche Ziele verfolgen. In dieser letzten Beziehung hat das Jahr 1887 mit der Giers-Katkow-Affaire sehr viel enthüllt. Der Umstand, daß Alexander III. beide unversöhnliche politische Gegner als einfluß­reiche Rathgeber beibehielt, den einen als persön­lichen Berather, den anderen als Minister, spricht deulich genug für die Eigenart des russischen Kaisers, der sich heute ganz beherrscht zeigt von den panslavistischen Ideen mit ihrem fanatischen Haß gegen Oesterreich und Deutschland und ihrer stürmischen Eroberungslust, während er gestern noch ebenso zugänglich war den Rathschlägen einer vorsichtigen Politik des Friedens mit den beiden benachbarten Kaiserstaaten.

Klarheit, Festigkeit und Konsequenz, die man in der europäischen Politik Rußlands vermißt, tritt um so mehr in seiner asiatischen Politik zu Tage. Auf diesem Gebiete gleichen sich die einzelnen Jahre so ziemlich. Regelmäßig ist Ruß-

„Gewiß nicht, bei meiner Ehre!" fiel ein jun­ger Stutzer ein. Es war der Vikomte de Lancieres, der seit einer Viertelstunde, während er sich als eifriger Spieler gerirte, jede Bewegung der schönen Finger von Demoiselle Fouquet beobachtet hatte. Sein Auge funkelte auf die Groupiere.

Das Roth, welches Nanette's Wangen überflog, war unbestreitbar Natur.

„Meine Herren," warf sie pikirt hin. „Ich arrangierte nicht das Spiel, um einen Vortheil zu haben. Voyons,“ — sie drückte mit Hast den Deckel auf ihr bezaubertes Spielzeug — „ich schließe das Roulette und verspreche, es nicht wie­der zu öffnen, bis ein Monat verflossen sein wird."

Der Vikomte de Lancieres lachte auf. Die Ge­sellschaft mußte sehr animirt sein, um nicht die Beleidigung zu erkennen, die sich unter diesem Lachen versteckte. Demoiselle Fouquet jedoch — ihre erglühende Wange verrieth dies — verstand sie; zornesblitzend funkelte ihr Auge den Spieler an.

„Herr Vikomte!" machte sie.

„Strafen Sie ihn, holde Königin," spöttelte Herr Charlier. — t

„Ich nehme den Kampf auf," rief Herr de Lan­cieres lustig.

„Wie denn!" tönte es von allen Seiten — die Herren gelüstete es, wie es schien, den Inhalt ihrer

land ein gutes Stück weiter gekommen auf dem Wege militärischer, politischer und kommerzieller Eroberung. So war es auch wieder im Jahre 1887, indem es vorwiegend politisch und kommer­ziell fortgeschritten ist. In keinem anderen der vorausgegangenen Jahre hat es so große Fort­schritte in Eröffnung und Vervollkommnung von Verkehrswegen gemacht.

Ueberaus traurig waren die inneren Verhält- niffe des Landes in dem abgelaufenen Jahre. Kaum ein anderer Mensch auf dem Erdenrunde kann weniger froh und sicher seines Lebens sich freuen, wie der Kaiser von Rußland. Attentate und Attentatsversuchs folgen sich in erschreckender Zahl, mit erstaunlichem Scharfsinn ausgedacht und mit schauerlicher Entschlossenheit unternommen. Sie werden gewöhnlich zu verbergen gesucht, weß- halb sich nicht sicher konstatiren läßt, wie viele das Jahr 1887 zu registriren hat. Und so viele auch vereitelt werden oder mißglücken, so viel auch der Henker arbeitet, so folgen doch stets neue wie­der nach. Wie in den vorausgegangenen Jahren, so waren auch im Jahre 1887 die nihilistischen Thaten und die nihilistischen Prozesse ein wahres Schauderkapitel in der inneren Geschichte Ruß­lands. Und es ist gar kein Anzeichen dafür da, daß es mit dem Jahre 1887 schließt oder auch nur abnimmt in seiner Schauerlichkeit. Das furcht­barste Beängstigende dabei ist, daß auch nicht ein Zweig des staatlichen Lebens und auch nicht eine Klaffe der Gesellschaft frei von diesen Elementen ist, deren allgemeine und grenzenlose Todes­verachtung einzig dasteht in der Geschichte.

Arge Auswüchse in Verfolgung und Ausweisung der Fremden hat das Jahr 1887 in großer Zahl zu Tage gefördert, nachdem ein eigenes Gesetz ihnen den Grundbesitz wehrte.

Der brutale Despotismus hat sich auch wieder auf religiösem Gebiete gezeigt, gegen Katholiken wie gegen Protestanten.___________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Januar.

* Im Reichstage ist heute die Generaldebatte über dar Sozialistengesetz noch nicht zu Ende geführt worden. Da noch nicht einmal sämmtliche Parteien zu Worte gekommen sind, und bei der

Portefeuilles bis auf den letzten Louisd'or zu ver­lieren. - „Ich fetze fünfzig Franks„Auf rouge zwanzig!" „Faites le jeu, belle Fouquet!“ „Ein Hundertfranksbillet auf rouge gleichfalls! „Le jeu! le jeu!“

Doch Nanett: bedurfte einiger Sekunden, bevor sie für das Wort wieder fähig war.

„Wir lassen das Spiel für heute Abend ruhen, meine Herren," sagte sie darauf in festem Tone. „Wenn ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, die lebensfrohe Welt von Paris zu ihrer und meiner Unterhaltung zu mir zu laden, so ist damit nicht verstanden, daß meine Gäste über den Bereich der Etiquette hinauszutreten berechtigt sind."

Die Herren, erregt in der Leidenschaft des Spie­les, starrten sie mit Erstaunen an. Der Vikomte sprang auf.

„Ich werde ein anderes Mal die Ehre haben, die Salons Fouquet wiederzusehen," warf er in verletzendem Tone hin.

Nanette, ohne sich zu erheben, verneigte sich.

„Wollen Sie nicht bleiben, Monsieur Charlier?" wendete sie sich dem jungen Bonvivant zu, der Miene machte, sich dem Vikomte anzuschließen.

„Ich werde an einem der nächsten Tage das Vergnügen haben. —"