jy 23. Sonnabend, den 28. Januar. 1888
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Erstes Blatt.
tt Jahres-Rundschau.*)
XIV.
Rußland im Jahre 1887.
Rußland hat im Jahre 1887 die Rolle des bösen Dämon für Europa gespielt. Die wiederholte Beunruhigung der europäischen Völker, Verluste ungezählter Millionen, Gefährdung oder Vernichtung Taufender von Existenzen, Ueberbürdung der Völker mit militärischen Lasten, das Alles hat Europa zum größten Theile Rußland zu verdanken , dessen Politik nur auf Eroberung und Vermehrung der Herrschaft ausgeht und eine friedliche nur dann ist, wenn ihm eine andere unmöglich gemacht wird. Wenn es nicht thatsächlich den Frieden gebrochen hat, so ist es sein Verdienst am allerwenigsten. Bedroht hat es ihn ständig. Den Angelpunkt seiner europäischen Politik bildete die bulgarische Frage. So viel es auch in dieser Angelegenheit geschrieben, veranlaßt, selbst gethan und verhindert hat, so läßt stch besten Geschichte doch ebenso vollständig wie kurz in die Worte zusammenfasten: die Konsolidirung eines selbstständigen Bulgariens zu verhindern und das Land unter seine eigene Botmäßigkeit zu bringen, war ihm jedes Mittel recht und gut genug. Wenn Rußland dabei nicht zum Aeußersten schritt, so hielt es davon lediglich der Respekt vor Oesterreich und besten Verbündeten ab. So viel hat es aber erreicht, daß die fatale Unsicherheit eines ständig gefährdeten Provisoriums in Bulgarien kein Ende nimmt und ganz Europa ständig in Athem gehalten wurde. Nichts kann die gespannte Lage Europas bester illustriren, als diese eine Thatsache, die einer der dunkelsten Punkte in der neuesten Geschichte des Großstaaten-Konzertes ist. Gleich zu Beginn des Jahres hat der Minister des Aus- wärtigen das schmähliche und völkerrechtswidrige Treiben des Generals Kaulbars während des Jahres 1886 in einem Zirkular zu vertheidigen und zu decken gesucht; das ganze Jahr hindurch wanderte eine Menge Geld zu Judas-Zwecken nach Bulgarien; ungescheut betrieb Rußland Hetze, ja Aufruhr gegen die rechtmäßige Regierung, ständig behauptend, Regierung und Parlament sei
♦) Nachdruck nicht gestattet.
"M i r i t n.
Original-Roman von Marie Romany.
(17. Fortsetzung.)
„Wo bin ich?" fragte sie.
„ES ist eine Gefangenenzelle der Präfektur," erroieberte tie Schwester.
„Präfektur?" wiederholte Marion, indem, mit Gewalt hervorgetrieben, ein lichter Thränenstrom über ihre Wangen rann. „Und ich werde immer hier bleiben müsten, immer?"
„Tas hängt von den Befehlen der Obrigkeit ab," erklärte die Schwester. „Was haben Sie denn verbrochen, armes Kind, daß man Sie hierhergeführt hat?"
„Ich? verbrochen?" stammelte Marion.
Sie schluchzte.
„Mein Gott!" rief sie plötzlich; „man begehrt von mir, daß ich eine Familie, in der ich Wohl- thaten genoffen habe, unglücklich mache! Ist es Pflicht, das zu thun, wenn der Polizeirath befiehlt?"
Die Theilnahme der Novize steigerte sich, als Marion zu reden begann. Sie kannte noch nicht die Verstellungskunst, mit der die Verbrecherwelt umgeht, deshalb regten die Worte der Jammernden doppelt ihr Mitgefühl an.
ungesetzlich, ja revolutionär, weil nicht sein eigener Wille den Ausschlag gab. Weil das Land sich weigerte, ein einfaches russisches Werkzeug zum Fürsten zu wählen, so sollte es überhaupt keinen Fürsten bekomme-. Thatsächlich war Rußland allein das Hinderniß. Als Ferdinand von Koburg nach Annahme der Wahl in's Land reiste, prote- stirte es gegen die Reise, wie gegen die Ueber- nahme der Herrschaft. Den wiederholten Versuchen gegenüber, auf dem Wege friedlicher Verständigung die den Frieden Europas bedrohende Frage aus der Welt zu schaffen, verharrte es mit unheimlicher Beharrlichkeit bei seinem rein negativen Widerstande. Europa wäre zu den weitest gehenden Konzessionen bereit, auch die Bulgaren möchten die Wünsche Rußlands berücksichtigen und erfüllen, soweit es nur irgendwie mit ihrer eigenen Freiheit vereinbarlich ist; gerade in der Fürsten- Frage haben sie sich immer und immer wieder bereit erklärt, sich von Rußland einen Kandidaten bezeichnen zu laffen, wenn er nur nicht lediglich die Rolle eines russischen Agenten zu spielen hätte. Allein nur ein Zugeständniß kann den Kaiser von Rußland zufriedenstellen, und dieses eine Zuge- stänvniß kann Bulgarien nicht machen und könnte Oesterreich nicht dulden: das Zugeständniß unbedingter und ausschließlicher Hingabe Bulgariens an Rußland.
Wie Bulgarien, so war im ursächlichen Zusammenhang damit auch die Türkei selbstverständig beunruhigt und bedroht von der Brutalität der russischen Eroberungspolitik. Wiederholt machte es den Versuch, die Türkei als suzeräne Macht gegen Bulgarien vorgehen zu laffen. Der Umstand, daß der Sultan und seine Räthe nicht einfach zu Willen waren, hatte mehr als einmal ernste Besorgniffe zur Folge, von Rußland mit Krieg überzogen zu werden. Für die Gegenwart und nächste Zukunft spielt die Türkei eine ganz andere Rolle in den Berechnungen der russischen Diplomatie, als früher: Arm in Arm mit der Türkei im Südosten zu operiren, ist jetzt der Plan. So erklärt es sich zum großen Theile, daß Rußland mit der Türkei es nicht zum Aeußersten kommen ließ. Umgekehrt war letztere Macht angesichts der Haltung der europäischen Großstaaten auch nicht in der Lage, im Widerstreben gegen die russischen Zumuthungen bis zum Aeußersten zu gehen. So erklärt es sich, daß die
„Sie haben nicht gegen die Gesetze verstoßen?" meinte sie in gutmütigem Tone, indem sie näher zu der Gefangenen herantrat.
Marion schüttelte mit dem Kopfe.
„Ich that, was mein Herz mir als Pflicht befiehlt!" -
„So bauen Sie auf Gott; er wird Sie von der Bedrängniß erlösen, die er Ihnen geschickt hat. — Sie verstehen zu beten?"
Marion nickte.
„Zeit genug ist Ihnen gegeben; laffen Sie sie nicht unbenutzt vorübergehen."
Sie bot ihr die Hand. Im nächsten Augenblicke war sie aus der Zelle getreten und der Riegel fiel zu.
Marion durchrieselte es kalt. Im erften Moment kam es über fie, als müsse sie rufen und da» Wiederauffchließen der Thür begehren; eine Marter war es, die sie nicht zu ertragen wähnte, als fie fich zwischen diesen Mauern, deren nackte Schwere fie zu erdrücken schien, ohnmächtig gefangen sah!
Gefangen! Marion entsetzte stch schaudernd, al» ihr da» volle Bewußtsein der Wirklichkett kam. Al» geißele fie eine unsichtbare Folter, so außer Fassung sprang fie auf und starrte um fich; die
türkische Regierung wiederholt im Laufe des Jahres als russische Mandatarin auftrat.
Rußlands Verhältniß zu Oesterreich war ständig ein sehr gespanntes, das sich i.amentlich gegen Ende des Jahres sehr bedenklich zuspitzte. Mit dem Jahreswechsel hat es sich etwas besser gestaltet, allein eine gewiffe Spannung ist geblieben und wird nicht weichen. In der Rundschau über Oesterreich war eingehender davon die Rede und kennen wir einfach darauf verweisen.
Auch die Beziehungen zu Deutschland waren vorwiegend gespannte, wenn auch nicht in demselben Grade, wie die zu Oesterreich. Rußland sieht in Deutschland nicht so sehr den ausgesprochenen Gegner, als vielmehr das Hinderniß, das der Ausführung feiner Pläne im Wege steht und den guten Freund und Schützer seines ausgesprochenen Gegners. Wie die vorausgegangenen, so hat auch das Jahr 1887 eine Reihe von Belegen dasür erbracht, daß Rußland von Berlin aus in der That mit ganz erstaunlicher Nachsicht und Geduld behandelt und — ertragen wird. Gleichwohl wurde wiederholt und zeitweise andauernd mit stillschweigender Zustimmung der russischen Regierung der erbittertste Preßkrieg gegen Deutschland gesührt, so daß man meinen konnte, der blutige Krieg stehe unmittelbar bevor. Ein sehr deutlicher Beweis für die höchst unge« müthliche und unsichere Situation zwischen Berlin und Petersburg ist die Vorgeschichte des kaiserlichen Besuches in 'Berlin. Selbst in den allerhöchsten Berliner Kreisen hatte man keine Gewißheit, ob die Begegnung stattstnden werde oder nicht; kein anderer Monarch Europas hätte es damit so halten können, wie Alexander III. Die lange Unterredung Bismarck'» mit ihm ist schon nach dem, was darüber bekannt geworden ist, eine der intereffantesten Episoden der russischen sowohl wie nach der deutschen Geschichte des Jahres 1887. Die Wirkung war freilich weder vollständig noch nachhaltig: Mißtrauen und ein gewisses Grollen von russischer Seite hat sich alsbald wieder bemerkbar gemacht.___________
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Januar.
* In einer ' Betrachtung der politischen Lage theilt die ,Nat.-Ztg.' heute mit, daß ein leere Düsterkeit, die ihr entgegenhöhnte, durchschauerte sie wie ein Bild des Unheils, durch welches ihr junges Dasein vernichtet ward!
Ruhelos, in Thränen überfließend, warf sie sich auf die Lagerstatt. Sie jammerte, weinte, sie beschwor den Himmel — zu was nützten ihr die Klagen? Es hörte sie ja Niemand, als die harte Steinwand, es würde auch Niemand Mitleid mit ihr empfunden haben, da in diesem Hause der Niedrigkeit und des Lasters überhaupt kein Gefühl zu finden war. —
Stunden waren vergangen, als die Novize rote» derkam.
„Hier ist Suppe," sprach fie sreundlrch.
„Um Gott nicht!" rief Marion.
Die Schwester blickte auf sie, zog stumm die Achsel, trat wieder aus der Zelle und schloß die Thür zu. Die» war da» letzte Mal.
Die Nacht kam, doch für Marion brachte sie weder Trost noch Beruhigung. Der Morgen brach an, der Tag ging vorüber, doch Niemand bekümmerte fich um die Gefangene, die jammervoller Verzweiflung überlaffen war. In derselben dumpfen Monotonie verging der andere und der dritte Tag. Am vierten Morgen endlich füCte sich da» W der Schande bi« zum Rande, indem höheren Be-